Amygdalin und Glioblastom: Eine kritische Betrachtung

Amygdalin, auch bekannt als "Vitamin B17" oder Laetril, ist eine Substanz, die in den Kernen verschiedener Steinfrüchte wie Aprikosen und Mandeln vorkommt. In der Alternativmedizin wird Amygdalin als Mittel zur Krebsprävention und -behandlung angepriesen, insbesondere auch bei Glioblastomen, einer aggressiven Form von Hirntumoren. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftliche Evidenzlage zu Amygdalin, seine potenziellen Risiken und gibt eine Einschätzung zur Anwendung bei Glioblastomen.

Was ist Amygdalin?

Amygdalin ist ein cyanogenes Glykosid, das heißt, es kann Blausäure (Cyanid) freisetzen. Diese Freisetzung erfolgt durch das Enzym beta-Glucosidase, das in den Kernen selbst und in der Darmflora vorkommt. Die Vorstellung, dass Amygdalin selektiv Krebszellen schädigen könnte, basiert auf der Hypothese, dass Tumorzellen höhere Konzentrationen des Enzyms beta-Glucuronidase enthalten und weniger Rhodanase, ein Enzym, das Cyanid entgiftet. Dadurch soll in Tumorzellen mehr Cyanid freigesetzt werden, was zu deren Zerstörung führen soll. Diese Annahme ist jedoch wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Amygdalin und Krebs

Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von Amygdalin bei der Krebsbehandlung ist äußerst schwach. Zahlreiche Studien und Bewertungen kommen zu dem Schluss, dass Amygdalin keine nachweisbare Antitumorwirkung hat und potenziell gefährlich sein kann.

Stellungnahmen von Fachgesellschaften und Behörden

  • Die Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie (PRIO) in der Deutschen Krebsgesellschaft rät dringend vom Einsatz von Amygdalin/„Vitamin B17“ und dem Verzehr von Aprikosenkernen ab. Sie betont, dass Amygdalin keine leitliniengerechte onkologische und/oder palliative Therapie ersetzt.
  • Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stuft Amygdalin als "bedenkliches Arzneimittel" ein und verbietet dessen Inverkehrbringen und Anwendung.
  • Die S3-Leitlinie Komplementäre Onkologie gibt ebenfalls eine ablehnende Empfehlung für Amygdalin.

Klinische Studien

  • Eine klinische Studie mit 178 Patienten mit verschiedenen Karzinomen untersuchte Amygdalin in Kombination mit einer "metabolischen Therapie" und fand keinen Vorteil in Bezug auf Stabilisierung oder Besserung der Tumorerkrankung. Mehrere Patienten entwickelten Zeichen der Zyanidintoxikation oder einen hohen Zyanidspiegel bis zur letalen Dosis.
  • Eine retrospektive Fallauswertung des US-amerikanischen National Cancer Institutes konnte in nur wenigen von über 1000 Fällen eine Response feststellen.

Cochrane-Review

Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2011 kommt zu dem Schluss, dass es keine überzeugenden Beweise für die Wirksamkeit von Laetril (Amygdalin) bei der Behandlung von Krebs gibt.

Risiken und Nebenwirkungen von Amygdalin

Die Einnahme von Amygdalin birgt erhebliche Risiken, insbesondere aufgrund der Freisetzung von Blausäure. Symptome einer Zyanidvergiftung können sein:

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  • Kopfschmerzen
  • Übelkeit
  • Schwindel
  • Tachy- oder Dyspnoe (beschleunigte oder erschwerte Atmung)
  • Hyper- oder Hypotension (erhöhter oder erniedrigter Blutdruck)
  • Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen)
  • Bewusstseinsverlust
  • Krämpfe
  • Herz-Kreislauf-Versagen
  • Tod

Die Toxizität von Amygdalin kann durch die gleichzeitige Einnahme von Vitamin C erhöht werden.

Amygdalin und Glioblastom

Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Amygdalin bei der Behandlung von Glioblastomen wirksam ist. Im Gegenteil, die potenziellen Risiken überwiegen den nicht vorhandenen Nutzen. Patienten mit Glioblastomen sollten sich auf evidenzbasierte Therapien verlassen, die von Onkologen und Neuroonkologen empfohlen werden.

Alternative und komplementäre Therapien bei Krebs

Viele Krebspatienten suchen nach Möglichkeiten, ihre konventionelle Behandlung durch alternative oder komplementäre Therapien zu unterstützen. Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass nicht alle angebotenen Therapien wissenschaftlich fundiert sind. Einige können sogar schädlich sein.

Nahrungsergänzungsmittel

Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sollte immer mit dem behandelnden Arzt oder Ärztin besprochen werden, da es zu Wechselwirkungen mit der Krebstherapie kommen kann. Bei einem nachgewiesenen Nährstoffmangel kann eine Supplementierung sinnvoll sein, eine unkontrollierte Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln birgt jedoch Risiken.

Vitamin D

Vitamin D spielt eine wichtige Rolle für die Gesundheit und es gibt Hinweise darauf, dass ein ausreichender Vitamin-D-Spiegel vor Krebserkrankungen schützen könnte. Eine Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels und eine gezielte Supplementierung bei Mangel können sinnvoll sein.

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EGCG (Epigallocatechingallat)

EGCG ist eine Substanz, die aus grünem Tee gewonnen wird und in Laborversuchen eine Wirkung gegen Krebszellen gezeigt hat, einschließlich Glioblastomzellen. Es hemmt eine Fülle von Rezeptoren und Stoffwechselwegen und kommt damit der Wirkung von Curcumin gleich. So erniedrigt es die Proteinlevel von Bcl-2, Bcl-xl, xIAP, cIAP, NFκΒ, Hsp70 und Hsp90. Letztere sind Hitzeschockproteine und schützen die Krebszelle unter anderem vor der Auswirkung von Wärme. Dies macht die Kombination von EGCG mit Hyperthermie als Synergismus denkbar. Andere Proteine werden wiederum erhöht, wie Bad, Bax, Fas/CD95, Cytochrome c, Apaf-1, AIF, GADD153, GRP78, und Caspase-3, -7,-8 and -9. Caspasen leiten den natürlichen Zelltod in Tumorzellen ein. Auch gegen Glioblastomzellen, Zellen eines bösartigen Hirntumors, gegen den die Schulmedizin kaum wirksame Methoden hat, scheint EGCG effektiv zu sein. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Ergebnisse aus Laborstudien stammen und nicht unbedingt auf den Menschen übertragbar sind.

Hyperthermie

Unter dem Begriff Hyperthermie werden verschiedene Therapien zusammengefasst, bei denen Wärme zur Krebsbehandlung eingesetzt wird. Die regionale Hyperthermie, bei der nur ein Teil des Körpers erwärmt wird, kann in Kombination mit Chemo- oder Strahlentherapie bei einigen Krebsarten die Wirkung verstärken. Die Ganzkörperhyperthermie hat sich in Studien bisher nicht bewährt.

Phytoöstrogene

Phytoöstrogene sind sekundäre Pflanzenstoffe, die eine östrogenartige Wirkung im Körper haben. Der Genuss von normalen Mengen von Sojaprodukten, Leinsamen und Roggen ist unproblematisch und sogar zu befürworten. Hoch dosierte Phytoöstrogen-Extrakte sollten bei hormonabhängigem Brustkrebs vermieden werden.

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