Die Förderung der Zusammenarbeit beider Gehirnhälften bei Kindern

Einführung

Die menschliche Entwicklung ist ein komplexer Prozess, bei dem das Gehirn eine zentrale Rolle spielt. Insbesondere die Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften ist entscheidend für kognitive Fähigkeiten, Lernen und Problemlösung. Dieser Artikel beleuchtet, wie die Zusammenarbeit beider Gehirnhälften bei Kindern gefördert werden kann, welche Übungen und Aktivitäten dabei helfen und welche Bedeutung dies für ihre Entwicklung hat.

Die Funktionen der beiden Gehirnhälften

Das menschliche Gehirn besteht aus zwei Hälften, die durch den Balken (Corpus callosum) miteinander verbunden sind und sich austauschen. Jede Hälfte hat spezialisierte Funktionen:

  • Linke Gehirnhälfte: Sie ist vorwiegend für Einzelheiten, Zahlen, Buchstaben, Strukturen, Planung, Unterschiede, folgerichtiges Denken, Analyse sowie Buchstaben- und Satzkonstruktionen zuständig. Sie wird oft als die analytische Hälfte bezeichnet. Die linke Gehirnhälfte ist die logische und rein informationsverarbeitende Seite und ist demnach für das rationale Denken sowie analytische und mathematische Denkweisen verantwortlich.
  • Rechte Gehirnhälfte: Sie ist für Überblick, Bilder, Gefühle, Spontaneität, Ähnlichkeiten, gleichzeitiges Handeln und Denken, Intuition, Rhythmus und Dialekt verantwortlich. Sie wird oft als die ganzheitliche, kreative Gehirnhälfte bezeichnet. Die rechte Gehirnseite ist hingegen für die Emotionen, Musikalität und intuitive Handlungen zuständig.

Obwohl jede Hälfte ihre spezifischen Aufgaben hat, kommunizieren sie ständig miteinander. Eine optimale Gehirnleistung wird erreicht, wenn beide Hälften gut zusammenarbeiten.

Die Bedeutung der Zusammenarbeit beider Gehirnhälften

Nach zahlreichen Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass das Gehirnpotential optimiert werden kann, wenn beide Gehirnhälften eingesetzt werden. Die Vernetzung der beiden Gehirnhälften ist für die Entwicklung der sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten des Kindes enorm förderlich. Derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge liegt es nicht daran, wie viel man weiß, um sich an etwas zu erinnern bzw. sich etwas zu merken, sondern wie gut die einmal gespeicherten, gelernten Informationen miteinander vernetzt sind.

In unserer westlichen Welt wird meist die linke Gehirnhälfte sehr viel stärker gefordert als die rechte. Es ist wichtig, auch die rechte Gehirnhälfte in Denk- und Lernprozessen zu fördern.

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Stressfaktoren und ihre Auswirkungen auf die Gehirnfunktion

Häufige Stressfaktoren für Grundschüler können z.B. Leistungsdruck, soziale Interaktionen, familiäre Probleme oder Ängste sein. Durch diese Stressfaktoren können Kinder Anzeichen von Angst, Schlafstörungen, Unruhe und Konzentrationsproblemen zeigen. Stressbedingte Blockaden verringern das Lernpotential und die Konzentrationsleistung erheblich.

Bewegung kann dazu beitragen, diesen Stress zu reduzieren und die psychische Gesundheit von Kindern zu verbessern:

  1. Verbessert die Stimmung: Bewegung kann die Stimmung von Kindern verbessern, indem es Endorphine (Glückshormone) freisetzt. Dies kann ihnen helfen, stressige Situationen besser zu bewältigen.
  2. Verbessert die Konzentration: Bewegung kann dazu beitragen, die Konzentration von Kindern zu verbessern, indem es den Blutfluss und die Sauerstoffversorgung des Gehirns verbessert. Dadurch können Kinder aufmerksamer sein und sich besser konzentrieren.
  3. Verbessert das Selbstwertgefühl: Durch regelmäßige Bewegung können Kinder ihr Selbstwertgefühl verbessern und ein Gefühl der Leistungsfähigkeit entwickeln. Dadurch können sie besser mit Stresssituationen umgehen.
  4. Baut Stress ab: Bewegung kann dazu beitragen, Stresshormone wie Cortisol abzubauen. Dies kann Kindern helfen, ihre Stressreaktionen zu reduzieren und sich zu entspannen.
  5. Fördert soziale Interaktionen: Bewegung kann auch dazu beitragen, soziale Interaktionen zwischen Kindern zu fördern.

