Der Brexit, der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union, ist ein komplexes und vielschichtiges Thema mit weitreichenden Folgen. Bereits im Jahr 2015 untersuchte das ifo Institut im Auftrag der Bertelsmann Stiftung die Konsequenzen eines Brexit und hat diese Analysen seitdem in weiteren Studien vertieft und aktualisiert. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Nachteile und Folgen des Brexit für das Vereinigte Königreich, die Europäische Union und insbesondere Deutschland.
Wirtschaftliche Auswirkungen des Brexit
Ein Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union hat viele negative wirtschaftliche Folgen für das Land, aber auch für die EU und Deutschland. Im schlimmsten Fall wären der Freihandel gestoppt, die Binnenmarktregeln verfallen und wieder Zollschranken errichtet worden. Der Handel würde teuer - insbesondere für das Vereinigte Königreich, da für die Briten der EU-Markt sehr viel wichtiger ist als das Vereinigte Königreich für die meisten EU-Mitgliedstaaten.
Handelspolitische Folgen
Trotz des neuen Handelsabkommens trifft der Brexit den Handel des Vereinigten Königreichs härter als den der EU. Der Anteil der EU am Handel des Vereinigten Königreichs ist größer als umgekehrt, auch bei Produkten, bei denen es nur wenige Lieferanten gibt. Im Jahr 2019 wickelte Großbritannien 50% seiner Importe und 47% seiner Exporte mit der EU27 ab. Damit ist die EU der größte Markt für das Vereinigte Königreich. Für die EU27 hingegen ist die Insel wesentlich weniger wichtig: Im Jahr 2019 gingen nur 4% der Exporte dorthin und 6% kamen von dort. Durch das Handels- und Kooperationsabkommen kommt es zu einer relativ geringen handelspolitischen Abschottung des Vereinigten Königreichs. Trotzdem könnte der Austritt und das Handelsabkommen dazu führen, dass das reale BIP im Vereinigten Königreich bei einer Betrachtung der reinen Handelseffekte um 0,9% geringer ausfällt als bei einem Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU. Dies entspricht 23,9 Milliarden Euro oder 412 Euro pro Kopf. Irland verliert wegen seiner geringen Größe und der starken wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Vereinigten Königreich relativ sogar noch stärker mit etwa 1,5% des irischen BIP. Für die restliche EU hingegen fallen die wirtschaftlichen Wohlfahrtsverluste eines Brexit deutlich geringer aus. Die handelspolitische Isolierung des Vereinigten Königreichs durch den Austritt und das Handelsabkommen führt dazu, dass das reale BIP in Deutschland um etwa 0,14% geringer ausfällt als bei einem Verbleib in der EU. Das entspräche einem Rückgang des deutschen BIPs in Höhe von 4,9 Milliarden Euro oder 71 Euro pro Kopf. Einzelne Branchen wiederum sind unterschiedlich von geringeren Exporten in das Vereinigte Königreich betroffen. Durch den weichen Brexit wird der größte Rückgang in der Pharmabranche sowie bei Elektronischen Waren mit jeweils bis zu 2,2% erwartet. Daneben müssen auch die Finanzbranche, die Chemiebranche sowie die Plastikindustrie mit Einschnitten rechnen.
