Schon in der Antike erkannten Ärzte die "Melancholia" und ihre Symptome. Heute kennen wir sie besser als Depression, die sich zu einer Volkskrankheit entwickelt hat. Über Jahrhunderte hinweg waren Heilpflanzen, die aufgrund traditioneller Erfahrungen eingesetzt wurden, essenzielle Elemente bei der Behandlung von Depressionen und sind bis heute eine bedeutende Therapieoption. Ihre Inhaltsstoffe wurden intensiv erforscht, und traditionelle Anwendungen konnten spezifiziert werden. Drei Arzneipflanzen haben sich bei der Behandlung psychischer oder psychisch bedingter Beschwerden bewährt und gelten als etablierte Phytotherapeutika: Johanniskraut, Baldrian und Passionsblume.
Johanniskraut (Hypericum perforatum L.): Ein Überblick
Johanniskraut gehört zu den ältesten Medizinalpflanzen des europäischen Arzneischatzes. Seit der Antike wurden dem gelbblühenden Gewächs mit seinen drüsig punktierten Blättern, denen Hypericum das Epitheton perforatum verdankt, weil sie gegen das Licht gehalten durchlöchert erscheinen, vielfältige Heilwirkungen zugeschrieben. Ebenso vielfältig waren die Zubereitungsformen und Applikationsarten.
Historische Anwendung als Antidepressivum
Die heutige wissenschaftlich erwiesene und immer wieder untersuchte Anwendung als Antidepressivum war zwar über die Jahrhunderte hinweg nicht diejenige, die bei einer historischen Traditionsanalyse primär ins Auge fällt, doch ist sie bereits im frühen Mittelalter fassbar. Etwa seit dem 16. Jahrhundert schenkten die Heilkundigen dieser Indikation zunehmend ihre Aufmerksamkeit. Schon Paracelsus (1493/94-1541) lobte in seinen Schriften zur Heilmittellehre (1525/26) die Wirksamkeit des Johanniskrauts gegen seelische Leiden, die den Menschen zur Verzweiflung bringen und in den Selbstmord treiben könnten. Zwar blieb er noch althergebrachten apotropäischen Vorstellungen verhaftet und riet deshalb, Johanniskraut bei sich zu tragen oder unter das Kopfkissen zu legen, doch empfahl er zudem die perorale Applikation, indem der Kranke »oft dran schmecken sollte«.
Etablierung im 17. und 18. Jahrhundert
Der Gebrauch des Johanniskrauts zur Behandlung der Melancholie muss sich schließlich bewährt haben, wie die Empfehlungen namhafter Autoren pharmakobotanischer sowie medizinisch-pharmazeutischer Werke im Verlauf des 18. Jahrhunderts schließen lassen. So schrieb der niederländische Arzt und Botaniker Peter Hotton (1648-1709) in seinem Thesaurus phytologicus (1738), eine Essenz aus Johanniskraut helfe Melancholikern auf wunderbare Weise, wie man vielfach erfahren habe. In der Armen-Apotheck (1721) aus der Feder des Arztes Johann Samuel Carl (1676-1757), die Informationen über Krankheiten und Therapien sowie Anleitung zur fachgerechten Herstellung von Arzneien für medizinische Laien enthielt, die sich eine ärztliche Behandlung nicht leisten konnten und sich daher selbst versorgen mussten, ist zu lesen, dass Johanniskraut eine »gute Nervenstärkung« sei, sodass diese Pflanze sicher auch volkstümlich nicht selten als Heilmittel bei psychischen Leiden herangezogen wurde. Die aus den Blüten mit Branntwein hergestellte Essentia hyperici empfahl auch der große Mediziner und Gelehrte Albrecht von Haller (1708-1777) in seiner Onomatologia medica completa (1755) innerlich gegen die Melancholie zu verabreichen. In Zedlers Universal-Lexicon heißt es dann Mitte des 18. Jahrhunderts geradezu euphorisch, Johanniskrautessenz tue den Melancholischen gut, denn sie habe eine erstaunliche Kraft, die Melancholie und »verderbte Einbildung« (Zwangsvorstellungen, unbegründete Ängste) zu kurieren und sie helfe weit mehr als alle anderen edlen und kostbaren Arzneien.
