Das zentrale Nervensystem (ZNS), bestehend aus Gehirn und Rückenmark, steuert lebenswichtige Funktionen wie Denken, Fühlen, Erinnern und die Übermittlung von Informationen im Körper. Erkrankungen des ZNS können erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität haben. Die medikamentöse Behandlung dieser Erkrankungen zielt oft auf die Linderung von Symptomen ab, da eine vollständige Heilung nicht immer möglich ist.
Medikamente bei Stress und Schlafstörungen
In unserer heutigen Gesellschaft sind Stress und Schlafstörungen weit verbreitet. Familie, Haushalt, Arbeit und persönliche Probleme können zu einer ständigen Belastung führen. Schlafstörungen sind oft die Folge, was wiederum zu Müdigkeit und Reizbarkeit führt. Dieser Teufelskreis aus Stress und Schlafproblemen kann langfristig den Körper schädigen und das Risiko für Diabetes, Bluthochdruck und Adipositas erhöhen.
Pflanzliche Mittel zur Beruhigung
Viele Menschen suchen nach natürlichen Wegen, um Stress abzubauen und besser zu schlafen. Hier können pflanzliche Arzneimittel eine wertvolle Unterstützung bieten.
- Johanniskraut: Ist ein traditionelles pflanzliches Mittel, das seit über 2000 Jahren bei depressiven Verstimmungen, Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen und Unruhe eingesetzt wird. Es ist in verschiedenen Formen erhältlich, z. B. als Kapseln oder Tee. Die volle Wirkung tritt jedoch erst nach einigen Wochen regelmäßiger Anwendung ein.
- Baldrian: Gehört zu den meistverwendeten Beruhigungsmitteln und kann die Schlafqualität verbessern. Es ist als Weichkapseln oder in Kombination mit Passionsblume erhältlich.
- Passionsblume: Besitzt eine stresslösende Wirkung und kann bei nervös bedingten Einschlafstörungen helfen.
Diese pflanzlichen Präparate sind oft als Nahrungsergänzungsmittel in Form von Weichkapseln, Tabletten, Tropfen, Ölen, Badezusätzen oder zur Teezubereitung erhältlich.
Vitamine und ihre Bedeutung
Vitamine, insbesondere der Vitamin-B-Komplex, sind essenziell für den Hormon-, Energie- und Nervenstoffwechsel. Bei seelischen und körperlichen Belastungen sowie in der Schwangerschaft steigt der Vitamin-B-Bedarf.
Lesen Sie auch: Auswirkungen neurologischer Dysfunktion
Anticholinerge Medikamente: Was man wissen sollte
Anticholinerge Medikamente wirken, indem sie die Wirkung von Acetylcholin blockieren, einem wichtigen Botenstoff im Körper. Sie werden bei verschiedenen Erkrankungen wie Morbus Parkinson, Krampfleiden und Depressionen eingesetzt. Allerdings können sie auch unerwünschte Nebenwirkungen verursachen, insbesondere bei älteren Menschen.
Wirkmechanismus und Rezeptoren
Acetylcholin spielt eine zentrale Rolle bei der Signalübertragung im Nervensystem. Es bindet an muskarinische (M1 bis M5) und nikotinische Rezeptoren. Muskarinische Rezeptoren finden sich in verschiedenen Organen und Geweben und beeinflussen unterschiedliche Funktionen:
- M1-Rezeptoren: Vor allem im ZNS und in Ganglien, regulieren die Neurotransmission.
- M2-Rezeptoren: Besonders am Herzen, senken die Herzfrequenz.
- M3-Rezeptoren: An der glatten Muskulatur und an exokrinen Drüsen, bewirken Kontraktion und Sekretion.
- M4- und M5-Rezeptoren: Vorwiegend im ZNS, ihre genaue Funktion ist noch nicht vollständig geklärt.
Die meisten anticholinergen Medikamente wirken unselektiv auf alle Rezeptoren, während einige Urologika wie Darifenacin und Solifenacin selektive M3-Rezeptorantagonisten sind.
