Abdominelle Migräne und Ernährung: Ein umfassender Leitfaden

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der weltweit Millionen Menschen betroffen sind. Sie ist mehr als nur ein gelegentlicher Kopfschmerz und kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die Suche nach Auslösern für Migräneattacken ist oft mühsam und komplex. Während Stress, Wetter, hormonelle Schwankungen und bestimmte Lebensmittel als mögliche Trigger in Frage kommen, gibt es zunehmend Hinweise auf den Einfluss der Ernährung, insbesondere im Zusammenhang mit der sogenannten abdominellen Migräne.

Was ist abdominelle Migräne?

Die Bauchmigräne (abdominelle Migräne) ist eine spezielle Form der Migräne, bei der Bauchschmerzen im Vordergrund stehen, während die Kopfschmerzen fehlen oder nur leicht ausgeprägt sein können. Charakteristisch für Migräne sind pochende, pulsierende und sehr starke Kopfschmerzen. Ursachen und Auslöser für Migräneattacken sind wissenschaftlich noch nicht belegt. Auch Dauer und Häufigkeit der Kopfschmerzen, welche in den meisten Fällen auf einer Kopfhälfte spürbar sind, variieren von Betroffenem zu Betroffenem. Häufig kommen weitere Symptome zu den Schmerzen dazu, die sich im Verlauf der Migräneattacke ändern oder sogar zeitgleich auftreten können. Der Zustand kann bis zu 72 Stunden anhalten. Diese Form der Migräne betrifft vor allem Kinder, kann aber auch bei Erwachsenen auftreten. Etwa 4 bis 15 % der Kinder mit wiederkehrenden Bauchschmerzen könnten an dieser Form der Migräne leiden. Die Diagnose wird oft erst spät gestellt, da viele dieser Kinder im Erwachsenenalter eine klassische Migräne entwickeln.

Tabellarische Gegenüberstellung: Bauchmigräne vs. klassische Migräne

MerkmalBauchmigräneKlassische Migräne
HauptsymptomBauchschmerzenKopfschmerzen
BegleitsymptomeÜbelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, BlässeÜbelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit
BetroffeneVor allem KinderErwachsene und Kinder
ÜbergangKann in klassische Migräne übergehen-

Die Darm-Hirn-Achse: Eine Schlüsselverbindung

Der Zusammenhang zwischen Migräne und Magen-Darm-Beschwerden ist tiefer als lange angenommen. Neuere Forschungen legen nahe, dass unser Verdauungssystem und unser Gehirn in ständiger Kommunikation miteinander stehen und sich gegenseitig beeinflussen können. Diese Erkenntnis eröffnet neue Perspektiven für das Verständnis und die Behandlung von Kopfschmerzen im Zusammenhang mit Magen-Darm-Problemen.

Gehirn und Verdauungstrakt stehen in ständiger Kommunikation, vor allem über den Nervus vagus. Dieses enge und komplexe Zusammenspiel wird als Darm-Hirn-Achse bezeichnet. Der Vagusnerv überträgt über Botenstoffe wie Serotonin direkte Signale zwischen Gehirn und Verdauungstrakt. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Störungen in diesem Kommunikationssystem sowohl zu Kopf- und Bauchschmerzen führen als auch neurologische Erkrankungen wie Migräne beeinflussen können.

Entzündungen im Magen-Darm-Trakt

Entzündliche Prozesse im Magen-Darm-Trakt könnten eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräne spielen. Chronische Entzündungen im Verdauungstrakt wie Morbus Crohn, Zöliakie oder Infektionen mit Helicobacter pylori können Entzündungsmediatoren freisetzen, die ins Blut gelangen und die Blut-Hirn-Schranke überwinden können.

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Nährstoffmangel

Ein weiterer Zusammenhang zwischen Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen könnte ein Nährstoffmangel sein. B-Vitamine, insbesondere das Vitamin B2 (Riboflavin) und B12, spielen eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel der Nervenzellen. Omega-3-Fettsäuren haben entzündungshemmende Eigenschaften.

Reizdarmsyndrom (RDS)

Auch das Reizdarmsyndrom (RDS) wird häufig bei Migränepatienten beobachtet. Etwa 30-50% der Migränepatienten leiden gleichzeitig unter RDS-Symptomen. Stress aktiviert das sympathische Nervensystem - den Teil unseres autonomen Nervensystems, der für die Kampf-oder-Flucht-Reaktion verantwortlich ist. All diese Faktoren können sowohl zu Kopfschmerzen als auch zu Verdauungsproblemen führen.