Auswirkungen auf deutsche Unternehmen
Fachkräftemangel, Handelsbarrieren, Lieferkettenprobleme - knapp ein Jahr nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem EU-Binnenmarkt werden die wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexit für die deutschen Unternehmen vor Ort immer konkreter. Die Sonderauswertung des AHK World Business Outlook basiert auf knapp 80 Antworten der im Vereinigten Königreich vertretenen Unternehmen. Von diesen Betrieben in Großbritannien rechnen nur noch 29 Prozent mit einer besseren konjunkturellen Entwicklung vor Ort. "Der reibungslose Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen Deutschland und Großbritannien gerät mit dessen Austritt aus dem gemeinsamen Binnenmarkt immer mehr aus dem Takt", fasst DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier die Ergebnisse zusammen. So berichten 43 Prozent der deutschen Unternehmen in UK von Handelsbarrieren oder der Bevorzugung einheimischer Mitbewerber. Hinzu kommt, dass Großbritannien ab dem 1. Januar Zollkontrollen an den Grenzen verstärkt. Das Versandverfahren ermöglicht Betriebe eigentlich, die Zollverfahren überall und dezentral an britischen Inlandszollstellen abzuwickeln - was vielerorts noch nicht klappt. "Diese Mängel werden viele Unternehmen Zeit und Geld kosten und ihnen Nerven rauben", erklärt der DIHK-Außenwirtschaftschef. Und das hat Konsequenzen: Insgesamt 77 Prozent der deutschen Unternehmen im Vereinigten Königreich haben vor, ihre Lieferketten anzupassen (weltweit sind es 54 Prozent). Darüber hinaus berichten aktuell 55 Prozent der deutschen Unternehmen in UK, zu wenig Fachkräfte vor Ort zu finden; im weltweiten Durchschnitt sind es 37 Prozent. In Großbritannien zeigte sich dies etwa zuletzt am Fehlen von LKW-Fahrern. Die deutschen Exporte nach UK und Investitionen auf der Insel sind seit dem Brexit-Referendum rückläufig. Während Großbritannien im Jahr 2016 noch drittwichtigster Exportmarkt Deutschlands war, ist das Land abgerutscht. Aufgrund der Entwicklung und der bestehenden Herausforderungen erwartet der DIHK für das kommende Jahr einen weiteren Rückgang der Im- und Exporte.
Politische Folgen des Brexit
Aus politischer Perspektive markierte der Brexit für die EU einen historischen Einschnitt. Mit dem formellen Austritt am 31. Januar 2020 hat zum ersten Mal in der Geschichte ein Mitglied die EU verlassen - und damit demonstriert, dass die europäische Integration keine Einbahnstraße ist. Zwar war Großbritannien schon vorher der EU-Staat mit den meisten Ausnahmeregelungen und Interner Link: Opt-Out-Klauseln. Nun hat die Union aber ihr sowohl nach Bevölkerungsgröße als auch nach Wirtschaftskraft zweitgrößter Mitgliedstaat verlassen, wodurch sie wirtschaftlich, politisch und kulturell geschrumpft ist. Besonders deutlich zeigt sich der Verlust beim russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Denn das Vereinigte Königreich bleibt als ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat, mit seinen engen Beziehungen zu den USA und dem - zumindest vor der "Zeitenwende" - größten Verteidigungshaushalt der europäischen Nato-Staaten ein wichtiger Akteur in Europas Sicherheitsarchitektur. 2022 gehört London zu den stärksten Unterstützern der Ukraine und hat eigene Sicherheitspartnerschaften mit mehreren nordischen sowie mittel- und osteuropäischen EU-Staaten geschlossen. Eine strukturierte Zusammenarbeit mit der EU hat London bisher abgelehnt, sich aber mit der EU und den USA bei den Sanktionen gegen Russland und der Unterstützung für die Ukraine eng abgestimmt.
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Auswirkungen innerhalb der EU
Auf der anderen Seite ist der befürchtete Dominoeffekt von Austritten aus der EU ausgeblieben. Seit der britischen Volksabstimmung von 2016 war ein Austritt in keinem anderen EU-Mitgliedstaat Thema. Im Gegenteil, nach den negativen Erfahrungen der Britinnen und Briten und dem politischen Chaos in London haben sich auch führende EU-Gegnerinnen und -Gegner wie Marine Le Pen in Frankreich oder Giorgia Meloni und Matteo Salvini in Italien zumindest rhetorisch vom Ziel eines EU- und/oder Euro-Austritts verabschiedet. Parallel ist die Zustimmung zur Mitgliedschaft in der Union europaweit gestiegen. Dabei ist die EU in keiner Frage der vergangenen Jahre so einig aufgetreten wie bei den Brexit-Verhandlungen. Auch wenn die Differenzen der EU-27 in anderen Fragen gewaltig bleiben, bei den Gesprächen mit London konnte die EU durchweg mit einer Stimme sprechen. Alle Mitgliedstaaten haben die Verhandlungsführung von EU-Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier unterstützt. Alle einte das Interesse, den EU-Binnenmarkt und den Zusammenhalt der EU-27 zu schützen. Politisch hat der Austritt der Briten zudem den Weg für Einigungen freigemacht, die sonst blockiert worden wären. Dies war besonders in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik wie auch beim Corona-Wiederaufbaufonds zu beobachten.
