Der Mythos der 2-Prozent-Gehirnnutzung: Wahrheit oder urbane Legende?

Die Behauptung, dass wir Menschen nur einen geringen Teil unseres Gehirns nutzen - oft wird die Zahl von 10 Prozent genannt - ist ein weit verbreiteter Mythos. Angeblich soll sogar Albert Einstein dies gesagt haben, und das Gerücht hält sich hartnäckig. Doch was steckt wirklich dahinter? Nutzen wir tatsächlich nur einen Bruchteil unseres Denkorgans, und liegt der Rest brach? Und wenn ja, wie könnte man sein komplettes Gehirn benutzen?

Die Energieverschwendungsthese

Ein Hauptargument gegen den 10-Prozent-Mythos ist der hohe Energieverbrauch des Gehirns. Obwohl es vom Gewicht her nur etwa 2 Prozent des Körpers ausmacht, verbraucht es rund 20 Prozent des täglichen Energiebedarfs. Die Natur ist jedoch nicht für Energieverschwendung bekannt. Wäre ein Großteil des Gehirns ungenutzt, hätte die Evolution vermutlich dazu geführt, dass es sich zurückbildet, um Energie zu sparen.

Das Gehirn ist rund um die Uhr aktiv

Moderne bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen, dass das Gehirn tatsächlich rund um die Uhr voll ausgelastet ist. Auch im Ruhezustand, wenn wir scheinbar nichts tun, sind verschiedene Hirnareale aktiv und erfüllen wichtige Funktionen. Es arbeitet automatisch und für uns oft unbewusst. Die verschiedenen Aufgaben, wie Bewegung, Riechen, Schmecken und Sehen, sind spezifischen Bereichen im Gehirn zugeordnet. Unablässig werden dort Sinneseindrücke gesammelt und entschieden, welchen davon Beachtung geschenkt werden muss und welchen nicht. Emotionen werden produziert und Erlebtes wird zu Erinnerungen.

Der Ursprung des Mythos

Woher stammt also dieser Mythos? Der Ursprung des 10-Prozent-Mythos ist nicht eindeutig geklärt. Einige Vermutungen führen ihn auf falsch interpretierte oder veraltete wissenschaftliche Aussagen zurück. Der amerikanische Psychologe und Philosoph William James sprach Anfang des 20. Jahrhunderts davon, dass Menschen ihr mentales Potential nicht voll ausschöpfen, was möglicherweise falsch interpretiert wurde. Er bemängelte damit allerdings die unzureichende Förderung der Kinder zu seiner Zeit. Boris Sidis, ein Kollege von William James, erzog seinen Sohn mittels Lernmethoden, die sie aus ihrer gemeinsamen Arbeit entwickelten. William James Sidis, so der Name des Sohns, soll einen Intelligenzquotienten von 250 bis 300 besessen haben und gilt als einer der intelligentesten Menschen, die jemals gelebt haben. Eine der Lernmethoden, die Boris Sidis entwickelt hat, war spielerisches Lernen. Damals war diese Idee revolutionär und hat sich lange nicht durchgesetzt. Andere Theorien legen nahe, dass der Begriff in den 1930er-Jahren durch irreführende Werbung populär wurde. In jüngster Zeit wurde die These der zehnprozentigen Nutzung von Scientology-Gründer Ron Hubbard aber auch von Illusionist Uri Geller weiterverbreitet.

Die populärwissenschaftliche Interpretation

Ein Grund für die Popularität des Mythos ist die verlockende Vorstellung, dass in uns ungenutztes Potenzial schlummert, das wir aktivieren könnten. Eigentlich will man damit nur aussagen, dass noch wesentlich mehr möglich ist und wir mit unserem Gehirn noch viel mehr Potential entfalten können. Und zwar indem man den bewussten Teil unseres Großhirns zur Lenkung der unbewussten Teile viel mehr nutzt. Wir können durch bewusste Steuerung gezielt mehr und neue Dinge tun. Anhänger der These berufen sich zum Beispiel auf den in Harvard tätigen Psychologen William James, auf Albert Einstein und die Ethnologin Margaret Mead. In allen Fällen existieren keine belegbaren Nachweise, die diese These unterstützen würden.

