Das Absterben von Neuronen im Rückenmark, auch bekannt als Myelopathie oder Rückenmarksinfarkt, kann schwerwiegende Folgen haben, einschließlich Funktionsverlusten und Lähmungen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und reichen von Verletzungen über Infektionen bis hin zu degenerativen Erkrankungen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit dem Absterben des Rückenmarks.
Einführung
Das Rückenmark stellt die Verbindung zwischen Gehirn und Extremitäten her und ist für die Weiterleitung sensorischer Informationen sowie die Steuerung der willkürlichen Motorik verantwortlich. Schädigungen des Rückenmarks können daher zu erheblichen Beeinträchtigungen der Lebensqualität führen.
Ursachen des Absterbens des Rückenmarks
Mehrere Faktoren können zum Absterben von Neuronen im Rückenmark führen:
Verletzungen des Rückenmarks
Traumatische Verletzungen des Rückenmarks, beispielsweise durch Unfälle, können zu direkten Schädigungen der Nervenzellen führen. Bei einer solchen Verletzung gelangen keine sensorischen Informationen mehr ins Gehirn, und umgekehrt gelangen auch keine Signale über die Axone der Motoneurone zu den Muskeln, was zu Ausfallerscheinungen und Lähmungen führt. Nach einer Verletzung können Neurone des ZNS geschädigte Nervenfasern, sogenannte Axone, nicht mehr regenerieren, sodass sie dauerhaft von ihren Zielgebieten abgeschnitten bleiben. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig und liegen sowohl an den Neuronen selbst, da sie nicht in der Lage sind, ein regeneratives Wachstumsprogramm zu starten als auch an einer für die regenerierenden Axone inhibitorischen Umgebung im verletzten ZNS.
Neurodegenerative Erkrankungen
Neurodegenerative Erkrankungen wie die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) führen zum fortschreitenden Absterben von Neuronen im Rückenmark. Bei den neurodegenerativen Erkrankungen handelt es sich um eine Vielzahl von Krankheiten, bei denen nach und nach Neurone des ZNS absterben. Die häufigsten Erkrankungen sind Alzheimer, Parkinson und Chorea Huntington. Die Ursachen für die Erkrankungen können sowohl genetisch als auch sporadisch sein und sind nicht immer bekannt. Allerdings wurden einige zelluläre Mechanismen identifiziert, die bei den meisten Erkrankungen zur Zellschädigung beitragen. Dazu gehören: Störungen der Proteinhomöostase (Amyloid- und Tau-Ablagerungen bei Alzheimer, Synuclein bei Parkinson und Huntingtin bei Chorea Huntington). Außerdem finden sich gehäuft Mutationen in Hitzeschockproteinen und Chaperonen, erhöhter oxidativer Stress, Störungen der Mitochondrien oder des intrazellulären Transports und Entzündungsreaktionen.
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Infektionen
Verschiedene Infektionen können das Rückenmark direkt oder indirekt schädigen. Auch Bakterien (z.B. die Erreger von Syphilis, Tuberkulose und Borreliose) sowie Parasiten (wie der Auslöser der Bilharziose) und Pilze können auf direktem Wege das Rückenmark entzünden. In anderen Fällen entsteht eine Rückenmarksentzündung nicht durch einen Erreger selbst, sondern durch fehlgeleitete Reaktionen des Immunsystems auf diesen - entweder noch im Rahmen der Infektion (parainfektiöse Myelitis) oder erst danach (postinfektiöse Myelitis). Das kann zum Beispiel bei Masern, Mumps, Röteln oder einer Herpesinfektion passieren. Im Zusammenhang mit bakteriellen oder viralen Infektionen wie etwa bei Windpocken, Masern, Röteln, Mumps und Influenza, aber auch bei einer Poliomyelitis, beim Herpes Zoster (Gürtelrose) und einer Infektion mit HI-Viren kann eine Myelitis auftreten.
Kompression des Rückenmarks
Kompressionen des Rückenmarks, beispielsweise durch Tumore oder Bandscheibenvorfälle, können zum Absterben von Neuronen führen. Verengt sich der Wirbelkanal, entstehen Rückenschmerzen. Mit zunehmendem Alter kommt es häufiger zu Verengungen des Wirbelkanals. Durch Alterungsprozesse und Verschleiß wird der Wirbelkanal enger. Die Nerven haben nicht mehr genügend Platz und werden eingeklemmt. Im Spinalkanal der Wirbelsäule verläuft das Rückenmark vom Gehirn bis in den oberen Lendenbereich. Durch altersbedingten Verschleiß werden die Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern flacher und breiter.