Politische Turbulenzen in Großbritannien
Anders sieht es in Großbritannien aus. Der Brexit hat das Land tief gespalten und zu einer der turbulentesten politischen Perioden der jüngeren britischen Geschichte geführt, mit bislang zwei vorgezogenen Neuwahlen, drei Rücktritten der Premierminister David Cameron, Theresa May und 2022 auch Boris Johnson sowie zahlreichen historischen Niederlagen der Regierung im Parlament. Ausgangspunkt der politischen Krise im Vereinigten Königreich war zunächst der knappe Ausgang des Referendums. Mit 52 zu 48 Prozent sprach sich eine knappe Mehrheit der Britinnen und Briten für den EU-Austritt aus. Eine Mehrheit hatte der Brexit vor allem im ländlichen England und Wales, während sich die Bevölkerung in Schottland, Nordirland sowie vielen englischen Städten für den Verbleib aussprach. Hinzu kam, dass es beim Referendum keine klare Vorstellung vom Brexit gab. Bis Ende 2019 wurde daher darüber gerungen, wie weit sich das Land von der EU, ihrem Binnenmarkt und der Zollunion entkoppeln - oder ob sogar ein zweites Referendum stattfinden sollte. In diesem Prozess setzten sich am Ende innerhalb der konservativen Partei ("Tories") und bei den vorgezogenen Neuwahlen im Dezember 2019 unter Führung von Boris Johnson diejenigen durch, welche eine möglichst klare Trennung von der EU forderten. Unter dem Motto "Get Brexit Done" ("Den Brexit durchziehen") und befördert durch das britische Wahlsystem konnte Johnson eine absolute Mehrheit erreichen und den harten Brexit durchsetzen. Dieser Siegeszug der Brexiteers hat die konservative Partei und die politische Kultur Großbritanniens verändert. Viele moderate Konservative, die sich für eine engere Zusammenarbeit mit der EU ausgesprochen hatten, wurden aus Fraktion und/oder Partei gedrängt. Parallel hat sich die Partei auch in kulturellen Fragen nach rechts bewegt, dafür aber sozio-ökonomisch insbesondere in der Corona-Pandemie mehr Unterstützungsleistungen befürwortet. Mit dieser Strategie hat die konservative Partei viele ehemalige Labour-Wähler gewonnen und das Gleichgewicht zwischen der sozialdemokratischen Labour Party und den Konservativen nachhaltig zu ihren Gunsten verändert.
