Lepra, auch bekannt als Aussatz oder Hansen-Krankheit, ist eine chronische Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Mycobacterium leprae verursacht wird. Obwohl die Krankheit in Europa nahezu ausgerottet ist, stellt sie in vielen Ländern Südostasiens, Afrikas und Südamerikas nach wie vor ein Gesundheitsproblem dar. Die Bakterien zerstören Haut- und Schleimhautzellen und befallen die Nervenzellen.
Was ist Lepra?
Lepra ist eine ansteckende bakterielle Krankheit, die auch als Aussatz, Hansen-Krankheit oder Morbus Hansen bezeichnet wird. Sie wird durch das Mycobacterium leprae hervorgerufen und kommt weltweit vor. Die Bakterien zerstören die Haut und Schleimhäute und befallen die Nervenzellen.
Ursachen von Lepra
Die Ursache der Lepra ist das Bakterium Mycobacterium leprae. Dieses Bakterium wurde im Jahr 1873 von dem norwegischen Arzt Armauer Hansen als Ursache der Infektionskrankheit entdeckt. Das Mycobacterium leprae ist ein wenig aggressives Bakterium, welches, genau wie der Tuberkuloseerreger, in den infizierten Wirtszellen lebt. Das Lepra-Bakterium wird nahezu ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen.
Übertragungsweg
Wie die Übertragung von Lepra genau erfolgt, ist noch nicht abschließend geklärt. Eine wichtige Rolle scheint jedoch ein langfristiger, enger Kontakt zu unbehandelten Leprakranken zu spielen. Die Infizierten scheiden größere Mengen des Lepra-Erregers mit dem Nasensekret oder über die entstehenden Hautgeschwüre aus. Man nimmt an, dass die Myxobakterien dann per Tröpfcheninfektion oder über kleinere Hautverletzungen von anderen Menschen aufgenommen werden. Eine Übertragung in der Schwangerschaft auf das Ungeborene erscheint möglich, eine Infektion über den Mutterkuchen (Plazenta) ist aber eher selten.
Risikofaktoren
Da Lepra eine nur mäßig ansteckende Infektionskrankheit ist, spielen die Lebensumstände und der Allgemeinzustand für die Infektion eine wichtige Rolle. Das Risiko für eine Ansteckung steigt insbesondere durch einen engen, lang andauernden Kontakt mit einer erkrankten Person sowie durch ein geschwächtes Immunsystem. Auch erbliche Faktoren scheinen einen Einfluss darauf zu haben, ob jemand nach Kontakt mit einer infizierten Person an Lepra erkrankt oder nicht. Schlechte hygienische Verhältnisse begünstigen Lepra. Lepra tritt vor allem in tropischen und subtropischen Ländern mit schlechten hygienischen Verhältnissen und hoher Bevölkerungsdichte auf.
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Inkubationszeit
Die Inkubationszeit von Lepra, also die Zeit von der Ansteckung bis zum Auftreten der ersten Beschwerden, ist verhältnismäßig lang. Je nach Stärke des körpereigenen Abwehrsystems können Monate, Jahre und sogar Jahrzehnte vergehen, bis die Lepra-Infektion akut wird. Im Schnitt liegt die Inkubationszeit bei 5 Jahren. Die Zeit zwischen der Ansteckung und dem Ausbruch der Krankheit (Inkubationszeit) beträgt in manchen Fällen bis zu 20 Jahre, im Durchschnitt aber drei bis sieben Jahre.
Symptome von Lepra
Lepra-Bakterien zerstören insbesondere Haut- und Schleimhautzellen sowie Nervenzellen. Selten sind auch Augen, obere Atemwege, Knochenmark oder Hoden befallen. Das Krankheitsbild von Lepra ist bei den Betroffenen sehr unterschiedlich und hängt von der Immunabwehr der infizierten Person gegen das Mycobacterium leprae ab: Es reicht von einer lokal begrenzten Infektion der Haut (tuberkuloide Lepra) bis hin zu einer weit ausgebreiteten Erkrankung (lepromatöse Lepra).