Nebenwirkungen und Risikogruppen
Ältere Menschen sind besonders anfällig für anticholinerge Nebenwirkungen, da ihre cholinerge Übertragung altersbedingt reduziert ist und die Medikamente langsamer ausgeschieden werden. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:
- Trockene Augen
- Sehstörungen
- Verwirrtheit
- Tremor
- Tachyarrhythmien
- Halluzinationen
- Kognitive Einschränkungen
- Delir
- Trockener Mund
- Verstopfung
- Harnretention
Zentrale Nebenwirkungen wie Sehstörungen, Verwirrtheit und Tremor können das Sturzrisiko erhöhen.
Lesen Sie auch: Anatomie des ZNS im Detail
Beurteilung der anticholinergen Belastung
Die anticholinerge Belastung eines Patienten bezieht sich auf die Summe der anticholinergen Aktivität aller eingenommenen Medikamente. Es gibt verschiedene Methoden, um diese Belastung zu ermitteln. Eine gängige Methode ist die Einteilung von Arzneistoffen in Kategorien mit unterschiedlicher anticholinerger Belastung (0 bis 3 Punkte). Ein Score von 3 oder höher deutet darauf hin, dass nach Alternativen mit geringerer Belastung gesucht werden sollte.
Der "Drug burden index" (DBI) berücksichtigt die eingenommene Dosis und die zugelassene Tagesminimaldosis, um einen Wert für jedes anticholinerge Medikament zu berechnen. Der Gesamt-DBI wird durch Addition der Werte der einzelnen Medikamente ermittelt.
Beratung in der Apotheke
Apotheker spielen eine wichtige Rolle bei der Identifizierung von Patienten mit einem erhöhten Risiko für anticholinerge Nebenwirkungen. Sie können die Medikation des Patienten überprüfen und auf mögliche Wechselwirkungen und Risiken hinweisen. In einigen Fällen kann es notwendig sein, die Medikation anzupassen oder alternative Medikamente mit geringerer anticholinerger Belastung zu finden.
Beispiele aus der Beratungspraxis
- Frau Meier: Eine ältere Kundin klagt über Schmerzen im Mund, die trotz verschiedener Behandlungen nicht besser werden. Die Apothekerin stellt fest, dass Frau Meier Oxybutynin und Diphenhydramin einnimmt, beides Medikamente mit anticholinergen Nebenwirkungen, die zu Mundtrockenheit und Schmerzen führen können.
- Frau Krug: Eine junge Frau kommt mit Sehproblemen in die Apotheke. Sie hat ein Scopolamin-Pflaster gegen Reiseübelkeit verwendet und möglicherweise versehentlich Scopolamin auf das Auge übertragen, was zu einer lokalen anticholinergen Wirkung geführt hat.
- Herr Schulze: Ein älterer Mann mit Alzheimer-Demenz wird zunehmend verwirrter und halluziniert. Der Apotheker stellt fest, dass seine Medikation anticholinerge Wirkstoffe enthält, die möglicherweise zu einem Delir beitragen.
Alternativen und Therapieanpassungen
Nicht immer ist es möglich, anticholinerg wirksame Arzneimittel um- oder abzusetzen. Gerade bei psychiatrischen Erkrankungen ist eine Änderung der Medikation oft langwierig und erfordert die Expertise eines Spezialisten. Allerdings gibt es bei vielen Indikationen auch gute Alternativen mit geringerer anticholinerger Belastung.
- Depressionen: Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Citalopram, Escitalopram oder Sertralin, Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) wie Duloxetin und Venlafaxin oder das Antidepressivum Mirtazapin können eingesetzt werden.
- Schlafprobleme und neuropathische Schmerzen: Mirtazapin wirkt in geringen Dosierungen schlafanstoßend.
Auch inhalative Arzneimittel wie Tiotropiumbromid, Ipratropiumbromid, Aclidiniumbromid und Glycopyrroniumbromid können systemische Nebenwirkungen wie Tachykardien verursachen. Bei der Betrachtung der Medikation hinsichtlich ihrer anticholinergen Belastung sollten auch OTC-Arzneimittel wie H1-Antihistaminika und Butylscopolamin berücksichtigt werden.
