Ein Schlaganfall ist eine gravierende Erkrankung, die durch eine plötzliche Unterbrechung der Blutzufuhr zum Gehirn oder durch eine Blutung im Gehirn verursacht wird. Diese Ereignisse können zu dauerhaften neurologischen Schäden führen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Schlaganfalls, von den Ursachen und Risikofaktoren bis hin zu den Behandlungsmethoden und der Rehabilitation, insbesondere in den ersten 100 Tagen nach dem Ereignis.
Was ist ein Schlaganfall?
Ein Schlaganfall, medizinisch als Apoplexie oder zerebrovaskulärer Insult bezeichnet (ICD-10 I63), ist eine zeitkritische Erkrankung des Gehirns. Er entsteht durch eine plötzliche Schädigung von Hirngewebe, entweder durch einen Gefäßverschluss (ischämischer Insult) oder eine Hirnblutung (hämorrhagischer Insult). Die Folgen eines Schlaganfalls hängen stark von der Lokalisation und dem Ausmaß des betroffenen Hirnareals ab. Kognitive, sensorische und motorische Funktionsstörungen sind häufige Begleiterscheinungen.
Die Diagnose wird in der Regel durch bildgebende Verfahren wie Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie (MRT) oder Angiographie bestätigt. Die Prognose nach einem Schlaganfall variiert je nach Ursache, Art und Umfang der Läsion sowie dem Zeitpunkt der therapeutischen Intervention.
Häufigkeit und globale Auswirkungen
Der Schlaganfall gehört zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen weltweit. Jährlich erleiden etwa 15 Millionen Menschen einen apoplektischen Insult, von denen 5 Millionen sterben und weitere 5 Millionen dauerhaft eingeschränkt bleiben. In Deutschland werden jährlich etwa 270.000 Schlaganfälle diagnostiziert, was einer Inzidenzrate von 260-270 pro 100.000 Einwohner entspricht. Bei etwa 70.000 dieser Ereignisse handelt es sich um ein Rezidiv.
Die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu erleiden, steigt mit zunehmendem Alter. Fast 80 % aller Schlaganfälle treten bei Menschen über 60 Jahren auf. Allerdings sind auch jüngere Menschen betroffen, darunter etwa 30.000 unter 55 Jahren und sogar Kinder. Die Stiftung „Deutsche Schlaganfall Hilfe“ schätzt, dass jährlich bei 300 Kindern ein Schlaganfall diagnostiziert wird, wobei die Dunkelziffer vermutlich höher liegt.
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Weltweiter Anstieg der Schlaganfall-Last
Obwohl die altersstandardisierten Raten der Schlaganfallinzidenz, Mortalität, Prävalenz und DALYs (Disability-Adjusted Life Years) zwischen 1990 und 2019 gesunken sind, nimmt die absolute Zahl der Schlaganfälle weltweit zu. So stieg die absolute Zahl der Schlaganfälle um 70 %, die Zahl der prävalenten Schlaganfälle um 85 %, die Zahl der Todesfälle durch Schlaganfall um 43 % und die Zahl der durch Schlaganfall verursachten DALYs um 32 %.
Dieser Trend wird sich aufgrund der demografischen Entwicklung und der steigenden Lebenserwartung voraussichtlich fortsetzen. Der Anteil der Bevölkerung über 60 Jahre wird von derzeit 24 % auf prognostizierte 38 % im Jahr 2050 steigen. Besorgniserregend ist auch die zunehmende Schlaganfallrate in Niedriglohnländern und der überproportionale Anstieg von Inzidenz und Prävalenz in der Gruppe der unter 70-jährigen Menschen.
Schlaganfall als Todesursache
Der Schlaganfall ist in Deutschland und weltweit die dritthäufigste Todesursache. Eine Analyse der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) von Versicherten der AOK Niedersachsen zeigt, dass hierzulande 6,8 % der PatientInnen in den ersten 30 Tagen nach einem Schlaganfall versterben, nach 90 Tagen 9,4 % und nach einem Jahr 17 %. Nach fünf Jahren leben noch durchschnittlich 55 % der Betroffenen.