Auswirkungen auf den Zusammenhalt des Vereinigten Königreichs
Langfristig gefährdet der Brexit den Zusammenhalt im Land. Die schottische Bevölkerung hatte sich 2016 mit 62 Prozent für den Verbleib in der EU ausgesprochen. Aus Sicht der in Schottland regierenden Scottish National Party (SNP) wurde Schottland gegen seinen Willen aus der EU gerissen und zum harten Brexit gezwungen. Die Partei fordert daher ein neues Unabhängigkeitsreferendum. Die Zustimmung zur schottischen Unabhängigkeit ist im Zuge des Brexits gestiegen und hat sich bei 50 zu 50 eingependelt. Noch einschneidender war der Brexit für Nordirland, dessen Bevölkerung ebenfalls mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt hatte. Der Umgang mit Nordirland und die Frage, wie die Grenze zum EU-Mitglied Irland offengehalten werden kann, welche die einzige Landgrenze Großbritanniens zur EU darstellt und zudem eng mit dem nordirischen Friedensprozess verbunden ist, wurde zu einem der schwierigsten Aspekte des Brexit-Verhandlungsprozesses. Während Theresa May für die Einheitlichkeit des Königreichs einen weicheren Brexit in Kauf nehmen wollte, setzte Boris Johnson seinen harten Brexit mit dem so genannten Nordirland-Protokoll durch. Demnach erhält Nordirland einen Sonderstatus, bei dem viele Regeln des EU-Binnenmarkts dort weitergelten und die Zollkontrollen zwischen Nordirland und Großbritannien in der Irischen See stattfinden. Diese Regelung hat es ermöglicht, Kontrollen an der Grenze zu Irland zu verhindern und Nordirland ein größeres Wirtschaftswachstum als dem Rest des Königreichs außer London beschert. Allerdings verschiebt sich die wirtschaftliche Verflechtung Nordirlands schrittweise von Großbritannien zu Irland und der EU, so dass das Protokoll von nordirischen Unionisten, aber auch den Brexiteers abgelehnt wird. Die britische Regierung fordert die Neuverhandlung des Protokolls und drohte im Sommer 2022 sogar, das Protokoll und damit auch den EU-Austrittsvertrag notfalls einseitig zu brechen. Weder ist derzeit eine Einigung mit der EU noch eine Rückkehr zu einer funktionsfähigen Regierung in Nordirland in Sicht.
Wirtschaftliche Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien nach dem Brexit
Am stärksten hat sich der Brexit im wirtschaftlichen Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien ausgewirkt. Die EU bleibt im Kern eine Wirtschaftsgemeinschaft, und Großbritannien hat mit dem Brexit auch EU-Binnenmarkt und EU-Zollunion verlassen. Vor dem Austrittsreferendum hat die "Remain"-Kampagne dabei primär mit wirtschaftlichen Argumenten und Szenarien von großen Wohlstandsverlusten versucht, die Britinnen und Briten vom Verbleib in der EU zu überzeugen. Bei der Bewertung der wirtschaftlichen Folgen ist zunächst zu betonen, dass sich die Regierung von Boris Johnson für eine möglichst klare Trennung von der EU entschieden hatte. Im Spektrum der möglichen wirtschaftlichen Beziehungen der Union zu Drittstaaten hat sich das Land in der Folge deutlich stärker abgekoppelt als etwa Norwegen (fast vollständige Teilnahme am Binnenmarkt über den Europäischen Wirtschaftsraum), die Schweiz (bilaterale Verträge), die Türkei (Zollunion) oder die Ukraine. Ein "No-Deal Brexit", der Austritt ohne jegliche Regelungen, konnte nach harten Verhandlungen gerade noch verhindert werden. Stattdessen haben Brüssel und London ein Handels- und Kooperationsabkommen geschlossen, das neben dem Austrittsabkommen von Januar 2020 die Beziehungen auf eine neue Basis stellt. Wirtschaftlich setzt es an Stelle der früheren Binnenmarkt- und Zollunionteilnahme ein Freihandelsabkommen, in dem es zwar weder Zölle noch Mengenbeschränkungen zwischen der EU und Großbritannien gibt, aber zahlreiche reguläre nicht-tarifäre Handelshemmnisse und Grenzkontrollen wieder eingeführt wurden. Etwa 47 Prozent der britischen Exporte gehen in die EU. Dennoch wurde der Handel mit diesem mit Abstand wichtigsten Handelspartner erheblich erschwert, ebenso wie paneuropäische Lieferketten. Deutlich eingeschränkt wurden auch die Möglichkeiten für EU-Europäer, in Großbritannien zu arbeiten - und andersherum.
