Der Mythos der zwei Gehirnhälften und Kreativität: Was die Forschung wirklich sagt

Die Vorstellung, dass die linke Gehirnhälfte für analytisches Denken und die rechte für Kreativität zuständig ist, ist weit verbreitet. In sozialen Medien kursieren Tests, die angeblich zeigen sollen, welche Hirnhälfte bei uns dominiert. Doch wie viel Wahrheit steckt in dieser Annahme? Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um die Gehirnhälften und ihre Rolle bei Kreativität.

Ursprünge des Mythos

Der Mythos der "linkshirnigen" und "rechtshirnigen" Persönlichkeiten hat seine Wurzeln in frühen neurowissenschaftlichen Studien des 20. Jahrhunderts. Bereits 1860 stellte der Mediziner Paul Broca fest, dass Verletzungen der linken Gehirnhälfte oft zu Problemen mit der Sprachverarbeitung führten. Daraus entstand die Theorie der Lateralisation, die besagt, dass bestimmte Hirnareale unterschiedliche Funktionen übernehmen.

In den 1960er Jahren führten die Experimente des späteren Medizin-Nobelpreisträgers Roger Sperry mit sogenannten Split-Brain-Patienten zu weiterem Aufsehen. Bei diesen Epilepsiepatienten war der Corpus callosum, die Hauptverbindung zwischen den beiden Hirnhälften, durchtrennt worden, um die Ausbreitung epileptischer Anfälle zu verhindern. Sperrys Forschungen zeigten, dass die beiden Hirnhälften auch getrennt voneinander arbeiten können. So stellte man fest, dass Sprache eher in der linken Hemisphäre verarbeitet wird, während bildhaftes Denken eher in der rechten Hemisphäre stattfindet.

Diese frühen Erkenntnisse verfestigten sich zu dem Mythos, dass Menschen sich grundsätzlich darin unterscheiden, ob sie eher mit der intuitiven rechten oder der analytischen linken Hemisphäre denken - Team Logik oder Team Kreativität.

Die Zusammenarbeit der Gehirnhälften

Die moderne Neurowissenschaft hat jedoch ein differenzierteres Bild des Gehirns gezeichnet. Die Annahme, dass die linke Gehirnhälfte nur für analytische Aufgaben und die rechte nur für kreative Aufgaben zuständig ist, ist längst überholt. "So einfach lassen sich die Funktionen nicht zuordnen; schließlich sind die beiden Hirnhälften beim Menschen verbunden, also im ständigen Austausch", erklärt Neurowissenschaftler Henning Beck.

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Das Gehirn arbeitet nicht isoliert, sondern großflächig. Aufgaben sind komplex und erfordern in den meisten Fällen die Aktivität unterschiedlicher Gehirnareale aus beiden Hirnhälften. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Sprache: Wir erkennen Wörter zwar mit der linken Gehirnhälfte, ihre Betonung interpretieren wir aber mit der rechten Gehirnhälfte. Gerade für kreative oder analytische Aufgaben ist dieser Austausch unerlässlich.

Henning Beck vergleicht die Zusammenarbeit der Gehirnhälften mit einer Stadt: Gäbe es nur einen riesigen Stadtkern und keine Viertel, würde es sehr lange dauern, von einem Standort zum nächsten zu gelangen. In den einzelnen Vierteln sind die Wege zum nächsten Bäcker, Supermarkt oder Arbeitsplatz dagegen sehr kurz. Im Gehirn ist es ähnlich: Es gibt zwei Hirnhälften, in denen unterschiedliche Prozesse vorwiegend stattfinden, um die Prozesse schnell ablaufen lassen zu können.

Funktionelle Asymmetrien und Lateralisierung

Neurowissenschaftler untersuchen funktionelle Asymmetrien der Gehirnhälften, sogenannte Lateralisierungen. Sie messen die Dominanz einer Seite für eine bestimmte Funktion. So ist beispielsweise die linke Gehirnhälfte bei den meisten Menschen für die Sprachverarbeitung dominanter.

