Jeder kennt es, jeder hat es schon erlebt: Ein Lied, ein Melodiefragment, das sich hartnäckig im Kopf festsetzt und sich scheinbar endlos wiederholt - der sogenannte Ohrwurm. Dieses Phänomen, das wissenschaftlich als "Involuntary Musical Imagery" (INMI) bezeichnet wird, ist weit verbreitet und betrifft Menschen aller Altersgruppen und Kulturen. Doch was genau steckt hinter diesem Phänomen? Warum werden manche Lieder zu Ohrwürmern, während andere spurlos an uns vorbeiziehen? Und vor allem: Wie wird man einen hartnäckigen Ohrwurm wieder los?
Was ist ein Ohrwurm? Definition und Merkmale
Ein Ohrwurm ist ein Musikfragment, das sich unwillkürlich und wiederholt im Kopf abspielt. Typischerweise handelt es sich um kurze Abschnitte eines Liedes, oft den Refrain oder eine eingängige Melodie, die sich immer wiederholen. Diese Fragmente dauern meist 15 bis 30 Sekunden und können von einem Liedtext begleitet sein.
Die Wissenschaft hinter dem Ohrwurm: Was passiert im Gehirn?
Die Forschung hat gezeigt, dass bei der Entstehung eines Ohrwurms verschiedene Hirnregionen beteiligt sind. Beim ersten Hören eines Liedes wird die Melodie im Schläfenlappen (Temporallappen) des Gehirns verankert. Dieser Teil des Gehirns ist dafür zuständig, dass wir unsere innere Stimme hören. Bei der Entstehung eines Ohrwurms ist noch ein zweiter Teil des Gehirns beteiligt: der Stirnlappen (Frontallappen).
Haben wir einen Ohrwurm, spielen diese beiden Regionen des Gehirns Ping-Pong. Denn der Schläfenlappen sendet beim Hören der Melodie einen Reizimpuls an den Stirnlappen, sodass wir den Ohrwurm innerlich mitsingen. Dies wiederum führt dazu, dass wir den Song in unserem Kopf hören, und so wird erneut der Schläfenlappen getriggert. Dieser Kreislauf führt zu einer Art "Endlosschleife" im Gehirn, bei der sich die Melodie immer wiederholt.
Wissenschaftler vom Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, spielten Versuchspersonen im Magnetresonanztomografen die Titelmelodie von Pink Panther und Satisfaction von den Rolling Stones vor. Mitten im Stück drehten sie für ein paar Sekunden den Ton ab. Die Gehirne ihrer Probanden aber verhielten sich, als spiele die Musik munter weiter. Das Hörzentrum blieb genauso aktiv. Das Gehirn ergänzt fehlende Wahrnehmungen automatisch. Das funktioniert beim Sehen - das Prinzip von optischen Täuschungen - genauso wie bei Sprache. Aber mit Musik hat es das Hirn besonders leicht: Wegen der Wiederholungen ist klar, was als Nächstes kommt. Und es kann sich an musikalischen Konventionen orientieren. Eine Tonfolge wird in der westlichen Musik meist nach einem bestimmten Schema aufgelöst. Würde Alle meine Entchen bei »See« enden, wäre das unbefriedigend, der Ton bliebe in der Luft hängen. Das könnte erklären, warum Ohrwürmer sich oft genau dann einschleichen, wenn man nur den Fetzen eines Liedes irgendwo aufgeschnappt hat: Das Gehirn will zum Ende kommen, greift sich den Songfetzen und spielt ihn fertig, gerät dabei jedoch in eine Endlosschleife.
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Warum werden manche Lieder zu Ohrwürmern? Faktoren, die das Ohrwurmpotenzial beeinflussen
Es gibt keine allgemeingültige Formel dafür, welche Songs zu Ohrwürmern werden. Allerdings gibt es bestimmte Faktoren, die das Ohrwurmpotenzial eines Liedes erhöhen können:
- Einfachheit und Eingängigkeit: Lieder mit einfachen, leicht zu merkenden Melodien und Rhythmen haben ein höheres Ohrwurmpotenzial. Oft wird eine Textzeile oder der Refrain sehr häufig wiederholt, sodass sie sich in unserem Kopf festsetzt. Das trifft zum Beispiel auf viele Karnevalslieder zu.
