Ungewollter Gewichtsverlust ist ein komplexes Problem, das oft auf eine zugrunde liegende Erkrankung hinweist. Im Zusammenhang mit neurologischen Problemen kann Gewichtsverlust ein Symptom, eine Folge oder ein begleitender Faktor sein, der die Lebensqualität und den Krankheitsverlauf erheblich beeinflusst. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Ursachen von Gewichtsverlust bei neurologischen Erkrankungen, die Auswirkungen auf den Körper und die verfügbaren Behandlungsansätze.
Einführung
Gewichtsverlust kann gewollt sein, beispielsweise durch eine Diät, die bei übergewichtigen Menschen Vorteile mit sich bringen kann. Unbeabsichtigter Gewichtsverlust hingegen kann die Folge verschiedener Krankheiten sein und zu Unterernährung führen. Bei Erwachsenen spricht man von ungewolltem Gewichtsverlust, wenn das Körpergewicht innerhalb von 6-12 Monaten um mehr als 5 % sinkt.
Ursachen von ungewolltem Gewichtsverlust
Ein ungewollter Gewichtsverlust kann auf verschiedenen Mechanismen beruhen:
- Erhöhter Energieverbrauch
- Reduzierte Nährstoffzufuhr (mit oder ohne Appetitverlust)
- Veränderter Stoffwechsel (gesteigerter Energiebedarf)
Eine Vielzahl von Ursachen kann für ungewollten Gewichtsverlust verantwortlich sein, darunter Krebserkrankungen, psychische Erkrankungen, Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, Infektionskrankheiten, hormonelle Störungen, chronische Organerkrankungen, rheumatologische Erkrankungen, Mangelernährung, Zahnprobleme und Medikamente.
Neurologische Erkrankungen und Gewichtsverlust
Neurologische Erkrankungen können auf verschiedene Weise zu Gewichtsverlust führen. Einige Erkrankungen beeinträchtigen direkt die Nahrungsaufnahme, während andere den Stoffwechsel oder den Energieverbrauch beeinflussen.
Lesen Sie auch: Wissenschaftliche Erkenntnisse: Hypothalamus und Gewichtsverlust
Schluckstörungen (Dysphagie)
Ein Schlaganfall oder neurodegenerative Erkrankungen, die mit dem Verlust von Nervenzellen einhergehen, können Schluckstörungen (Dysphagie) verursachen. Dysphagie beeinträchtigt die Fähigkeit, Nahrung und Flüssigkeit sicher zu schlucken, was zu einer unzureichenden Nahrungszufuhr und Gewichtsverlust führen kann. Fehlbildungen, Engstellen oder andere Erkrankungen der Speiseröhre können ebenfalls eine Dysphagie verursachen.
Demenzerkrankungen
Demenzerkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit können zu Mangelernährung und Gewichtsverlust führen. Menschen mit Demenz vergessen möglicherweise, zu essen, oder haben Schwierigkeiten, sich selbst Mahlzeiten zuzubereiten. Auch Verhaltensänderungen und kognitive Beeinträchtigungen können die Nahrungsaufnahme beeinflussen.
Muskelerkrankungen
Muskelerkrankungen wie Muskeldystrophie können ebenfalls zu Mangelernährung und Gewichtsverlust führen. Muskelschwäche und -abbau erschweren das Kauen und Schlucken, was zu einer reduzierten Nahrungsaufnahme führt. Gebrechlichkeit (Frailty) beschreibt einen Zustand aus Muskelschwäche, körperlicher Inaktivität sowie körperlicher und/oder geistiger Erschöpfung, der zu unverhältnismäßig gravierenden Auswirkungen nach relativ geringfügigen Erkrankungen oder medizinischen Eingriffen führt.
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine schwere, nicht heilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems. Bei ALS verlieren die motorischen Nervenzellen, die für die willkürliche Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind, fortschreitend ihre Funktion. Die Schädigung des ersten Motoneurons (im motorischen Kortex) verursacht eine Spastizität (Bewegungsstörung), während die Degeneration des zweiten Motoneurons (im Myelon) mit Muskelschwäche (Parese), Muskelatrophie (Myatrophie) oder Muskelzuckungen (Faszikulationen) verbunden ist.
Der Abbau von Nervenzellen (Neurodegeneration) stellt sich für Menschen mit ALS vor allem als Kraftminderung und Muskelschwäche, Muskelschwund oder Steifigkeit dar. Der Nervenzellverlust hat zur Folge, dass die Mobilität der Hände, Arme, Beine sowie des Rumpfes und der Zunge im Laufe der Krankheit eingeschränkt wird oder verloren geht. Im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf kann es zur vollständigen Lähmung der Skelettmuskulatur kommen.