Wirtschaftliche Folgen für Großbritannien
Da der Wechsel von der Brexit-Übergangsphase zum neuen Handelsabkommen im Januar 2021 erfolgte, also mitten in der Covid-19-Pandemie, sind die genauen wirtschaftlichen Konsequenzen nur schwer von den Folgen von Pandemie und Lockdown-Maßnahmen zu trennen. Der britische Think Tank CER geht davon aus, dass die britische Wirtschaft heute etwa fünf Prozent kleiner ist als sie es ohne Brexit gewesen wäre. Deutlich bemerkbar macht sich der Austritt vor allem beim britischen Export in die EU, den Direktinvestitionen und bei der britischen Produktivität. Dies führte allerdings eher zu einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums und einem langfristigen Rückgang wirtschaftlicher Dynamik; ein massiver, einmaliger Einbruch, wie ihn die Pandemie ausgelöst hat, blieb aus. Langfristig geht die britische Haushaltsbehörde dennoch davon aus, dass die wirtschaftlichen Folgen des Brexit gravierender als diejenigen der Pandemie sein werden.
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Wirtschaftliche Folgen für die EU
Die Pandemie erschwert auch ein genaues Beziffern der wirtschaftlichen Auswirkungen des Brexit auf die EU. Für die meisten EU-Staaten ist Großbritannien zwar ein wichtiger Handelspartner, in der Bedeutung aber nicht vergleichbar mit derjenigen der EU für das Vereinigte Königreich. Teilausnahme Irland: Trotz seiner engen Wirtschaftsbeziehungen zu Großbritannien konnte das Land seine Exporte 2021 dennoch so stark steigern, dass die irische Wirtschaft um 13,5 Prozentpunkte zulegte. Für Deutschland lässt sich vor allem eine Verlagerung von Handelsströmungen weg von Großbritannien beobachten. So ist das Land in der Liste der wichtigsten Handelspartner Deutschlands von Platz drei im Jahr 2015 auf Platz zehn im Jahr abgerutscht. Insgesamt hat die EU zwar das Volumen der britischen Wirtschaft eingebüßt, bis dato sind die Einbußen für die einzelnen EU-Ländern aber wie erwartet deutlich geringer als diejenigen für Großbritannien.
Fünf Jahre nach dem Brexit: Eine Bilanz
Fünf Jahre nach dem Brexit ziehen Ökonomen und Firmen eine Bilanz: Der erwartete wirtschaftliche Kollaps ist nicht eingetreten, aber der finanzielle Verlust ist dennoch erheblich. Der Brexit ist vor genau fünf Jahren endgültig vollzogen worden. Die Befürworter hatten vor allem mehr Unabhängigkeit und weniger Migration versprochen. Gegner befürchteten unter anderem Nachteile für die Wirtschaft. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov gaben im Januar 55 Prozent der befragten Erwachsenen an, es sei falsch gewesen, für den EU-Austritt zu stimmen, nur 30 Prozent halten den Schritt immer noch für eine gute Idee. Wirtschaftswissenschaftler und Analysten schätzen die Auswirkungen des Brexit allgemein als negativ ein.