Lesen Sie auch: Wie man ZNS-Entzündungen erkennt und behandelt
Nervenschmerzen: Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten
Nervenschmerzen können den Alltag stark beeinträchtigen. Es gibt verschiedene Medikamente, die helfen können, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
Medikamentengruppen zur Behandlung von Nervenschmerzen
- Klassische Schmerzmittel (nichtsteroidale Antirheumatika, NSAR): Wirken über eine Hemmung von Enzymen und reduzieren die Schmerzempfindung. Beispiele sind Ibuprofen, Diclofenac und Paracetamol.
- Antikonvulsiva: Ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt, können sie auch bei Nervenschmerzen wirksam sein, indem sie die Erregbarkeit von Neuronen im zentralen Nervensystem hemmen. Ein Beispiel ist Gabapentin (Pregabalin).
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva, wie Amitriptylin, können ebenfalls eine schmerzlindernde Wirkung haben.
- Opioide: Sind die stärksten Schmerzmittel und werden bei sehr starken Nervenschmerzen eingesetzt. Sie haben jedoch ein hohes Abhängigkeitspotential und eine breite Nebenwirkungspalette.
- Lokale Anästhetika: Können in den Bereich in der Nähe des Nerven eingespritzt oder als Salbe aufgetragen werden, um die Schmerzweiterleitung zu hemmen. Ein Beispiel ist Lidocain.
- Capsaicin: Der Wirkstoff des Cheyennepfeffers hat eine wärmende und anästhetische Wirkung und kann auf den schmerzenden Bereich aufgetragen werden.
- Muskelrelaxantien: Können bei Nervenschmerzen helfen, die durch Muskelverspannungen verursacht werden, indem sie die Muskelspannung reduzieren. Ein Beispiel ist Orthoton.
Rezeptfreie Medikamente gegen Nervenschmerzen
Einige klassische Schmerzmittel sind bis zu einer bestimmten Dosis auch ohne Rezept erhältlich, z. B. Ibuprofen bis 400 mg, Paracetamol bis 500 mg und Diclofenac bis 50 mg.
Wie wirken Medikamente gegen Nervenschmerzen?
Die verschiedenen Medikamentengruppen wirken an unterschiedlichen Stellen des Körpers. Freiverkäufliche Schmerzmittel hemmen Enzyme, die für die Schmerzweiterleitung verantwortlich sind. Antikonvulsiva wirken im zentralen Nervensystem und setzen die Krampfschwelle herab. Lokale Anästhetika betäuben den Bereich, in dem sie angewendet werden. Muskelrelaxantien hemmen den Muskeltonus im gesamten Körper.
Mögliche Nebenwirkungen
Die Nebenwirkungen der Medikamente gegen Nervenschmerzen können je nach Medikamentengruppe variieren. Häufige Nebenwirkungen von Schmerzmitteln sind Bauch- und Magenschmerzen, Übelkeit, Magenschleimhautentzündungen und erhöhte Leberwerte. Muskelrelaxantien können Schwindel, Magenschmerzen und Unwohlsein verursachen. Opioide können Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit und Unwohlsein verursachen und haben ein hohes Abhängigkeitspotential.
Was tun, wenn Medikamente nicht wirken?
Wenn Medikamente gegen Nervenschmerzen nicht ausreichend wirken, sollte eine andere Medikamentengruppe versucht werden. Eine genaue Diagnostik ist wichtig, um sicherzustellen, dass es sich tatsächlich um Nervenschmerzen handelt und nicht um eine andere Ursache.
Alternativen zu Medikamenten
Neben Medikamenten können auch physikalische Maßnahmen wie manuelle Therapie oder Physiotherapie eingesetzt werden, um Muskelverspannungen zu lösen, die auf Nerven drücken. Auch pflanzliche, potentiell entzündungshemmende Medikamente und Substanzen wie Retterspitz oder Tigerbalm können helfen.
Fortschritte in der Forschung zu ZNS-Erkrankungen
Die Forschung zur Behandlung von Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) macht große Fortschritte. In den letzten Jahren hat die ZNS-Pipeline erheblich zugenommen. Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, Epilepsie und Depression stellen eine große Herausforderung für pharmazeutische Forscher dar, da Arzneimittel die Blut-Hirn-Schranke überwinden müssen.
