Die abdominelle Migräne, oft übersehen und unterdiagnostiziert, ist eine Form der Migräne, die sich primär durch Bauchschmerzen äußert und nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene betreffen kann. Während sie bei Kindern als eine der häufigsten Ursachen funktioneller Bauchbeschwerden gilt, manifestiert sie sich im Erwachsenenalter oft anders oder wird fälschlicherweise anderen Erkrankungen zugeordnet. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze der abdominellen Migräne bei Erwachsenen, um ein umfassendes Verständnis dieser oft missverstandenen Erkrankung zu ermöglichen.
Einführung in die Migräne
Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch periodische, anfallsartige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) definiert Migräne als wiederkehrende Kopfschmerzen, begleitet von Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit (Phono- und/oder Photophobie). Es wird grundsätzlich zwischen Migräne ohne Aura und Migräne mit Aura unterschieden. Die Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) der Migräne in Deutschland liegt zwischen 12-15% in der weiblichen und 6-8% in der männlichen Bevölkerung, was sie zu einer der häufigsten Erkrankungen überhaupt macht.
Eine Migräne-Attacke kann in mehreren Phasen verlaufen:
- Prodromalphase (Anfangsphase): Hier können Symptome wie Heißhunger, Stimmungsschwankungen oder Polyurie auftreten.
- Aura-Phase: Neurologische Reiz- oder Ausfallerscheinungen, meist visuelle Auren wie Flimmerskotome oder Fortifikationen, können auftreten.
- Kopfschmerzphase: Anfallsartig auftretende Kopfschmerzen, oft halbseitig, pulsierend und pochend, begleitet von autonomen Begleiterscheinungen.
- Postiktale Phase (Phase nach dem Anfall): Erschöpfung und Müdigkeit können anhalten.
Abdominelle Migräne: Eine Sonderform der Migräne
Die abdominelle Migräne ist eine spezielle Form der Migräne, bei der Bauchschmerzen im Vordergrund stehen, während die Kopfschmerzen fehlen oder nur leicht ausgeprägt sein können. Diese Form der Migräne betrifft vor allem Kinder, kann aber auch bei Erwachsenen auftreten.
Symptome der abdominellen Migräne
Bei einer abdominellen Migräne treten anfallsartig und in regelmäßigen Abständen Bauchschmerzen ohne Fieber auf. Begleitend zu den Bauchschmerzen kann es häufig zu Übelkeit, Erbrechen, Blässe sowie Appetitlosigkeit und Lichtempfindlichkeit kommen. Die Schmerzen treten dabei meist im Bereich des Bauchnabels auf und können von einer Stunde bis zu drei Tagen dauern. In der Regel müssen sich Betroffene hinlegen und können ihren alltäglichen Beschäftigungen in dieser Zeit nicht nachgehen. Zwischen den periodisch auftretenden Bauchschmerzattacken treten keine Beschwerden auf.
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Ursachen und Auslöser der abdominellen Migräne
Die tatsächliche Ursache einer Bauchmigräne ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Es wird angenommen, dass sie mit den gleichen Mechanismen wie andere Migräneformen zusammenhängt, einschließlich genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren.
Als Trigger oder Triggerpunkt bezeichnet man in der Medizin einen Auslöser für Symptome bzw. Krankheitszustände. Beispielsweise können Triggerpunkte wie grelles Licht, Wettereinflüsse oder hormonelle Schwankungen einen Migräneanfall auslösen.
Psychischer Stress zählt dabei zu den relevantesten Auslösern. In einer Übersichtsarbeit berichten die zwei Gastroenterologinnen Dr. Demiana Azmy und Dr. Cary Qualia aus New York, dass Bauchmigräne in zwei Altersklassen besonders häufig auftritt: bei Fünf- und Zehnjährigen. Ihrer Einschätzung nach hängt das mit dem schulischen Stress zusammen, der in diesen Altersgruppen gehäuft auftritt: Einschulung mit circa fünf Jahren und mit circa zehn Jahren Wechsel auf die weiterführende Schule.
Daneben können aber noch weitere Auslöser, wie etwa:
- Erschöpfung
- Schlafmangel
- grelles oder flackerndes Licht
- diätetische Lebensmittel - etwa Zitrusfrüchte, Käse, Schokolade, kohlensäurehaltige Getränke - eine abdominelle Migräne begünstigen.
