Das „Auge des Ra“ und das Konzept eines „dritten Auges“ sind tief in der menschlichen Kultur verwurzelt. Sie finden sich in alten Mythen, spirituellen Traditionen und werden zunehmend auch von der modernen Wissenschaft untersucht. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Aspekte dieser faszinierenden Verbindung, von den Ursprüngen im alten Ägypten bis hin zu den neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen.
Der Sonnengott Ra und das Auge des Horus
Als Ursprungsgott der Menschheit stand der Sonnengott Ra an der Spitze des ägyptischen Pantheons. Ras Licht brachte die wesenhafte Existenz aller Dinge auf der Erde hervor und bestimmte die Zyklen des Lebens. Die Abwesenheit des Sonnengottes bedeutete darum Dunkelheit, Tod und das Erwachen des Bösen. Die alten Ägypter glaubten, am Abend würde Ra im Meer versinken und sich auf seine Nachtmeerfahrt durch die Unterwelt begeben. Am Morgen tauchte er wieder auf und erschien am Horizont als rotes Sonnenauge. In Begleitung seiner Tochter Maat, der Göttin der Weltordnung, fuhr er dann in der Sonnenbarke über das Firmament und sendete sein Licht auf die Erde. Dieses Licht verkörperte der goldene Horus-Falke.
Ein berühmter ägyptischer Mythos berichtet von einem Streit zwischen Horus und seinem Widersacher Seth, dem Gott der Finsternis. In einem Kampf schlug Seth dem Horus ein Auge aus und zerschmetterte es, so dass es in sechs Teile zerfiel. Thoth, der Gott der Magie und der Heilkunst, sammelte die Teile des Auges auf und fügte sie zusammen. Das geheilte Auge übergab er dann wieder dem Horus. Statt es aber selbst zu benutzen, opferte Horus sein Auge. Er setzte es seinem Vater Osiris, dem ägyptischen Totengott, als drittes Auge ein. Damit erweckte er in Osiris ein neues Bewusstsein und brachte Licht in die Dunkelheit der Unterwelt.
Die Symbolik des Horusauges in der Heilkunde
Neben seiner mythologischen Bedeutung hatte das Auge des Horus aber auch konkrete Entsprechungen in der Heilkunde der alten Ägypter. Dem Horusauge wurden sechs Formen der Wahrnehmung zugeordnet: Geruch (rechter Teil des Auges), Gesicht (Pupille), Gedanken (Augenbraue), Gehör (linker Teil des Auges), Geschmack (Spirale) und Gefühl (senkrechter Teil). Zudem entsprach jedem dieser Teile ein mathematischer Bruch: 1/2 (rechter Teil des Auges), 1/4 (Pupille), 1/8 (Augenbraue), 1/16 (linker Teil des Auges), 1/32 (Spirale) und 1/64 (senkrechter Teil). Interessanterweise erhält man als Summe der Addition dieser sechs Brüche ein Verhältnis von 63/64. Aber eben nicht 64/64, was dem unversehrten Auge des Horus entsprach. Ein 64stel fehlt also. Wie man alten Hieroglyphentexten entnehmen kann, verwendete Thoth diesen verborgenen, »magischen« Teil, um das Auge des Horus zu heilen. Dieser Teil entspricht auch dem sechsten Sinn des Menschen - der Intuition.
Die Zirbeldrüse: Das dritte Auge im Gehirn
Tatsächlich gibt es ein Zentrum im Gehirn, das schon seit langer Zeit mit übersinnlichen Erfahrungen in Verbindung gebracht wird: die Zirbeldrüse. Die physische Existenz dieser Drüse ist bereits seit 2000 Jahren bekannt. Im alten Ägypten wusste man, dass sich im Inneren des Gehirns ein Organ befindet, über das sich der Mensch mit der spirituellen Ebene des Bewusstseins verbinden kann. Aus diesem Grund befanden sich bestimmte Kraftsymbole auf dem Kopfschmuck der Pharaonen.
