Die Parkinson-Krankheit, auch bekannt als Morbus Parkinson oder „Schüttellähmung“, ist eine der häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen. Weltweit sind etwa 4,1 Millionen Menschen über 60 Jahre betroffen. In Deutschland leben schätzungsweise 250.000 bis 280.000 Parkinson-Patienten. Die Erkrankung ist durch den Verlust von Dopamin-produzierenden Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet. Dies führt zu den typischen motorischen Symptomen wie Akinese (Bewegungsarmut), Ruhetremor (Zittern) und Rigor (Muskelsteifigkeit). Neben diesen Hauptsymptomen können auch nicht-motorische Symptome wie Schlafstörungen, Depressionen und kognitive Beeinträchtigungen auftreten.
Frühzeitige Diagnose durch Biomarker in der Haut
Ein wesentlicher Fortschritt in der Parkinson-Forschung ist die Möglichkeit, die Erkrankung bereits im Prodromalstadium, also vor dem Auftreten der typischen motorischen Symptome, zu erkennen. Risikopatienten mit REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD) weisen in der Haut den Biomarker Alpha-Synuclein auf, und zwar Jahre bevor die Betroffenen sichtbar an Parkinson erkranken. Neurologen haben nachgewiesen, dass α-Synuclein in den peripheren Nerven der Haut von Patienten vorliegt, die an einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung leiden.
Der Nachweis von Aggregaten des phosphorylierten Eiweißes α-Synuclein im Gehirn gilt als Goldstandard der postmortalen, neuropathologischen Diagnose der Parkinson-Krankheit (PK). Eine neue Methode ermöglicht nun den Nachweis von Phospho-α-Synuclein in Hautbiopsien. Dabei werden unter Lokalanästhesie an vier Stellen Hautstanzen entnommen: am Rücken in Höhe von C7 und Th10 sowie am Ober- und Unterschenkel. Anschließend werden Kryostatschnitte dieser Hautbiopsie mit Antikörpern gegen Phospho-α-Synuclein angefärbt. Diese Methode ist für den Patienten angenehmer als die bisherige Biopsie der submandibulären Speicheldrüse oder der Kolonschleimhaut. Das Verfahren weist eine Spezifität von 100 % und eine Sensitivität von 55 % bei Patienten mit RBD sowie von 80 % bei Parkinson-Patienten auf.
Der Nachweis von Phospho-α-Synuclein-Aggregaten in den peripheren Hautnerven von RBD-Patienten stellt insofern einen Durchbruch dar, als erstmals ein Indikator für Parkinson-Krankheit im Prodromalstadium in der Peripherie mit einem vergleichsweise einfachen Verfahren nachgewiesen wurde. Allerdings war dieser Nachweis nur bei etwas mehr als der Hälfte der RBD-Patienten zu führen. Die Hautbefunde wurden mit anderen potenziellen Biomarkern des Prodromalstadiums der Parkinson-Krankheit korreliert. Danach fand sich ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen dem Vorliegen einer Hyposmie (Verminderung des Geruchssinns) und dem positiven Hautbefund. In der Gruppe der RBD-Patienten, bei denen das nigrostriatale dopaminerge System bereits betroffen war (nuklearmedizinisch nachgewiesen), fand sich ein höherer Anteil von positiven Hautproben als bei RBD-Patienten, bei denen die Substantia nigra pars compacta noch intakt war - bei denen also die Progression der α-Synucleinopathie das dopaminerge System noch nicht erreicht hatte.
REM-Schlaf-Verhaltensstörung als Frühwarnzeichen
Während der REM-Schlafphase träumt man und ist normalerweise - abgesehen von ruckartigen Bewegungen der Augen - paralysiert. RBD ist dadurch charakterisiert, dass die Träume häufig aggressiven Inhalts sind und ausagiert werden. Das heißt: Die betroffene Person bewegt sich, schlägt eventuell um sich, spricht oder schreit sogar. Personen, die unter dieser Traum-Schlaf-Störung leiden, tragen ein sehr hohes Risiko (> 80 %), in 10-15 Jahren an der Parkinson-Krankheit zu erkranken. Der Erkrankung liegt in der überwiegenden Mehrzahl eine pathologische Aggregation des Eiweißes α-Synuclein im Gehirn zugrunde.
