Die Schwangerschaft ist ein tiefgreifender Prozess, der nicht nur den Körper einer Frau verändert, sondern auch bemerkenswerte Auswirkungen auf ihr Gehirn hat. Diese Veränderungen, die von hormonellen Schwankungen bis hin zu strukturellen Anpassungen reichen, können die kognitiven Fähigkeiten, das Verhalten und die mütterliche Bindung beeinflussen. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Auswirkungen der Schwangerschaft auf die Gehirnzellen und untersucht die zugrunde liegenden Mechanismen sowie die potenziellen langfristigen Folgen.
Hormonelle Umstellung und ihre Folgen
Die Schwangerschaft ist von einer erheblichen Umstellung des Hormonhaushalts begleitet. Der Progesteronspiegel steigt um das 10- bis 15-fache, und der Körper der Frau wird mit Östrogenen in einer Menge überflutet, die die gesamte Produktion während des restlichen Lebens übersteigt. Diese hormonelle Flut hat dramatische Auswirkungen auf verschiedene physiologische Prozesse, darunter Herzleistung, Blutvolumen, Nährstoffaufnahme im Darm und Stoffwechsel.
Wenig beachtet wurden bisher die Auswirkungen dieser Hormone auf das Gehirn. Bei Nagern kommt es zu deutlichen Veränderungen in der Morphologie und Funktion des Gehirns, die das Verhalten der Muttertiere auch in der Zeit nach der Geburt prägen. Studien haben gezeigt, dass diese Veränderungen auch beim Menschen auftreten können.
Strukturelle Veränderungen im Gehirn
Eine Langzeitstudie in Nature Neuroscience (2016) untersuchte die Gehirne von Frauen vor und nach der Schwangerschaft mithilfe von Kernspintomographien. Die Ergebnisse zeigten eine leichte Volumenabnahme in Arealen des präfrontalen und temporalen Cortex, die für soziale kognitive Leistungen zuständig sind. Diese Veränderungen wurden bei Vätern und Kontrollgruppen ohne hormonelle Veränderungen nicht beobachtet.
Es ist wichtig zu betonen, dass der Rückgang des Hirnvolumens nicht mit dem Verlust von Hirnzellen gleichzusetzen ist. Vielmehr wird vermutet, dass die Hormone eine Reorganisation der Nervenverbindungen bewirken. Diese Reorganisation, auch als "Pruning" bezeichnet, ähnelt den Veränderungen, die in der Pubertät stattfinden. Dabei werden Synapsen abgebaut, um die Effizienz des Gehirns zu steigern.
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Die Rolle des "Pruning"
Das "Pruning" könnte die mütterliche Bindung an das Kind fördern. Studien haben gezeigt, dass die Antworten junger Mütter in einem Fragebogen (Maternal Postnatal Attachment Scale) mit dem Volumenrückgang in den sozialen kognitiven Hirnzentren korrelieren. Zudem zeigten diese Hirnzentren in einer funktionellen Kernspintomographie eine vermehrte Aktivität, wenn den Müttern Bilder ihrer eigenen Kinder gezeigt wurden.
Weitere Untersuchungen ergaben, dass die Veränderungen wenigstens über zwei Jahre nach der Geburt des Kindes anhielten und damit möglicherweise das Verhalten der Mütter in einer Phase prägen, in der das Wohlergehen des Kindes besonders stark von der Bindung an die Mutter abhängig ist.
Einfluss von Stresshormonen
Forschende haben auch untersucht, wie Stresshormone die frühe Entwicklung von Gehirnzellen in der Großhirnrinde von Föten beeinflussen. Die Hirnrinde ist der entscheidende Bereich des Gehirns für das Denken. Die Hormongruppe der Glukokortikoide, zu der auch Cortisol gehört, ist entscheidend für die Regulierung unseres Stoffwechsels und der Immunantwort, aber auch für die Entwicklung von Organen wie Gehirn und Lunge bis zur Geburt.
Studien haben gezeigt, dass Glukokortikoide, wenn sie früh in der Schwangerschaft verabreicht werden, die Anzahl eines bestimmten Typs von Gehirnzellen erhöhen, die sehr früh in der Entwicklung gebildet werden (sogenannte basale Vorläuferzellen). Diese Erkenntnisse wurden mithilfe von Gehirnorganoiden gewonnen, die Modelle des sich entwickelnden Gehirns darstellen.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Glukokortikoide, wenn sie spät in der Schwangerschaft eingenommen werden, negative Auswirkungen auf die Nachkommen haben können, einschließlich des Verlusts neuronaler Verbindungen und eines erhöhten Risikos für psychiatrische Störungen im späteren Leben.
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Entwicklung des fetalen Gehirns
Das zentrale Nervensystem (ZNS), bestehend aus Gehirn und Rückenmark, entwickelt sich bereits in einem frühen Stadium der Schwangerschaft, oft bevor die Frau überhaupt von ihrer Schwangerschaft weiß.
- 5. Schwangerschaftswoche: Die ersten Nervenzellen beginnen sich zu teilen und sich in Neuronen und Gliazellen zu differenzieren. Die Neuralplatte faltet sich und bildet das Neuralrohr, welches sich bis etwa zur 6. SSW schließt und zum Gehirn und Rückenmark wird.
- 10. Schwangerschaftswoche: Das Gehirn besitzt bereits eine kleine, glatte Struktur.
- 7. Schwangerschaftswoche: Die ersten Synapsen im Rückenmark des Babys bilden sich.
- 8. Schwangerschaftswoche: Die elektrische Aktivität im Gehirn beginnt, was dem Baby ermöglicht, seine ersten (spontanen) Bewegungen zu koordinieren.
