Wann sterben Gehirnzellen beim Ertrinken ab? Ein umfassender Überblick

Ertrinken ist eine der häufigsten Todesursachen bei Badeunfällen. Weltweit gibt es laut WHO jährlich etwa 450.000 Ertrinkungsunfälle mit einem tödlichen Ausgang. Im Kindesalter ist Ertrinken nach Verkehrsunfällen eine der Hauptursachen für Tod. Aber was passiert im Körper, wenn jemand ertrinkt, und ab wann sterben Gehirnzellen ab? Dieser Artikel beleuchtet die physiologischen Prozesse, die zum Ertrinken führen, die verschiedenen Arten des Ertrinkens, Erste-Hilfe-Maßnahmen und Präventionstipps.

Ursachen von Badeunfällen

Badeunfälle sind keine Seltenheit und oft vermeidbar. Mangelnde Schwimmpraxis, Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Leichtsinn und Unkenntnis über mögliche Gefahren im Wasser spielen eine wesentliche Rolle. Gerade in unbekannten Gewässern unterschätzen viele Menschen die Risiken.

Häufige Ursachen sind:

  • Mangelnde Schwimmfähigkeit: Viele Menschen, insbesondere Kinder, können nicht ausreichend gut schwimmen.
  • Fehlverhalten: Alkohol- oder Drogenkonsum, Übermut und das Springen ins Wasser bei vollem oder leerem Magen erhöhen das Unfallrisiko.
  • Temperaturschock: Ein Sprung ins kalte Wasser nach einem Sonnenbad kann zu Kreislaufproblemen, Krämpfen, Herzinfarkt oder Schlaganfall führen.
  • Ungeeignete Badeorte: Das Baden an verbotenen Stellen, in Flüssen mit starker Strömung oder im Meer bei Ebbe kann gefährlich sein.

Das Ertrinken: Ein physiologischer Prozess

Der International Liaison Committee on Resuscitation (ILCOR) definiert den Ertrinkungsunfall als einen Prozess, der aus einer primären respiratorischen Beeinträchtigung durch Eintauchen und/oder Untertauchen in ein flüssiges Medium resultiert. Diese Definition impliziert, dass eine Flüssigkeits-Luft-Grenzfläche am Beginn des Atemwegs des Betroffenen vorhanden sein muss, die verhindert, dass der Betroffene Luft atmen kann.

Die Phasen des Ertrinkens

  1. Atem anhalten: Nach dem Eintauchen des Kopfes in Flüssigkeit kann der Atemreiz von untrainierten Menschen maximal 2 Minuten unterdrückt werden.
  2. Aspiration: Durch Panik oder Einsetzen des Atemreizes kommt es zur Aspiration von Flüssigkeit.
  3. Hypoxämie und Azidose: Die Aspiration führt zu Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut), Hyperkapnie (erhöhter Kohlendioxidgehalt im Blut), Rechts-Links-Shunt und respiratorisch-metabolischer Azidose (Übersäuerung des Körpers), was zu Organschäden führen kann.
  4. Bewusstlosigkeit: Der Sauerstoffmangel führt zur Bewusstlosigkeit.
  5. Herzstillstand: Schließlich kommt es zum Herzstillstand.

Was passiert im Körper?

Beim Ertrinken kommt es zu einer Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr, was letztendlich zum Ersticken führt. Konkret geschieht Folgendes:

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  1. Stimmritzenkrampf: Sobald Wasser oder eine andere Flüssigkeit eingeatmet wird (Aspiration), wird ein Schutzreflex ausgelöst - die im Kehlkopf gelegene Stimmritze verkrampft sich, wodurch das Atmen unmöglich wird. Dieser Reflex soll verhindern, dass weitere Flüssigkeit in die Lunge eindringt.
  2. Sauerstoffmangel: Die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) in der Lunge können nicht mehr mit Sauerstoff beladen werden. Je länger die Sauerstoffzufuhr ausbleibt, desto mehr Zellen im Körper sterben ab.
  3. Bewusstlosigkeit und Organschäden: Der Sauerstoffmangel führt zur Bewusstlosigkeit und schließlich zum Absterben von Gehirnzellen und Schäden an anderen Organen.