Diagnose der abdominellen Migräne
Um körperliche Ursachen für die Bauchschmerzen bei Kindern auszuschließen, sollten Eltern immer zur Abklärung einen Kinder- und Jugendarzt aufsuchen. Deutet alles auf eine Bauchmigräne hin, ist es empfehlenswert, zusammen mit dem betroffenen Kind, ein Bauchschmerztagebuch zu führen, um die sogenannten Triggerpunkte herauszufinden.
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Die Diagnose der abdominellen Migräne bei Erwachsenen kann eine Herausforderung darstellen, da die Symptome unspezifisch sind und andere Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts imitieren können. Eine sorgfältige Anamnese, körperliche Untersuchung und der Ausschluss anderer Ursachen sind entscheidend.
Differentialdiagnose
Differentialdiagnostisch müssen Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik ausgeschlossen werden.
Abdominelle Migräne und Migränekopfschmerz
Die Beschwerden einer Bauchmigräne nehmen mit der Pubertät häufig ab oder verschwinden gänzlich. Erwachsene sind in der Regel nur noch selten davon betroffen. Vielmehr geht im Laufe der Jahre eine abdominelle Migräne in einen Migränekopfschmerz über. Da Migränekopfschmerz jedoch oft mit weiteren Begleiterkrankungen, wie beispielsweise Reizdarm, einhergeht, leiden manche Erwachsene weiterhin an Bauchbeschwerden.
Behandlung der abdominellen Migräne
Für Betroffene mit einer Bauchmigräne gibt es noch keine zugelassene spezifische Therapie. „Nur einige wenige kleine Studien haben Behandlungsansätze für abdominelle Migräne evaluiert“, berichten die beiden Gastroenterologinnen Azmy und Qualia. Sie erklären weiter, dass man sich vorrangig an den Erfahrungen von Migränekopfschmerz orientiert.
Akutbehandlung
Betroffene sollten sich während einer Bauchmigräneattacke ausruhen, bis die Symptome wieder verschwunden sind. Auch können Entspannungsübungen, wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training, die Beschwerden lindern. Reicht dies allein nicht aus, kann nach ärztlicher Absprache Ibuprofen 10 mg/kg, Paracetamol 15 mg/kg oder Sumatriptan 10 mg intranasal verabreicht werden. In der Regel klingen „akute Symptome bei mehr als 80 Prozent der Patienten mit Ruhe in einem dunklen, stillen Raum und einfacher Analgesie ab“, so ein britisches Autorenteam um die Neurologin Dr. Heather Angus-Leppan vom University College London.
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Leichte bis mittelschwere Migräneattacken können mit peripher wirksamen Analgetika (schmerzstillende und -lindernde Medikamente) und NSAID’s (=Nichtsteroidale Antiphlogistika, entzündungshemmende Schmerzmittel ohne Kortison) behandelt werden. Die Wirksamkeit der Analgetika kann durch die Gabe von Prokinetika (Mittel zur Förderung der Magen-Darm-Bewegung) und Antiemetika (Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen) wie Metoclopramid oder Domperidon verbessert werden, da somit die Aufnahme der Medikamente insgesamt verbessert wird. Da viele Patienten gleichzeitig unter Übelkeit und Erbrechen leiden, bietet sich die begleitende Gabe dieser Substanzen auch unter diesem Gesichtspunkt an.
Spezifische Antimigränemittel sind die Ergotamine und Triptane. In der Therapie der akuten Migräneattacke sind die Triptane (5-HT1B/D-Agonisten) die Mittel der ersten Wahl. Die vielfältigen Darreichungsformen und Dosierungen der Triptane ermöglichen ein hohes Maß an individueller Therapie. Dabei können auch besondere klinische Präsentationen berücksichtigt werden. So eignen sich für Patienten, die besonders unter Übelkeit und Erbrechen leiden, subcutane (unter die Haut) oder intranasale (=in die Nase hinein) Darreichungsformen (Sumatriptan sucutan, Nasenspray, Zolmitriptan Nasenspray). Patienten, die unter eher lang anhaltenden Attacken leiden, können bevorzugt mit Präparaten behandelt werden, die eine lange Halbwertszeit haben (Frovatriptan, Naratriptan). Patienten, die bereits zu Beginn der Attacke intensive Kopfschmerzen haben und eine möglichst schnelle Wirkung brauchen, können entweder die subcutane Darreichungsform benutzen oder Präparate nehmen, die besonders schnell anfluten (Sumatriptan subcutan, Zolmitriptan Nasenspray, Rizatriptan 10 mg oral, Eletriptan 40mg oral). Wichtig ist, dass die Migräne-Aura durch Triptane nicht beeinflusst werden kann. Der Einsatz der Triptane sollte daher erst nach abgelaufener Aura erfolgen.