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Gehirnschäden widerlegen den Mythos

Ein weiteres Argument gegen den Mythos sind die Folgen von Gehirnschäden. Wären 90 Prozent des Gehirns ungenutzt, würden die meisten Hirnschädigungen ohne Folgen bleiben. In Wirklichkeit führt aber fast jede Hirnschädigung zu irgendwelchen Einschränkungen. Das heißt im Umkehrschluss, dass all die betroffenen Hirnregionen vorher zu etwas gut gewesen sein müssen.

Neuroplastizität: Das Gehirn ist anpassungsfähig

Noch ein interessanter Fakt: Wenn eine Hirnregion tatsächlich ungenutzt bliebe, etwa weil sie nicht mehr von einem Sinnesorgan aktiviert wird, würde sie rasch neue Funktionen übernehmen. Das spricht es für die sogenannte Neuroplastizität, also der Fähigkeit unseres Gehirns, seine Funktionalität den Erfordernissen anzupassen. In diesem Sinne konnte gezeigt werden, dass sich die Hirnstruktur erblindeter Personen ändert. Die ehemals für die visuelle Verarbeitung verantwortlichen Bereiche übernahmen fortan neue Funktionen.

Die Rolle des Präfrontalen Kortex

Über den Präfrontalen Kortex können wir andere Teile unseres Gehirns vor allem auch des Großhirns bewusst steuern, sobald uns Dinge bewusst sind und wir achtsam damit umgehen. Mit diesem Teil planen und verstehen wir. Wir empfinden den Kontext von Zeit und Raum. Können unangebrachte Handlungen hemmen und emphatisch andere verstehen. Hier sitzt kann man sagen unsere Persönlichkeit.

Kann man sein Gehirn optimieren und bewusst trainieren?

Ja man kann. Vor allem funktioniert das, was wir bewusst tun und bewusst verändern, logischerweise viel optimaler und effektiver. Es ist wie beim Muskeltraining. Bauchmuskeln sind bei jedem Menschen vorhanden, aber nicht unbedingt ein Sixpack. Wie ein Sportler über Training und angemessene Ernährung seinen Körper zu Spitzenleitungen treiben kann, lässt sich auch das Gehirn trainieren und mit den benötigten Nährstoffen versorgen. Dies fällt, analog zur körperlichen Leistungsfähigkeit, umso leichter. Je früher und umfangreicher die Grundlagen dafür bereitet werden.

Die Überschätzung der Neurowissenschaften

Seit vielen Jahren werden die Neurowissenschaften in der Öffentlichkeit gehypt. Überall ist es das Gehirn, das vielen Menschen als Schlüssel zum Bewusstsein gilt. Dabei gibt es gar keine einheitliche, wissenschaftliche Theorie zur Funktionsweise unseres Gehirns. Natürlich ist das Gehirn wichtig - das leugnet niemand - aber die Funktion des Gehirns wird überschätzt. Das Hirn benötigt den Körper, und der Körper ist auf die Umwelt angewiesen.

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Weitere Gehirn-Mythen

Neben dem 10-Prozent-Mythos gibt es noch weitere populäre Vorstellungen über das Gehirn, die wissenschaftlich nicht haltbar sind:

  • Der Triune-Brain-Mythos: Menschen haben ein Reptiliengehirn.
  • Der Hirnhälften-Mythos: Die rechte Gehirnhälfte ist kreativ, die linke logisch.
  • Der Struktur-Funktions-Mythos: Bestimmte Gehirnareale sind für bestimmte Aufgaben zuständig.
  • Der Persönlichkeits-Mythos: Persönlichkeitstests sind aussagekräftig.
  • Der Hormon-Mythos: Serotonin macht glücklich, Dopamin berauscht.
  • Der Mythos vom weiblichen und männlichen Gehirn: Gehirne von Mann & Frau unterscheiden sich.
  • Der Computer-Gehirn-Mythos: Das Gehirn ist wie eine Festplatte.
  • Mythos vom determinierten Willen: Die Willensfreiheit ist eine Illusion.

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