Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine der häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter, die jedoch oft bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Epilepsie, eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist, kann ebenfalls in verschiedenen Altersgruppen auftreten. Interessanterweise gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen ADHS und Epilepsie, wobei Kinder mit Epilepsie ein erhöhtes Risiko für ADHS haben und umgekehrt. Darüber hinaus spielen mütterliche Faktoren während der Schwangerschaft eine wichtige Rolle bei der Entwicklung beider Erkrankungen.
Ursachen von ADHS
Die Ursachen von ADHS sind komplex und nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umwelteinflüssen vor, während und nach der Geburt eine Rolle spielt.
Genetische Veranlagung
ADHS tritt in Familien gehäuft auf, was auf eine genetische Komponente hindeutet. Studien haben gezeigt, dass bestimmte Gene bei Menschen mit ADHS häufiger vorkommen als bei Menschen ohne ADHS. Die Forschung geht heute davon aus, dass bei diesen Patienten ein oder mehrere Gene defekt sind, die als Ursache der Epilepsie anzusehen sind. Häufig sind die betroffenen Gene nicht bekannt, und es müssen bestimmte Gen-Konstellationen vorliegen, damit es zu einer Epilepsie kommt. Daher sind diese Epilepsie-Ursachen meist nicht vererbbar, auch wenn sie neuerdings als genetische Epilepsien bezeichnet werden.
Es gibt rund 200 Gene, die eine erhöhte ADHS-Quote zeigen, sodass von einer monogenetischen Ursache zu vermuten ist. Als monogenetische Ursache von ADHS haben wir Gene aufgenommen, bei denen bei bestimmten Varianten eine deutlich erhöhte ADHS-Prävalenz besteht. Neben den hier gelisteten Genen gibt es etliche Tiermodelle, bei denen ein einzelnes Gen deaktiviert wurde, und die daraus ADHS-Symptome (bis hin zum Vollbild) entwickeln. Viele monogenetische Störungen sind seltene (orphane) Erkrankungen. Die im Folgenden genannten Genkandidaten treten nur äußerst selten als dysfunktionale Genvarianten in Erscheinung. ADHS ist nach bisheriger Auffassung in der Regel keine monogenetische Störung.
Einige Beispiele für Gene, die mit ADHS in Verbindung gebracht wurden, sind:
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- FMR1: Eine vollständige Mutationsexpansion (mehr als 200 CGG-Wiederholungen) im FMR1-Gen verursacht das Fragile-X-Syndrom (FXS), die zu einem Mangel des Proteins für mentale Retardierung des Fragilen X (FRMP) führt. Das Fehlen von FMRP beeinträchtigt die bedarfsgerechte Freisetzung von 2-AG über DAGL. Dadurch fehlt die Wirkung von 2-AG auf Rückkopplungshemmung und synaptische Plastizität. Damit ist die durch 2-AG vermittelte Regulation der Glutamat- und GABA-Signalübertragung beeinträchtigt. 93 % von 43 Jungen mit der Prämutation zeigten ADHS-Symptome. 79 % zeigten ASS-Symptome.
- CAPRIN1: Das Protein CAPRIN1 ermöglicht RNA-Bindungsaktivität. CAPRIN1 könnte an der negativen Regulierung der Translation und der positiven Regulierung der Morphogenese dendritischer Dornen beteiligt sein. CAPRIN1 kann den Transport und die Translation von mRNAs von Proteinen regulieren, die an der synaptischen Plastizität in Neuronen und der Zellproliferation und -migration in verschiedenen Zelltypen beteiligt sind. CAPRIN1 bindet direkt und selektiv an MYC- und CCND2-RNAs.
- PHF21A: Das PHF21A-Gen kodiert das Protein BHC80, das eine Komponente des BHC-Komplexes ist. Der BHC-Komplex vermittelt die Unterdrückung neuronenspezifischer Gene in nicht-neuronalen Zellen durch das cis-regulatorische Element (Repressorelement-1, RE1; neuraler restriktiver Silencer, NRS, NRSE). Der BHC-Komplex wird von REST an RE1/NRSE-Stellen rekrutiert und wirkt durch Deacetylierung und Demethylierung spezifischer Stellen an Histonen als Chromatinmodifikator. Im BHC-Komplex kann BHC80 als Gerüst fungieren.
- CHD2: Pathogene Varianten in CHD2 sind sehr selten (orphan).
- SETBP1: Die Prävalenz einer SETBP1-Haploinsuffizienz ist unbekannt.