Allerdings bedeutet dies nicht, dass die rechte Gehirnhälfte bei der Sprachverarbeitung keine Rolle spielt. Tatsächlich zeigen Studien, dass beide Gehirnhälften immer aktiv sind und zusammenarbeiten, um komplexe Aufgaben zu bewältigen.

Die Rolle der rechten Gehirnhälfte: Emotionen und Wahrnehmung

Die rechte Gehirnhälfte wird oft mit Emotionen, Kreativität und Intuition in Verbindung gebracht. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass die rechte Gehirnhälfte eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen spielt, insbesondere von negativen Emotionen.

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Forscher haben die Valenzhypothese aufgestellt, die besagt, dass eine Hyperaktivität der rechten Gehirnhälfte dazu führen kann, dass negative Gefühle stärker verarbeitet werden, pessimistische Gedanken auftauchen und unkonstruktive Denkmuster entstehen. Aktivität in der rechten Hirnhälfte sei außerdem verknüpft mit Selbstreflektion, die bei depressiven Patient:innen häufig intensiver ist als bei gesunden Menschen. Die rechte Hirnhälfte spielt auch eine wichtige Rolle bei der Anpassung unseres Erregungszustands, was erklären könnte, warum depressive Menschen häufig an Schlafproblemen leiden.

Darüber hinaus ist die rechte Gehirnhälfte hauptverantwortlich für einen Großteil der Wahrnehmung von linksseitigen Sinneseindrücken und Bewegung unserer linken Körperhälfte. Eine Schädigung in der rechten Hirnhälfte kann daher zu Beeinträchtigungen in der Aufmerksamkeit für die linke Hälfte der Umwelt führen, einem Zustand, der als linksseitiger Neglect bezeichnet wird.

Kreativität: Mehr als nur eine Gehirnhälfte

Kreativität ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener neuronaler Netzwerke im gesamten Gehirn. Die Vorstellung, dass Kreativität ausschließlich in der rechten Gehirnhälfte verortet ist, ist eine Vereinfachung.

Studien haben gezeigt, dass die kreativsten Menschen oft diejenigen sind, deren Hirnhälften besonders gut miteinander verknüpft sind. Die Interaktion und der Austausch von Informationen zwischen den beiden Hemisphären sind entscheidend für kreative Prozesse.

Kann man Kreativität trainieren?

Obwohl die genetische Veranlagung eine Rolle bei der Kreativität spielt, ist die Fähigkeit, kreative Leistungen zu erbringen, eher erlernt als durch die Gene bestimmt. Das bedeutet, dass Kreativität trainiert und gefördert werden kann.

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Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Kreativität zu fördern, darunter:

  • Musizieren: Musizieren regt das Gehirn an und fördert die Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften.
  • Sport treiben: Sport verbessert die Durchblutung des Gehirns und kann die Kreativität steigern.
  • Denken und Lernen anregen: Aufgaben, die uns zum Denken und Lernen anregen, fordern das Gehirn heraus und können die Kreativität fördern.
  • Kognitive Flexibilität fördern: Aktivitätsbasierte Ansätze können helfen, die kognitive Flexibilität zu fördern, die notwendig ist, um zwischen kreativem und analytischem Denken zu wechseln.

Der Ballerina-Test: Eine optische Täuschung

Der sogenannte Ballerina-Test, bei dem man die Drehrichtung einer Tänzerin beobachtet, wird oft als Indikator für die Dominanz der rechten oder linken Gehirnhälfte interpretiert. Tatsächlich ist die drehende Tänzerin jedoch lediglich eine optische Täuschung in 2D, die von unserem Wahrnehmungsapparat als dreidimensionales Bild interpretiert wird.

Die unterschiedliche Wahrnehmung der Drehrichtung hängt von der Aufmerksamkeit auf Schatten oder Konturen ab und sagt nichts über die Präferenz eines Menschen aus, entweder emotional-kreativ oder kognitiv-analytisch zu denken.

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