Rückgang und Wiederentdeckung im 19. und 20. Jahrhundert
Trotz des offensichtlich etablierten Gebrauchs als Antidepressivum geriet das Johanniskraut wie viele andere althergebrachte Heilpflanzen im Zuge der zunehmenden Entwicklung und Produktion synthetischer Arzneimittel während des 19. Jahrhunderts fast in Vergessenheit. So heißt es denn auch bereits Ende des 18. Jahrhunderts im 30. Band der von Johann Georg Krünitz (1728-1796) begründeten, 242 Bände umfassenden Oekonomischen Encykclopädie, das Johanniskraut sei neben diversen anderen Anwendungen auch als ein besonders wirksames Heilmittel bei allen Nervenkrankheiten, »bey hypochondrischen, hysterischen und melancholischen« Leiden befunden worden. Obwohl der therapeutische Einsatz des Johanniskrauts deutlich in den Hintergrund trat, verschwand die Heilpflanze nie völlig aus dem Arzneischatz. In zahlreichen europäischen Arzneibüchern blieb sie offizinelle Arzneidroge und trat als Bestandteil von Teemischungen und Fertigarzneimitteln, wie Schlaf-Tropfen »Dr. Saile« oder Hypericum-Plantrit zur Behandlung von nervösen Beschwerden auf. Die seit hunderten von Jahren prinzipiell stets präsente Verwendung des Johanniskrauts als Antidepressivum rückte mit den Studien des Nervenarztes Daniels etwa seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder in das Interesse der Wissenschaft, und insbesondere das Präparat Hyperforat entwickelte sich daraufhin schnell zu einem erfolgreichen Therapeutikum der Depression und ihrer Symptome. Seitdem wurde die antidepressive Wirkung der traditionellen Heilpflanze intensiv untersucht und gilt heute als klinisch gesichert, wenn auch die zweifelsfreie Zuordnung entsprechender dafür verantwortlicher Wirkstoffe und -mechanismen bislang noch nicht möglich war. Zahlreiche Fertigarzneien aus Hypericumextrakten stehen inzwischen zur Behandlung leichter bis mittelschwerer Depressionen zur Verfügung. Seit November 2009 wird Johanniskraut offiziell in der deutschen Leitlinie für Depressionsbehandlung geführt.
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Inhaltsstoffe von Johanniskraut
Die wichtigsten Wirkstoffe sind die rot färbenden Hypericine mit antiviralem Potential, die für die stimmungsaufhellende Wirkung ebenso zur Diskussion stehen wie das antibakterielle Hyperforin (ein Phloroglucinderivat), Xanthone und entzündungshemmende Flavonoide. Ebenso sind adstringierende Gerbstoffe vom Catechintyp und ätherisches Öl enthalten. Die farbigen Hypericine werden in speziellen Drüsen, den Hypericindrüsen, gespeichert und sind als dunkelgefärbte Punkte gut auf den Blüten-, Kelch- und Laubblättern zu erkennen.
Verwendete Pflanzenteile
Verwendet werden nur die zur Blütezeit geernteten Triebspitzen. Reich an Wirkstoffen sind vor allem die Blütenknospen, die geöffneten Blüten und die noch grünen Kapseln. Der Anteil an Stängeln dagegen sollte möglichst gering sein.