Ab wann sterben Gehirnzellen?

Nach etwa drei bis fünf Minuten Sauerstoffmangel beginnen die ersten Gehirnzellen abzusterben. Die genaue Zeit hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. der Wassertemperatur:

  • Kaltes Wasser: In kaltem Wasser sinkt der Sauerstoffbedarf von Gehirn und Organen, was die Überlebenschancen erhöhen kann. Es gibt Fälle von Kindern, die bei niedrigen Wassertemperaturen nach fast einer Stunde wiederbelebt werden konnten.
  • Warmes Wasser: In warmem Wasser verläuft der Prozess schneller, da der Stoffwechsel und der Sauerstoffbedarf höher sind.

Arten des Ertrinkens

Mediziner unterscheiden verschiedene Arten des Ertrinkens, je nach den Umständen und den physiologischen Prozessen, die zum Tod führen.

Primäres Ertrinken

Primäres Ertrinken liegt vor, wenn das Einatmen von Flüssigkeit einen Sauerstoffmangel verursacht, der innerhalb von 24 Stunden zum Tod führt.

Sekundäres Ertrinken

Sekundäres Ertrinken (auch "zweites Ertrinken") tritt 24 Stunden oder länger nach einem Beinahe-Ertrinken auf. Auslöser können Verschmutzungen im eingeatmeten Wasser sein, die die Lunge schädigen und eine Lungenentzündung auslösen können. Zudem kann das eingedrungene Wasser die feinen Lungenbläschen zerstören, was zu Atemnot und einem weiteren Sauerstoffmangel führt.

Nasses Ertrinken

In den meisten Fällen von Ertrinkungstod liegt nasses Ertrinken vor: Der Stimmritzenkrampf löst sich nach kurzer Zeit, sodass die Atemblockade wegfällt. Der Ertrinkende versucht dann reflexartig, Luft zu holen - auch unter Wasser, wobei er Wasser in seine Lunge einatmet. Der resultierende Sauerstoffmangel führt letztlich zum Tod.

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Trockenes Ertrinken

Wenn sich der Stimmritzenkrampf nicht löst (z.B. bei Bewusstlosigkeit), kann trockenes Ertrinken eintreten: Die anhaltende Atemblockade führt innerhalb von wenigen Minuten zum Tod. Der Betroffene erstickt also nach dem Eintauchen des Kopfes, ohne dass Flüssigkeit in die Lunge gelangt ist.

Was tun bei einem Ertrinkungsunfall? Erste Hilfe Maßnahmen

Bei einem Ertrinkungsunfall zählt jede Sekunde. Hier sind einige wichtige Erste-Hilfe-Maßnahmen:

  1. Notruf wählen: Verständigen Sie sofort die Rettung unter der Notrufnummer 112.
  2. Rettungsgerät zuwerfen: Werfen Sie dem Ertrinkenden einen Gegenstand zu, an dem er sich festhalten kann (z.B. einen Rettungsring oder einen Ball).
  3. Eigene Sicherheit beachten: Gehen Sie nur nach sorgfältiger Abwägung, wenn die Situation und die eigene Konstitution es zulassen, selbst ins Wasser, um den Ertrinkenden ans Ufer zu holen. Ihre eigene Sicherheit geht vor!
  4. Retten: Nähern Sie sich dem Ertrinkenden von hinten und greifen Sie ihn unter den Achseln. Schwimmen Sie mit ihm in Rückenlage an Land. Achten Sie darauf, dass der Ertrinkende Sie nicht unter Wasser drückt.