Frühstadium: Indeterminierte Lepra
Das Frühstadium der Lepra wird indeterminierte Lepra genannt. In diesem Stadium fallen unscharf abgegrenzte Hautstellen auf. Bei hellhäutigen Menschen sind diese Stellen gerötet. Bei Dunkelhäutigen sind sie wenig pigmentiert und erscheinen heller als die gesunde Haut. Die Flächen fühlen sich für die Betroffenen taub an. In diesem Stadium kann Lepra spontan abheilen, stagnieren oder sich zu einer der drei weiteren Lepra-Formen entwickeln.
Tuberkuloide Lepra
Tuberkuloide Lepra wird auch paucibazilliäre (erregerarme) Lepra genannt. Diese Form entwickelt sich, wenn das körpereigene Abwehrsystem ausreichend stabil ist. Sie ist nur wenig ansteckend und verläuft meist gutartig. Von tuberkuloider Lepra sind insbesondere Haut und Nerven, selten auch Lymphknoten betroffen. Organe werden in der Regel nicht befallen.
Bei tuberkuloider Lepra verfärben sich die Hautflecken aus dem Frühstadium rötlich-violett. Sie können flach sein oder wenig erhaben und sind sehr scharf begrenzt. Die Hautflecken erscheinen einzeln. Sie sind nicht symmetrisch auf den Körper verteilt. Im Bereich der Hautflecken fallen die Haare aus und die Schweißdrüsen verlieren ihre Funktion. Um die Hautstellen herum bilden sich knotig verdickte Erhebungen. Sind motorische Nerven betroffen, kann tuberkuloide Lepra Muskelschwäche, Rückbildungen der Muskulatur und Lähmungserscheinungen verursachen.
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Lepromatöse Lepra
Ist das körpereigene Abwehrsystem geschwächt, folgt nach dem Frühstadium die lepromatöse Lepra bzw. multibazilliäre (erregerreiche) Lepra. Das ist die schwerste Erscheinungsform. Die Bakterien vermehren sich ungebremst und verbreiten sich rasant über das Blut- und Lymphsystem sowie über Schleimhäute und Nervenzellen im gesamten Körper. Es bilden sich - meist symmetrisch angeordnet - Flecken, Knoten und Geschwüre auf der Haut. Charakteristisch sind die sogenannten Leprome. Diese hellroten bis braun gefärbten Geschwulste zersetzen Haut und Gewebe.
Im Gesicht verschmelzen die Geschwulste und führen zu dem typischen Löwengesicht Leprakranker, medizinisch Facies leonina. Ist der Nasen-Rachenraum befallen, können Nasenscheidewand und Kehlkopf komplett zerstört werden. Auch die Augen werden sehr oft von Lepra in Mitleidenschaft gezogen. Hornhaut- und Regenbogenhautentzündungen sind typisch. Bei Männern können die Hoden schrumpfen.
Das Nasensekret von Leprakranken mit lepromatöser Lepra ist meist blutig-schleimig und mit sehr vielen Leprabakterien belastet. Wahrscheinlich spielt es eine besonders wichtige Rolle bei der Verbreitung der Erkrankung. Wird diese Lepraform nicht rechtzeitig behandelt, zerfallen immer mehr Muskeln, Sehnen, Kochen und Organe geschwürartig. Durch die geschädigte Haut dringen andere Bakterien und weitere Krankheitserreger ein und führen zu sogenannten Superinfektionen. Daran versterben die meisten Patienten mit lepromatöser Lepra.
Borderline-Lepra
Borderline-Lepra ist eine Sonderform der Lepra. Bei dieser Form zeigen sich Merkmale der tuberkuloiden und der lepromatösen Form. Der Übergang ist nahezu fließend. Bei Menschen mit weitgehend stabilem Immunsystem entwickeln sich Symptome der tuberkuloiden Lepra. Bei verminderter Abwehrleistung oder unbehandelten Patienten geht Borderline-Lepra in Richtung lepromatöser Form. Je nach Abwehrlage können die Symptome aber auch wechseln.