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Heute weiß man, dass es sich bei der Zirbeldrüse tatsächlich um eine Art drittes Auge handelt. Denn die Zirbeldrüse besitzt lichtempfindliche Zellen und fungiert als Lichtmesser innerhalb des Gehirns. Das Augenlicht wird über den Hypothalamus, die Schaltzentrale des Gehirns, in die verschiedenen Hirnregionen geführt. Ein Teil des Lichtes wird dazu verwendet, die Zirbeldrüse zu stimulieren. Der im 17. Jahrhundert lebende Philosoph René Descartes vertrat die Idee, dass die Zirbeldrüse sogar der Stammsitz der Seele sei. Ähnlich der ägyptischen Vorstellung war für ihn dieses Organ ein Bindeglied zwischen dem Körper und dem geistig-seelischen Bewusstsein.
Man nimmt heute an, dass unmittelbar vor dem Tod die Zirbeldrüse noch ein anderes Hormon ausschüttet: das Dimethyltryptamin - kurz DMT. DMT kommt auch in der Dschungelpflanze Banisteria Caapi vor, die von den Schamanen Südamerikas Ayahuasca genannt wird und als Kraftpflanze in rituellen Einweihungen verwendet wird. Um dieselbe Erfahrung ging es auch bei den Einweihungen in die Mysterien der alt-ägyptischen Religion. Mit dem Tod wurde der Seele, so glaubte man, der Übergang in eine andere, höhere Welt ermöglicht. Im Augenblick des Todes löste sich das »Ba« (Teil der Seele, Karma) in Form eines Vogels vom Körper und begab sich in Begleitung des Seelenführers Anubis in die Unterwelt. Dort, in der sogenannten »Halle der vollständigen Wahrheit«, tagte ein Totengericht, durch das die Seele von den Sünden des Lebens befreit werden konnte. Auf einer Waage wurde das Herz des Verstorbenen mit der Feder der Maat gewogen. Waren Herz und Maat im Gleichgewicht, hatte der Tote die Prüfung bestanden und wurde von Horus vor den Thron des Osiris geführt. Hier wurde ihm das Urteil verkündet. War das Herz jedoch karmisch belastet, da der Verstorbene zu Lebzeiten ungerecht gehandelt hatte, wurde seine Seele in einem neuen irdischen Körper wiedergeboren.
Die Zirbeldrüse in der modernen Welt
Die Zirbeldrüse ist das Organ der psychischen Energie im Bewusstsein des Menschen. Heute leben wir in einer Welt, in der überwiegend visuelle Reize den Alltag bestimmen. Durch die ständige Flut künstlicher Bilder, die in unser Bewusstsein einströmen, werden unsere Augen und unser Gehirn manchmal überfordert. Hinzu kommt, dass Beleuchtungen mit größtenteils minderwertiger Lichtqualität (Neonlicht, Energiesparlampen) unseren Körper und unsere Umwelt belasten. Durch den Einfluss dieser großen Lichtmengen wird die Zirbeldrüse in ihrer Funktion gestört.
Doch wie eigentlich in allen westlichen und östlichen esoterischen Traditionen gelehrt wird, ist das hohe Ziel, sich von diesen äußeren Bildern zu lösen und zu lernen, mit dem inneren Auge zu sehen. Denn das geschaute Licht im Außen ist nur ein Abglanz der Wirklichkeit. Die innere Natur des Lichtes unserer Seele wird durch die alltäglichen Bilder verdrängt. Sind es also wirklich die Bilder, die das Leben ausmachen? Erst wenn das Auge die alltäglichen Bilder fallen lässt, erst dann vermittelt sich unserem Selbst das Wesentliche unserer Seele. Dann beginnen die Augen zu leuchten, und es scheint aus ihnen das Licht der eigenen Wesensnatur. Dieses Leuchten in den Augen zu finden und zu bewahren, ist Sinn des Lebens.