Präventive Maßnahmen
Können die Triggerpunkte einer Bauchmigräne erkannt werden, sollten diese nach Möglichkeit gemieden werden. Es können auch Strategien entwickelt werden, um beispielsweise zu lernen, wie man mit Stress umgeht und wie eine gute Schlafhygiene eingeübt werden kann.
Ein weiterer möglicher Ansatz sind psychotherapeutische Maßnahmen wie eine kognitive Verhaltens-, Hypno- oder Familientherapie.
Treten die Bauchschmerzattacken mehr als zweimal im Monat auf oder ist das betroffene Kind trotz Akutbehandlung stark beeinträchtigt, können präventiv Medikamente empfohlen werden, so die Neurologin Dr. Angus-Leppan. Unter ärztlicher Absprache kann dann z. B. der Betablocker Propranolol oder das Antihistaminikum Cyproheptadin verordnet werden.
Auch die Ernährung kann Einfluss auf eine abdominelle Migräne haben. So sind längere Fastenzeiten, Dehydratation sowie Lebensmittel, die mit Geschmacks- oder Farbstoffen versehen sind, eher ungünstig. Im Fokus sollte eine gesunde und ausgewogene Ernährung stehen. Eine Arbeitsgruppe stellte 2012 fest, dass durch eine oligoantigene Diät die Symptomatik bei 77 Prozent der Betroffenen gelindert werden konnte.
Oligoantigene Diät
Bei der sogenannten Oligoantigen-Diät sollen mögliche allergieauslösende Stoffe in der Nahrung vermieden werden. Im Rahmen dieser Diät wird daher unter anderem auf Eier, Milch, Erdnüsse, Fisch, Weizen sowie auf Farb- und Konservierungsstoffe verzichtet. Die oligoantigene Diät wird teilweise bereits bei Kindern mit ADHS eingesetzt.
Jedoch ist die Wirksamkeit von Diäten sowie der Einsatz von Probiotika bei einer Bauchmigräne nicht abschließend bewiesen.
Mehrere klinische Aspekte rechtfertigen den Beginn der Migräneprophylaxe. Ziel ist es, die Zahl der Migräneattacken im Monat bzw. die Anzahl der Migränetage im Monat sowie die Intensität jeder Migräneattacke zu senken. In der Folge soll damit auch erreicht werden, die Einnahme von Akutpräparaten wie Triptane, NSAID und Analgetika auf ein Mindestmaß zu senken, um zum einen die Menge der eingenommenen Akutmedikation zu reduzieren und um zum anderen die Gefahr eines Medikamenten-induzierten (durch Medikamente ausgelösten) Kopfschmerzes zu reduzieren. Sozioökonomische Aspekte, wie z. B. Erfolg oder Misserfolg einer prophylaktischen Therapie werden vom Patienten sehr subjektiv beurteilt. Eine Objektivierung der Therapie kann daher ausschließlich durch ein Tagebuch erfolgen. Patienten sollten daher während der ersten Monate einer prophylaktischen Therapie angehalten werden, ein Kopfschmerztagebuch zu führen, in dem neben den Schmerzattacken auch die eingenommene Akutmedikation aufgeführt wird. Aufklärung des Patienten über den langsamen Wirkeintritt der prophylaktischen Therapie (Patienten erwarten häufig einen Wirkeintritt und einen Effekt nach wenigen Tagen, Prophylaktika können häufig aber erst nach mehreren Wochen beurteilt werden. Positives bzw.
Medikamentöse Prophylaxe
Obwohl Präparate wie Valproinsäure nach wie vor als „off-label-use“ verschrieben werden müssen, ist der Einsatz dieser Präparate dennoch Evidenz-basiert und in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie enthalten.