Wirkungsweise von Johanniskraut
Zahlreiche Wirkungsmechanismen von Johanniskrautextrakten wurden bei innerlicher Anwendung entdeckt: Spezielle Botenstoffe im Nervensystem (Neurotransmitter) bleiben länger und in höherer Zahl verfügbar. Neurotransmitter übertragen an den Verknüpfungsstellen der Nervenzellen (Synapsen) Informationen bzw. Reize. Dazu zählen Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, GABA (Gamma-Aminobuttersäure) und L-Glutamat. Die Neurotransmitterzahl in den Synapsen steigt an, und die Reizübertragung wird verbessert, da klassische Abschaltwege wie der enzymatische Abbau der Neurotransmitter oder die Wiederaufnahme aus dem Spalt in die Synapse gehemmt werden. Die Erhöhung der Menge an verfügbaren Neurotransmittern ist auch ein entscheidendes Prinzip der klassischen Antidepressiva, woraus eine stimmungsaufhellende Wirkung resultiert. Daneben steigern Inhaltstoffe des Johanniskrautes die nächtliche Ausschüttung von Melatonin, ein aus Serotonin gebildetes Hormon mit schlafanstoßender Wirkung, das an einem gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt ist. Hypericin verbessert zudem die Ausnutzung des Lichtes, also die Lichtempfindlichkeit (Photosensibilität), was zur stimmungsaufhellenden Wirkung beitragen kann. Unter Umständen kann dies bei sehr hellhäutigen Personen zu einer Licht-Überempfindlichkeit führen, wobei eine ausgeprägte Phototoxizität bislang nur bei Weidetieren beschrieben wurde. Die erhöhte Verfügbarkeit von Neurotransmittern, von Melatonin in der Nacht und die erhöhte Ausnutzung des Lichtes sind vor allem bei depressiven Verstimmungen therapeutisch sehr interessant.
Anwendungsgebiete
Deshalb wurde Johanniskraut auf Grund von einschlägigen klinischen Studien bei leichten bis mittelschweren depressiven Verstimmungen Depressionen zugelassen, ebenso bei psychovegetativen Störungen, Angstzuständen und nervöser Unruhe. Ebenfalls sinnvoll ist der Einsatz bei Winterdepression, Schlafstörungen aufgrund von leichten Depressionen und bei entsprechenden Symptomen während der Wechseljahre.
Johanniskrautöl
Neben den Johanniskrautextrakten (einschließlich Tee) spielt in der Phytotherapie das Johanniskrautöl - wegen seiner typischen Färbung auch „Rotöl“ genannt - eine große Rolle. Die Flavonoide wie auch das Hypericin sollen entzündungshemmend sein, für Hypericin wurden zudem antivirale Effekte nachgewiesen. Hyperforin wirkt antibakteriell, es ist aber relativ instabil ist und wird mit der Zeit abgebaut.
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Das Johanniskrautöl kann sowohl innerlich als auch äußerlich eingesetzt werden. Innerlich bei Verdauungsbeschwerden, die mit entzündlichen Prozessen einhergehen wie Magen-Darmschleimhaut-Entzündungen. Äußerlich zur Behandlung und Nachbehandlung von Schnitt- und Schürfwunden sowie bei stumpfen Verletzungen wie Prellungen, Zerrungen, Verstauchungen, daneben auch Verbrennungen 1. Grades, Sonnenbrand und Muskelschmerzen (Myalgien). Auch bei Nervenschmerzen (Neuralgien), Hexenschuss, Ischias, Gürtelrose und rheumatischen Beschwerden sowie Bettnässen wird Johanniskrautöl begleitend in der Erfahrungsheilkunde eingesetzt. Außerdem eignet sich das „Rotöl“ zur Pflege trockener Haut.
Weitere Forschung
Wahrscheinlich wird das Echte Johanniskraut noch weiter von sich reden machen. Spezielle Extrakte werden bei Alzheimer getestet, aber auch für die Therapie bestimmter Krebsarten. So werden Verfahren mit isoliertem Hypericin in der Krebstherapie erforscht. Da Hypericin sich an krebsartigen Zellen sammelt, wird es als Indikator und Photosensibilisator für Krebszellen eingesetzt. Bei der Bestrahlung mit einem bestimmten Lichtspektrum bildet der Photosensibilisator Sauerstoffradikale, welche die Krebszellen abtöten können. Zudem werden Verfahren untersucht, um mit Hypericin hochresistente Bakterien abzutöten.