Aktivierung der Zirbeldrüse durch Meditation
Die Zirbeldrüse ist am aktivsten, wenn es dunkel ist. Darum bietet es sich an, täglich in einem dunklen Raum einige Minuten zu meditieren. Wir legen uns hin, schließen die Augen und konzentrieren uns auf die Mitte unserer Stirn. Dann stellen wir uns vor, wie entlang unseres Wirbelsäulenkanals ein warmer Energiestrom ins Zentrum unseres Gehirns aufsteigt. Mit jedem Ausatmen fachen wir die mystische Flamme der Zirbeldrüse an und erfahren damit ein inneres Leuchten, das uns auf den verborgenen Pfaden unseres Unterbewusstsein als Lichtquelle dient.
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Die Akasha-Chronik: Ein energetisches Feld der Erinnerung
Was wäre, wenn es ein Energiefeld gäbe, in dem jede Antwort, jede Möglichkeit und jeder Moment der Reise deiner Seele bereits existieren würde? Kein Ort der Erfindung - sondern der Erinnerung. Oft als das „Buch des Lebens” bezeichnet, ist die Akasha ein energetischer Bereich, der die Erinnerung jeder Seele enthält - Vergangenheit, Gegenwart und alle möglichen Zukünfte. Die Akasha-Chroniken befinden sich nicht in einer weit entfernten Galaxie, sondern liegen nur knapp außerhalb der Grenzen unseres bewussten, analytischen Verstandes. Und sie sind nicht nur einigen wenigen Privilegierten vorbehalten, sondern eine göttliche Verbindung, die jedem von uns garantiert zur Verfügung steht.
Mit der Akasha zu arbeiten bedeutet, deine Intuition wieder zu erwecken. Es erfordert den Wunsch, mehr zu wissen, und den Glauben an deine eigene Würdigkeit. Im Laufe unserer eigenen umfangreichen Arbeit mit der Akasha haben wir immer wieder Antworten auf scheinbar unlösbare Probleme gefunden, Wege zur Heilung lang gehegter emotionaler Wunden entdeckt und Erklärungen für einige der tiefsten Geheimnisse des Lebens gefunden. Und auch wenn die Antworten nicht immer den Erwartungen entsprechen, sind sie doch immer das, was gebraucht wird. Die Akasha spricht nicht immer in Worten. Manchmal kommt sie als Gefühl, als Bild oder als Gewissheit. Und das ist Teil dessen, was diese Arbeit universell zugänglich macht. Führung kommt in vielen Formen und Sprachen, ist für alle zugänglich - aber so einzigartig wie die oder der Suchende.
Bevor du mit einer spirituellen Praxis anfängst, solltest du unbedingt dein Energiefeld und deinen physischen Raum vorbereiten und schützen. Es ist wichtig, klare Grenzen zu setzen und genau zu wissen, was du in deinen Körper, deinen Geist und deine Seele reinlässt - und was nicht. Genauso wie du deine Haustür nicht zu einer belebten Straße hin offen lassen würdest, damit jeder mit unbekannten Absichten hereinkommen kann, solltest du die Tür zum Akasha-Reich nur öffnen, wenn du genau weißt und klar sagen kannst, was du suchst und bereit bist, zu empfangen.
Was viele überrascht, ist, dass diese Arbeit keine einmalige Offenbarung ist. Es ist ein Prozess. Eine Beziehung. Und eine, die es wert ist, entwickelt zu werden. Manchmal geht es bei dieser Arbeit darum, persönliche oder sogar angestammte Wunden zu heilen. Es kann so einfach sein wie die Suche nach Inspiration für ein kreatives Projekt. Vielleicht suchst du Hilfe bei einer wichtigen Lebensentscheidung oder Rat im Umgang mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Üben und Lernen, wie man effektive Fragen stellt, Botschaften in ihren verschiedenen Formen erkennt und - was am wichtigsten ist - all das in den Alltag zurückbringt, ist Teil des Prozesses und der Reise. Letztendlich ist das größte Geschenk der Akasha-Chronik dieses: Die spirituelle Erkenntnis, die du in deinen Chroniken findest, ist ein lebendiges Feld der Weisheit, das in dir steckt. Je mehr du dich darauf einstimmst, desto natürlicher wird deine Verbindung.
