Abspeicherung abstrakter Begriffe im Gehirn: Eine umfassende Analyse

Die Frage, wie unser Gehirn abstrakte Begriffe speichert und verarbeitet, ist ein zentrales Thema der kognitiven Neurowissenschaften. Die Art und Weise, wie wir die Welt um uns herum verstehen und mit ihr interagieren, hängt entscheidend davon ab, wie wir Konzepte bilden und speichern. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Mechanismen der Abspeicherung abstrakter Begriffe im Gehirn, wobei sowohl traditionelle als auch neuere Forschungsergebnisse berücksichtigt werden.

Die Verarbeitung von Sprache im Gehirn

Traditionell wurden in der Gehirnforschung zwei Areale in der linken Hemisphäre des Großhirns für die Sprachverarbeitung verantwortlich gemacht: das Wernicke-Areal für das Verstehen von Sprache und das Broca-Areal für die Sprachproduktion. Diese Sichtweise ist jedoch überholt.

Die Rolle beider Gehirnhälften

Während die linke Gehirnhälfte Wörter und Grammatik verarbeitet, ist die rechte Gehirnhälfte für Sprachmelodie, Ton und Klang zuständig. „Wörter werden an unterschiedlichsten Stellen im Gehirn verarbeitet und gespeichert. Und diese feinen Unterschiede in der Wortverarbeitung und Sprachverarbeitung sind es, die darüber entscheiden, ob eine Werbebotschaft oder ein Produktangebot wirkt oder nicht", so Hans-Georg Häusel.

Die Bedeutung bildhafter und emotionaler Sprache

Die unterschiedliche Speicherung von Wörtern hängt mit den Funktionen der Sprache zusammen. Sprache macht kenntlich und schafft Klarheit, insbesondere bei bildhafter Sprache. Sie emotionalisiert, wobei bildhafte und emotionale Wörter und Wendungen besonders stark wirken, da Emotionen im Gehirn Vorfahrt haben. Sprache bewegt, indem sie nicht nur das Bild, sondern auch das Bewegungsgehirn aktiviert.

Das semantische Gedächtnis und seine Rolle

Das semantische Gedächtnis spielt eine Schlüsselrolle bei der Speicherung und dem Abruf von Wissen, einschließlich Sprache und Konzepten. Dieses Gedächtnis ermöglicht es uns, täglich zu kommunizieren. In klinischen Umgebungen wird der Category Verbal Fluency Test (CVFT) verwendet, um die Funktionsstörung des semantischen Gedächtnisses zu testen. Studien haben gezeigt, dass das Altern und Erkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit (AD) zu einer Verschlechterung dieser Leistung führen, was auf Störungen des semantischen Gedächtnisses hindeutet.

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Neuronale Grundlagen des semantischen Gedächtnisses

Auf neuronaler Ebene können Störungen des semantischen Gedächtnisses mit Veränderungen der kognitiven Kartierung zusammenhängen, wobei Gitterzellen im entorhinalen Kortex eine Schlüsselrolle bei der Organisation sowohl räumlicher als auch abstrakter Konzepte spielen. Ein wichtiges Frühsymptom der Alzheimer-Krankheit ist eine Abnahme der Sprachfunktion, insbesondere der Verarbeitung von Wortbedeutungen und Konzepten.

Die Rolle des entorhinalen Kortex

Frühe Anzeichen von AD betreffen den entorhinalen Kortex, in dem sich spezialisierte Zellen, sogenannte Gitterzellen, befinden. Diese Zellen helfen dabei, abstrakte Ideen zu organisieren und zu verstehen. Studien untersuchen, wie Gitterzellen uns helfen, die Bedeutung von Wörtern und Konzepten zu verarbeiten, und wie sich diese Gehirnfunktionen mit zunehmendem Alter verändern.

Abstraktes Denken: Definition und Stufen

Abstraktion bezeichnet die Fähigkeit, im Denkprozess die Einzelheiten wegzulassen und sie direkt zu verallgemeinern und somit zu vereinfachen. Die aufgenommenen Informationen werden auf ein Wesentliches reduziert, sodass sie auf eine andere Art und Weise verarbeitet werden können. Daher ist abstraktes Denken im Alltag sehr hilfreich.