Kontroverse Diskussionen und Wechselwirkungen
Ende der 1990er Jahre wurde festgestellt, dass Johanniskraut zu einem verstärkten Abbau anderer Arzneistoffe führt, in dem es das wichtigste Arzneimittel abbauende Enzym (CYP 3A4) in seiner Wirkung verstärkt. Bei der Kombination von Johanniskraut mit einigen anderen Arzneimitteln kann es einige Zeit nach Therapiebeginn zu starken Wirkverlusten und nach Absetzen dagegen zu therapeutisch gefährlichem Ansteigen der anderen Arzneimittel kommen. Deshalb wurden hochdosierte Johanniskrautpräparate 2003 der Apothekenpflicht unterstellt. Nur niedrig dosierte Mittel, sowie der Tee und das Rotöl blieben davon ausgenommen. Hochdosierte Johanniskrautpräparate mit einer Tagesdosis ab 600 mg weisen Wechselwirkungen mit einigen Arzneistoffen im Bereich der Antidepressiva, der Immunsupressiva oder Anti-HIV-Mitteln auf, ebenso sind Herzmittel wie Digoxin, Blutgerinnungshemmer vom Cumarintyp und vermutlich auch das bronchienerweiternde Mittel Theophyllin betroffen. Ebenso ist nicht auszuschließen, dass die Wirksamkeit von hormonellen Verhütungsmitteln beeinträchtigt wird. Bei der alleinigen Einnahme auch hochdosierter Johanniskrautmittel ist die Verträglichkeit gut und ganz erheblich besser als bei anderen Antidepressiva. Eine ausgeprägte Phototoxizität wurde bisher nur bei Weidetieren beschrieben, mit den für Menschen eingesetzten therapeutischen Dosen sind ernste Symptome der Phototoxizität nicht zu erwarten.
Baldrian: Ein traditionelles Nervinum
Baldrian blickt auf eine nicht weniger lange Tradition als Johanniskraut in der europäischen Heilkunde zurück. Bereits antike Autoren wie der griechische Arzt Dioskurides (1. Jahrhundert) schrieben Baldrianarten diverse Heilwirkungen zu, wobei Kenntnisse über die sedative Wirkung der Pflanze noch fehlen. Doch bereits im frühen Mittelalter erscheint eine Baldrianart (Valeriana phu L. oder Valeriana officinalis L.) als Bestandteil einer Rezeptur des Lorscher Arzneibuchs (8. Jahrhundert), die unter anderem bei Schlaflosigkeit Abhilfe schaffen sollte. Dies kann in der Tat, wie der Würzburger Medizinhistoriker Johannes Mayer betont, als Indiz verstanden werden, dass die sedativen Eigenschaften des Baldrians zu dieser Zeit bereits bekannt waren. Doch setzte sich, den maßgeblichen medizinischen und pharmazeutischen Schriften nach zu urteilen, diese Indikation im Mittelalter nicht durch. Indes lässt sich, wie Mayer überzeugend darlegt, eine volkstümliche Überlieferung postulieren, denn verschiedene, um 1500 entstandene handschriftliche und gedruckte Quellen bergen Hinweise, dass man die Pflanze in verschiedener Weise als Sedativum gebrauchte. Der Kräuterbuchautor Otto Brunfels (um 1489-1534) jedenfalls mag um eine beruhigende Wirkung gewusst haben, merkte er doch an, das gemeinsame Trinken von Baldrianwasser mache holdselig, einig und friedlich. Spätestens seit dem 17. Jahrhundert ist es offensichtlich, dass man Wirkungen des Baldrians beziehungsweise der Baldrianwurzel auf das zentrale Nervensystem beobachtet hatte und ihn dementsprechend therapeutisch zu nutzen versuchte. So lobt Schroeder in seinem mehrfach aufgelegten pharmazeutischen Handbuch Trefflich versehene Medicin-Chymische Apotheke oder höchstkostbarer Arzeney-Schatz (1685) den Baldrian als »göttliches Mittel wider die schwere Noth«, wie man die Epilepsie seinerzeit nannte. Diese Indikation für Baldrianarten führt dann die Pharmacopoea Wirtenbergica 1760 ebenso an wie Zedlers Universal-Lexicon, ohne dass im breiten Anwendungsspektrum, das den Baldrian geradezu als Panazee auswies, diesem Indikationenbereich eine ausgesprochene Präferenz zukam. Schließlich beschäftigte sich der Arzt Johann Carl von Ackern (1764-1792) in seiner 55-seitigen Dissertation De Valeriana, eiusque characteribus, viribus atque effectibus (1789) ausführlich mit den medizinischen Eigenschaften und der entsprechenden Verwendbarkeit des Baldrians. In dieser Monografie erläutert der Verfasser explizit krampfwidrige beziehungsweise krampflösende Wirkungen der Baldrianwurzel samt daraus resultierender Verwendungsmöglichkeiten bei Epilepsie im Besonderen und sogenannten »nervösen« Leiden im Allgemeinen. Wenngleich auch andere Heilkräfte des Baldrians untersucht werden, stehen nun Wirkungen des Baldrians - meist von Valeriana officinalis L., auf das zentrale Nervensystem - vor allem krampflösende und krampfwidrige - im wissenschaftlichen Fokus.