Neurowissenschaftliche Perspektiven auf Lernen und Gedächtnis
Die Fähigkeit, Information zu speichern und diese auch nach langer Zeit wieder aus dem Gedächtnis abrufen zu können, ist eine der wichtigsten Eigenschaften des Gehirns. Solche Erinnerungen bestimmen nicht nur das gesamte Leben und die Persönlichkeit eines Menschen, ohne sie wäre auch die menschliche Kultur nicht vorstellbar. Aber auch im Tierreich bringt die Fähigkeit, Information zu speichern und diese später wieder abzurufen, unschätzbare Vorteile. Tiere können Futter verstecken und später wiederfinden; sie können sich erinnern, wie in einer bestimmten Situation zu reagieren ist; sie erinnern sich an Verhaltensweisen, die sie von den Eltern gelernt haben, und können durch die Erinnerung auch Freund und Feind unterscheiden. Diese essenziellen Fähigkeiten zeigen, dass Lernen und Gedächtnis fundamental dazu beitragen, das eigene Überleben und damit das Überleben der Art zu sichern.
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Seit langem fragen sich Forscher, wo und wie die Speicherung von Information im Gehirn vonstatten geht. Schon seit rund 60 Jahren wird spekuliert, dass die Speicherung dadurch geschieht, dass Synapsen, die Kontaktstellen zwischen Nervenzellen, in ihrer Übertragungsstärke verändert werden. Es dauerte lange, bis gezeigt werden konnte, dass in der Tat im Hippocampus, einer Gehirnstruktur, die maßgeblich an der Speicherung von Information im Gehirn beteiligt ist, Synapsen verändert werden können. Einige Jahre später wurde dann gezeigt, dass sich nicht nur die Stärke der Verbindungen, sondern auch ihre Struktur verändert.
Die diesen Entdeckungen zugrunde liegenden Experimente wurden an Zellkulturen bzw. Gewebeschnitten des Hippocampus durchgeführt. Hier konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die beobachteten Veränderungen solange andauern, dass sie im Prinzip zur Informationsspeicherung genutzt werden könnten. Dies war ein großer Fortschritt, denn zum ersten Mal gab es experimentelle Hinweise auf die zellulären Vorgänge, die im Gehirn beim Speichern von Information vonstatten gehen.
Schlüsseltechnologien befördern den Fortschritt
Trotz dieses Erfolgs war es unbefriedigend, bei Experimenten zum Gedächtnis auf Untersuchungen im isolierten Hirngewebe beschränkt zu sein. Die Frage blieb, inwieweit die in Gewebekultur beobachteten Veränderungen tatsächlich auch im intakten Gehirn stattfinden, und vor allem, ob tatsächlich auf diese Weise Information gespeichert wird. Das Ziel der Abteilung Synapsen-Schaltkreise-Plastizität am Max-Planck-Institut für Neurobiologie ist es, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Mit Hilfe neuer Experimente sind die Wissenschaftler heute ein gutes Stück weiter bei dem Verständnis von Lernen und Gedächtnis im intakten Gehirn. Möglich wurden diese neuen Untersuchungen insbesondere durch moderne Technologien, die in den letzten Jahren entwickelt wurden.