Der Zusammenhang von Migräne, Verdauungsbeschwerden und Magenschmerzen
Migräne schlägt häufig auf den Bauch: Übelkeit und Erbrechen sind typische Begleiterscheinungen einer Attacke. Andere Probleme im Verdauungstrakt tauchen bereits vor den Kopfschmerzen auf, beispielsweise Heißhunger, Verstopfung und Harndrang. Magen und Darm scheinen bei Menschen mit Migräne nicht nur vor und während einer Attacke Probleme zu machen. Migräne-Patienten haben häufiger Verdauungsbeschwerden oder Reflux als andere Personen, beispielsweise in Form eines Reizdarm-Syndroms - wobei nicht klar ist, ob Migräne den Reizdarm auslöst oder umgekehrt.
Die Darm-Hirn-Achse: Verbindung zwischen Kopf und Bauch
Der Kopf steuert unser Verdauungssystem. Bist du beispielsweise nervös, wird dir übel, vielleicht bekommst du auch Durchfall. Und bist du verliebt, fühlst du Schmetterlinge im Bauch tanzen. Andersherum meldet das Verdauungssystem dem Gehirn zum Beispiel, ob wir satt oder hungrig sind. Und melden Magen oder Darm Giftstoffe, löst das Gehirn Erbrechen oder Durchfall aus, um diese loszuwerden. Gehirn und Darm kommunizieren permanent miteinander über die Darm-Hirn-Achse.
Migräne durch Bakterien und Entzündungen
Passt im Verdauungstrakt etwas nicht, spürst du das möglicherweise im Kopf: Entzündungen im Magen-Darm-Bereich führen bei vielen Menschen zu Kopfschmerzen und begünstigen Migräne. Zum Beispiel haben manche Migräne-Patienten, die mit dem Bakterium Helicobacter pylori infiziert waren, nach der Behandlung des Bakteriums deutlich leichtere, weniger oder sogar gar keine Migräne-Attacken mehr. Helicobacter pylori führt zu entzündeter Magenschleimhaut. Anzeichen für eine Infektion können Völlegefühl, Bauchschmerzen oder Übelkeit sein. Auch die entzündliche Autoimmunkrankheit Zöliakie hängt mit Migräne zusammen. Bei Menschen mit Zöliakie löst der Verzehr von Weizenprodukten Entzündungen im Dünndarm aus. Sie haben häufiger mit Migräne zu kämpfen als Menschen ohne Zöliakie. Ähnlich geht es Patienten mit der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn.
Über welche Mechanismen Entzündungen im Magen-Darm-Trakt Migräne begünstigen, ist noch nicht endgültig geklärt. Eine Theorie ist die „Leaky-Gut“-Hypothese, frei übersetzt mit Durchlässiger-Darm-Hypothese. Ein gesundes Verdauungssystem kann deiner Migräne guttun. Immer mehr Forschung deutet etwa darauf hin, dass die Darmflora - darunter versteht man die Mikroorganismen, die deinen Darm besiedeln, darunter Bakterien, Pilze und sogenannte Protozoen - Schmerzwahrnehmung beeinflussen kann. Bei Migränikern scheint die Darmflora verändert zu sein. Eine Studie untersuchte die Zusammensetzung der Darm-Mikroorganismen von Menschen mit episodischer Migräne, mit chronischer Migräne und ohne Migräne. Das Ergebnis: Alle Gruppen unterscheiden sich in der Zusammensetzung ihrer Darmflora. Manche Bakterienarten sind bei besonders vielen Migräne-Patienten vertreten, andere eher bei der Gruppe ohne Migräne.
Probiotika gegen Migräne
Du kannst deiner Darmflora jeden Tag etwas Gutes tun, indem du dich ausgewogen ernährst. Denn was wir essen, wirkt sich auf die Zusammensetzung der Mikroorganismen in unserem Darm aus. Und wenn diese mit Migräne zusammenhängen, können dann Probiotika helfen, Migräne vorzubeugen? Vielleicht. Studien können dies nicht eindeutig beweisen: Manche Forscher berichten, dass die Einnahme von Probiotika Migräne-Anfälle reduziert. Andere können diese Ergebnisse nicht bestätigen.
Probiotika bestehen aus lebenden, ungefährlichen Mikroorganismen, welche die körpereigene Darmfunktion unterstützen. Sie stecken beispielsweise in Joghurt, Quark und fermentierten Lebensmitteln wie Sauerkraut. Probiere aus, sie in deinen Speiseplan zu integrieren. Aber Achtung: Fermentiertes kann reich an Tyramin sein - und das wiederum triggert bei manchen Menschen Migräne-Attacken.
Ernährung umstellen?
Eine spezielle Diät bei Migräne gibt es nicht.
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