Das Gehirn, das lebenswichtige Funktionen wie Herzfrequenz und Atmung steuert, ist in der Regel bis zum Ende des zweiten Trimesters vollständig entwickelt. Der zerebrale Kortex, der willkürliche Handlungen sowie das Denken und Fühlen steuert, übernimmt im dritten Trimester seine Aufgaben.
Pränatale Einflüsse und ihre langfristigen Folgen
Einflüsse im Mutterleib prägen das ungeborene Kind, zum Teil lebenslang. Stress der Mutter führt dazu, dass ihr Kind schneller und oft gestresst ist, aber unter Stress auch vergleichsweise gute Leistungen erbringt. Pränataler Stress könnte den geistigen Abbau im Alter bedingen. Ängstliche Schwangere haben tendenziell eher vorsichtige Babys, die Gefahren blitzschnell erkennen.
"Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen" (FASD) sind alkoholbedingte Schädigungen auf die Entwicklung des Babys im Mutterleib. Alkohol ist ein giftig wirkender Stoff für das Kind, der die Plazenta ungehindert passiert, weshalb schon kleine Mengen bleibende Schäden verursachen können.
Im Mutterleib wirken Ernährung und Emotionen, vermittelt durch Botenstoffe, auf das Baby ein und verändern unter anderem die Signatur der Gene, sprich wie der genetische Bauplan in den Zellen in Proteine übersetzt wird.
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Stress und Emotionen der Mutter
Während der zehn Monate werden zentrale Regelkreise im Gehirn und in den Genen kalibriert. Dieser Vorgang der fetalen Programmierung prägt ein Leben lang das Verhalten. Stress führt zur Ausschüttung von Cortisol, von dem etwa zehn Prozent die Plazentaschranke passieren und das kindliche Gehirn erreichen.
Studien haben gezeigt, dass Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft Stresshormone erhielten, auch mit acht Jahren noch stressempfindlicher waren und häufiger ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom aufwiesen. Selbst der Intelligenzquotient lag niedriger.
Auch spezifische Emotionen wie die Angst der Mutter in der Schwangerschaft hinterlassen Spuren im Kind. Kinder von Müttern, die zwischen der 12. und 22. Schwangerschaftswoche sehr furchtsam waren, schrien in den ersten sieben Lebensmonaten viel und schliefen und aßen besonders unregelmäßig. Auch als Jugendliche und junge Erwachsene zeigten sie sich in Tests noch immer impulsiver und konnten sich in Settings mit wenig Reizen schlechter konzentrieren.
Ernährung der Mutter
Das Essverhalten der Mutter beeinflusst ebenfalls das Kind. Ein Überangebot an Nahrung und Blutzucker während der Schwangerschaft kann die Stoffwechselschieflage auch beim Baby zur Norm machen. Sogar Hinweise auf eine mögliche Suchtgefährdung durch die Ernährung der Mutter wurden gefunden, da Zucker und Alkohol im Gehirn die gleichen Belohnungssysteme ansprechen.
Schwangerschaftsdemenz oder Stilldemenz
Schwangerschafts- und Stilldemenz bezeichnet die Vergesslichkeit, die so manche Mutter während der Schwangerschaft und in der Stillzeit erfährt. Anders als bei der klassischen Demenz sind diese Erfahrungen für Mütter und Schwangere nur vorübergehend. Die Symptome beginnen meist im dritten Trimester und können auch von Schlaflosigkeit begleitet sein.
Fachleute sehen bei beiden Varianten verschiedene Ursachen, sowohl hormonelle als auch emotionale. Während der Schwangerschaft erhöht sich dauerhaft der Cortisolspiegel, was die Gehirnfunktion beeinträchtigt. Nach der Geburt steigen die Werte der Hormone Oxytocin und Prolaktin, was für eine starke Bindung zwischen Mutter und Kind sorgt. Der Fokus der Mutter verschiebt sich in dieser Zeit meist voll auf das Baby. Der Schlafmangel trägt zusätzlich dazu bei, dass die Konzentrations- und Merkfähigkeit nachlässt.
Tipps gegen Schwangerschafts- und Stilldemenz
- Ausreichend Schlaf: Schlafstörungen sind ein großer Faktor bei der Entwicklung von Still- oder Schwangerschaftsdemenz.
- Vitaminreiche Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit Vitaminen C, E und B12 sowie dem Spurenelement Zink hilft dem Gehirn, in Schwung zu bleiben.
- Ausreichend trinken: Trinken Sie genug und über den Tag verteilt.
- Organisationshilfen: Ein Wandkalender mit allen Terminen und ein fester Platz für Alltagsgegenstände können helfen, den Alltag zu managen.
- Gehirnstimulation: Das tägliche Zeitunglesen, ein gutes Buch, eine interessante Dokumentation oder ein langes Gespräch mit einer lieben Person können das Gehirn stimulieren.
Neuroplastizität und Mutterschaft
Eine Studie der Universität Kalifornien in Santa Barbara (USA) bezeichnete ihre Forschung als die "erste Karte des menschlichen Gehirns im Verlauf der Schwangerschaft". Die gewonnenen Daten zeigen Veränderungen im Gehirn während der Schwangerschaft, die darauf hindeuten, dass das Gehirn nicht nur in der Pubertät, sondern auch noch im Erwachsenenalter zu einer erstaunlichen Neuroplastizität fähig ist.
Mutterschaft verändert nicht nur den Körper und die Lebensumstände, sondern bei vielen Spezies auch das Verhalten. Eine aktuelle Studie des Francis Crick Institute in London, England, zeigte, dass ein kleines Areal im Gehirn trächtiger Tiere durch bestimmte Schwangerschaftshormone so beeinflusst wird, dass es zu einer teilweise permanenten Neuverdrahtung der betroffenen Neuronen kommt.
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