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Relevanz für Patienten und Ärzte
Welche Relevanz hat dieses Resultat für die Parkinson-Patienten oder für Personen, die an der RBD leiden, und für ihre behandelnden Ärzte? In welchem Zusammenhang ist dieser Befund in der Parkinson-Forschung zu stellen?
Heute steht den Patienten und den behandelnden Ärzten eine effektive symptomatische Therapie zur Verfügung. Darüber hinaus hat sich in den letzten 20 Jahren - aufgrund von neurowissenschaftlichen und genetischen Forschungsergebnissen - das Wissen über die Ursachen dieser zweithäufigsten neurodegenerativen chronischen Erkrankung des Gehirns deutlich vermehrt. Der größte Wunsch der Patienten nach einer Behandlung, die nicht nur die Symptome lindert, sondern auch das Fortschreiten der Erkrankung verzögert oder sogar stoppt, bleibt allerdings weiterhin unerfüllt.
Vier Voraussetzungen für eine krankheitsmodifizierende Therapie
Der Anspruch, die motorischen Symptome Akinese, Ruhetremor und Rigor zu verhindern, erfordert vier Voraussetzungen:
- Die Krankheit muss im prodromalen Stadium sicher erkennbar sein.
- Die Ätiologie der prodromalen Phase muss identifizierbar sein.
- Ein einfacher, quantitativ nachweisbarer Biomarker muss vorhanden sein, der sich parallel mit der Krankheitsprogression im prodromalen Stadium verändert.
- Es existiert eine pathophysiologisch ausgerichtete Therapie (wie z. B. Medikament), die die Progression der Erkrankung verzögert oder stoppt und gleichzeitig die Veränderung des oben geforderten Biomarkers im Verlauf gleichsinnig beeinflusst.
Es ist mittlerweile akzeptiert, dass die RBD die derzeit spezifischste bekannte Vorform der Parkinson-Krankheit und ihrer Variante, der Demenz vom Lewy-Körper-Typ, sowie in seltenen Fällen auch die Vorform der Multi-System-Atrophie ist. Es wird - allerdings auf Basis von retrospektiven Angaben der Patienten - angenommen, dass bei etwa der Hälfte aller Personen mit Parkinson-Krankheit zuvor über mehrere Jahre die Symptome einer RBD beobachtet wurden. Genetische Tests von Verwandten ersten Grades von Patienten, die an einer der erblichen Formen der PK leiden, erlauben, heterozygote oder homozygote Genträger (Personen „at risk“ für die Erkrankung) zu identifizieren; zum Beispiel für eine Mutation des Gens für Glucocerebrosidase-A (GBA). Es wird davon ausgegangen, dass bei der überwiegenden Zahl der Parkinson-Patienten eine pathologische Aggregation von α-Synuclein die Erkrankung verursacht oder zumindest einen wesentlichen Anteil am progredienten prodromalen und später klinischen Verlauf hat. Der bahnbrechende Nachweis der Aggregate von Phospho-α-Synuclein in peripheren Hautnerven wurde bei klinisch manifester Parkinson-Krankheit bereits veröffentlicht. Neu ist, dass dieser Nachweis bereits Jahre vor Ausbruch der Parkinson-Krankheit, also im prodromalen nichtmotorischen Stadium, geführt werden konnte.
Therapieansätze für die Zukunft
Derzeit sind mindestens vier Therapieansätze bekannt, von denen man sich zukünftig einen krankheitsmodifizierenden Effekt auf den Verlauf der Parkinson-Krankheit erhofft:
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- Aktive Immuntherapie gegen α-Synuclein-Peptidfragment
- Passive Immuntherapie mit Antikörpern gegen α-Synuclein
- Aggregationshemmer von α-Synuclein
- Autophagieverstärker für den Abbau von α-Synuclein
Hinsichtlich Kriterium 3 stellt der Nachweis von Phospho-α-Synuclein-Aggregaten in den peripheren Hautnerven von RBD-Patienten insofern einen Durchbruch dar, als erstmals ein Indikator für Parkinson-Krankheit im Prodromalstadium in der Peripherie mit einem vergleichsweise einfachen Verfahren nachgewiesen wurde.