Lesen Sie auch: Gehirn austricksen für Gewichtsverlust
Multiple Sklerose (MS)
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Patienten können die Krankheitsaktivität aber zusätzlich auch über die Ernährung positiv beeinflussen. Nach einer ketogenen Diät für die Dauer von sechs Monaten hatten sich die körperlichen Behinderungen und die Müdigkeit von MS-Patienten verringert, während ihre Gehgeschwindigkeit, Stimmung und Lebensqualität sich verbesserten. Kuhmilchprodukte können bei manchen Allergikern Entzündungsprozesse verursachen, die auch den Myelinscheiden der Nervenfasern schaden können.
Polyneuropathie
Die Polyneuropathie gehört zu den häufigsten neurologischen Krankheiten. Typische Symptome sind Kribbeln, Brennen und Taubheit, die anfangs an beiden Füßen und Beinen auftreten. Schäden an den Nerven führen dazu, dass die Weiterleitung von Informationen zwischen Gehirn, Rückenmark und dem Rest des Körpers gestört ist. Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, können bei der Polyneuropathie unterschiedliche Beschwerden im Vordergrund stehen.
Angeborene Stoffwechselerkrankungen
Stoffwechselerkrankungen des Nervensystems (oder neurometabolischen Erkrankungen) liegen genetisch bedingte Anomalien von Enzymen oder ein Mangel an Kofaktoren zugrunde, in deren Folge es zu einer Störung der Entwicklung oder Funktion des Nervensystems kommt. Zu den klinischen Erscheinungsformen neurometabolischer Störungen gehören Ataxien, Bewegungsstörungen, Epilepsien oder periphere Neuropathie, jedoch auch eine neurologische Regression. Der klinische Verlauf im Erwachsenenalter kann sich erheblich von dem im Kindesalter unterscheiden.
Leukodystrophien
Leukodystrophien sind genetisch bedingte, meist progrediente Erkrankungen des Myelins im Zentralnervensystem. Obwohl sie häufig bereits im Kindesalter beginnen, sind für alle Erkrankungen auch spätmanifeste Verlaufsformen bekannt, bei denen erste Symptome im Jugendlichen- oder Erwachsenenalter auftreten.
Glukosetransporter-Typ-1-Mangel-Syndrom (Glut1-DS)
Das Glukosetransporter-Typ-1-Mangel-Syndrom (Glut1-DS) wird durch Varianten im SLC2A1-Gen hervorgerufen. Die neurologischen Merkmale können in drei Symptombereiche unterteilt werden: Epilepsie, Bewegungsstörungen und kognitive oder Verhaltensstörungen. Die Therapie der Wahl ist die ketogene Diät und damit die Bereitstellung einer alternativen Brennstoffquelle für das Gehirn.
Lesen Sie auch: Die Rolle des ZNS beim Abnehmen
Nichtketotische Hyperglycinämie (NKH)
Die nichtketotische Hyperglycinämie (NKH) ist eine angeborene Störung im Glycinstoffwechsel, die durch einen enzymatischen Defekt im Glycincleavage-System (GCS) zu einer Akkumulation großer Mengen von Glycin in allen Körpergeweben einschließlich des Gehirns führt.
Weitere Faktoren, die zu Gewichtsverlust beitragen
Neben den direkten Auswirkungen neurologischer Erkrankungen können auch andere Faktoren zu Gewichtsverlust beitragen:
- Psychische Faktoren: Depressionen, Angstzustände und andere psychische Erkrankungen können den Appetit und die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen.
- Soziale Isolation: Einsamkeit und mangelnde soziale Kontakte können zu einer reduzierten Nahrungsaufnahme führen, insbesondere bei älteren Menschen.
- Wirtschaftliche Faktoren: Armut und mangelnde Versorgungsmöglichkeiten können den Zugang zu angemessener Ernährung erschweren.
- Medikamente: Einige Medikamente können den Appetit verringern oder andere Nebenwirkungen verursachen, die zu Gewichtsverlust führen.
- Zahnprobleme: Zahnverlust, schlecht sitzende Prothesen oder Zahnfleischverletzungen können das Kauen und Schlucken erschweren.