Übungen zur Förderung der Zusammenarbeit beider Gehirnhälften

Edu-Kinestetik und Brain Gym

Edu-kinestetische Übungen und die sog. Brain Gym®Übungen sorgen dafür, dass bestimmte Areale im Gehirn aktiviert werden - sie also in Bewegung bringen. Brain Gym bedeutet Lernen durch Bewegung und wird auch als kinesiologische Lerngymnastik bezeichnet. Es handelt sich hierbei um ein ganzheitliches, alternativmedizinisches System, das auf Kinesiologie, Gehirnforschung, Lernpsychologie und der chinesischen Meridianlehre gründet. Dabei werden Rechts/Links-, Oben/Unten- und Vorne/Hinten-Bereiche des Gehirns unterschieden. Durch die EK und Brain Gym Übungen werden neue Bewegungsmuster erfahren, die individuellen Fähigkeiten, die Aufmerksamkeit und das Körperbewusstsein gestärkt. Das Benutzen und die Integration beider Gehirnhälften macht Lernen einfacher und leichter.

Brain Gym Übungen wurden von dem Amerikaner Dr. Paul E. Dennison als Bewegungsprogramm entwickelt. In seinen Studien fand er heraus, dass viele Lernprobleme in eingeschränkten physischen Wahrnehmungsfähigkeiten lagen. Paul Dennison fand heraus, dass spezielle Bewegungsübungen Kinder befähigten, neue Wege zu gehen, und so selbstbewusst und selbstverantwortlich Vertrauen in das eigene Lernen entwickelten.

Überkreuzbewegungen

Überkreuzbewegungen bringen das Gehirn in Schwung. Unser Gehirn hat eine linke und eine rechte Hälfte. Diese beiden arbeiten nicht jede für sich allein, sondern gemeinsam, sie kooperieren miteinander. Wir fördern die Krabbelphase, sowie späteres Krabbeln, denn Krabbeln ist eine Überkreuzbewegung  gleichzeitig mit dem rechten Arm und dem linken Bein und dem linken Arm und dem rechten Bein - immer über Kreuz. Überkreuzbewegungen vernetzen das Gehirn.

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Hier sind einige Beispiele für Überkreuzübungen:

  • Knieberührungen: Linke Hand zum rechten Knie führen, dann rechte Hand zum linken Knie. Im Stehen lässt sich auch folgende Übung leicht durchführen: linker Arm nach vorn und gleichzeitig das rechte Bein nach hinten führen. Dann umgekehrt.
  • Überkreuzklatschen: Durch das Überkreuzklatschen wird das Überkreuzen der Mittellinie spielerisch geübt.
  • "Da hat das Rote Pferd": Rechte Hand zum linken Knie und umgekehrt.
  • Krabbeln: Krabbeln fördert die gute Zusammenarbeit der linken und rechten Gehirnhälften.