- Überraschungsmomente: Außer sehr einprägsamen und einfachen Melodien setzen sich aber auch Tonfolgen mit besonders überraschenden Abschnitten gut fest. Wir mögen bekannte, vorhersehbare Tonabfolgen, die uns plötzlich überraschen.
- Emotionale Verbindung: Erinnerungen, die mit Musik zu tun haben, sind im Gehirn ähnlich fest verankert wie Gerüche. Beim Riechen und Musikhören sind die Zentren hoch aktiv, die im Gehirn für Emotionen zuständig sind - und Erinnerungen, die mit Gefühlen besetzt sind, haften länger. So wie uns der Duft von Omas Waschmittel in die Kindheit zurückversetzt, erinnert Girls just wanna have fun unwillkürlich an wilde Abi-Partys. Diese Gedächtnisspuren verlaufen auch umgekehrt. Es sind Schlüsselreize, die beim Einspeichern des Liedes unbewusst mit abgelegt wurden. Kommt man wieder in die gleiche Situation, taucht auch die Melodie ganz unvermittelt wieder auf.
- Wiederholtes Hören: Je öfter man ein Lied hört, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich als Ohrwurm festsetzt.
- Unvollständigkeit: Das Gehirn ergänzt fehlende Wahrnehmungen automatisch. Das funktioniert beim Sehen - das Prinzip von optischen Täuschungen - genauso wie bei Sprache. Aber mit Musik hat es das Hirn besonders leicht: Wegen der Wiederholungen ist klar, was als Nächstes kommt. Und es kann sich an musikalischen Konventionen orientieren. Eine Tonfolge wird in der westlichen Musik meist nach einem bestimmten Schema aufgelöst. Würde Alle meine Entchen bei »See« enden, wäre das unbefriedigend, der Ton bliebe in der Luft hängen. Das könnte erklären, warum Ohrwürmer sich oft genau dann einschleichen, wenn man nur den Fetzen eines Liedes irgendwo aufgeschnappt hat: Das Gehirn will zum Ende kommen, greift sich den Songfetzen und spielt ihn fertig, gerät dabei jedoch in eine Endlosschleife.
Wer ist anfällig für Ohrwürmer? Persönlichkeit und Lebensstil
Nicht jeder Mensch ist gleich anfällig für Ohrwürmer. Studien haben gezeigt, dass bestimmte Personengruppen häufiger betroffen sind als andere:
- Musiker und Musikliebhaber: Menschen, die sich viel mit Musik beschäftigen, haben tendenziell häufiger Ohrwürmer. Das liegt vermutlich daran, dass ihr Gehirn stärker auf musikalische Reize eingestellt ist.
- Frauen: Einige Studien deuten darauf hin, dass Frauen anfälliger für Ohrwürmer sind als Männer. Die Gründe dafür sind noch nicht vollständig geklärt.
- Menschen mit hoher Sensibilität: Sensible Menschen neigen eher dazu, sich von ihren Emotionen leiten zu lassen, was dazu führen kann, dass sie Musik intensiver erleben und sich leichter Ohrwürmer einfangen.
Ohrwürmer und der Kontext: Wann treten sie auf?
Ohrwürmer treten besonders häufig in bestimmten Situationen auf:
- Entspannung und Langeweile: Ein Ohrwurm ereilt uns meist dann, wenn wir entspannt sind oder uns langweilen. Es ist, als ob unser Kopf nach Musik und Unterhaltung verlangt und diese dann einfach selbst produziert.