Handel und Migration
Einige neuere Studien deuten darauf hin, dass die Warenexporte des Vereinigten Königreichs um 30 Prozent niedriger sind, als sie es gewesen wären, wenn Großbritannien den Binnenmarkt und die Zollunion nicht verlassen hätte. Andere gehen von einem Rückgang um nur 6 Prozent aus, berichtet die BBC. Das regierungsnahe, unabhängige Office for Budget Responsibility (OBR) rechnet laut BBC vor, dass der Brexit langfristig zu einem Rückgang der Exporte und Importe von Waren und Dienstleistungen um 15 Prozent führen könnte. Langfristig werde die britische Wirtschaft allein durch den Brexit um 4 Prozent schrumpfen. Diese Werte sind reine Annahmen und können sich in der Zukunft noch verändern. Die neuen Handelsabkommen, die Großbritannien mit Australien und Neuseeland abgeschlossen hat, fallen im Vergleich zum ehemaligen EU-Handel wenig ins Gewicht. Dafür belastet die zeitaufwändige und komplizierte Bürokratie bei der Ein- und Ausfuhr viele Unternehmen. Davon sind besonders kleinere Firmen betroffen. Ein zentraler Faktor in der jahrelangen Brexit-Debatte war die Zuwanderung nach Großbritannien. Die Konservativen versprachen, durch den EU-Austritt würden die Grenzen dicht sein, die Migrationszahlen sinken. Doch das ist nicht der Fall. Zwar sank die Migration aus der EU nach Großbritannien, die Nettozuwanderung (Einwanderung minus Auswanderung) aus Nicht-EU-Ländern erreichte aber Rekordhöhen. Ein Großteil der Immigranten aus nicht EU-Ländern kommt auf Basis eines Arbeitsvisums. Darauf sind vor allem das Gesundheitswesen sowie die Pflegeberufe angewiesen. Eine weitere große Gruppe sind Studenten sowie deren Familien. Die finanzschwachen britischen Universitäten vergeben gerne für teures Geld Studienplätze an Studenten aus Indien, China oder aus den USA. Die illegale Migration über den Ärmelkanal sorgte zuletzt für viel politischen Sprengstoff. Die regierende Labour-Partei von Premierminister Keir Starmer hat einen „umfassenden Plan“ zum Umgang mit der Migration angekündigt.
Reisebeschränkungen und die Zukunft der Beziehungen zur EU
Das Ende der EU-Freizügigkeit hat Touristen und Geschäftsreisende getroffen. EU-Bürger können sich bis zu sechs Monate lang im Vereinigten Königreich aufhalten, ohne ein Visum zu benötigen. Seit dem 1. Oktober 2021 benötigt man für die Einreise nach Großbritannien einen Reisepass. Von dieser Regel gibt es nur ganz wenige Ausnahmen. Eine größere Veränderung in Bezug auf das Reisen steht jedoch erst noch bevor. Ab dem 2 April 2025 benötigen Besucher aus europäischen Ländern außerdem eine elektronische Reisegenehmigung (ETA), um nach Großbritannien und Nordirland zu reisen. Anträge können von Staatsangehörigen dieser Länder ab dem 5. März 2025 gestellt werden. Der britische Premierminister Keir Starmer von der Labour-Partei war zuletzt mehrere Schritte auf die EU zugegangen, von einem Neuanfang in den Beziehungen ist die Rede. Die Verbindungen zu den „europäischen Freunden“ müssten vertieft werden, steht im Parteiprogramm. „Mit Labour wird Großbritannien außerhalb der EU bleiben. Aber um die Chancen, die vor uns liegen, zu nutzen, müssen wir den Brexit zum Erfolg führen.“ Immerhin, in der Rüstungszusammenarbeit und Verteidigung rücken beide Partner enger zusammen. Mit Deutschland schloss Großbritannien bereits ein entsprechendes Abkommen. Fachkräftemangel, Handelsbarrieren, Lieferkettenprobleme - knapp ein Jahr nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem EU-Binnenmarkt werden die wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexit für die deutschen Unternehmen vor Ort immer konkreter.
Die langfristigen Folgen und Perspektiven
Auch sechs Jahre nach dem Brexit-Referendum bleibt das Verhältnis zwischen Vereinigtem Königreich und der Europäischen Union angespannt. Nach dem Siegeszug der Brexiteers in Großbritannien wurde 2020 erst der formelle Brexit vollzogen und dann mit dem Handels- und Kooperationsabkommen eine Basis für die Zusammenarbeit geschaffen. Doch die Beziehungen sind deutlich distanzierter geworden, der Handel zwischen EU und Briten zurückgegangen. Die EU-UK-Beziehungen bleiben also angespannt. Trotzdem könnte der britische Regierungswechsel genutzt werden, um - auch mit Blick auf die schwierige wirtschaftliche Lage in Großbritannien und der EU - einen neuen Verhandlungsversuch zu unternehmen. Der "reset", den Premierminister Keir Starmer angekündigt hat, stößt in der emotional noch immer aufgeladenen Debatte an klare Grenzen.
