Migräne-Attacken bedeuten für Betroffene eine massive Einschränkung der Lebensqualität. Neun Millionen Menschen leiden allein in Deutschland an Migräne und gehen damit regelmäßig durch die Hölle. Hilfe finden sie oft nur bedingt, denn häufig reagiert das Umfeld ratlos auf die Schmerzen, die von außen nicht sichtbar sind. Doch zum Glück hat sich die Zeiten geändert, und die neurologische Erkrankung erfährt zunehmend Aufmerksamkeit.
Migräne: Mehr als nur "Kopfweh"
Migräne hat viele Gesichter. Betroffene erzählen von stechend pulsierenden Kopfschmerzen, die unerträglich sind. Meist sind sie begleitet von heftiger Übelkeit bis hin zum Erbrechen. Eine Migräne-Attacke kann mehrere Stunden oder sogar Tage dauern. Die Leidenden sind währenddessen oft stark geräusch- und lichtempfindlich. Bei etwa einem Viertel der Migräne-Patienten kündigen sich die Anfälle durch eine "Aura" an. Seh- und Sprachstörungen, ja sogar Lähmungen können in dieser Zeit auftreten. Dabei verstärkt körperliche Aktivität die Symptome. Arbeiten mit einem Migräneanfall ist so gut wie unmöglich.
Die Weltgesundheitsorganisation sieht Migräne als eine der Krankheiten, die den Alltag der Betroffenen am stärksten beeinflussen. Und doch ist sie gesellschaftlich nicht wirklich akzeptiert. Nichtbetroffene haben meist wenig Verständnis für das "Kopfweh" der Betroffenen. Und die Symptome werden von vielen Ärzten immer noch nicht richtig erkannt und diagnostiziert. Fest steht: Migräne lässt sich nicht heilen, da die Ursachen der Erkrankung noch immer rätselhaft sind. Migräniker müssen mit ihrem Leiden leben.
Was die Wissenschaft weiß
Was die Wissenschaft inzwischen weiß: Migräne ist keine psychische oder psychosomatische Erkrankung, sondern angeboren. Die genaue Ursache kennt man zwar immer noch nicht, aber man weiß, dass diese, anders als lange angenommen, weder psychosomatisch noch psychisch ist. Die Attacken werden durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Trigger ausgelöst, wie zu wenig oder auch zu viel Essen, Trinken, Schlaf oder Stress, durch Alkohol sowie durch Hormon- oder Wetterschwankungen. Mögliche Auslöser können zu wenig Schlaf, nicht ausreichendes oder zu viel Essen und schlicht Stress sein.
Strategien im Umgang mit Migräne
Bei einer Therapie kommen nicht nur Pillen zum Einsatz. Auch mit Physio- und Verhaltenstherapie, Entspannungsübungen, Biofeedback und Ausdauersport können die Betroffenen einen Weg finden, ihr Leiden in den Griff zu bekommen. Wichtigster Gedanke dabei: selbst aktiv sein im Umgang mit der Erkrankung.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Medikamentöse Behandlung
Die angehende Ärztin Birte Weiss ist seit ihrer Schulzeit Migränepatientin und möchte mit Vorurteilen über die Krankheit aufräumen. Regelmäßig setzen die unerträglichen Kopfschmerzen sie tagelang außer Gefecht, sodass sie den Stoff aus der Uni nacharbeiten muss. Ihre Strategie: Medikamente, um die Anfälle zu überstehen. Melanie Rüsing versucht, ihre Erkrankung durch Medikamente besser in den Griff zu bekommen.
Alternative Therapien
Auch mit Physio- und Verhaltenstherapie, Entspannungsübungen, Biofeedback und Ausdauersport finden die Betroffenen oft einen Weg, ihr Leiden in den Griff zu bekommen.
Persönliche Erfahrungen und Herausforderungen
Der Film „Mir platzt der Kopf. Leben mit Migräne“ aus der Reihe „37°“ von Julia Kaulbars zeigt drei Schicksale. Die Autorin versucht mit ihrem Film, gesellschaftliche Stigmata aufzulösen und gleichzeitig zu zeigen, wie Betroffene trotz der Krankheit ihr Leben positiv gestalten können.