Konsequenzen für die Praxis
Für die Praxis ergibt sich folgende Konsequenz: Es ist sinnvoll, systematisch nach Menschen mit einer RBD zu suchen und diese an ein entsprechendes Spezialzentrum zu überweisen. Dort kann den Betroffenen eine Hautbiopsie angeboten werden. Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung eines spezifischen histopathologischen Markers zur Identifizierung von Patienten in prodromalen Stadien der Parkinson-Krankheit - einer Patientengruppe, deren sichere Identifizierung in Anbetracht von Studien mit krankheitsmodifizierenden Medikamenten von enormer Bedeutung ist.
Tiefe Hirnstimulation (THS) zur Linderung von Symptomen
Die Tiefe Hirnstimulation (THS), im anglo-amerikanischen Raum als Deep Brain Stimulation (DBS) bezeichnet, ist eine etablierte Behandlung von Bewegungsstörungen, insbesondere bei Morbus Parkinson. Seit der ersten Anwendung in den späten 1980er Jahren wurde die THS weltweit bei ca. 85.000 Patienten durchgeführt.
Wirkungsweise der THS
Die THS arbeitet über eine (meist) kontinuierliche hochfrequente elektrische Stimulation von Kerngebieten des Gehirns. Es wird angenommen, dass über diese hochfrequente Stimulation eine Hemmung des Kerngebietes stattfindet, die sich daraufhin auch auf das gesamte Netzwerk der Basalganglien auswirkt. Wie diese Hemmung genau zustande kommt, ist bislang nicht geklärt. Wichtig ist, dass die THS durch die Modulation von Netzwerken nur eine symptomatische Behandlung ist, d.h. nach heutiger Kenntnis nur die Symptome reduziert, aber keinen Einfluss auf das Vorhandensein oder Voranschreiten der zugrunde liegenden Erkrankung hat. Daher ist der Effekt der THS auch reversibel: nach Ausschalten des Stimulators stellt sich ein Zustand ein, wie er zu diesem Zeitpunkt ohne Stimulation wäre.
Indikationen der THS
Die THS ist zur Behandlung vieler neurologischer Erkrankungen bereits zugelassen. Etabliert hat sich die THS zur Behandlung des Morbus Parkinson; hier wird als Zielpunkt meist der sogenannte Nucleus subthalamicus (STN) verwendet, ein Kerngebiet in den Basalganglien, das durch die Erkrankung überaktiv ist. Alternativ kommt zur Behandlung von Überbeweglichkeiten (Dyskinesien) in der Spätphase der Parkinsonerkrankung als Zielpunkt der Globus pallidus internus (GPi) in Frage. Zur Behandlung eines Parkinson-Tremors wie auch des Essentiellen Tremors hat sich als Zielpunkt der sogenannte Nucleus ventralis intermedius (VIM) des Thalamus bewährt. Die generalisierte und segmentale Dystonie wird durch eine THS im GPi behandelt.
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Wirkung der THS auf klinische Symptome
Sowohl die Muskelsteifigkeit (Rigor) als auch die Bewegungsarmut (Hypokinese / Bradykinese) sowie das Zittern (Tremor) beim Morbus Parkinson werden bei einer THS im Nucleus subthalamicus (STN) effektiv behandelt; weniger gut sprechen die axialen Symptome des M. Parkinson (Gangunsicherheit, Haltefunktionen, Schlucken, Sprechen …) an. Die THS im Nucleus ventralis intermedius (VIM) des Thalamus zur Behandlung vieler Tremorformen wirkt nur auf den Tremor allein und führt daher nicht zu einer Reduktion der Begleitsymptome (wie Ataxie, Rigor, Bradykinese, Dystonie …). Durch eine Stimulation des Globus pallidus internus (GPi) können dystone Bewegungsstörungen, der dystone Tremor, tardive Dyskinesien und Dyskinesien beim Morbus Parkinson effektiv reduziert werden.
Optimierung der THS durch KI-gestützte Parametereinstellung
Gangstörungen zählen zu den belastendsten Symptomen der Parkinson-Krankheit. Typische Merkmale wie verkürzte Schrittlänge, verringerte Geschwindigkeit und asymmetrische Bewegungsabläufe schränken die Mobilität ein und erhöhen das Sturzrisiko. Obwohl die tiefe Hirnstimulation (Deep Brain Stimulation, DBS) etabliert zur Linderung von Tremor, Rigor und Bradykinese eingesetzt wird, ist ihr Einfluss auf die Gehfunktion weniger vorhersehbar.