Entwicklung im 19. Jahrhundert
Viele der überlieferten Indikationen für den Baldrian gerieten im 19. Jahrhundert in Vergessenheit, während sich die Pflanze mit dem Indikationenspektrum des Nervinums zu einem essenziellen Element des europäischen Arzneischatzes entwickelte. Ende des 19. Jahrhunderts heißt es dann in dem bekannten Werk Köhler‘s Medizinal-Pflanzen: »Die Baldrianwurzel, welche im Aufguss als Pulver, Tinktur et cetera gereicht wird, ist eines der vorzüglichsten Mittel gegen krampfhafte Leiden, Hysterie, Hypochondrie, Mygräne, Epilepsie und andere Nervenleiden.« Als offizinell galt nunmehr meist Valeriana officinalis, die in zahlreiche Pharmakopöen Europas Aufnahme gefunden hatte und in Form von Extractum Valerianae, Tinctura Valerianae, Tinctura Valerianae aetherea, Tinctura Valerianae ammoniata oder Oleum Valerianae appliziert wurde. Freilich enthielten dann auch viele Zubereitungen zur Behandlung sogenannter Nervenleiden Baldrianwurzel, etwa Aqua Valerianae, Species nervinae Hufeland, Guttae antispasmodicae C. J. Meyer oder Syrupus antineuralgicus Lebrou. Angeboten wurde übrigens ein in Italien produziertes baldrianhaltiges Pulver, das in Hagers Handbuch der pharmaceutischen Praxis als »neues und kostbares Heilmittel gegen Epilepsie (Fallsucht) und gegen alle Gattungen Nervenleiden« verzeichnet ist. Trotz der zunehmenden Entwicklung spezifischer synthetischer Arzneimittel mit Einfluss auf das Nervensystem blieb die offensichtlich als Nervinum bewährte Baldrianwurzel ein essenzielles Element der Therapie, das auch in diversen Arzneispezialitäten wie Nervosin, Pizzala gegen Hysterie und Nervenleiden oder Dr. Rays Nervol gegen Schlaflosigkeit zur Anwendung kam.
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Forschung und Anwendung im 20. Jahrhundert
Während die pharmazeutischen und pharmakognostischen Standardwerke zunächst noch vor allem die spasmolytischen Eigenschaften der Baldrianwurzel betonten, trat im Kontext der wissenschaftlichen Erforschung der Inhaltsstoffe, die schon Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, zunehmend die sedative Wirkung samt dem Einsatz als Schlafmittel in den Vordergrund. Gemäß dem Lehrbuch der Pharmakognosie für Hochschulen von 1946 galt Baldrian als Sedativum, dessen Wirkung seit langem bekannt war, und man empfahl die Wurzel bei »allgemeiner Nervosität, bei nervösen Schlafstörungen und Herzbeschwerden«. Baldrianhaltige Fertigarzneimittel wie Baldocrat®, Baldravin®, Baldrian-Dispert® und Baldriantropfen »Dr. Riethmüller«® verabreichte man dann auch als Sedativum, Herz- und Nervenberuhigungsmittel, bei nervöser Schlaflosigkeit, Übererregbarkeit oder Angstgefühlen. Heute zählt Baldrian zu den wohl am meisten gebrauchten pflanzlichen Sedativa und gilt als anerkanntes Phytotherapeutikum für die Langzeittherapie von Unruhezuständen und Schlafstörungen. Obgleich man Baldrian intensiv untersucht hat, konnte man die für die nachgewiesene Wirkung verantwortlichen Inhaltsstoffe nicht ermitteln. Man geht heute davon aus, dass sie dem Zusammenwirken mehrerer Stoffgruppen zuzuschreiben ist.