- TSC1: TSC1 ist vermutlich ein Tumorsuppressor-Gen, das das wachstumshemmende Protein Hamartin kodiert. Hamartin interagiert mit dem GTPase-aktivierenden Protein Tuberin und stabilisiert es. Dieser Hamartin-Tuberin-Komplex hemmt die mTORC1-Signalisierung (Mammalian target of rapamycin complex 1), die ein wichtiger Regulator des anabolen Zellwachstums ist.
- ANK3: Das Gerüstprotein Ankyrin-3 unterscheidet sich immunologisch von den Ankyrinen ANK1 und ANK2. Es findet sich am axonalen Anfangsabschnitt und an den Ranvier-Knoten von Neuronen im zentralen und peripheren Nervensystem. ANK3 spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung der Lokalisierung von Ionenkanälen, Membrantransportern, Zelladhäsionsmolekülen und Proteinen des Zytoskeletts.
- NF1: Neurofibromatose Typ 1 zeigt Fehlbildungen der Haut und des zentralen Nervensystems. Bei NF-1 korreliert ein Dopaminmangel mit Lernschwierigkeiten.
- SRRM2: SRRM2 ist ein Protein kodierendes Gen. Es ermöglicht C2H2-Zinkfingerdomänen-Bindungsaktivität und Protein-N-Terminus-Bindungsaktivität. SRRM2 findet sich im Cajal-Körper und im Kernfleck. SRRM2 ist als Teil des katalytischen Schritt-2-Spleißosoms vom U2-Typ und des präkatalytischen U2-Spleißosoms am mRNA-…
Umwelteinflüsse
Umwelteinflüsse vor, während und kurz nach der Geburt können ebenfalls zur Entwicklung von ADHS beitragen. Dazu gehören:
- Rauchen, Alkoholkonsum und Drogenkonsum der Mutter während der Schwangerschaft: Diese Substanzen können die Entwicklung des Gehirns des Fötus beeinträchtigen.
- Frühgeburt: Frühgeborene Kinder haben ein höheres Risiko für ADHS.
- Kontakt mit Umweltgiften: Bestimmte Umweltgifte können die Gehirnentwicklung beeinflussen.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Einflüsse nicht immer direkte Auslöser von ADHS sind. Es könnte beispielsweise sein, dass Mütter mit ADHS eher während der Schwangerschaft rauchen, was das Risiko für ADHS bei ihren Kindern erhöht.
Gehirnentwicklung bei ADHS
Bei Menschen mit ADHS entwickelt sich das Gehirn etwas anders als bei Menschen ohne ADHS. Es ist etwas anders aufgebaut und funktioniert auch etwas anders. Insbesondere sind bestimmte Hirnregionen, die für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Handlungsplanung zuständig sind, betroffen.
Ursachen von Epilepsie
Ähnlich wie bei ADHS sind die Ursachen von Epilepsie vielfältig und komplex. Jedes Ereignis, das einen Schaden im Gehirn verursacht, kann ein potenzieller Auslöser für ein epileptisches Anfallsleiden sein. Die Medizin unterscheidet hier zurzeit strukturelle, infektiöse, metabolische, genetische und immunologische Ursachen.
- Strukturelle Veränderungen: Schlaganfälle, Tumore oder Narben im Gehirn können epileptische Anfälle verursachen.
- Infektionen: Infektionen des Gehirns, wie beispielsweise durch Borreliose, können zu Epilepsie führen.
- Metabolische Störungen: Seltene Stoffwechselerkrankungen wie Phenylketonurie können mit Epilepsie einhergehen.
- Immunologische Ursachen: Entzündungsvorgänge im Gehirn, bei denen das Immunsystem das Hirngewebe angreift, können Epilepsie verursachen.
- Genetische Veranlagung: Manche Menschen haben aufgrund ihrer genetischen Ausstattung eine höhere Veranlagung zu epileptischen Anfällen. Die Forschung geht heute davon aus, dass bei diesen Patienten ein oder mehrere Gene defekt sind, die als Ursache der Epilepsie anzusehen sind. Häufig sind die betroffenen Gene nicht bekannt, und es müssen bestimmte Gen-Konstellationen vorliegen, damit es zu einer Epilepsie kommt. Daher sind diese Epilepsie-Ursachen meist nicht vererbbar, auch wenn sie neuerdings als genetische Epilepsien bezeichnet werden.
- Unbekannte Ursache (kryptogene Epilepsie): In einigen Fällen kann keine klare Ursache für die Epilepsie gefunden werden.
Zusammenhang zwischen ADHS und Epilepsie
Es gibt zunehmend Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen ADHS und Epilepsie. Studien haben gezeigt, dass Kinder mit ADHS ein höheres Risiko haben, an Epilepsie zu erkranken, und umgekehrt.