Stufen der Abstraktion

Durch zahlreiche Studien wurde bewiesen, dass abstraktes Denken beim Menschen in drei Stufen der Abstraktion einzuteilen ist:

  1. Mittlere Grundstufe (z.B. „Tisch“)
  2. Abstrakter Oberbegriff (z.B. „Möbel“)
  3. Konkrete Stufe eines Einzelbeispiels (z.B. „mein Schreibtisch“)

Die Begriffe aus der mittleren Grundstufe stellen die Basiskategorien dar. Sie charakterisieren sich durch bestimmte Eigenschaften und werden von Kleinkindern zu Anfang gelernt.

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Abstraktes Denken im Vergleich zum logischen Denken

Abstraktes Denken ist ein Grundgerüst, das beschreibt, etwas auf das Wesentliche zu reduzieren. Logisches Denken ist eher auf die Vernunft bezogen und denkt anhand von Argumenten. Abstraktion ist nicht mit Gefühlen assoziiert, sondern bezieht sich eher auf analytisches, neutrales Denken. Logisches Denken ist allerdings eng mit Gefühlen verknüpft.

Wie speichert das Gehirn abstrakte Begriffe?

Eine Studie von Ulmer Forschern hat gezeigt, dass Begriffe wesentlich in den Sinnessystemen des Gehirns verankert sind und keinesfalls abstrakt sind, wie lange Zeit angenommen wurde. Wenn diese Koppelung mit konkreter Sinneswahrnehmung für einen Begriff nicht vorhanden ist, bleibt dessen Bedeutung vage.

Die Rolle der Sinneswahrnehmung

Die Forscher haben die Gehirnströme von Probanden beim Lesen von Wörtern gemessen und mittels funktioneller Kernspintomographie die Aktivität des Gehirns beobachtet. Sie konnten zeigen, dass beim Lesen von Wörtern, die sich auf geräuschhafte Gegenstände wie Telefon beziehen, Bereiche im Gehirn aktiviert werden, die auch beim tatsächlichen Hören der Geräusche aktiv sind.

Implikationen für den Begriffserwerb

Da Begriffe im Gehirn normalerweise eng mit den Bereichen für Hören, Sehen und Handeln verflochten sind, sollten Kinder beim Begriffserwerb ihre Umwelt mit möglichst vielen Sinnen erfahren. Begriffe sind verarmt, wenn während des Lernens nie die Möglichkeit bestand, die Gegenstände, auf die sie sich beziehen, auch zu hören, zu sehen, zu riechen und zu fühlen.

Die Ulmer Studie zu wissenschaftlichen Begriffen

Eine weitere Studie von Ulmer Forschern untersuchte, wie wissenschaftliche Begriffe wie „Gedächtnis“ oder „Gewöhnung“ bei Experten und Laien verarbeitet werden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass solche abstrakten Konzepte und wissenschaftlichen Begriffe bei beiden Personengruppen im sinnlich-erfahrungsbasierten Bereich des Gehirns verankert werden.

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Die Theorie der „Verkörperten Kognition“

Die Studie basiert auf der Theorie der „Verkörperten Kognition“, der zufolge wissenschaftliche Begriffe selbst bei Experten in den sinnlich-erfahrungsbasierten Systemen des Gehirns gespeichert sind. Abstraktes Wissen ist nur scheinbar abstrakt, beruht tatsächlich aber auf einer Reaktivierung früherer Erfahrungen.

Implikationen für die akademische Bildung

Diese Forschung unterstreicht, wie wichtig in der akademischen Bildung auch Lehreinheiten mit sinnlichem Bezug und direkten Erfahrungswerten sind, wie praktische Übungen, Museumsbesuche, Feld-Exkursionen oder Laborexperimente, aber auch Veranschaulichung abstrakter Inhalte in der Lehre.

Die „Sprache“ der Gedanken

Gedanken haben durchaus eine eigene „Sprache“, die jedoch keine Lautsprache ist, sondern Sprache in einem weiteren Sinn. Auch Tiere, die ein Selbstbewusstsein haben, sind zu ähnlichen kognitiven Operationen fähig wie wir Menschen. Sie können also denken, ohne über eine menschliche Sprache zu verfügen.