Rückenmarksinfarkt
Ein Rückenmarksinfarkt entsteht durch eine akute Durchblutungsstörung des Rückenmarks, die dazu führt, dass das betroffene Gewebe nur noch ungenügend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. Dadurch können Nervenzellen nicht mehr richtig funktionieren und beginnen nach kurzer Zeit abzusterben (Nekrose). Andere Bezeichnungen sind spinale Ischämie oder umgangssprachlich Wirbelsäuleninfarkt. Die Durchblutungsstörung ist vergleichbar mit einem Schlaganfall (zerebrale Ischämie), nur liegt die Schädigung eines Gefäßes hier nicht im Gehirn, sondern im Rückenmark vor. Es handelt sich um eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung, die schwere Folgeschäden mit sich bringen kann. Einige Patient*innen bleiben dauerhaft eingeschränkt.
Multiple Sklerose (MS)
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung und neben der Epilepsie, die häufigste neurologische Erkrankung bei jungen Erwachsenen. Es entstehen in der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark Entzündungsherde, in denen das körpereigene Immunsystem die Myelinschicht attackiert. Die Zerstörung der Myelinschicht führt dazu, dass die Signalweiterleitung entlang der Axone nicht mehr korrekt erfolgt, was letztendlich zu den Symptomen der MS führt. Mit Fortschreiten der Erkrankung funktioniert dieser Reparaturmechanismus allerdings nicht mehr und die Axone sterben ab, sodass klinische Symptome sich nicht mehr verbessern.
Myelitis
Myelitis ist der medizinische Fachbegriff für eine Entzündung des Rückenmarks. Das Rückenmark ist jener Teil des zentralen Nervensystems, der im Spinalkanal (Wirbelkanal, Rückenmarkskanal) innerhalb der Wirbelsäule verläuft. Die Rückenmarksentzündung kann einmalig (monophasisch) auftreten, etwa im Zusammenhang mit einer Infektion. Oder sie kann wiederkehren, zum Beispiel im Rahmen der chronischen Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose.
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Spondylose
Spondylose ist ein teils abbauender, teils reaktiv-produktiver Prozess an der Wirbelsäule. Dazu können Osteophyten verschiedene Formen annehmen, die auf Röntgenbildern sehr gut zu sehen sind. Es gibt sie als Randzacken, Knochensporne, Höcker, Spangen und flächenhafte Verdichtungen sowie Wucherungen. Im Falle einer Myelopathie (Schädigungen des Rückenmarks) können ebenso Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen auftreten.
Vitamin-B12-Mangel
Das Vitamin B12 ist beteiligt am Aufbau der Schutzhülle (Myelinscheide) unserer Nerven. Herrscht im Körper ein Mangel davon, kann diese Hülle beschädigt werden, was in erster Linie zu Empfindungsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühlen bis hin zu Lähmungserscheinungen führt.
Bandscheibenvorfall
Reißt die Ummantelung der Bandscheibe, wodurch der gallertartige Kern im Inneren heraustritt, kann es passieren, dass der Bandscheibenkern auf das Rückenmark drückt und verschiedene Beschwerden hervorruft. Auch hier können Lähmungen die Folge sein.
Poliomyelitis (Kinderlähmung)
Diese Infektionskrankheit wird durch Polioviren ausgelöst und kommt in der heutigen Zeit, aufgrund der eingeführten Schutzimpfung, nur noch sehr selten vor. Neben Fieber, Übelkeit, Kopf- und Muskelschmerzen kommt es in manchen Fällen zu Lähmungen vor allem der Beine und des Rumpfes. Dies liegt daran, dass die Viren Entzündungsreaktionen an den Nerven auslösen können, wodurch möglicherweise Nervenschäden entstehen.
Guillain-Barré-Syndrom
Hierbei sind die Nervenwurzeln, also die Austrittsstellen der peripheren Nerven an der Wirbelsäule, entzündet. Das Syndrom wird in den meisten Fällen durch eine vorangegangene Infektion ausgelöst. Anstatt den Erreger zu beseitigen, richtet sich unser eigenes Immunsystem gegen die Schutzhülle der Nerven, die Myelinscheide. Die Auswirkungen beginnen mit einer Muskelschwäche in den Beinen und später auch in den Armen bis hin zu Lähmungserscheinungen.