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Professor Dr. Gerhard Kurlemann von der Uniklinik Münster erklärte, dass Kinder mit Epilepsie ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko für eine ADHS haben. Bemerkenswert sei, dass bei Kindern mit Epilepsie und ADHS ein völlig anderer Subtyp der ADHS vorherrsche als bei Kindern mit ADHS ohne Epilepsie. »Bei Kindern mit Epilepsie dominiert die ADHS vom Träumertyp«, erklärte Kurlemann. Dem Experten zufolge ist diese unterschiedliche Dominanz der verschiedenen ADHS-Subtypen ein Hinweis darauf, dass es sich bei der Kombination aus ADHS und Epilepsie um ein eigenes Krankheitsbild handelt.
Eine mögliche Erklärung für den Zusammenhang zwischen ADHS und Epilepsie ist eine gemeinsame Grundpathologie im Gehirn. Es wird vermutet, dass bestimmte Hirnfunktionsstörungen sowohl ADHS als auch Epilepsie verursachen können. Zu dieser Theorie passt, dass die Epilepsie bei Kindern mit ADHS häufig viel schwerer und komplizierter verläuft als bei Kindern mit Epilepsie ohne ADHS.
Mütterliche Einflüsse auf ADHS und Epilepsie
Mütterliche Faktoren während der Schwangerschaft können das Risiko für ADHS und Epilepsie beim Kind beeinflussen. Dazu gehören:
- Essstörungen der Mutter: Eine Studie von Dr. Ängla Mantel vom Karolinska Universitätsklinikum in Stockholm und ihren Kollegen ergab, dass eine Essstörung der Mutter das Risiko für ein ADHS des Kindes um etwa die Hälfte (Anorexia nervosa) bzw. auf das Doppelte (Bulimia nervosa, unspezifische Störung) steigen ließ. Ähnlich sah es mit der Gefahr für eine Autismus-Spektrum-Störung aus, wobei eine Bulimie das Risiko sogar fast verdreifachte.
- Medikamenteneinnahme während der Schwangerschaft: Vor und in der Schwangerschaft müssen bei der medikamentösen Therapie der Epilepsien Risiken für den Fötus durch die Therapie und Anfälle berücksichtigt werden. Die Abwägung dieser Risiken wird insbesondere durch das für viele ASM ungeklärte Teratogenitätsrisiko erschwert. Bei der stetig wachsenden Zahl von zugelassenen Substanzen - aktuell 27 -, die Frauen im fertilen Alter nicht vorenthalten werden dürfen, sind deshalb internationale Register wie die European Registry of Antiepileptic Drugs and Pregnancy (EURAP ) notwendig, um Daten zur Sicherheit von Medikamenten in der Schwangerschaft zu generieren.
- Folsäuremangel: Eine Substitution von Folsäure in Niedrigdosis für alle Mädchen und Frauen im fertilen Alter auch ohne eine antiepileptische Therapie zur Prävention von Neuralrohrdefekten (NRD) steht außer Frage.
Diagnose und Behandlung
ADHS
Die Diagnose von ADHS ist nicht einfach und gehört in die Hände erfahrener Fachleute. Die Diagnose ADHS soll nicht vor einem Alter von 3 Jahren gestellt werden. Auch im Vorschulalter sollte ADHS nur bei sehr starken Symptomen diagnostiziert werden. Verwendet werden sowohl die Kriterien der Weltgesundheitsorganisation, ICD (International Classification of Diseases), als auch die Kriterien der US-amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft, DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders). Derzeit aktuell sind die Versionen ICD-10 und DSM-5. Im DSM-5 heißt die Störung einheitlich "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ (ADHS).
Die Behandlung von ADHS umfasst in der Regel eine Kombination aus Verhaltenstherapie und Medikamenten.
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Epilepsie
Eines haben alle Epilepsien gemeinsam: Sie haben ihren Ursprung im Gehirn. Um eine Epilepsie zu diagnostizieren, ist es wichtig, die Anfallshäufigkeit von nicht-provozierten Anfällen zu berücksichtigen und andere Anfallsleiden auszuschließen. Die Diagnose wird in der Regel durch Ärztinnen und Ärzte unter Berücksichtigung der ärztlichen Befunde, des EEG, der Symptomatik des Krampfanfalls und weiterer Aspekte gestellt.
Ziel der modernen Epilepsiebehandlung ist eine Anfallskontrolle bei optimaler Verträglichkeit der Therapie. Neben anfallsupprimierenden Arzneimitteln (ASM) gehören auch nichtmedikamentöse Verfahren zum therapeutischen Repertoire.