Eine dieser Schlüsseltechnologien, nicht nur für diese Untersuchungen, sondern für die gesamte moderne Biologie, ist die Ende der achtziger Jahre entwickelte 2-Photonen-Mikroskopie. Mit dieser neuartigen Mikroskopiertechnik kann die Struktur und Funktion des Nervensystems in ungeahntem Detail untersucht werden. Diese Technologie bietet in vielen Fällen eine bessere Auflösung, das heißt feinere Strukturen können erkannt werden. Wichtiger aber ist, dass die Verwendung von infrarotem Licht eine große Eindringtiefe in das Gehirn ermöglicht. Da die Methode besonders gewebeschonend ist, kann sie zudem für lange Zeit im lebenden Gehirn benutzt werden, ohne ihm zu schaden.
Die andere wichtige Schlüsseltechnologie, die die neuen Experimente möglich machte, ist die Entwicklung von genetisch codierten fluoreszierenden Proteinen. Bei dieser Technik wird die Erbsubstanz von einer oder vielen Zellen so verändert, dass die Zellen fluoreszierende Proteine produzieren. Die so markierten Zellen können dann mit einem Fluoreszenzmikroskop sichtbar gemacht werden. Ein Vorteil ist, dass in einzelnen Zellen Fluoreszenzfarbstoffe gezielt „angeschaltet“ werden können. Zudem müssen keine toxischen Farbstoffe von außen in das Gewebe eingebracht werden - die Zellen produzieren die entsprechenden Farbstoffe selbst. Seit neuestem kann nun nicht nur die Struktur der Zellen sichtbar gemacht werden. Es gibt inzwischen genetisch codierte Farbstoffe, die sogar die Aktivität der Zelle darstellen können.
Was Hänschen nicht, lernt Hans nimmermehr - oder doch?
Ausgestattet mit diesen Werkzeugen konnte nun genauer untersucht werden, wie und wo im Gehirn Informationen gespeichert werden. Das Paradigma, das die Wissenschaftler dabei benutzten, entstammt einer Beobachtung, die wahrscheinlich jeder schon einmal selbst gemacht hat und die Ende des 19. Jahrhunderts von Hermann Ebbinghaus als sogenannte „Ersparnis“ des Gedächtnisses formuliert wurde: Die Beobachtung von Ebbinghaus besagte, dass eine früher schon einmal gelernte Information, auch wenn sie in der Zwischenzeit vergessen wurde, wesentlich leichter wieder gelernt werden kann. Geläufige Beispiele sind motorische Fähigkeiten wie Skifahren, Radfahren oder das Lernen einer Fremdsprache. Frühkindliches Lernen, auch wenn die Fähigkeit über Jahrzehnte nicht genutzt wurde, vereinfacht das Wiedererlernen zu einem späteren Zeitpunkt erheblich.
In ihren Experimenten untersuchten die Wissenschaftler das Sehsystem der Maus, um ein ähnliches Phänomen zu etablieren. Junge Mäuse adaptieren, wie alle Säugetiere, ihr Sehsystem an die äußeren Gegebenheiten. Wenn beispielsweise ein Auge für längere Zeit verschlossen ist, dann werden die Verbindungen von diesem Auge in die Sehrinde abgeschwächt oder sogar ganz eliminiert, denn sie liefern ja keine dem Gehirn nützliche Information. Die Verbindungen des offenen Auges werden im Gegenzug verstärkt. Diese Fähigkeit des Sehsystems, sich an die Umwelt anzupassen, ist aber nur in einer frühen Entwicklungsphase so ausgeprägt. In einer erwachsenen Maus erfolgen solche Anpassungen wesentlich langsamer, wenn sie überhaupt geschehen.
Sieht eine Maus einige Wochen nach der Geburt für zirka eine Woche nur auf einem Auge, so führt dies zu Anpassungen im visuellen Teil des Gehirns. Öffnet sich das Auge wieder, werden die Veränderungen wieder rückgängig gemacht. Wie aber reagiert das Gehirn einer erwachsenen Maus, die einmal eine solche Erfahrung gemacht hat, auf nochmaligen Augenverschluss? Es wäre anzunehmen, dass dies keine Konsequenz hat, da das Gehirn einer erwachsenen Maus ausgereift und nur noch bedingt formbar ist. Die Wissenschaftler fanden jedoch heraus, dass die frühe Erfahrung dafür sorgt, dass sich das Gehirn der Maus selbst im Erwachsenenalter wieder an diese Situation anpassen kann.