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Schlaganfall
Bei einem Schlaganfall kommt es zu einer Durchblutungsstörung in unserem Gehirn, wodurch die Nervenzellen im dahinterliegenden Bereich absterben und folglich keine Signale mehr senden können. Die Auswirkungen hängen von der betroffenen Stelle im Gehirn ab. Häufig kommt es zu Lähmungen einer Körperhälfte oder zu Teillähmungen der Arme oder Beine.
Symptome des Absterbens des Rückenmarks
Die Symptome des Absterbens des Rückenmarks sind vielfältig und hängen von der Ursache, dem Ausmaß und der Lokalisation der Schädigung ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Muskelschwäche bis hin zur Lähmung
- Gefühlsstörungen in Form von Taubheitsgefühlen, Kribbelmissempfindungen sowie schmerzhaften Missempfindungen
- Fehlfunktionen der Harnblase, des Enddarms sowie sexuelle Störungen
- Spastik
- Rückenschmerzen
- Bei Schädigungen des oberen Halsmarks können auch Herz-Kreislauf-Regulationsstörungen auftreten.
Diagnose
Die Diagnose des Absterbens des Rückenmarks umfasst in der Regel eine umfassende neurologische Untersuchung, bildgebende Verfahren wie MRT und CT sowie gegebenenfalls eine Lumbalpunktion zur Analyse des Nervenwassers.
Neurologische Untersuchung
Besonders wichtig ist die klinisch-neurologische Untersuchung. Der Arzt prüft dabei unter anderem die Reflexe des Patienten. Sie können abgeschwächt oder erloschen sein oder aber deutlich gesteigert. Zudem testet der Arzt die Muskelkraft und die Funktion der Hirnnerven.
MRT (Magnetresonanztomographie oder Kernspintomografie)
Mittels MRT (Magnetresonanztomografie oder Kernspintomografie) machen Ärzte Bilder des Rückenmarks in hoher Auflösung. Üblicherweise verabreichen sie dabei im Vorfeld ein Kontrastmittel, um Entzündungsherde deutlicher zu erkennen.
Liquordiagnostik
Auch eine Liquordiagnostik ist bei der Abklärung einer Myelitis notwendig: Der Arzt entnimmt mit einer feinen Hohlnadel eine Probe des Nervenwassers (Liquor) aus dem Rückenmarkskanal auf Höhe der Lendenwirbelsäule (Lumbalpunktion). Diese wird dann im Labor genau analysiert.
Behandlung
Die Behandlung des Absterbens des Rückenmarks richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache und dem Ausmaß der Schädigung. Ziel ist es, die Ursache zu behandeln, die Symptome zu lindern und die verbliebene Funktion zu erhalten oder zu verbessern.
Medikamentöse Therapie
Je nach Ursache können Medikamente zur Behandlung von Infektionen, Entzündungen oder Autoimmunreaktionen eingesetzt werden. Bei autoimmuner Ursache erfolgt eine hochdosierte Kortikoidtherapie. Bei geringem Ansprechen auf die Kortikoidbehandlung kann sich ein Plasmaaustausch anschließen.
Physiotherapie und Ergotherapie
Physiotherapie und Ergotherapie spielen eine wichtige Rolle bei der Rehabilitation von Patienten mit Rückenmarksschädigungen. Physiotherapie, bei der die Funktionen etwa der Beine gezielt stimuliert werden, etwa im Rahmen von spezialisierten Querschnitts-Reha-Programmen, kann im Rückenmark teilweise auch geschädigte Nerven anregen. Selbst nach mehreren Wochen oder Monaten kann es noch zu einer Besserung der Beschwerden kommen.
Operative Therapie
In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um Kompressionen des Rückenmarks zu beseitigen oder die Wirbelsäule zu stabilisieren. Die operative Therapie besteht in einer Erweiterung (Dekompression) des Spinalkanals.
Rehabilitation
Eine umfassende Rehabilitation ist entscheidend für die Wiederherstellung von Funktionen und die Verbesserung der Lebensqualität von Patienten mit Rückenmarksschädigungen.
Forschung
Die Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung neuer Therapien zur Förderung der axonalen Regeneration und zur Wiederherstellung von verlorengegangenen Funktionen nach Schädigungen des Gehirns und Rückenmarks.
Prävention
Bestimmte Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit einen Schlaganfall zu erleiden, dazu gehören zu hoher Blutdruck, Diabetes,Rauchen, Übergewicht und zu hohe Cholesterinwerte. Auch ein Gleitwirbel rutscht dadurch weniger hin und her. Sportlich aktiv bleiben, denn die Bauch- und Rückenmuskeln stützen Ihre Wirbelsäule. Täglich einige Minuten trainieren, am besten auch mit Wackelbrett und Schwingstab.
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