Verlust von Tastsinn und Schmerzempfinden
Im weiteren Verlauf entwickeln sich - je nach Lepra-Form - die äußerlich sichtbaren Symptome, mit denen die meisten Menschen Lepra verbinden. Allerdings ist es entgegen der landläufigen Meinung nicht so, dass Körperteile durch die Lepra absterben und abfallen. Vielmehr verlieren die Lepra-Kranken nach und nach ihren Tastsinn. Selbst starke Verletzungen oder Verbrennungen spüren sie nicht mehr. Die Folgen sind mitunter verheerend: Lepra-Kranke nehmen nicht wahr, wenn ihnen Finger oder Nase beispielsweise absterben - und reagieren gar nicht oder zu spät. Durch die Nervenschäden an den Fingern und Füßen merken Leprakranke nicht mehr, wenn sie sich verletzt haben.
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Nervenschädigung und das Absterben von Nerven
Lepra ist eine Infektion, die in die Nervenzellen wandert und in den peripheren Nervenbahnen das Absterben von Nervenbahnen verursacht. Entzündungen lassen infolgedessen beispielsweise Finger oder Zehen abfaulen. Lepra greift vor allem die Haut und die äußeren Nerven an. Wenn die Nerven betroffen sind, kann es zu Gefühlsstörungen und Problemen bei der Bewegung an den Stellen kommen, die von diesen Nerven gesteuert werden. Durch Nervenschäden kommt es zu ausgeprägten Empfindungsstörungen bis hin zum Verlust des Schmerz- und Temperaturempfindens. Aufgrund dieser Empfindungsstörungen kommt es häufiger zu Verletzungen, die von den Betroffenen teilweise gar nicht bemerkt werden. Durch Schädigung der Nerven, die die Muskeln steuern, kommt es zu Lähmungen.
Diagnose von Lepra
Die wenigsten Ärzte haben Lepra in der medizinischen Praxis gesehen oder diagnostiziert, weil die Erkrankung hierzulande ausgestorben ist. Möglich sind Infektionen allenfalls bei Immigranten und Reisenden aus Gebieten, in denen Lepra noch verbreitet ist. Das gilt insbesondere, wenn Patienten Hautveränderungen aufweisen und über Nervenausfälle berichten.
Untersuchungsmethoden
Die Verdachtsdiagnose Lepra wird üblicherweise durch die Untersuchung einer Blutprobe abgesichert. Bei dem Test werden die Lepra-Bakterien durch eine spezielle Färbung sichtbar gemacht. Zudem können im Labor Antikörper gegen Lepra nachgewiesen werden. Mit einem speziellen Lepromin-Hauttest (Mitsuda-Reaktion) ist es sogar möglich, die genaue Form der Lepra zu ermitteln. Dieser Antikörpersuchtest gehört jedoch nicht zu den standardisierten Mitteln der Erstdiagnose. Eine Kultivierung (Anzucht) des Lepra-Erregers ist äußerst schwierig und wird daher nicht durchgeführt. Das Bakterium lässt sich allerdings in Abstrichen der Haut oder Schleimhaut beziehungsweise in Gewebeproben (Biopsien) unter dem Mikroskop nach spezieller Färbung nachweisen (Nachweis „säurefester Stäbchen“). Eine weitere Möglichkeit zur Diagnose sind sogenannte molekularbiologische Nachweisverfahren, zum Beispiel der Nachweis des Erbguts von Mycobacterium leprae durch eine Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Damit ist es möglich, die Leprakrankheit im Frühstadium zu diagnostizieren. Das Verfahren dient daneben auch der Absicherung der Diagnose. Der Lepromintest (Mitsuda-Reaktion) ist ein Antikörpersuchtest, der die Abwehrlage des Körpers untersucht. Dieser Test ermöglicht es, zwischen der tuberkuloiden und der lepromatösen Lepra zu unterscheiden.