Die Beobachtung dieser Veränderungen in der Maus ermöglichte es nun, mit den vorher beschriebenen neuen genetischen und optischen Werkzeugen die Vorgänge auf Ebene einzelner Nervenzellen zu untersuchen. Wie kommt es, dass im Gehirn anscheinend immer eine „Spur“ von einmal Gelerntem bleibt, selbst wenn die Information eigentlich vergessen scheint? In ihren Experimenten untersuchten die Wissenschaftler Mäuse, in denen einzelne Nervenzellen in der Sehrinde so modifiziert waren, dass sie grün leuchteten. Selbst ihre feinsten Verästelungen waren mit einem 2-Photonen-Mikroskop sichtbar. So konnten sie sehen, wie sich die Struktur einzelner Nervenzellen während des Ab- und Aufbaus der Verbindungen sowie beim späteren Wiederauf- und abbau von Verbindungen änderte. Da auch die feinsten Kontaktstellen, die sogenannten dendritischen Dornen (ca. 1/1000-stel Millimeter groß) sichtbar waren, konnten die tatsächlichen Veränderungen im Gehirn bei diesem Vorgang beobachtet werden: Einige der Dornen wurden nach Verschluss eines Auges abgebaut. Gleichzeitig entstanden viele neue Dornen, die durch die neuen Verbindungen zum offenen Auge geschaffen wurden.
Das Überraschende und Interessante war, dass nach dem Öffnen des verschlossenen Auges die neu entstandenen Dornen nicht wieder abgebaut wurden, sondern weiterbestanden. Sie wurden zwar kleiner und dünner - und dadurch auch sicher in ihren Übertragungseigenschaften schwächer - aber sie blieben am gleichen Platz bestehen. Wenn nun viele Wochen später wieder das gleiche Auge verschlossen wurde, dann waren es genau diese Dornen, die wieder groß und kräftig wurden und damit solide Kontaktstellen mit den vorgeschalteten Nervenzellen bildeten. Die Tatsache, dass Information im Gehirn gespeichert bleibt,und dass es leichter ist, einmal Erlerntes wieder zu erlernen, hat seinen Ursprung somit in der Beständigkeit dieser Kontakte: Beim Lernen im Gehirn werden neue Kontakte aufgebaut und diese Kontakte werden, selbst wenn das Gelernte lange nicht benutzt wird, nicht vollständig wieder abgebaut. Das Reaktivieren solcher Kontakte sollte wesentlich leichter sein, als ganz neue Kontakte im Gehirn zu etablieren. Diese Experimente zeigten zum ersten Mal, wie auf der Ebene einzelner Nervenzellen erklärt werden kann, dass einmal gelernte Fähigkeiten wesentlich leichter wieder erlernt werden können.
Lernen in virtueller Umgebung
Der nächste Schritt ist es, von der eher künstlichen Situation des „Lernens“ (Anpassen des Gehirns an das Sehen mit einem Auge) zu einer Situation zu kommen, die mehr dem entspricht, was gemeinhin unter Lernen verstanden wird. Vor einigen Jahren wurde eine Methode entwickelt um die Änderung von Funktion und Struktur des Gehirns im sich verhaltenden Tier zu beobachten. Eine Maus wird auf eine Styroporkugel gesetzt, die freibeweglich auf einem Luftstrom gelagert ist. Da die Maus dadurch,selbst wenn sie läuft, immer an der gleichen Stelle bleibt, können mit dem 2-Photonen-Mikroskop Bilder des Gehirns aufgenommen werden, in denen strukturelle Veränderungen der Nervenzellen oder deren Aktivität zu sehen sind. Währenddessen blickt die Maus auf einen etwa halbkugelförmig geformten Bildschirm, auf den eine virtuelle Umgebung projiziert wird. Dadurch hat sie, ähnlich wie bei einem Fahrzeug- oder Flugsimulator, das Gefühl sich fortzubewegen.