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Die Herausforderungen der Einwanderung und des Handels
Ausgerechnet bei der britischen Dependance des DAX-Konzerns Siemens Healthineers beschwor die britische Schatzkanzlerin gerade das Mantra der neuen Labour-Regierung: "Wachstum, Wachstum, Wachstum". Das Wort Investition kam 47 mal vor. Das Wort Immigration nur einmal: Man wolle die Immigration begrenzen. Das jedoch wird schwierig, meinen Experten, so Professor Jonathan Portes vom Kings College London. Einerseits wolle die Regierung Wachstum, andererseits habe sie auch erklärt, "dass sie die Nettomigration senken will und dass sie bestimmte rote Linien im Hinblick auf die Beziehungen zur EU hat. Beides kann nicht wahr sein". Vor dem Brexit lag die Netto-Immigration bei rund 250.000 Menschen pro Jahr, rechnen Experten vom Think Tank "UK in a changing Europe" vor. Fünf Jahre nach dem Brexit sind es rund dreimal so viel. Es kommen weniger Arbeitskräfte aus der EU, mehr aus aller Welt. Der Brexit hat dem Güterhandel geschadet - doch große Firmen sind mit den Folgen besser zurechtgekommen als zunächst angenommen. Zu diesem Ergebnis kommen Wirtschaftswissenschaftler der London School of Economics. Kleine und mittelständische Unternehmen dagegen leiden mehr. Tausende haben den Export in die EU ganz eingestellt.
Die Suche nach neuen Handelsabkommen
Es gibt ein weitgehendes Freihandelsabkommen mit der EU - das allerdings nicht umfassend ist. Dagegen stocken wichtige Freihandelsabkommen mit Indien und den USA, China. Wichtig dagegen: Die neue Mitgliedschaft im Transpazifischen Handelspakt, zu dem Japan, Australien und Kanada gehören. Die Befürworter des Brexits wurden seinerzeit nicht müde, die garantierte Souveränität Großbritannien außerhalb der EU zu preisen. So wie etwa der damalige Premierminister Boris Johnson. Die Idee war, die Handelsverträge der EU in aller Welt durch bilaterale Abkommen mit besseren Konditionen zu ersetzen. Nachdem die EU-Regeln nach einer Übergangsfrist gefallen waren, hatte Kanada hohe Importzölle auf Käse und Autos erhoben. Vier Jahre nach dem Brexit hat das Vereinigte Königreich bilaterale Handelsabkommen mit Australien und Neuseeland geschlossen und ist dem Pazifikpakt CPTTP beigetreten. Einige Vorteile mag es durch die Abkommen geben, aber diese Länder sind allesamt weit weg. Die Regierung selbst schätzt jeden Vertrag auf ein Volumen von 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die wirtschaftlichen Einbußen durch den Brexit ganz präzise zu beziffern, sei schwierig, so Sampson. "Man muss sich das wie bei einem kleinen Loch im Autoreifen vorstellen, dass der Wirtschaft ganz langsam die Luft ausgeht", sagt Sampson. Sie sei seit dem Referendum ein kleines bisschen weniger gewachsen, als man ohne den Brexit erwartet hätte. Und noch eine Hiobsbotschaft müssen die Briten zum Brexit-Jahrestag den Nachrichten entnehmen: Die Preise für Obst und Gemüse, aber auch Milch- und Fleischprodukte werden im Laufe des Jahres steigen, weil bisher verschobene Grenzkontrollen für Nahrungsmittelimporte aus der EU nun wirklich in Kraft treten und den bürokratischen Aufwand und Importkosten erhöhen. Auch das Brexit-Versprechen, nach Ende der EU-Freizügigkeit würden weniger Menschen auf die britische Insel kommen, wurde nicht erfüllt. Mit Nachzugsverboten hat die Regierung nun reagiert.