Behandlung von Lepra
Die Therapie von Lepra erfolgt vor allem medikamentös. Dabei werden Antibiotika und ein antibiotisch sowie entzündungshemmender Wirkstoff (Dapson) kombiniert. Nach den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erfolgt die Langzeit-Kombinationstherapie über 6 Monate bis 2 Jahre (in Einzelfällen noch länger). Mit dieser Therapie haben Lepra-Patienten gute Heilungsaussichten.
Medikamentöse Therapie
Am erfolgversprechendsten sind folgende Wirkstoffkombinationen:
- tuberkuloide Form: Dapson und Rifampicin
- lepromatöse Form: Dapson und Rifampicin plus Clofazimin
- einzelne Hautläsionen: Kombination aus Rifampicin, Ofloxacin und Minocyclin
Um den Aussatz vollständig zu heilen, sind oft mehrere Jahre Therapie notwendig.
Weitere Behandlungsmaßnahmen
Zudem sollten die Wunden versorgt und etwaige körperliche Einschränkungen behandelt werden. Dabei helfen insbesondere physiotherapeutische Maßnahmen sowie spezielle Bewegungsübungen im Wasser und an Land. Zusätzlich ist eine Wundbehandlung wichtig. Wenn die Hautveränderungen der Lepra nach erfolgreicher Therapie abgeheilt sind, werden Rehabilitationsmaßnahmen empfohlen.
Ziele der Behandlung
Ziele der Behandlung sind: Die Erkrankung heilen, Nervenschäden verhindern und die Ansteckung anderer Menschen unterbinden.
Vorbeugung von Lepra
Nach heutigem Wissensstand kann Lepra nicht gezielt vorgebeugt werden. Eine Schutzimpfung steht bislang nicht zur Verfügung. Daher ist es wichtig, Lepra frühzeitig zu therapieren. Dann sind die Heilungsaussichten groß und die Gefahr von bleibenden Veränderungen gering. Um eine Übertragung von Mycobacterium leprae zu vermeiden, ist bei der Behandlung wie auch bei der Pflege von Leprapatienten auf eine Basishygiene sowie die ordnungsgemäße Entsorgung infektiöser Materialien (zum Beispiel Nasen- und Wundsekreten) zu achten. Für Personen, die mit an multibazillärer Lepra erkrankten Patienten in Kontakt gekommen sind, wird empfohlen, diese über mindestens fünf Jahre auf klinische Symptome zu kontrollieren.
BCG-Impfung
Möglicherweise schützt eine Impfung gegen Tuberkulose (BCG-Impfung) in gewissem Ausmaß auch vor Lepra. Die Vermutung stützt sich auf Erfahrungen aus Ländern mit einer hohen Anzahl von Lepra-Erkrankungen. Und die Annahme ist nicht ganz unbegründet: Das Mycobacterium tuberculosis kommt wie das Mycobacterium leprae aus der selben Familie. Die Schutzwirkung einer BCG-Impfung gegen Lepra ist für eine generelle Impfempfehlung jedoch zu gering.
Postexpositionsprophylaxe
Als vorbeugende medizinische Maßnahme für Menschen, die engen Kontakt mit Infizierten haben, wird einmalig das Antibiotikum Rifampicin verabreicht.
Meldepflicht
Lepra ist Deutschland eine meldepflichtige Erkrankung nach dem Infektionsschutzgesetz. Labore, die einen Erregernachweis führen, sind verpflichtet, den Erreger an das Gesundheitsamt zu melden, wenn es Hinweise auf eine akute Erkrankung gibt. In Sachsen besteht zudem eine ärztliche namentliche Meldepflicht von Erkrankungen und Tod durch Lepra an das Gesundheitsamt.
Gesellschaftliche Aspekte
In vielen Gesellschaften erfahren Lepra-Kranke soziale Ausgrenzung. Lepraerkrankungen waren im Mittelalter auch in Europa sehr weit verbreitet. Die Krankheit galt als „Strafe Gottes“: Der ursprüngliche Name „Aussatz“ stammt vermutlich daher, dass leprakranke Personen außerhalb menschlicher Siedlungen (ausgesetzt) leben mussten.