Risikofaktoren für einen Schlaganfall
Generell lassen sich 87 % der Schlaganfälle auf definierte Risikofaktoren zurückführen. Es wird zwischen modifizierbaren und nicht beeinflussbaren Faktoren unterschieden.
Modifizierbare Risikofaktoren
In einer GBD-Studie (Global Burden of Diseases) aus dem Jahr 2021 wurden 19 Risikofaktoren für das Auftreten von Schlaganfällen benannt und gewichtet. Der Hauptrisikofaktor ist demnach ein hoher Blutdruck, der für 80 Millionen DALYs bzw. 55,5 % aller DALYs verantwortlich war.
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Weitere Risikofaktoren sind:
- Erhöhter Body-Mass-Index (BMI) bzw. Übergewicht (24,3 % aller Schlaganfall-bedingten DALYs)
- Diabetes (20,2 %)
- Umwelt- bzw. Luftverschmutzung (20,1 %)
- Rauchen (17,6 %)
- Hoher Salzkonsum (12,3 %)
Andere, mit einem erhöhten Schlaganfall-Risiko assoziierte Risikofaktoren sind:
- Bewegungsmangel
- Hyperlipidämie
- Vorhofflimmern
- Stress
- Alkoholkonsum
- Arteriosklerose
- Karotisstenose
- Ovulationshemmer
- Polyglobulie
- Endometriose (bei Frauen)
Nicht modifizierbare Risikofaktoren
Zwei der bedeutsamsten nicht modifizierbaren Risikofaktoren für einen Schlaganfall sind das Alter und das Geschlecht. Die meisten apoplektischen Insulte betreffen Menschen über 60 Jahre. Zudem haben Frauen ein höheres Schlaganfall-Risiko als Männer. Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) liegt die altersstandardisierte Schlaganfallrate bei Frauen in Deutschland bei 2,1 % pro Jahr, während sie bei Männern 1,8 % pro Jahr beträgt.
Auch genetische Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Bis jetzt wurden 89 Schlaganfall-Risikogene ermittelt, die für den Stoffwechsel von Lipiden, die Blutdruckregulation und Gerinnungsfaktoren verantwortlich sind. Die Risikogene korrelieren mit der Herkunft der PatientInnen und der Art des Schlaganfalls (ischämisch/hämorrhagisch).
Ursachen von Schlaganfällen
Grundsätzlich werden zwei Schlaganfall-Formen unterschieden:
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- Ischämischer Insult: Infolge eines thromboembolischen Gefäßverschlusses.
- Hämorrhagischer Insult: Aufgrund einer intrazerebralen Blutung (ICB) oder Subarachnoidalblutung (SAB).
Entsprechend der Statistik der Heart and Stroke Association sind von allen Schlaganfällen rund 87 % ischämische Hirninfarkte und 10 % intrazerebrale hämorrhagische Schlaganfälle; die restlichen 3 % entstehen als Folge einer Subarachnoidalblutung.
Ischämische Ursachen
Der ischämische Hirninfarkt wird umgangssprachlich als „weißer Schlaganfall“ bezeichnet. Die plötzliche Minderdurchblutung resultiert in der Regel aus Stenosen oder Verschlüssen hirnversorgender Arterien.
Folgende Situationen können eine ischämische Ursache bedingen:
- Makroangiopathie: Verengung oder Obstruktion großer arterieller Blutgefäße.
- Mikroangiopathie: Betrifft kleine arterielle Blutgefäße.
- Kardiale Embolie: Entstehung eines Embolus im Herzen, der ein Gefäß im Gehirn verschließt.
- Andere Erkrankungen: Seltene Erkrankungen oder iatrogene Eingriffe, die eine Ischämie fördern können.
Hämorrhagische Ursachen
Der hämorrhagische Schlaganfall wird umgangssprachlich als „roter Infarkt“ bezeichnet. Bei dieser Form geht Hirngewebe infolge einer Einblutung - meist aufgrund eines intrazerebralen Hämatoms - zugrunde. Ursache ist in der Regel ein rupturiertes Blutgefäß.