Forschende der University of California, San Francisco (UCSF) entwickelten einen präzisen, KI-gestützten Ansatz zur individuellen Einstellung der DBS-Parameter. Die Ergebnisse wurden in 'npj Parkinson’s Disease' veröffentlicht und im Rahmen der klinischen Studie NCT03582891 erhoben. Drei Patienten mit Parkinson und implantierten bidirektionalen Stimulatoren absolvierten wiederholte Gehversuche auf einer 6-Meter-Strecke. Parallel dazu zeichneten die Forschenden Feldpotenziale aus dem Globus pallidus internus (GPi) sowie kortikale Signale aus dem motorischen Cortex auf. Dabei wurden Amplitude, Frequenz und Pulsbreite der Stimulation systematisch variiert.
Zur standardisierten Bewertung entwickelten die Forschenden den Walking Performance Index (WPI). Der Index fasste Schrittlänge, Geschwindigkeit, Armschwingamplitude sowie die Variabilität von Schrittzeit und -länge zu einem Gesamtwert zusammen. Durch gleichmäßige Gewichtung aller Parameter wurde eine ausgewogene Abbildung der Gangqualität erreicht. Ein Gaussian Process Regressor modellierte den Zusammenhang zwischen Stimulationsparametern und WPI und sagte optimale Einstellungen voraus. Die so identifizierten Stimulationsprofile führten zu signifikanten Verbesserungen im WPI, ohne andere motorische Funktionen zu beeinträchtigen.
Ein konsistentes Muster war die Reduktion der Beta-Band-Aktivität im GPi während der kontralateralen Standphase, die mit einer verbesserten Gehqualität verbunden war. Neben dieser gruppenübergreifenden Signatur wurden individuelle neuronale Muster identifiziert, die das unterschiedliche Ansprechen der Patienten erklären. Ergänzende Analysen der kortikalen Aktivität und der kortiko-subkortikalen Kohärenz bestätigten die koordinierte Beteiligung beider Netzwerke an der Steuerung des Gehens.
Die Studie belegt, dass eine datengetriebene, personalisierte DBS-Programmierung die Gehfunktion bei Parkinson-Patienten verbessern kann. Die Kombination aus objektiver Ganganalyse mittels WPI und neurophysiologischen Biomarkern liefert eine Grundlage für präzise und patientenspezifische Stimulationsstrategien.
Klassische vs. Fokussierte Stimulation
Die Tiefe Hirnstimulation kann das Leben der Betroffenen erheblich verbessern, indem sie die Motorik stabilisiert und Zittern sowie Bewegungseinschränkungen verringert. Doch die klassische, zirkuläre Stimulation kann auch Nebenwirkungen haben, wenn sie benachbarte Hirnregionen erreicht. In einer Studie haben Tübinger Forschende deshalb die klassische Methode mit einer neueren, fokussierten Methode verglichen und herausgefunden, wann welche Stimulation am effektivsten ist.
Die klassische zirkuläre Stimulation setzt hierbei elektrische Impulse kreisförmig um die Elektroden herum frei, was zu einer gleichmäßigen Wirkung in der umliegenden Hirnregion führt. Im Gegensatz dazu ermöglicht eine neuere, fokussierte Stimulation, die elektrischen Impulse in eine spezifische Richtung zu lenken.
Während beide Stimulationsmethoden kurzfristig grundsätzlich gleichermaßen wirksam waren, traten in den nachfolgenden Wochen Unterschiede auf. Die motorischen Symptome verbesserten sich durch die klassische zirkuläre Stimulation. Allerdings wurden kognitive Funktionen beeinträchtigt. In diesen Fällen konnten die kognitiven Nebenwirkungen durch die neue fokussierte Stimulation reduziert werden. Allerdings bestand dann die Möglichkeit, dass sich die motorische Bewegungsfähigkeit längerfristig weniger verbesserte als mit der klassischen Stimulation.