Passionsblume: Ein amerikanisches Sedativum
Im Gegensatz zu Johanniskraut und Baldrian stammt die Passionsblume aus dem traditionellen amerikanischen Arzneischatz. Ihren Name verdankt sie übrigens ihrer auffallend schönen Blüte, in der man die Symbole der Passion Christi versinnbildlicht sah. Während in Europa heute die in Nordamerika heimische Passiflora incarnata L. als offizinell gilt, bedient man sich in Südamerika wohl seit Jahrhunderten auch anderer Spezies Passiflora. Wenngleich der niederländische Arzt Willem Piso (1611-1678) in seinem Werk über die Natur und Heilmittel Brasiliens De Indiae utriusque re naturali et medica (1658) bereits diverse Passionsblumenarten samt medizinischer Verwendbarkeit beschrieben hatte, finden sich eindeutige Hinweise für den sedativen Gebrauch der Passionsblume erst in der Materia médica misionera (Anfang 18. Jahrhundert) aus der Feder des Heilkundigen Pedro Montenegro (1663-1728). In diesem Werk legte der spanische Jesuit seine auf jahrelanger Erfahrung, persönlichen Studien und Informationen der Eingeborenen basierenden Kenntnisse über meist amerikanische Medizinalpflanzen nieder. Die Passionsblume, von der er verschiedene Arten kannte, empfahl er als »quid pro quo del lupulo«, als gleichwertigen Ersatz für den Hopfen, womit davon auszugehen ist, dass er ihre sedativen Eigenschaften kannte und dieses Wissen wahrscheinlich den Eingeborenen Paraguays verdankte, sodass hier eine alte Tradition nicht ausgeschlossen ist. Passionsblumenarten schätzte man in Südamerika auch in den folgenden Jahrhunderten - manche heute noch - als Sedativa. So erklärte etwa Domingo Saggese in seinem Werk über argentinische Heilpflanzen, Passiflora caerulea L., die bis heute volksmedizinisch in Argentinien als nervenberuhigende Arznei genutzt wird, werde seit undenklichen Zeiten benutzt, sie sei ein krampflösendes Mittel ersten Ranges und eines der besten Nervenberuhigungsmittel überhaupt. Obgleich schon bald nach der Entdeckung Amerikas Berichte einschließlich Informationen über den heilkundlichen Gebrauch der Pflanze Europa erreichten und die Pflanze selbst Anfang des 17. Jahrhunderts nach Europa gebracht wurde, erfreute sie sich hier zunächst vor allem wegen der Symbolträchtigkeit ihrer Blüten als Zierpflanze großer Beliebtheit. Der neapolitanische Arzt Nardo Antonio Recchi wies zwar in seinem Kommentar zur Passionsblume im monumentalen Werk des spanischen Arztes Francisco Hernández (1514/17-1587) Rerum medicarum Novae Hispaniae thesaurus (1648) über mittelamerikanische Heilpflanzen darauf hin, dass die Passionsblume gegen die Melancholie helfe, doch konnte sie sich vorerst weder in dieser noch in anderen Indikationen als Heilmittel durchsetzen. Dies änderte sich erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Um 1840 hatte man Passiflora incarnata, die zuvor schon volksmedizinisch als Antiepileptikum geschätzt wurde, in Nordamerika in die Therapie eingeführt und bereits um 1900 genoss sie allgemeine Anerkennung als Spasmolytikum und Sedativum und wurde vor allem bei Schlaflosigkeit, Neurasthenie sowie anderen Erkrankungen der Nerven empfohlen. Insbesondere betonte man allenthalben, dass der durch Passiflora incarnata herbeigeführte Schlaf erholsam und ohne übl…
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