Erste-Hilfe-Maßnahmen an Land

  1. Atmung prüfen: Prüfen Sie, ob der Betroffene atmet.
  2. Stabile Seitenlage: Wenn der Verunfallte atmet, bringen Sie ihn in die stabile Seitenlage.
  3. Wiederbelebung: Wenn Sie keine Atmung feststellen können, starten Sie mit der Wiederbelebung (Herzdruckmassage und Atemspende). Bei Erwachsenen 30-mal Herzmassage und 2-mal Atemspende im Wechsel, bei Kindern 15-mal Herzmassage und 2-mal Atemspende im Wechsel. Setzen Sie die Reanimation solange fort, bis der Rettungsdienst eintrifft oder der Betroffene wieder selbst atmet.
  4. Krankenhaus: Auch wenn der Betroffene sich scheinbar gut erholt hat, sollte er zur Beobachtung in ein Krankenhaus gebracht werden, um ein sekundäres Ertrinken auszuschließen.

Spezielle Maßnahmen bei Unterkühlung

Patienten, die in kaltes Wasser gestürzt sind, sind in aller Regel hypotherm. umgehend isolieren, um Schutz vor weiterer Auskühlung zu bieten (z.B. Abbruch der Reanimation nur bei eindeutiger Klarheit (z.B.

  • Passive externe Wiedererwärmung: Abtrocknung des gesamten Körpers und Schaffung einer isolierenden Umhüllung für den Patienten, z. B. durch Decken, damit sich die Körpertemperatur durch die eigene Wärmeproduktion normalisieren kann.
  • Aktive externe Wiedererwärmung: Bei schweren Formen der Hypothermie können Techniken der aktiven externen Wiedererwärmung eingesetzt werden, mit denen Wärme durch Kontakt zum Patienten übertragen wird, z. B. durch das Einhüllen in vorgewärmte Decken oder den Hautkontakt mit warmen Wasserflaschen.
  • Aktiv interne Methoden: Aktiv interne Methoden umfassen invasive Techniken zur Wiedererwärmung des Körperkerns, wie die Hämofiltration, die Herz-Lungen-Maschine, aber auch die rektale oder gastrale Lavage mit erwärmten isotonischen Flüssigkeiten oder eine Beatmung mit aktiver Atemgasklimatisierung („Feuchtbeatmung“).

Prävention von Badeunfällen

Badeunfälle lassen sich durch einfache Maßnahmen vermeiden:

  • Schwimmen lernen: Kindern sollte so früh wie möglich das Schwimmen beigebracht werden. Ab vier Jahren sollte jedes Kind einen Schwimmkurs besuchen.
  • Aufsichtspflicht: Eltern sollten ihre Kinder niemals unbeaufsichtigt an Gewässern lassen.
  • Sichere Badeorte wählen: Baden Sie nur an bewachten Stränden oder in Schwimmbädern.
  • Regeln beachten: Beachten Sie die Baderegeln und Warnhinweise.
  • Alkohol vermeiden: Schwimmen Sie niemals alkoholisiert oder unter Drogeneinfluss.
  • Eigene Fähigkeiten einschätzen: Überschätzen Sie Ihre eigenen Fähigkeiten nicht und schwimmen Sie nicht zu weit hinaus.
  • Gesundheitliche Risiken beachten: Vermeiden Sie das Springen ins kalte Wasser nach einem Sonnenbad und gehen Sie nicht mit vollem oder leerem Magen ins Wasser.
  • Wassertemperatur beachten: Achten Sie auf die Wassertemperatur und vermeiden Sie Unterkühlung.

Fallbeispiele und medizinische Fortschritte

Es gibt immer wieder spektakuläre Fälle von Menschen, die nach langer Zeit unter Wasser wiederbelebt werden konnten. Ein Beispiel ist der Fall von Anna Bågenholm, einer schwedischen Ärztin, die nach einem Skiunfall in Norwegen ca. 80 min unter einer Eisfläche im Wasser eingeschlossen war und mit einer Körperkerntemperatur von 13,7 °C wiederbelebt wurde.

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Auch in der Intensivmedizin werden gezielt Kühlwesten eingesetzt, mit denen die Körpertemperatur von knapp 37 Grad auf 36 Grad bis 33 Grad reduziert wird. Dieses Verfahren, Hypothermie genannt, wird beispielsweise bei großen Operationen an der Hauptschlagader eingesetzt, um die Zellen in eine Art Winterschlaf zu versetzen.

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