Pathogenese des ischämischen Insults
Hirnnervenzellen beziehen ihre Energie aus dem Abbau von Glukose. Eine Verminderung der Hirndurchblutung unter ein bestimmtes Niveau führt zu Funktionsstörungen und schließlich zur Infarzierung. Je nachdem, wie gut die kollaterale Blutversorgung im Infarktbereich ist, kann ein Durchblutungsgradient entstehen, der von den Randzonen zum Kern hin ansteigt.
Das Hämatom schränkt die Funktion von Neuronen und Glia ein, was zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen, Freisetzung von Neurotransmittern, mitochondrialen Dysfunktion und Zellschwellung führt.
Symptome eines Schlaganfalls
Das klinische Bild eines Schlaganfalls ist äußerst heterogen. Beim ischämischen Insult sind die Beschwerden meist unspezifisch - mitunter fallen nur leichter Schwindel, kurzzeitiges Zittern oder eine kaum wahrnehmbare Gangunsicherheit auf. Auf einen hämorrhagischen Insult weisen beispielsweise akute Kopfschmerzen, Erbrechen und Nackensteifigkeit hin.
Symptome beim ischämischen Insult
Klassische Symptome, die auf einen ischämischen Insult hinweisen, sind:
- Plötzlich einsetzende Hemiparesen (Mundwinkel, Gesicht oder eine Körperhälfte)
- Artikulationsstörungen (oft mit verwaschener Sprache)
- Dysphagie
- Aphasie
- Apraxie
- Ataxie
- Sehbeeinträchtigungen (zum Beispiel Diplopie, Hemianopsie, Quadrantenanopsie oder Herdblick)
- Bewusstseinseinschränkungen
Besonderheiten beim Hirnstamminfarkt
Beim Hirnstamminfarkt kommt es zu Schädigungen im Bereich des Hirnstamms, die sich durch eine Vielzahl von Leitsymptomen äußern, darunter Schwindel, Dysarthrie, Dysphagie, Ataxie, Blickparese, Hemi- und Tetraparesen sowie Singultus.
Die ersten 100 Tage nach einer Hirnblutung
Die ersten 100 Tage nach einer Hirnblutung sind entscheidend für die Rehabilitation und die langfristige Genesung. In dieser Zeit finden wichtige neurologische Prozesse statt, die das Potenzial für die Wiedererlangung verlorener Fähigkeiten beeinflussen.
Rehabilitation und Genesung
Die teils schweren neurologischen Ausfälle, die Betroffene direkt nach dem Schlaganfall erleben, bessern sich in den allermeisten Fällen innerhalb weniger Monate. Das Ausmaß der Verbesserung und inwiefern bzw. wann alle funktionellen Beeinträchtigungen verschwinden, ist jedoch individuell sehr unterschiedlich.
Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass 2-3 Wochen nach dem Schlaganfall noch etwa 3 von 4 Betroffenen an neurologischen Symptomen mit funktioneller Beeinträchtigung leiden. Besonders häufig sind dabei Lähmungserscheinungen. Wer zu Beginn nur leichte oder mäßige Beeinträchtigungen hatte, bei dem ist vor allem innerhalb der ersten Wochen nach dem Schlaganfall mit einer deutlichen Verbesserung zu rechnen. Im Gegensatz dazu zeigen Personen mit schweren Beeinträchtigungen auch noch bis zu 6 Monaten nach dem Schlaganfall deutliche Fortschritte beim Wiedererlangen ihrer Fähigkeiten.
Ein halbes Jahr nach dem Schlaganfall hat dann jede bzw. jeder vierte Schlaganfall-Betroffene keinerlei Funktionsverluste mehr. Ausfälle, die nach 3 bis 6 Monaten noch andauern, bleiben in vielen Fällen dauerhaft bestehen. Das heißt aber nicht, dass nach einem halben Jahr gar keine Chance mehr auf Besserung besteht: Es wird immer wieder von Fällen berichtet, bei denen auch später als 6 Monate nach dem Schlaganfall noch eine Erholung möglich war.