Hormonelle Veränderungen

Auch hormonelle Veränderungen spielen eine wichtige Rolle, vor allem bei Frauen. Östrogenschwankungen während des Menstruationszyklus können nicht nur Migräneattacken auslösen, sondern auch die Magen-Darm-Motilität beeinflussen und zu Symptomen wie Blähungen, Verstopfung oder Durchfall führen. Dies erklärt, warum viele Frauen vor oder während ihrer Periode gleichzeitig unter Migräne und Durchfall leiden.

Ernährung als Trigger und Therapieansatz

Die Bedeutung der Ernährung in der Entstehung und Behandlung von Migräne und Kopfschmerzerkrankungen ist umstritten. Nach derzeitigem Wissensstand lassen sich jedoch keine allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen für Migränepatienten begründen. Die aktuelle Studienlage hat eine Reihe von möglichen Mechanismen identifiziert, die die kopfschmerzauslösende Wirkung der Ernährung erklären könnten. Diese beziehen sich insbesondere auf die Auswirkung bestimmter Nahrungsbestandteile und Substanzen, auf Neuropeptide, Ionenkanäle und Rezeptoren sowie der Freisetzung von Stickstoffmonoxid, der Aktivierung des sympathischen Nervensystems, Gefäßerweiterungen und Veränderungen im zerebralen Glukosestoffwechsel. Der direkte Einfluss von Nahrungskomponenten lässt sich jedoch nur schwer abgrenzen.

Dennoch berichten viele Migränepatienten von spezifischen Lebensmitteln, die als Trigger für ihre Attacken wirken. Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle Trigger bei jedem Betroffenen zutreffen. Stark tyramin- und histaminhaltigen Lebensmittel wird nachgesagt, dass sie Migräneattacken auslösen können. Demnach sollten Sie - wenn diese Lebensmittel bei Ihnen zu den auslösenden Faktoren zählen -vor allem lang gelagerte oder gereifte Speisen, wie beispielsweise Käse, Salami und Schinken oder Sauerkraut, vermeiden. Gleiches gilt für Getränke wie Sekt, Wein oder Bier. Auch Koffein, bestimmte Eiweißstoffe in Milchprodukten, Konservierungsstoffe in Fertiggerichten oder der Geschmacksverstärker Glutamat konnten in Zusammenhang mit Migräneattacken gebracht werden.

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Nicht nur bestimmte Lebensmittel spielen eine Rolle. Bei Migräne sollte auch auf die Zubereitung, die Menge sowie die Tageszeit der Aufnahme und die sonstige körperliche Verfassung geachtet werden. Nur, weil man Käse verträgt, heißt das noch nicht, dass die individuelle Schwelle für Migräne in Verbindung mit einem weiteren Nahrungsmittel ebenso unter der Toleranzgrenze bleibt.

Empfohlene Ernährungsansätze

Eine ausgewogene Ernährung kann sowohl Migräne als auch Magen-Darm-Beschwerden lindern.

  • Ballaststoffreiche Ernährung: Eine faserreiche Ernährung fördert die Darmgesundheit und könnte indirekt auch Migräne-Symptome positiv beeinflussen.
  • Magnesium und Omega-3-Fettsäuren: Hingegen werden Magnesium und Omega-3-Fettsäuren nachgesagt, dass sie sich positiv auf Migräne auswirken können. Während Magnesium an allen energieerzeugenden Enzymreaktionen im Körper beteiligt ist, hemmen Omega-3-Fettsäuren unter anderem Entzündungsreaktionen. Aufgrund dessen gehen Wissenschaftler davon aus, dass diese vermutlich auch an Migräne beteiligt sein könnten. Geeignete Lebensmittel mit reichlich Omega-3-Fettsäuren ist Fisch sowie Lein-, Walnuss- und Rapsöl. Eine große Menge an Magnesium enthalten Nüsse, Hülsenfrüchte oder Getreidekeime.
  • Vollwertige und ausgewogene Ernährung: Eine vollwertige und ausgewogene Ernährungs- sowie Lebensweise wirken sich positiv auf den gesamten Organismus aus und sind ebenso bei Migräne empfehlenswert.