Birte: Der Traum vom Arztberuf
Birte (33) aus Berlin will Ärztin werden. Weil sie schon in der Schule wegen ihrer vielen Fehlzeiten entsprechend schlechte Noten hatte, hat sie zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht und studiert nun Medizin - neben Arbeit und Familie. Wenn sie Migräneattacken hat, kann sie sich kaum konzentrieren. Das bedeutet: Die Anwesenheitspflicht an der Uni ist für sie doppelter Stress. Den Stoff muss sie dann oft abends nachholen. Was sie neben ihren gesundheitlichen Problemen aber am meisten belastet, ist das Unverständnis, auf das sie sogar unter Medizinern stößt. Laut einer Umfrage der Deutschen Kopfschmerzgesellschaft geben 60 Prozent der Hausärzte an, nicht genügend über Migräne zu wissen. Weil sie sich zu oft "blöde Tipps" anhören musste, redet Birte nur selten von ihrer unsichtbaren Erkrankung und versucht, sich mithilfe von Medikamenten durchzuschlagen.
Robert: Angst vor dem Karrierekiller
Robert (28) aus Berlin heißt in Wirklichkeit anders. Er will unerkannt bleiben, da er fürchtet, dass das Bekanntwerden seiner Migräne ihm die Karriere verbauen könnte. Derzeit ist er im Probehalbjahr für ein renommiertes internationales Wirtschaftsprüfungsunternehmen tätig. Trotz aller Bemühungen muss er sich rund vier Tage pro Monat krankmelden, weil seine Migräne ihm nicht nur Schmerzen macht, sondern auch seine Denkfähigkeit stark beeinträchtigt. Weitere sieben bis zehn Migräne-Tage schleppt er sich zur Arbeit, immer bemüht, als leistungsstark zu gelten. Während er sich vier Tage im Monat offiziell krankmelden muss, schleppt er sich weitere sieben bis zehn Tage trotz Migräne durch den Arbeitsalltag. Dann beeinträchtigen ihn nicht nur die Schmerzen. Während einer Attacke ist die Reizweiterleitung fehlgesteuert, und er kann kaum denken. Weil er Angst hat, in einer Gesellschaft, die rund um die Uhr Einsatzfähigkeit verlangt, als nicht leistungsfähig zu gelten, versucht er, die wahren Ausmaße der Migräne für sich zu behalten. Dabei ist er alles andere als nicht leistungsfähig, seine Chefs sind sehr zufrieden mit ihm. Nachgewiesen ist, dass das Gehirn von Migränikern Reize normalerweise schneller weiterleiten kann. Und Robert ist insgesamt so schnell, dass er seine Arbeitsausfälle unauffällig aufholen kann.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Melanie: Leben in Frührente
Melanie Rüsing (50) aus München hat seit Februar 2019 chronische Migräne. Die einst erfolgreiche Karrierefrau ist nun in Frührente und muss lernen, mit der Krankheit zu leben, das heißt: herausfinden, was bei ihr die Attacken auslöst, und wie sie sie medikamentös oder auch anders in den Griff bekommen kann. Früher hat sie als Teamleiterin in der Geschäftsentwicklung eines großen, weltweit agierenden Elektronikkonzerns Karriere gemacht. Jetzt ist sie in Frührente und muss lernen, ihre schwere Erkrankung zu akzeptieren. Heilen wird Melanies Erkrankung wahrscheinlich nicht mehr, aber die 50-Jährige versucht, sie durch Medikamente oder angepasstes Verhalten besser in den Griff zu bekommen.