Auswirkungen von Gewichtsverlust
Ungewollter Gewichtsverlust kann eine Reihe negativer Auswirkungen auf den Körper haben:
- Muskelschwund (Sarkopenie): Der Verlust von Muskelmasse und -kraft kann zu Gebrechlichkeit, Stürzen und eingeschränkter Mobilität führen.
- Eingeschränkte Immunfunktion: Mangelernährung schwächt das Immunsystem und erhöht das Risiko von Infektionen.
- Verlängerte Genesungszeit: Gewichtsverlust kann die Genesung von Krankheiten und Operationen verzögern.
- Erhöhte Sterblichkeit: Ungewollter Gewichtsverlust ist mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden, insbesondere bei älteren Menschen.
- Erhöhtes Risiko für unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen (UAW): Ein niedriges Körpergewicht gehört zu den wichtigsten Risikofaktoren für unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen (UAW) im Alter.
Diagnostik
Die Diagnose von ungewolltem Gewichtsverlust umfasst in der Regel eine gründliche Anamnese, körperliche Untersuchung und verschiedene diagnostische Tests.
- Anamnese: Der Arzt wird nach dem zeitlichen Verlauf des Gewichtsverlusts, Begleitsymptomen, Ernährungsgewohnheiten, Medikamenteneinnahme und Vorerkrankungen fragen.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt wird den allgemeinen Gesundheitszustand beurteilen, den Bauch abtasten, auf vergrößerte Lymphknoten achten, die Mundhöhle untersuchen und den Zahnstatus prüfen.
- Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können Aufschluss über Organfunktionen, Stoffwechselparameter, Blutzucker und Hormone geben.
- Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen des Brustkorbs, Ultraschalluntersuchungen des Bauchraums oder Computertomografien können helfen, zugrunde liegende Erkrankungen zu identifizieren.
- Weitere Untersuchungen: Je nach Verdacht können weitere Untersuchungen wie Koloskopie, Nervenwasseruntersuchung oder Muskelbiopsie erforderlich sein.
- Messung der Nervenleitgeschwindigkeit: Zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit wird Strom durch die Nervenbahnen geschickt. Mit einer Stimmgabel prüft der Neurologe das Vibrationsempfinden. Bei der standardisierten Quantitativen Sensorischen Testung werden durch sieben verschiedene Gefühlstests an der Haut 13 Werte ermittelt. Sie helfen zu erkennen, welche Nervenfasern genau geschädigt sind und wie stark die Schädigung fortgeschritten ist. Um das Temperaturempfinden exakt zu messen, kommen bei der sogenannten Thermode computergesteuerte Temperaturreize zum Einsatz.
- Untersuchung einer Gewebeprobe: Die Untersuchung einer Gewebeprobe kann helfen, die Ursache einer Polyneuropathie zu finden. Dazu wird eine sogenannte Nerv-Muskel-Biopsie aus dem Schienbein entnommen und feingeweblich untersucht. Hierbei wird festgestellt, ob der Schaden an der Hüllsubstanz des Nerven (Myelin) oder am Nerven selbst entstanden ist. Bei bestimmten Ursachen finden sich zum Beispiel Entzündungszellen oder Amyloid-Ablagerungen. Bei einer Untergruppe der Neuropathien sind insbesondere die dünnen, kleinen Nervenfasern der Haut betroffen. Sie werden unter dem Namen Small-Fiber-Neuropathien zusammengefasst. Die Nervenleitgeschwindigkeit, die die Funktion von dickeren Nerven misst, ist dann oft unauffällig. Für die richtige Diagnose ist die Quantitative Sensorische Testung mit Messung des Temperaturempfindens entscheidend. Darüber hinaus kann eine Gewebeprobe aus der Haut (Hautbiopsie) unter dem Mikroskop untersucht werden.
Behandlung
Die Behandlung von ungewolltem Gewichtsverlust richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
- Behandlung der Grunderkrankung: Wenn eine bestimmte Krankheit (z. B. eine Krebserkrankung, Herzschwäche oder eine Essstörung) festgestellt wird, wird diese entsprechend behandelt.
- Ernährungstherapie: Eine Ernährungsberatung kann helfen, die Ernährungsgewohnheiten anzupassen und den Nährstoffbedarf zu decken. Häufigere und kleinere Mahlzeiten, die Verbesserung des Geschmacks oder der Konsistenz der Mahlzeiten sowie das Essen in Gesellschaft oder mit Unterstützung können die Nahrungsaufnahme verbessern.