Spezifische Diäten

  • Glutenfreie Ernährung: Ganzheitliche Ernährungsberater jedoch empfehlen Klienten mit Migräne häufig, einmal eine glutenfreie Ernährung zu testen. Gluten ist ein Eiweiss, das sich in vielen Getreidearten findet, etwa in Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel und damit in nahezu allen herkömmlichen Back- und Teigwaren. Bekannt ist, dass Menschen mit Zöliakie (Autoimmunerkrankung, bei der Gluten im Darm zu chronischen Entzündungen führt) häufiger an Migräne leiden als Menschen ohne Zöliakie.
  • Ketogene Diät (KD): Die ketogene Diät (KD) wird bereits seit den 1930er Jahren intensiv erforscht und stellt eine etablierte Maßnahme in der Therapie der Epilepsie bei Kindern dar. Klinische Daten weisen darauf hin, dass die fettreiche und extrem kohlenhydratreduzierte Ernährungsform sich in vielerlei Hinsicht positiv auf das Krankheitsgeschehen der Migräne auswirkt. Nach dem ersten Monat konnte neben einer Gewichtsreduktion eine deutliche Verringerung der Kopfschmerzhäufigkeit und der Medikamenteneinnahme festgestellt werden.
  • Oligoantigene Diät: Die oligoantigene Diät hat sich in einigen Studien als hilfreicher Behandlungsansatz in der Therapie von Migräne, ADHS und Epilepsie erwiesen. In einer doppelblinden Untersuchung konnte durch die Ernährungsumstellung bei 93 % der untersuchten Kinder eine Kopfschmerzreduktion erzielt werden. Darüber hinaus besserten sich während dieser Zeit auch andere Symptome wie Bauchschmerzen, Verhaltensstörungen, Asthma und Ekzeme.

Nahrungsergänzungsmittel

  • Vitamine und Mineralstoffe: In Studien wurde gezeigt, dass Migränepatienten verminderte Konzentrationen der Mikronährstoffe Riboflavin (Vitamin B2), Magnesium und Coenzym Q10 aufweisen. Die Mikronährstoffe spielen eine wichtige Rolle bei der Energieerzeugung in den Mitochondrien und sind an zahlreichen physiologischen Prozessen beteiligt, die das Krankheitsgeschehen der Migräne beeinflussen. Studien zeigen, dass eine Supplementierung von 25 mg Vitamin B6 und 400 μg Vitamin B12 sowie 2 mg Folsäure die Schwere der Kopfschmerzen bei Personen mit Migräne mit Aura deutlich verringern kann.
  • Probiotika: Die Darmflora besteht aus Billionen von Mikroorganismen, die nicht nur die Verdauung beeinflussen, sondern auch mit dem Nervensystem kommunizieren. Eine gestörte Darmflora (Dysbiose) kann zu Entzündungsreaktionen führen, die möglicherweise Migräneattacken begünstigen könnten. Prä- und Probiotika wirken sich positiv auf die Darmflora aus. Präbiotika sind Nahrungsbestandteile, die den nützlichen Darmbakterien als "Futter" dienen. Probiotika hingegen sind lebende Mikroorganismen, die die Darmflora positiv beeinflussen können.

Nicht zu unterschätzen: Regelmäßigkeit und Vermeidung von Fasten

Migräne-Attacken können durch Fastenperioden ausgelöst oder auch verstärkt werden. Das zeigte sich bei Muslimen mit Migräne während des Fastenmonats Ramadan. Laut ihrer Kopfschmerztagebücher waren Häufigkeit und Intensität der Migräne-Episoden höher. Eine frühere Studie zeigte bereits, dass die Serotoninspiegel im Serum der TeilnehmerInnen in den ersten gegenüber den letzten Fastentagen signifikant niedriger waren.

Weitere Therapieansätze

Neben der Ernährung gibt es verschiedene andere Therapieansätze, die bei abdomineller Migräne in Betracht gezogen werden können:

  • Akutmedikation: Zur Akutmedikation können Triptane (z.B. Sumatriptan) und Schmerzmittel wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure oder Paracetamol eingenommen werden. Bei ausgeprägter Übelkeit kommen Antiemetika (z.B. Metoclopramid) in Betracht.
  • Vorbeugende Medikamente: Vorbeugend können Betablocker (z.B. Metoprolol) oder Kalziumantagonisten (z.B.
  • Stressmanagement: Stress ist ein häufiger Auslöser sowohl von Migräne als auch von Verdauungsbeschwerden. Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen.
  • Psychotherapeutische Maßnahmen: Ein weiterer möglicher Ansatz sind psychotherapeutische Maßnahmen wie eine kognitive Verhaltens-, Hypno- oder Familientherapie.
  • Vagusnervstimulation: Die Vagusnervenstimulation hat sich sowohl bei Migräne als auch bei Clusterkopfschmerzen als wirksame Behandlung bewährt.

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