- Stress und Überlastung: Paradoxerweise können Ohrwürmer auch in Stresssituationen auftreten. In diesem Fall dienen sie möglicherweise als eine Art Ablenkung oder Bewältigungsmechanismus.
- Bestimmte Orte und Situationen: Manchmal können bestimmte Orte, Situationen oder Gerüche einen Ohrwurm auslösen. Dies liegt daran, dass unser Gehirn diese Reize mit einem bestimmten Lied verknüpft hat.
Sind Ohrwürmer schädlich? Die Kehrseite der Dauerschleife
Ohrwürmer sind in der Regel harmlos und können sogar positive Auswirkungen haben. Sie können uns zum Beispiel aufmuntern, uns an schöne Erinnerungen erinnern oder uns einfach nur unterhalten.
Allerdings können Ohrwürmer auch lästig und störend sein, insbesondere wenn sie uns in wichtigen Situationen ablenken oder uns den Schlaf rauben. In seltenen Fällen können Ohrwürmer auch ein Zeichen für eine psychische Erkrankung sein.
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Was tun gegen Ohrwürmer? Tipps und Tricks zur Befreiung aus der Melodieschleife
Es gibt verschiedene Strategien, um einen hartnäckigen Ohrwurm loszuwerden:
- Das Lied vollständig anhören: Manchmal kann es helfen, das Lied, das den Ohrwurm verursacht, vollständig anzuhören. Dies kann dazu beitragen, dass das Gehirn die Melodie abschließt und die Endlosschleife durchbricht.
- Sich ablenken: Eine andere Beschäftigung suchen: Zuweilen hilft es, sich irgendeine Sache zur Ablenkung zu suchen. Du könntest z. B. jemanden anrufen, einen Film gucken oder ein Game zocken. Das Gehirn fordern: Eine weitere Möglichkeit ist, dein Gehirn mit etwas herauszufordern.
- Andere Musik hören: Manchmal kann es auch helfen, den Kopf mit einem anderen Song abzulenken.
- Kaugummi kauen: Kaugummi kauen: Eine Methode, die gerne als Anti-Ohrwurm-Mittel empfohlen wird, ist das Kauen von Kaugummi.
- Akzeptieren und loslassen: Falls keiner dieser Tipps geholfen hat, dann bleibt dir nichts anderes übrig, als dich dem Ohrwurm geschlagen zu geben. Versuche nicht weiter über seine nervige Anwesenheit nachzudenken.
- Das Lied selbst nachspielen: Crazy Horse Frontman Neil Young soll dem Musikpsychologen Daniel Levitin einst empfohlen haben den Ohrwurm einfach selbst nachzuspielen, um ihn loszuwerden. Auch Jakubowski rät dazu sich mit dem Ohrwurmlied aktiv zu beschäftigen, um die Dauerschleife zu durchbrechen.
Ohrwürmer in der Populärkultur: Beispiele und Kuriositäten
Ohrwürmer sind ein beliebtes Thema in der Populärkultur. Es gibt zahlreiche Lieder, Filme und Bücher, die sich mit diesem Phänomen auseinandersetzen.
Einige Beispiele:
- "Ohrwurm" von den Wise Guys: Ein Lied über das Phänomen des Ohrwurms selbst.
- "Wannabe" von den Spice Girls: Gilt als einer der größten Ohrwürmer aller Zeiten.
- "The Lego Movie 2": In diesem Film werden einige der Hauptfiguren mit einem Ohrwurm-Song beschallt und dabei einer Gehirnwäsche unterzogen.
Fazit: Ohrwürmer - Fluch oder Segen?
Ohrwürmer sind ein faszinierendes und weit verbreitetes Phänomen, das uns zeigt, wie unser Gehirn Musik verarbeitet und speichert. Obwohl sie manchmal lästig sein können, sind sie in der Regel harmlos und können uns sogar positive Erlebnisse bescheren. Mit den richtigen Strategien kann man sich von einem hartnäckigen Ohrwurm befreien und die Musik wieder in vollen Zügen genießen.
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