Der Zusammenhang zwischen Zahnfleischbluten und Alzheimer: Aktuelle Forschungsergebnisse und Präventionsmaßnahmen

Einleitung

Die Alzheimer-Krankheit ist eine der häufigsten Ursachen für Demenz und stellt eine erhebliche Belastung für Betroffene, Angehörige und das Gesundheitssystem dar. Die Suche nach Risikofaktoren und potenziellen Behandlungsansätzen ist daher von großer Bedeutung. In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend einen Zusammenhang zwischen Parodontitis, einer chronischen Entzündung des Zahnhalteapparates, und der Entstehung von Alzheimer in den Fokus gerückt. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse zu diesem Thema, untersucht mögliche Mechanismen und gibt Empfehlungen zur Prävention.

Parodontitis: Eine Volkskrankheit mit systemischen Auswirkungen

Parodontitis, umgangssprachlich auch Parodontose genannt, ist eine durch Bakterien verursachte Entzündung des Zahnhalteapparates. Experten schätzen, dass fast die Hälfte der Bevölkerung ab 35 Jahren betroffen ist. Hauptrisikofaktoren sind Zahnbeläge und Zahnstein, aber auch Rauchen und Piercings im Mundbereich erhöhen das Risiko. Die Erkrankung verläuft oft unbemerkt, da sie im Anfangsstadium keine Schmerzen verursacht. Typische Symptome sind Zahnfleischbluten, gerötetes und geschwollenes Zahnfleisch sowie freiliegende Zahnhälse. Unbehandelt kann Parodontitis zu Zahnverlust führen und sich negativ auf die Allgemeingesundheit auswirken.

Der Zusammenhang zwischen Parodontitis und Alzheimer: Aktuelle Forschungsergebnisse

Mehrere Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und einem erhöhten Risiko für Alzheimer hin. Forscher der Chung Shan Medical Universität in Taiwan stellten beispielsweise fest, dass ältere Menschen mit Zahnfleischentzündungen ein um 70 Prozent höheres Alzheimerrisiko haben. Ein internationales Forscherteam konnte im Gehirn von Alzheimer-Patienten Spuren von Parodontitis-Bakterien, insbesondere Porphyromonas gingivalis, nachweisen.

Im Projekt PAROMIND wird der Zusammenhang zwischen Parodontitis, MRT-bildgebenden Markern einer Demenz und kognitiven Defiziten untersucht. Dabei werden drei Hypothesen verfolgt:

  1. Parodontitis ist mit strukturellen Hirnveränderungen und verminderter kognitiver Leistungsfähigkeit assoziiert.
  2. Die Dysbiose des oralen Mikrobioms lässt sich mit dem Ausmaß einer Atrophie des Hippocampus in Verbindung bringen.
  3. Parodontitis-Bakterien können bis ins Gehirn gelangen.

Diese Fragestellungen werden in einem multimodalem Datensatz von 2500 Teilnehmern der HCHS (Hamburg City Health Study) untersucht.

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Mögliche Mechanismen: Wie Parodontitis das Gehirn beeinflussen kann

Es gibt verschiedene Hypothesen, wie Parodontitis die Entstehung von Alzheimer begünstigen könnte:

  • Direkte Invasion des Gehirns durch Bakterien: Porphyromonas gingivalis, der Leitkeim der chronischen Parodontitis, wurde post mortem im Gehirn von Alzheimer-Patienten nachgewiesen. Die Bakterien können über die Blutbahn ins Gehirn gelangen und dort Entzündungen und Schäden verursachen.
  • Entzündungsreaktionen: Die chronische Entzündung des Zahnhalteapparates bei Parodontitis kann zu einer systemischen Entzündung führen, die sich auf andere Bereiche des Körpers auswirkt, einschließlich des Gehirns. Entzündungsmediatoren können die Blut-Hirn-Schranke passieren und neurodegenerative Prozesse fördern.
  • Produktion von Gingipainen: Porphyromonas gingivalis produziert Gingipaine, Enzyme, die Eiweiße aufspalten können. Diese Enzyme wurden ebenfalls im Gehirn von Alzheimer-Patienten gefunden und scheinen eine toxische Wirkung auf Neuronen zu haben. Sie können auch die Produktion von Amyloid-Plaques stimulieren, die typisch für Alzheimer sind.
  • Immunreaktion: Das Immunsystem reagiert auf die Infektion mit Parodontitis-Bakterien, indem es antibiotisch wirksame Amyloide produziert. Diese Amyloide können jedoch auch das Gehirn schädigen und zur Entstehung von Alzheimer beitragen.