Die Rolle der Emotionen und Sinnessysteme

Gedanken sind innere mentale Konstrukte, die durch die Wahrnehmung der Umwelt und der Simulation von Realität entstehen. Sie bestehen aus miteinander wechselwirkenden Emotionen, Gefühlen, Bildern und anderen Empfindungen. Neben den Emotionen spielen bei Menschen das akustische und das visuelle Sinnessystem die tragende Rolle für die Bildung von Gedanken.

Embodiment

Neuere Theorien gehen davon aus, dass auch die eigene Körperwahrnehmung sehr wichtig ist. Das Stichwort dazu lautet: Embodiment.

Geschlechterunterschiede beim Sprachenlernen

Ein Experiment von US-Forschern zeigt, dass das Lernen von Grammatik bei Mädchen und Jungen unterschiedlich funktioniert. Mädchen speichern konsequent alle Verben - egal ob regelmäßig oder unregelmäßig - in einer Art mentalem Wörterbuch. Jungen dagegen leiten die regelmäßigen über ein Grammatikmodul ab.

Die Studie von Cristina Dye

Für das Experiment erhielten Kinder Lückentexte, in denen auf einem vollständigen Satz einer mit fehlenden Verb folgte. Die Forscher baten die Kinder, ihnen das fehlende Wort zu nennen, und maßen die Zeit und die Zahl der richtigen Antworten bei den insgesamt 29 regelmäßigen und 29 unregelmäßigen Verben. Gleichzeitig registrierten sie auch, ob den Kindern die richtige Antwort bei Verben leichter fiel, die nicht abstrakt, sondern leicht bildlich vorstellbar sind.

Verhalten und Persönlichkeit

Unter dem Begriff „Persönlichkeit“ lässt sich die Summe der Eigenschaften und die Wertehaltung eines Menschen verstehen, die seine Einstellung zu wichtigen Fragen des Lebens bestimmt. Von der Persönlichkeit hängt sein Verhalten maßgeblich ab. Sie entsteht in einem nicht gänzlich geklärten Wechselspiel zwischen der genetischen Ausstattung und den frühen Lebenserfahrungen.

Verhaltenssteuernde Bedürfnisse

Von der Persönlichkeit eines Menschen und seinen Eigenschaften wird bestimmt, welche speziellen Bedürfnisse in ihm entstehen und auf welche Weise sie befriedigt werden. Selbst bei den biologisch vorgegebenen Grundbedürfnissen, wie essen und schlafen, gibt es unterschiedliche Gewohnheiten und Vorlieben.

Der Einfluss des Kommunikationsstils der Eltern

Der überwiegend eingesetzte Kommunikationsstil der Eltern und der frühen Bezugspersonen wirkt sich prägend auf den ihrer Kinder aus. Er kann zum Beispiel lösungsorientiert und wertschätzend oder konfliktvermeidend und schuldzuweisend sein.

Wie kann man abstraktes Denken fördern?

Die Altersprozesse im Körper machen auch vor dem Gehirn nicht halt. Daher verschlechtert sich die Fähigkeit zum abstrakten Denken mit dem Alter, genauso wie alle anderen kognitiven Fähigkeiten. Dieser Prozess wird durch eventuelle Krankheiten noch beschleunigt.

Kognitives Training

Um abstraktes Denken zu schulen, eignet sich vor allem kognitives Training. Dafür gibt es spezielle „Gehirnjogging“-Rätsel und Aufgaben für sämtliche Spielekonsolen, genauso wie für Smartphones, Tablets und Computer. Aber auch bekannte Rätsel, wie schwedische Rätsel und Sudoku, schulen das kognitive Denken und damit auch abstraktes Denken.

Neuartige Methoden zum Gehirntraining

Viele Studien haben neuartige Methoden zum Gehirntraining gefunden. Eine dieser Methoden ist zum Beispiel das sogenannte n-back-Training, welches für Smartphones und andere technische Geräte verfügbar ist.

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