Die Ergebnisse zeigen, dass die klassische zirkuläre Stimulation eine bewährte Methode für eine langfristige Verbesserung der motorischen Fähigkeiten ist. Die fokussierte Stimulation hingegen kann eine ergänzende Rolle bei Nebenwirkungen spielen. Nicht nur ist entscheidend, mit welcher Methode stimuliert wird, sondern auch, an welcher Stelle innerhalb des subthalamischen Kern des Gehirns die Elektroden positioniert werden. Die Studie konnte zeigen, dass die Positionierung der Elektroden an einer bestimmten Stelle, dem „Sweet-Spot" im subthalamischen Kern, einen erheblichen Einfluss auf die Therapieergebnisse hat. Bereits wenige Millimeter Distanz zum Sweet-Spot riefen kognitive Nebenwirkungen hervor.
Akupunktur als ergänzende Behandlungsmethode
Akupunktur hat in den vergangenen Jahren in der Behandlung der Parkinson-Erkrankung immer mehr an Bedeutung gewonnen. Mittlerweile liegt für diese Behandlungsform eine kontinuierlich wachsende Evidenz vor, in deren Rahmen sich Akupunktur als effektive Methode zur Linderung der parkinsonspezifischen Symptome, zur Verzögerung des Voranschreitens der Erkrankung und zur Senkung der Parkinson-Medikation wie L-Dopa erwiesen hat.
Studienlage zur Akupunktur bei Parkinson
Sieben Datenbanken wurden systematisch auf relevante Artikel durchsucht. Inkludiert wurden randomisierte Studien, in denen entweder manuelle Akupunktur, Elektro- oder Schädelakupunktur in Begleitung oder im Vergleich mit einer konventionellen Behandlung (Madopar, Levodopa), Placeboakupunktur oder keiner Behandlung bei Patienten mit der Diagnose Morbus Parkinson zur Anwendung kamen. Nach Ausschluss nicht zutreffender Publikationen standen den Wissenschaftlern noch 25 Studien zur Verfügung, in denen im Rahmen der Akupunkturbehandlungen insgesamt 65 verschiedene Punkte verwendet wurden. In keiner der Studien wurde nur ein einzelner Akupunkturpunkt stimuliert; alle verwendeten mehrere Punkte in Kombination. Die am häufigsten genadelten Punkte in der Therapie der Parkinsonpatienten waren LR3, GB34 und vor allem GV20.
Die in den Studien verwendete Verlaufsbeurteilungsskala zur Bewertung der parkinsonspezifischen Symptome bildete die sog. UPDRS-Skala (Unified Parkinson’s Disease Rating Scale), deren vier Abschnitte sich auf verschiedene krankheitsspezifische Beschwerden und Beeinträchtigungen konzentrieren: kognitive Funktionen/Verhalten und Stimmung, Aktivitäten des täglichen Lebens, Motorik und Komplikation der Behandlung (zeitnah gemessen). Außerdem wurde in einigen Studien die Webster Skala zur Erhebung des Schweregrads des Parkinson-Syndroms verwendet.
Ergebnisse der Meta-Analyse
Interessant ist das Ergebnis der gepoolten (zusammengefassten) Datenanalyse, die der Akupunkturbehandlung in Begleitung der konventionellen Therapie eine höhere Effektivität in der Linderung parkinsonspezifischer Symptome attestiert als keine oder aber eine alleinige Behandlung mit konventionellen Mitteln. Dazu zeigt sich die Heterogenität der inkludierten Studien hinsichtlich der Verwendung verschiedener Akupunkturpunkte sowie Erhebung mittels unterschiedlicher Mess-Skalen zu groß. Ob das Resultat der Meta-Analyse auf die westliche Welt übertragbar ist, bleibt ebenfalls unbeantwortet, wurden doch alle der inkludierten Studien in asiatischen Staaten wie Korea und China durchgeführt. Als weiterführende Überlegung weisen die Wissenschaftler auf den Erfolg der chinesischen Heilkräutertherapie bei Parkinson hin, die sich in vergangenen Studien der Placebo- sowie der konventionellen Therapie als signifikant überlegen zeigte.