Behandlung einer intrazerebralen Blutung
Eine intrazerebrale Blutung ist oft lebensgefährlich und ein medizinischer Notfall. Die Symptome hängen davon ab, an welcher Stelle sich die intrazerebrale Blutung gebildet hat: Kopfschmerzen, Störungen des Bewusstseins, der Bewegungen und Sprache oder Lähmungserscheinungen sind möglich.
Die Behandlung muss so schnell wie möglich beginnen, um die Überlebenschancen zu erhöhen und die Folgeschäden so gering wie möglich zu halten.
Regeneration des Gehirns
Während sich Schlaganfallpatienten regenerieren, findet in ihrem Gehirn eine massive Reorganisation statt. Gezieltes intensives Training in und nach der Rehabilitation ermöglicht die partielle Regeneration. Im Gehirn kommt es dabei zu einer Umorganisation und Neubildung von Blutgefäßen.
Musik und Rhythmus können die Regeneration vieler Schlaganfallpatienten beflügeln. Eine schwedische Erhebung zeigte etwa, dass Patienten, die im Takt der Musik Hände und Füße bewegt hatten, danach besser greifen und die Balance halten konnten.
Die Rolle der Rehabilitation
Es ist letztlich die Rehabilitation, die den Menschen wieder zurück ins Leben zu holen vermag. Sie ist so gesehen die unabkömmliche und wichtigste Therapie nach dem Schlaganfall. Sie bewirkt, dass man den einst gelähmten Arm wieder zu einem Glas Wasser führen kann, um es zu greifen. Oder dass man einige Schritte am Rollator schafft. Damit entscheidet der Erfolg der Rehabilitation darüber, ob nach einem Hirninfarkt wieder ein eigenständiges Leben gelingt - oder ob die Betroffenen Tag für Tag auf Hilfe angewiesen sind.
Mehrere randomisierte Studien belegen, dass ein Bündel von Reha-Maßnahmen die Sterblichkeit, das Ausmaß an körperlicher und geistiger Beeinträchtigung und den Pflegebedarf vermindert. Insbesondere Bewegungstherapie, die täglich an fünf Tagen die Woche durchgeführt wird, verbessert die Balance, das Schritttempo und die allgemeine Beweglichkeit.
Pharmakologisch unterstützte Reha
Das Verständnis der Regeneration im Gehirn lässt die Forscher nunmehr auch an eine pharmakologisch unterstützte Reha denken. Medikamente könnten die Erholung des Gehirns fördern und so die Kur noch effektiver machen.
Prävention eines Schlaganfalls
Einer intrazerebralen Blutung können Sie möglicherweise vorbeugen, wenn Sie auf eine gesunde Lebensweise achten:
- Ernähren Sie sich gesund: Verzehren Sie viel frisches Obst und Gemüse, Vollkornprodukte und wählen Sie mehr pflanzliche als tierische Fette. Seien Sie ausserdem sparsam mit tierischen Produkten wie Wurst und Fleisch.
- Sorgen Sie für ausreichende Bewegung im Alltag und treiben Sie Sport.
- Verzichten sie aufs Rauchen, und wenn Sie rauchen: Versuchen Sie den Rauchstopp. Holen Sie sich professionelle Unterstützung, wenn Sie es nicht alleine schaffen.
- Achten Sie auf Ihren Alkoholkonsum und trinken Sie möglichst wenig.
- Wenn Sie viel Stress haben, erlernen Sie am besten eine Entspannungsmethode. Beispiele sind Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung nach Jacobson.
- Wenn Sie unter Übergewicht leiden, versuchen Sie einige Kilos abzunehmen.
- Lassen Sie einen bestehenden Bluthochdruck ausreichend behandeln. Sorgen Sie auch langfristig dafür, dass Ihr Blutdruck gut eingestellt ist. Das Gleiche gilt für erhöhte Blutfette und Cholesterinwerte.
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