Absterben von Nervenzellen durch elektromagnetische Felder: Ursachen, Forschung und Therapieansätze

Das Absterben von Nervenzellen, auch bekannt als Neurodegeneration, ist ein zentrales Merkmal vieler neurologischer Erkrankungen, von Alzheimer über Parkinson bis hin zu ALS (Amyotrophe Lateralsklerose). Die Ursachen für den Nervenzellverlust sind vielfältig und komplex, und die Forschung arbeitet intensiv daran, die zugrundeliegenden Mechanismen zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln. Ein möglicher Faktor, der in diesem Zusammenhang diskutiert wird, ist die Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern (EMF).

Elektromagnetische Felder und Neurodegeneration: Eine komplexe Beziehung

Die Frage, ob elektromagnetische Felder zum Absterben von Nervenzellen beitragen können, ist Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung. Epidemiologische Studien, Tierversuche und In-vitro-Studien wurden durchgeführt, um diese Frage zu beantworten. Die Ergebnisse sind jedoch nicht immer eindeutig und oft widersprüchlich.

Epidemiologische Studien: Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang

Einige epidemiologische Studien haben einen schwachen, aber konsistenten Zusammenhang zwischen beruflicher Exposition gegenüber niederfrequenten Magnetfeldern und dem Auftreten neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer-Demenz und ALS gefunden. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2013 deutete auf einen Zusammenhang zwischen beruflicher Exposition mit niederfrequenten Magnetfeldern und neurodegenerativen Erkrankungen hin. Eine weitere Metaanalyse aus dem Jahr 2019 bestätigte diese Hinweise teilweise und ermittelte ein um etwa zehn Prozent erhöhtes Risiko, an ALS oder Alzheimer-Demenz zu erkranken. Eine Auswertung von zwanzig epidemiologischen Studien im Rahmen einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2018 ergab, dass ein erhöhtes Risiko, an ALS zu erkranken, bei Arbeitern bestand, die beruflich niederfrequenten Magnetfeldern ausgesetzt waren.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass Stromschläge, die bei beruflich exponierten Personen häufiger auftreten können, das Risiko für ALS erhöhen könnten. Eine gepoolte Fall-Kontroll-Studie aus dem Jahr 2019 kam zu dem Schluss, dass Magnetfelder und Stromschläge möglicherweise unabhängig voneinander das Risiko für ALS erhöhen können. Ein systematischer Review aus dem Jahr 2021 zeigte ebenfalls einen schwachen, aber konsistenter Zusammenhang zwischen der beruflichen Exposition gegenüber niederfrequenten Magnetfeldern und dem Auftreten von ALS.

Eine Schweizer Studie aus dem Jahr 2009 lieferte Hinweise auf ein möglicherweise erhöhtes Risiko an Alzheimer-Demenz zu sterben bei Personen mit einem Wohnort von weniger als 50 Metern Entfernung zu einer Hochspannungsleitung (220 - 380 Kilovolt).

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Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Studien lediglich Assoziationen aufzeigen und keine Kausalität beweisen. Es ist möglich, dass andere Faktoren, die mit der beruflichen Exposition gegenüber EMF einhergehen, für das erhöhte Risiko verantwortlich sind.

Tierversuche und In-vitro-Studien: Keine eindeutigen Beweise

Im Gegensatz zu einigen epidemiologischen Studien konnten Tierversuche und In-vitro-Studien bisher keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen erhöhter Exposition mit Magnetfeldern und neurodegenerativen Erkrankungen bestätigen. Eine Studie aus dem Jahr 2015 ergab, dass niederfrequente Magnetfelder keinen negativen Einfluss auf den Verlauf der ALS und Alzheimer-Demenz im entsprechenden Mausmodell hatten. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2009 fand im Mausmodell ebenfalls keinen Einfluss eines Magnetfeldes auf ALS.

Diese widersprüchlichen Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Beziehung zwischen EMF und Neurodegeneration komplex ist und von verschiedenen Faktoren abhängen kann, wie z.B. der Art und Intensität des EMF, der Expositionsdauer, dem Alter und der genetischen Veranlagung der exponierten Person.

Mögliche Mechanismen: Wie könnten EMF Nervenzellen schädigen?

Obwohl die genauen Mechanismen noch unklar sind, gibt es verschiedene Hypothesen, wie EMF Nervenzellen schädigen könnten. Dazu gehören:

  • Entzündungen: EMF könnten Entzündungsprozesse im Gehirn begünstigen, die zum Absterben von Nervenzellen führen können.
  • Oxidativer Stress: EMF könnten oxidativen Stress verursachen, der die Zellen schädigt.
  • Beeinträchtigung des Immunsystems: EMF könnten das Immunsystem beeinflussen und so die Anfälligkeit für neurodegenerative Erkrankungen erhöhen.
  • Störung der Zellkommunikation: EMF könnten die Kommunikation zwischen Nervenzellen stören und so ihre Funktion beeinträchtigen.

Aktuelle wissenschaftliche Arbeiten verfolgen die Hypothese, dass Magnetfelder diese Prozesse begünstigen könnten.