Neue Therapieansätze
- Alzheimer: Die Zulassung des ersten krankheitsmodifizierenden Wirkstoffs zur Therapie von Morbus Alzheimer ist ein wichtiger Meilenstein.
- Gentherapien: Bei einigen genetisch bedingten neurodegenerativen Erkrankungen bieten Gentherapien perspektivisch die Chance auf Heilung.
- Digitalisierung: Künstliche Intelligenz und Apps können klinische Studien mit Arzneimittelkandidaten schneller und präziser machen. "Wearables" können Vitalparameter von Menschen erfassen und damit etwas über den Gesundheitszustand lernen.
Entzündliche Erkrankungen des ZNS
Entzündliche Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) spielen eine zunehmende Rolle in der Neurologie. Sie können erregerbedingt (durch Bakterien, Pilze, Protozoen und Viren) oder nicht erregerbedingt/autoimmun (wie Multiple Sklerose, Vaskulitis) auftreten.
- Multiple Sklerose (MS): Eine chronisch entzündliche, demyelinisierende Erkrankung mit axonaler Schädigung des zentralen Nervensystems.
- Myelitis: Eine Entzündung des Rückenmarks.
- Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Eine akut oder subakut verlaufende Polyradikuloneuritis, die innerhalb von Tagen bis Wochen das Erkrankungsmaximum erreicht.
Die frühe Diagnose und hochdifferenzierte Therapie ist entscheidend für die Prognose der Patienten.
Epilepsie bei Kindern
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. Die Ausprägung und der Schweregrad können höchst unterschiedlich sein.
Formen der Epilepsie bei Kindern
- Absence-Epilepsie: Das Kind ist abwesend, blass, sein Blick wird starr und es reagiert nicht mehr auf äußere Reize.
- Juvenile myoklonische Epilepsie: Beginnt meist erst in der Pubertät.
- Rolando-Epilepsie: Nur eine der beiden Gesichtshälften zuckt.
- West-Syndrom: Eine schwere Form der Epilepsie, die meistens schon im Säuglingsalter anfängt.
Behandlung von Epilepsie bei Kindern
- Medikamente: Sind meist das Mittel der ersten Wahl.
- Ketogene Diät: Eine spezielle Ernährungsform, bei der die Kinder auf den Konsum von Kohlenhydraten verzichten.
- Chirurgischer Eingriff: Bei einer fokalen Epilepsie, die nur bestimmte Stellen im Gehirn betrifft.
Narkolepsie
Narkolepsie ist eine seltene Krankheit, die mit einer Störung der Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus einhergeht. Die Leitsymptome sind eine ausgeprägte Schläfrigkeit während des Tages und Kataplexien.
Behandlung von Narkolepsie
Narkolepsie kann nur symptomatisch behandelt werden. Betroffene sollten versuchen ihren Tag so gut, wie möglich zu strukturieren und auch während des Tages Schlafenszeiten einzuplanen. Zudem ist es möglich der Tagesschläfrigkeit mit Medikamenten entgegenzuwirken. Zu den Mitteln der ersten Wahl gehören Modafinil oder Natrium-Oxybat (Gamma-Hydroxybuttersäure).
Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)
SNRI werden hauptsächlich zur Behandlung depressiver Erkrankungen eingesetzt. Sie wirken, indem sie die Rückaufnahme der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin in die Präsynapse hemmen.
Mögliche Nebenwirkungen von SNRI
- Schwindel
- Übelkeit
- Mundtrockenheit
- Schwitzen
- Müdigkeit
- Schlaflosigkeit
- Angst oder Unruhe
- Verstopfung
- Schwierigkeiten beim Wasserlassen
- Kopfschmerzen
- Appetitverlust
- Gewichtsabnahme, Gewichtszunahme
- Reduziertes sexuelles Verlangen
Wechselwirkungen und Kontraindikationen
SNRI können Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben, insbesondere mit Monoaminoxidase-Hemmern (MAOI) und Substanzen, die das serotonerge Neurotransmittersystem beeinflussen. Kontraindikationen sind eine Überempfindlichkeit gegen den jeweiligen Wirkstoff und eine gleichzeitige Behandlung mit irreversiblen MAOI.
tags: #zentrales #nervensystem #medikamente