Implantat-Ohr-Akupunktur (I-O-A)
Die Implantat-Ohr-Akupunktur wird seit wenigen Jahren bei neurologischen Erkrankungen in Deutschland eingesetzt. Hierbei wird immer wieder ueber eine Verbesserung der Symptome und Lebensqualitaet bei Patienten mit Morbus Parkinson berichtet. In einer prospektiven und konsekutiven Verlaufsbeobachtung untersuchten wir 79 Patienten ueber einen Zeitraum von 6 Monaten nach der Implantation per Interview. Die Implantat-Ohr-Akupunktur kann das Behandlungsspektrum bei Morbus Parkinson erweitern.
Waehrend der Behandlung wurden kleine Nadeln aus medizinischem Rein-Titan (IMPLAX" / Firma Lametec) an franzoesische und chinesische Ohr-Akupunkturpunkte gesetzt und implantiert. Vom Stichtag der Implantation wurden alle Patienten im Abstand von 4, 8 und 16 und 24 Wochen nach der Implantation telefonisch interviewt, ggf. auch persoenlich nachuntersucht. Nach Pruefung der Ein- und Ausschlusskriterien konnten 79 Patienten vollstaendig ausgewertet werden. Fuer diese Patienten wurden jeweils 2 Endpunkte (158 Hauptgruende fuer Implantation) vor der Behandlung definiert.
4 Wochen nach der Implantation berichteten 51% der Patienten von einer signifikanten Verbesserung zum Ausgangsbefund. 8 Wochen nach der Implantation war diese Zahl auf 62 % der Patienten angestiegen. In der Endpunktauswertung ergab sich 24 Wochen nach der Implantat-Ohr-Akupunktur (I-O-A) das folgende Ergebniss: Alle vier Endpunkte (Tremor, Rigor, Bewegungsverlangsamung und Schmerzen) wurden von den Patienten nach ueber 6 Monaten als Verbesserung zum Ausgangsbefund bewertet. In allen Subanalysen zeigte sich eine Verbesserung der jeweiligen Befunde von ueber 60%.
Bei der Untersuchung der Nebenendpunkte (Nebengrund fuer Implantation) konnte eine Reduzierung der Medikamente in 21% aller Patienten erreicht werden. Bei 7 von 11 Patienten war eine Obstipation (Verstopfung) ruecklaeufig.
Die Ergebnisse dieser Auswertung geben Anlass diese Methode noch intensiver zu untersuchen. Sicherlich waere es in Zukunft wuenschenswert die Daten objektiver zu praesentieren. Daher sollte neben einer Patientenbefragung zukuenftig regelmaeBig der Parkinson's Disease Questionnaire (PDQ 39) durchgefuehrt werden. Dieser Test fragt nach diversen Alltagstaetigkeiten, die fuer die betroffenen Patienten nur noch mit Muehe oder deutlich verlangsamt durchgefuehrt werden koennen. Insbesondere der motorische Teil des Tests (UPDRS) koennte indirekt darueber Aufschluss geben, ob durch die eingesetzten Implantate dem zentralen Nervensystem (ZNS) wieder vermehrt Dopamin und dopaminaehnliche Botenstoffe zur Verfuegung gestellt werden koennen. Somit koennte der Einsatz der Implantate gerade in der Fruehphase der Erkrankung die Gabe von Dopamin weiter herauszoegern.
Jede Form der Akupunktur hat einen indirekten Einfluss auf das vegetative Nervensystem sowie auf die Regulation verschiedener hormoneller Systeme. Eine Freisetzung von Endorphinen nach Akupunktur konnte in verschiedenen Tiermodellen und beim Menschen bestaetigt werden.
Doppelaufgaben-Training zur Verbesserung der motorischen und kognitiven Fähigkeiten
Für ein selbstbestimmtes Leben sind motorische Beweglichkeit und kognitive Leistungsfähigkeit gleichermaßen wichtig. Bei Parkinson können beide Fähigkeiten eingeschränkt sein. Die Doppelaufgabeninterferenz ist ein wichtiges Problem beim Altern und bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen, aus folgenden Gründen:
- Die meisten Aktivitäten des täglichen Lebens erfordern, dass Menschen eine oder mehrere Aufgaben gleichzeitig ausführen.
- Schwierigkeiten bei der gleichzeitigen Ausführung von zwei Aufgaben können die Unabhängigkeit der Personen beeinträchtigen.
- Insbesondere bei Parkinson wurden diese Schwierigkeiten mit Verlust des Gleichgewichts und einem erhöhten Sturzrisiko in Verbindung gebracht.