Kritik und alternative Perspektiven

Es ist wichtig zu betonen, dass die Forschung zum Zusammenhang zwischen Parodontitis und Alzheimer noch nicht abgeschlossen ist. Einige Experten, wie Prof. Wolf-Dieter Grimm, kritisieren die einseitige Ausrichtung auf Porphyromonas gingivalis und betonen, dass an der Parodontitis 600 bis 700 Bakterienarten beteiligt sein können. Dennoch besitzt P. gingivalis einige Eigenschaften, die es in besonderem Maße prädestinieren, eine Rolle bei der Entstehung von Alzheimer zu spielen. Dazu gehört, dass es sich sehr effektiv vor dem Immunsystem des Menschen verstecken kann und weitflächig aktiv ist.

Prävention und Behandlung von Parodontitis: Ein wichtiger Schritt zur Alzheimer-Prävention

Auch wenn die genauen Mechanismen noch nicht vollständig geklärt sind, deutet die aktuelle Forschung darauf hin, dass die Prävention und Behandlung von Parodontitis ein wichtiger Schritt zur Reduzierung des Alzheimer-Risikos sein könnte.

Präventive Maßnahmen:

  • Gründliche Mundhygiene: Regelmäßiges Zähneputzen, die Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder Interdentalbürsten sowie die Verwendung von Mundspülungen können helfen, Zahnbeläge und Zahnstein zu entfernen und die Vermehrung von Bakterien im Mundraum zu reduzieren.
  • Regelmäßige professionelle Zahnreinigung (PZR): Die PZR entfernt hartnäckige Beläge und reduziert die Anzahl entzündungsfördernder Zytokine im Mundraum.
  • Gesunde Lebensweise: Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und der Verzicht auf Rauchen stärken das Immunsystem und reduzieren das Risiko für Parodontitis.

Behandlung von Parodontitis:

  • Mechanische Reinigung: Die Zahnfleischtaschen werden gründlich gereinigt, um Bakterien und entzündetes Gewebe zu entfernen. Dies kann mit Ultraschall-Curettage oder Laser erfolgen.
  • Antibakterielle Therapie: In schweren Fällen können Antibiotika und desinfizierende Mundspülungen eingesetzt werden, um Infektionen zu behandeln.
  • Minimal-invasive Behandlungsmethoden: Pulverstrahlsysteme und die photodynamische Therapie können zur Reinigung der Zahnfleischtaschen eingesetzt werden, ohne das Gewebe zu schädigen.

PAROMIND: Untersuchung des oralen Mikrobioms und der Hirngesundheit

Das Projekt PAROMIND untersucht den Zusammenhang zwischen Parodontitis und Alzheimer mithilfe moderner Technologien. Das orale Mikrobiom der Teilnehmer wird mittels 16s-rDNA Sequenzierung charakterisiert. In der MRT-Bildgebung werden Marker neurodegenerativer Prozesse wie Hippocampusatrophie und die Integrität der weißen Hirnsubstanz bestimmt. Kognitive Defizite werden durch psychometrische Testverfahren operationalisiert und quantifiziert. Ziel ist es, ein besseres Verständnis der komplexen Zusammenhänge zwischen Parodontitis, oralem Mikrobiom und Hirngesundheit zu gewinnen.

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