Lernt eine Maus sich in einer solchen virtuellen Umgebung zurechtzufinden, kann untersucht werden, wie sich die Antworteigenschaften und die Struktur ihrer Nervenzellen ändern, wenn die Maus Information im Gehirn speichert. Ebenso kann untersucht werden, unter welchen Umständen diese Information wieder vergessen wird und ob und wie sich dies im Abbau von Verbindungen ausdrückt. Es ist sogar denkbar, solche neuen Verbindungen gezielt wieder zu kappen. Dies sollte dazu führen, dass die Maus die Information, die sie vorher gelernt hatte, wieder vergisst.
Ausblick
Um Gedächtnisvorgänge wirklich in ihrer ganzen Komplexität zu untersuchen, ist es das Ziel, mit miniaturisierten Mikroskopen, die direkt auf dem Kopf einer Maus gesetzt werden, Lernen nicht mehr in virtueller, sondern in einer echten Umgebung zu beobachten. Dies und die zuvor beschriebenen Experimente lassen sich nicht direkt und nicht einfach verwirklichen. Dennoch hat die jüngere Geschichte der Neurowissenschaften gezeigt, dass sich oft Experimente, die eher nach Science Fiction klangen, nach erstaunlich kurzer Zeit realisieren ließen. Noch vor zehn Jahren hätte man es sich nicht träumen lassen, dass man im Jahr in das Gehirn von lebenden Tieren schauen und die funktionelle und strukturelle Veränderung des Gehirngewebes quasi online beobachten kann. Nichtsdestotrotz ist dies heute möglich. Die Wissenschaft hat in den letzten zehn Jahren große Schritte gemacht und das Verständnis der zellulären Mechanismen des Gedächtnisses ist besser denn je. Dies bedeutet natürlich nicht, dass das Geheimnis des Gedächtnisses völlig entschlüsselt wäre. Bei der rasanten technischen Entwicklung ist es heute jedoch durchaus denkbar, dass in wenigen Jahren Mäuse sehr leichte, hochtechnisierte Mikroskope mit sich herumtragen, die es erlauben, einem Tier buchstäblich „beim Denken zuzuschauen“.
Frühzeitige Erkennung von neuroinflammatorischen Erkrankungen durch Bildgebung der Netzhaut
Anja Hauser und Raluca Niesner vom DRFZ haben gemeinsam mit Kolleg:innen der Charité - Universitätsmedizin Berlin eine neue Studie zur Bildgebung der Netzhaut veröffentlicht. Die Forschenden entwickelten ein spezielles Mikroskop, das optische Kohärenztomographie (OCT) und Zwei-Photonen-Mikroskopie kombiniert. Damit konnten sie über mehrere Wochen hinweg nicht-invasive Zeitraffervideos der Netzhaut in einem Modell für Multiple Sklerose aufnehmen. Während OCT bereits in der klinischen Diagnostik angewendet wird, erlaubt die Zwei-Photonen Mikroskopie eine funktionelle, dynamische Analyse.
Dabei entdeckten sie, dass bestimmte Immunzellen (CX3CR1+) frühzeitig zum Sehnervenkopf wandern - ein Hinweis auf die Krankheit, noch bevor Symptome auftreten. Diese Forschung zeigt, wie wichtig eine kombinierte strukturelle und funktionelle Bildgebung für das frühzeitige Erkennung bei neuroinflammatorischen und neurodegenerativen Erkrankungen ist. Dies ermöglicht wiederum ein rechtzeitiges Eingreifen in den Krankheitsverlauf.