Es gibt Situationen, in denen das Bewältigen von Doppelaufgaben für Menschen mit Parkinson besonders anspruchsvoll sein kann. Dazu gehören:
- Gehen und Sprechen: Menschen mit Parkinson neigen dazu, beim Sprechen das Gehen zu verlangsamen oder sogar ganz anzuhalten.
- Essen/Trinken und Sprechen: Hier können Probleme wie das Verschütten von Getränken oder das Risiko des Verschluckens auftreten.
- Kommunizieren und Interagieren bei Hintergrundgeräuschen und Nebengesprächen: Die Fähigkeit, in Umgebungen mit Geräuschen und parallel laufenden Gesprächen zu kommunizieren, kann beeinträchtigt sein.
Diese Herausforderungen können, verständlicherweise, alle das tägliche Leben und die soziale Interaktion negativ beeinflussen.
Was können wir tun?
Die zunehmende Forschung deutet darauf hin, dass nicht-pharmakologische Interventionen wie körperliches und kognitives Training Menschen mit Parkinson sowohl physisch als auch kognitiv zugutekommen können. Die Kombination solcher Interventionen könnte eine vielversprechende neue Behandlungsmethode darstellen.
Doppelt- oder Multitasking wird im Allgemeinen als "die Fähigkeit definiert, gleichzeitig zwei oder mehr Aufgaben während des Transfers, der Fortbewegung und anderer gangbezogener Aktivitäten auszuführen". Das Training von Individuen zielt darauf ab, ihnen beizubringen, zwei oder mehr Aufgaben gleichzeitig auszuführen. Jede dieser Aufgaben kann unabhängig voneinander gemessen werden und unterschiedliche Ziele verfolgen. Da es im täglichen Leben kaum möglich ist, Multitasking-Situationen zu vermeiden, ist es sinnvoll, Patienten so früh wie möglich darauf vorzubereiten.
Therapeuten verwenden normalerweise das Training für Multitasking in der klinischen Praxis aus drei Hauptgründen:
- Verbesserung der täglichen Aktivitäten: Das Training zielt darauf ab, die Fähigkeit zu stärken, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, was im Alltag nützlich ist.
- Förderung des Lernens durch zunehmende Schwierigkeit: Durch die schrittweise Erhöhung der Komplexität der Übungen wird das Lernen gefördert.
- Steigerung von Motivation und Engagement: Das Training soll dazu beitragen, die Motivation und das Engagement der Einzelpersonen zu erhöhen.
Evidenzen für Doppelaufgaben-Training
Erste Untersuchungen an fünf Personen mit leichter bis mittelschwerer Parkinson-Krankheit kamen zu dem Schluss, dass bei diesen Patienten 30 Minuten einmal pro Woche über drei Wochen des Mehrfachaufgaben-Gangtrainings machbar waren und zu anhaltenden Vorteilen in Bezug auf die Geschwindigkeit des Mehrfachaufgaben-Gehens, Ermüdungs- und Angstniveaus führten. Später zeigten Brauer und Morris in einer Studie mit 20 Personen mit Parkinson, dass das Training die Schrittlänge beim Gehen unter Doppelaufgaben-Bedingungen erhöhen konnte. In jüngerer Zeit zeigte eine randomisierte klinische Studie mit 121 Personen mit frühem bis mittlerem Parkinson-Stadium, dass das Doppelaufgaben-Gehen im Vergleich zu einer Kontrollperiode ohne Training verbessert wurde. Die Studie implementierte zwei Doppelaufgaben-Trainingsprogramme, eines mit aufeinanderfolgendem Training und eines mit gleichzeitigem (d.h. integriertem) Doppelaufgaben-Training, das im häuslichen Umfeld durchgeführt wurde.
Beide Trainingsmodi hatten einen ähnlichen Effekt auf das Doppelaufgaben-Gehen, und die Vorteile blieben nach einer 12-wöchigen Nachuntersuchung erhalten. In beiden Trainingsmodi trat keine signifikante Veränderung des Sturzrisikos auf und zeigte günstige Compliance-Raten. Diese Ergebnisse unterstützen die Einführung des Doppelaufgaben-Trainings in der klinischen Praxis.