Phia: Aufklärung und Akzeptanz
Migräneattacken setzen Phia regelmäßig außer Gefecht. Phia möchte darüber aufklären und zeigen, wie ihr Alltag mit der unsichtbaren Erkrankung aussieht. Migräne hat Facetten. Typisch sind anfallsweise auftretende, pulsierende Kopfschmerzen. Teilweise geht den Schmerzen eine Aura voraus, wie auch in Phias Fall. Aura bedeutet: Symptome wie Sehstörungen kündigen die nachfolgenden Kopfschmerzen an. Für Phia kommen neben den starken Kopfschmerzen, Ohnmacht, Schwindel, Halluzinationen, Lähmungserscheinungen hinzu. Den ersten Anfall mit elf Jahren Wann es angefangen hat, daran erinnert sich die 23-Jährige genau: Sie war elf Jahre alt und auf dem Geburtstag ihrer besten Freundin. Es war das erste Mal, dass sie eine Schmerztablette nehmen musste. Seitdem lebt sie mit der Krankheit, für die es weder eine spezielle Therapie, Medikamente noch Behandlungen gibt. Phia hat mittlerweile die starken Schmerzen und den völligen Kontrollverlust akzeptiert. Sie hat sich der Krankheit angepasst. Es gibt unterschiedliche Trigger, die ihre Migräne auslösen können, weshalb sich Phia intensiv mit ihrer Erkrankung auseinandergesetzt hat. Sie führt ein Migräne-Tagebuch, dokumentiert so ihren Alltag, um Trigger vorzubeugen. Trotzdem kann sie nichts gegen einen überraschenden Anfall tun. Seit einem Jahr spricht Phia offen über ihre Erkrankung, auch auf Sozialen Medien. Sie möchte ihre Migräne-Erfahrungen mit anderen Menschen teilen, um auf unsichtbare Krankheiten aufmerksam zu machen.
Regina: Hoffnung durch Cannabis-Therapie
Regina kennt kein Leben ohne Kopfschmerzen. Seit ihrer Kindheit leidet sie unter starken Migräne-Attacken mit Aura. Schon früh wurde ihr Migräne diagnostiziert, im Teenager-Alter verschlimmern sich die Symptome zu chronischer Migräne. Oft ist Regina tagelang ans Bett gefesselt, benötigt Vollzeit-Pflege und verbringt viel Zeit in Krankenhäusern - doch etliche Therapien schlagen nicht an. Die Implantation eines Hirnschrittmacher Ende 2022 bringt Hoffnung, jedoch nicht den gewünschten Durchbruch. Erst die Kombination mit einer endlich genehmigten Cannabis-Therapie lindert ihre Schmerzen deutlich. Jetzt erlebt Regina nur noch eine Migräne-Attacke pro Woche und kann ein fast normales Leben führen.
Gesellschaftliche Wahrnehmung und Stigmatisierung
Was alle Betroffenen im Film berichten, ist, dass sie noch immer häufig Unverständnis, Ignoranz und gelegentlich auch Belächeln ausgesetzt sind. Dabei räumen nach einer Befragung der Deutschen Kopfschmerzgesellschaft rund 60 Prozent der Hausärzte ein, selber zu wenig Bescheid zu wissen über die "unsichtbare Krankheit".
Früher wurde die Migräne gern von distanzierten Damen als höfliche Ausrede herangezogen, der wenig Glauben geschenkt wurde, wie in alten Filmen oft zu sehen ist.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Informationen und Anlaufstellen
Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel
Die Klinik für neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerztherapie unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.
Für die Planung eines Aufnahmetermins sind folgende Schritte notwendig:
- Der behandelnde Arzt stellt eine Verordnung von Krankenhausbehandlung aus.
- Der Arzt füllt die Aufnahme-Checkliste aus.
- Der Patient füllt den Schmerzkalender und den Schmerzfragebogen aus.
- Alle Unterlagen und Kopien aller relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. werden an die auf der Aufnahme-Checkliste angegebene Anschrift gesendet.
Zahlreiche Krankenkassen haben eine integrierte Versorgung ihrer Versicherten mit dem Behandlungsnetz der Klinik vertraglich geregelt.
Downloads und Service für Ärzte
Die Klinik bietet Downloads wie die Aufnahme-Checkliste für den einweisenden Arzt sowie Informationen für Ärzte und Fachleute. Im Zusammenhang mit der Einweisung, sowie der prä- oder poststationären Behandlung, können sich individuelle Fragen ergeben. Diese werden in Schmerzkonferenzen beantwortet.