Weitere Übungen und Aktivitäten

  • Ohrenreiben: Dazu massiert man sanft die Krempe des Außenohrs von innen nach außen.
  • Liegende Acht: Hierbei fährt man mit einem Stift auf einem Blatt Papier mehrfach die Form einer liegenden Acht ab. Beide Arme vor die Brust nach vorne bringen und die Hände falten. Dabei zeigen die Daumen nach oben. Kopf gerade halten. Von der Mitte aus bewegen wir unsere Arme nach links oben und formen eine liegende Acht. Die Augen folgen den Daumen, der Kopf bleibt ruhig. Ungefähr 8 x wiederholen. Jetzt einen Richtungswechsel vornehmen und rechts unten beginnen. Nach ungefähr 8 liegenden Achten nochmal nach links oben wechseln und weitere 4 liegende Achten fahren.
  • Simultanzeichnen: Eine weitere kreative Möglichkeit ist, in jede Hand einen Stift zu nehmen und auf einem Blatt Papier spiegelbildlich Figuren zu zeichnen. Dabei sollte man mit einfachen Figuren, wie zum Beispiel Kreisen, anfangen und sich langsam steigern.
  • Gehirnpunkte aktivieren: Eine Hand liegt auf dem Bauchnabel. Daumen sowie Zeige- und Mittelfinger der anderen Hand massieren währenddessen für 30 Sekunden die kleinen Grübchen unterhalb der Schlüsselbeine, beidseitig vom Brustbein. Anschließend wechseln die Hände für die gleiche Zeit ihre Position.
  • Spiele mit Überkreuzbewegungen: Der Spieleleiter sagt z. B.: „Lege die rechte Hand ans linke Ohr!“ oder „Lege den linken Daumen an deine rechte Schulter.“ oder „Berühre mit deiner rechten Hand den linken großen Zeh!“ usw. Wichtig dabei ist, dass die Berührungen der einzelnen Körperteile immer „überkreuz“ durchgeführt werden.
  • Reime: Reime werden oftmals in der Sprachförderung eingesetzt. Sie sprechen die rechte Gehirnhälte, die für Rhythmus und Melodie zuständig ist an, sowie - durch das gesprochene Wort - die linke Hälfte, da diese hauptsächlich für die Sprache zuständig ist.
  • Experimentieren: Wir geben den Kindern vielfältige Möglichkeiten zum Experimentieren wie matschen, planschen, schmieren, reißen, knüllen, zerfetzen, wickeln. Dabei werden bereits die Weichen der gleichmäßigen Entwicklung beider Gehirnhälften gestellt.
  • Spiegelübungen: Kinder mit umfangreichen "Spiegelerfahrungen" entwickeln ein besseres Körperschema, sie kennen ihren Körper genau und erleben ihn bewusst.

Die Rolle der Kinesiologie

Das Wort Kinesiologie stammt aus dem Griechischen. Der erste Wortteil leitet sich von „kinesis“, also der Bewegung ab und „logos“ steht für Lehre. Bei der angewandten Kinesiologie handelt es sich um ein alternatives Diagnose und Therapieverfahren (Naturheilkunde) auf der Basis, dass gesundheitliche Störungen, wie zum Beispiel Lern- und Konzentrationsschwäche, aus Blockaden im Energiefluss des Körpers resultieren. Da die Steuerung der Muskeln über die beiden Gehirnhälften läuft, steht die Kinesiologie eng mit der Gehirnforschung in Verbindung.

Praktische Anwendungen im Alltag

Die genannten Übungen und Aktivitäten lassen sich leicht in den Alltag von Kindern integrieren. Sie können sowohl zu Hause als auch in der Schule durchgeführt werden. Es ist wichtig, eine spielerische und positive Umgebung zu schaffen, um die Motivation der Kinder zu fördern.

  • Im Kindergarten: Mit positiven Gefühlen unterlegtes Lernen im Kindergarten unterstützt Kinder, selbst aktiv Herausforderungen zu suchen und zu bewältigen.
  • In der Schule: Die Übungen können vor Diktaten, Tests und Klassenarbeiten durchgeführt werden, um die Konzentration zu verbessern. Regelmäßig durchgeführt steigern die Übungen die Lernfähigkeit.
  • Zu Hause: Die Übungen können als Teil der täglichen Routine eingebaut werden, um Stress abzubauen und die Gehirnfunktion zu fördern.

Fazit

Die Förderung der Zusammenarbeit beider Gehirnhälften ist ein wichtiger Aspekt der kindlichen Entwicklung. Durch gezielte Übungen und Aktivitäten können Kinder ihre kognitiven Fähigkeiten verbessern, Stress abbauen und ihr Selbstbewusstsein stärken. Es ist wichtig, eine ganzheitliche Herangehensweise zu wählen und die individuellen Bedürfnisse der Kinder zu berücksichtigen. Überkreuzbewegung bzw. Einfache Körperübungen aktivieren das Gehirn und machen Kinder aufnahmefähiger.

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