- Körperliche Aktivität: Regelmäßige körperliche Aktivität oder Physiotherapie kann bei älteren Patient*innen den Appetit steigern und dem Abbau von Muskelmasse vorbeugen.
- Medikamentöse Therapie: In einigen Fällen können Medikamente zur Appetitanregung oder zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen eingesetzt werden. Die Wirkung von appetitanregenden Medikamenten ist nicht ausreichend belegt. Sie können zu einer Gewichtszunahme führen, senken jedoch nicht die Sterblichkeit.
- Nahrungsergänzungsmittel: Eine proteinreiche Nahrungsergänzung konnte jedoch die Sterblichkeit bei älteren Patient*innen unabhängig vom Gewichtsverlust senken. Nahrungsergänzungsmittel sollten zwischen den Mahlzeiten eingenommen werden, um den Appetit zu erhalten.
- Künstliche Ernährung: In schweren Fällen von Mangelernährung kann eine künstliche Ernährung (z. B. über eine Magensonde) erforderlich sein. Künstliche Ernährung kann z. B. bei Tumorerkrankungen oder Multimorbidität notwendig sein.
- Interdisziplinäre Behandlung: Bei multifaktoriellem Gewichtsverlust kann eine interdisziplinäre Behandlung (Zahnärztin, Ernährungsberaterin, Physio- und Ergotherapeutin, Logopädin, Sozialarbeiter*in, ambulanter Pflegedienst), ggf. unter Einbeziehung der Angehörigen sinnvoll sein.
Gewichtsverlust bei älteren Menschen
Ungewollter Gewichtsverlust betrifft etwa 15-20 % aller geriatrischen Patient*innen. Eine Ursache ist eine mangelnde Nahrungsaufnahme. Mögliche Gründe dafür sind u. a. Probleme beim Essen durch Zahnverlust/schlecht sitzendes Gebiss, Geruchs-/Geschmacksstörungen, soziale Isolation, Armut und Demenz(-symptome). Ein signifikanter Gewichtsverlust ist kein natürlicher Teil des Alterungsprozesses und erhöht das Risiko für Gebrechlichkeit und Todesfälle.
Depression und Übergewicht
Erkrankungen wie Adipositas und Depressionen betreffen viele Menschen und gehören mit zu den häufigsten Krankheitsbildern. Adipöse Menschen haben ein höheres Depressionsrisiko als nicht-adipöse Personen. Frauen sind besonders häufig von beiden Erkrankungen betroffen. Für Menschen mit Adipositas kann das hohe Körpergewicht zu einer eingeschränkten Bewegungsfreiheit im Alltag führen. Diese verminderte körperliche Aktivität wird häufig auch mit depressiven Verstimmungen und Symptomen in Verbindung gebracht.
Eine zentrale Rolle für die Entstehung von Übergewicht und Depressionen spielt auch der westliche Ernährungs- und Lebensstil. Durch die ständige Lebensmittelverfügbarkeit sowie den Konsum von stark verarbeiteten Lebensmittelnmit viel Zucker und Fett überschreiten viele Menschen ihren Kalorienbedarf. Da besonders Lebensmittel mit viel Zucker und einfachen Kohlenhydraten nur für ein kurzes Sättigungsgefühl sorgen, führt diese zu kalorienreiche Ernährungsweise oft zu Gewichtsproblemen, wodurch gleichzeitig das Depressionsrisiko steigt.
Im Zusammenhang mit der Frage, ob Übergewicht durch Depressionen entstehen kann, stehen auch einige Psychopharmaka in Verdacht, sich auf das Körpergewicht auszuwirken. Besonders tri- und tetrazyklische Antidepressiva haben in Langzeitstudien gezeigt, dass sie eine gewichtsverändernde Wirkung haben können. In einigen Fällen kann emotionales Essen sich auch in Form einer Binge-Eating-Störung manifestieren. Diese Störung bezeichnet sich wiederholende Episoden von unkontrollierten Essanfällen, in denen betroffene Patientinnen und Patienten die Kontrolle über ihr Essverhalten völlig verlieren.
Durch den komplexen Zusammenhang der beiden Erkrankungen sollten eine Depression und Übergewicht zwar getrennt, jedoch nicht voneinander losgelöst behandelt werden. Verschiedene Erkenntnisse aus der Forschung und Behandlung haben gezeigt, dass bei Depression und Übergewicht eine ganzheitliche Therapie am meisten Erfolg verspricht. Zentraler Bestandteil der Therapie ist dabei die Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie.
tags: #abnehmen #neurologische #probleme