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Aktuelle Forschungsprojekte und Therapieansätze

Trotz der Unsicherheiten in Bezug auf die Auswirkungen von EMF auf Nervenzellen wird intensiv an neuen Therapieansätzen geforscht, um das Absterben von Nervenzellen zu verhindern oder zu verlangsamen. Einige vielversprechende Projekte und Ansätze sind:

  • "Der axonale Code der Informationsverarbeitung": Dieses Projekt untersucht die Signalübermittlung durch das Axon und die Funktion axonaler Signale bei der neuronalen Informationsverarbeitung. Die Forscher haben entdeckt, dass das Axon eigenständig elektrische Signale erzeugen und senden kann, was bisher in den Theorien zur neuronalen Informationsverarbeitung nicht berücksichtigt wurde. Ein besseres Verständnis dieser Prozesse könnte neue Wege zur Behandlung neurologischer Erkrankungen eröffnen.
  • "Mechanismen kognitiver Dysfunktion nach lebensbedrohlicher Erkrankung": Dieses Projekt untersucht, warum die geistige Leistungsfähigkeit von Patienten nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation langfristig eingeschränkt sein kann. Die Forscher untersuchen, ob die Müllbeseitigung des Gehirns schiefläuft und wie Nervenzellen ihrer Entsorgung entkommen können. Ziel ist es, möglichst viele Nervenzellen zu retten und kognitive Schäden zu verhindern.
  • "Die Biologie des Glioblastoms": Dieses Projekt sucht nach neuen Wegen, um das Glioblastom, den bösartigsten und häufigsten Hirntumor bei Erwachsenen, zu bekämpfen. Die Forscher untersuchen die Tumorbiologie und suchen nach neuen Zielstrukturen für Therapien.
  • "Somatosensorische virtuelle Realität für die Gehirnforschung": Dieses Projekt nutzt ein schwebendes Mäuse-Labyrinth, um Gehirnaktivitäten bei der Entscheidungsfindung zu beobachten. Ziel ist es, den Code für Entscheidungsfindung in der Großhirnrinde zu knacken und neue Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns zu gewinnen.
  • "Aufklärung neurogenetischer Erkrankungen mittels Homozygotiekartierung und Next Generation Sequencing": Dieses Projekt identifiziert Gendefekte, die seltene Erkrankungen des Nervensystems verursachen. Die Forscher nutzen Next Generation Sequencing, um das Erbgut zu entschlüsseln und die krankheitsverursachende Variante herauszufiltern.
  • Transkranielle Magnetstimulation (TMS): TMS ist eine nicht-invasive Methode, bei der Magnetfelder verwendet werden, um bestimmte Bereiche des Gehirns zu stimulieren. TMS hat sich in der Forschung und Therapie von Schlaganfallpatienten bewährt. Wissenschaftler testen diese Methode in großen klinischen Studien, um individualisierte Therapien zu entwickeln.
  • Tiefe Hirnstimulation (DBS): DBS ist eine invasive Methode, bei der Elektroden tief ins Gehirn implantiert werden, um bestimmte Hirnareale zu stimulieren. DBS wird bereits erfolgreich bei der Behandlung von Parkinson, Epilepsie und Tourette-Syndrom eingesetzt.
  • Magnetfeldtherapie bei Motoneuronerkrankungen: Forscher untersuchen, ob mit Magnetfeldern gezielt die Motoneuronen zu neuem Leben erweckt werden können. Erste Forschungsergebnisse aus dem Labor sind ermutigend und es ist eine Prototyp-Therapieanlage in Planung.
  • Neuroplastizität und Rehabilitation: Die Forschung konzentriert sich auch auf die Nutzung der Neuroplastizität, der Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu organisieren und geschädigte Funktionen zu kompensieren. Durch gezielte Rehabilitation und Stimulation können Nervenzellen dazu angeregt werden, neue Verbindungen zu bilden und verloren gegangene Funktionen wiederherzustellen.

Die Rolle der Forschung und zukünftige Perspektiven

Die Forschung zu den Auswirkungen von EMF auf Nervenzellen und die Entwicklung neuer Therapieansätze für neurodegenerative Erkrankungen ist von entscheidender Bedeutung. Es ist wichtig, die zugrundeliegenden Mechanismen des Nervenzellverlusts besser zu verstehen und neue Wege zu finden, um diese Prozesse zu verhindern oder zu verlangsamen.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) verfolgt die Studienlage und geht Hinweisen mit eigener Forschung weiter nach. Im Zusammenhang mit dem Ausbau der Stromtrassen in Deutschland wird ein mögliches erhöhtes Risiko für neurodegenerative Erkrankungen unter Magnetfeldexposition erneut wichtig. Ein möglicher ursächlicher Zusammenhang soll durch weitere Forschung geklärt werden. Forschung zu neurodegenerativen Erkrankungen ist daher ein Themenschwerpunkt des BfS-Forschungsprogramms „Strahlenschutz beim Stromnetzausbau“.

Die Ergebnisse des internationalen Workshops „Zusammenhang zwischen neurodegenerativen Erkrankungen und Magnetfeldexposition - Stand des Wissens und Forschungsperspektiven“, der 2017 in München stattfand, sind im Digitalen Online Repositorium und Informations-System des BfS erschienen.

Zukünftige Forschung sollte sich auf folgende Bereiche konzentrieren:

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  • Weitere epidemiologische Studien: Um den Zusammenhang zwischen EMF und neurodegenerativen Erkrankungen besser zu verstehen, sind weitere groß angelegte epidemiologische Studien erforderlich, die verschiedene Arten von EMF, Expositionsdauern und genetische Faktoren berücksichtigen.
  • Mechanistische Studien: Es ist wichtig, die Mechanismen zu identifizieren, durch die EMF Nervenzellen schädigen könnten. Dies erfordert weitere In-vitro- und Tierversuche, die die Auswirkungen von EMF auf verschiedene zelluläre Prozesse untersuchen.
  • Entwicklung neuer Biomarker: Biomarker, die frühzeitig Veränderungen im Gehirn anzeigen, könnten helfen, die Auswirkungen von EMF auf Nervenzellen besser zu überwachen und neue Therapieansätze zu entwickeln.
  • Klinische Studien: Klinische Studien sind erforderlich, um die Wirksamkeit neuer Therapieansätze für neurodegenerative Erkrankungen zu testen.

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