Aggressivität nach OP Hirntumor: Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Ein Hirntumor kann eine einschneidende Diagnose sein, die viele Fragen aufwirft. Besonders nach einer Operation können Veränderungen im Verhalten und der Persönlichkeit des Patienten auftreten, darunter auch Aggressivität. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für Aggressivität nach einer Hirntumor-Operation und gibt einen Überblick über die verschiedenen Therapiemöglichkeiten.

Einführung

Jährlich erkranken in Deutschland rund 8000 Menschen neu an unterschiedlichen Gehirntumoren. Die Behandlung von Hirntumoren ist komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie dem Gewebetyp des Tumors, dem Alter und Allgemeinzustand des Patienten sowie der Größe und Lage des Tumors im Gehirn. Grundsätzlich gilt: Je früher ein Hirntumor erkannt wird, desto günstiger ist die Prognose für den Patienten. In Abhängigkeit von der WHO-Klassifikation des Tumors ist meist jedoch keine Heilung, sondern eine Symptomkontrolle ggf. mit Verlängerung des Überlebens und Stabilisierung bzw. Reduktion der Tumorgröße möglich.

Arten von Hirntumoren

Hirntumoren können gutartig oder bösartig sein. Ein Beispiel für einen gutartigen Tumor ist das Meningeom, der häufigste Hirntumor bei Erwachsenen. Meningeome wachsen von den Hirnhäuten aus und können in den meisten Fällen durch eine Operation vollständig entfernt und geheilt werden.

Am bösartigen Ende der Hirntumoren rangiert das Glioblastom. Glioblastome sind die auffälligsten im Erwachsenenalter auftretenden Tumoren des Gehirns. Sie sind äußerst aggressiv und wachsen diffus in die Hirnstruktur hinein. Laut dem Onkologen Dr. med. Rainer Lipp beträgt die mittlere Überlebenszeit insgesamt nur 15 bis 18 Monate. Auch wenn man - je nach molekularbiologischem Muster des Tumors und Operationsergebnis - mit einem Glioblastom auch noch mehrere Jahre überleben kann, zeigen Untersuchungen, dass nach zwei Jahren oft nur noch drei bis 26,5 Prozent der Patienten leben. Nach fünf Jahren leben noch etwa fünf Prozent der Betroffenen.

Ursachen für Aggressivität nach Hirntumor-OP

Aggressivität nach einer Hirntumor-Operation kann verschiedene Ursachen haben:

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Postoperatives Delir

Als postoperatives Delir oder akutes Delirium (aus dem Lateinischen mit »aus der Spur geraten« zu übersetzen) bezeichnet man eine vorübergehende Funktionsstörung des Gehirns nach großen Operationen oder schweren Erkrankungen. Ein Delir lässt sich nicht im Blut oder im CT nachweisen, es zeigt sich durch plötzliche Verwirrung, Störungen des Denkvermögens, zeitliche und räumliche Desorientiertheit und Sinnestäuschungen der Patienten - sie »sehen« Dinge, oft weiße Tiere. Manche Betroffene sind sehr irritiert, unruhig und aggressiv (hyperaktives Delir), andere so verängstigt und in sich gekehrt, dass sie nicht mehr aufstehen wollen (hypoaktives Delir).

Die Ursachen für diese Komplikation sind vielfältig. »Es gibt einen Zusammenhang mit dem Entzündungsgeschehen im Körper nach großen Eingriffen oder sehr schweren Erkrankungen«, erklärt Dr. Deetjen. Ebenso können zahlreiche Vorerkrankungen und auch bestimmte Medikamentengruppen, die den Hirnstoffwechsel beeinflussen, das Auftreten eines Delirs begünstigen.

Risikofaktoren für ein Delirium sind:

  • Hohes Alter
  • Herzkreislaufstörungen
  • Alkoholabhängigkeit
  • Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes
  • Einnahme mehrerer Arzneimittel (Polypharmazie)
  • Neue oder abgesetzte Medikamente
  • Niereninsuffizienz
  • Chirurgische Eingriffe
  • Infektionen
  • Flüssigkeitsmangel
  • Sehstörungen
  • Schwerhörigkeit
  • Akuter Schmerz

Direkte Auswirkungen des Tumors oder der Operation auf das Gehirn

Ein Glioblastom kann überall da auftreten, wo Glia sitzt, also Hirnstützgewebe. Wächst es in Hirnregionen, die in ihrer Funktion nicht so dicht benötigt werden, merkt man die Erkrankung recht spät. Ein Beispiel sei das Frontalgehirn, in dem unter anderem das Riechen und das moralische Denken sitzen. Ein Glioblastom, das hier sitze, bleibt laut Erbguth „stumm“. Wer denkt bei verändertem Wesen oder Verhalten schon an einen Hirntumor? Ganz anders läuft es hingegen, wenn das Glioblastom etwa an einer Stelle wächst, an der die Bewegung gesteuert wird. Dann merkt man das sehr schnell.

Die Operation selbst kann ebenfalls zu Veränderungen im Gehirn führen, die sich auf das Verhalten auswirken.

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Medikamente

Bestimmte Medikamente, die nach der Operation eingesetzt werden, können ebenfalls Aggressivität als Nebenwirkung haben.

Diagnose und Behandlung des Delirs

Die Diagnose eines Delirs erfolgt in der Regel durch eine klinische Untersuchung und Beobachtung des Patienten. Es gibt keine spezifischen Tests, um ein Delir nachzuweisen.

Die Behandlung eines Delirs zielt darauf ab, die Ursachen zu beseitigen und die Symptome zu lindern. Dazu gehören:

  • Behandlung von Infektionen
  • Ausschalten oder Reduzierung von Medikamenten, die das Delir auslösen könnten
  • Ausgleich von Flüssigkeitsmangel
  • Schmerztherapie
  • Schaffung einer ruhigen und vertrauten Umgebung
  • Re-Orientierung des Patienten durch Gespräche, Vorlesen und einfache Spiele
  • Frühzeitige Mobilisierung des Patienten
  • Einbeziehung der Angehörigen in die Betreuung

Weitere Therapiemöglichkeiten bei Hirntumoren

Neben der Operation gibt es weitere Therapiemöglichkeiten bei Hirntumoren:

Strahlentherapie

Da bei den Tumoren des Gehirns operativ meist keine komplette Entfernung des Tumors möglich ist, sollen durch eine Bestrahlung im Anschluss an eine operative Tumorentfernung oder Biopsie die restlichen noch verbliebenen Tumorzellen zerstört werden. Somit soll ein erneutes lokales Tumorwachstum bzw. eine weitere Tumorausbreitung mit Wiederauftreten von Beschwerden verhindert werden. Aus diesem Grund erfolgt meist nach der Operation von Gehirntumoren eine Strahlentherapie, die häufig ambulant durchgeführt werden kann.

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Während der Strahlentherapie können Nebenwirkungen wie Kopfdruck, Kopfschmerzen, Übelkeit, Haarausfall und ggf. Müdigkeit auftreten. Die meisten Nebenwirkungen können jedoch häufig durch den Einsatz von verschiedenen Medikamenten gemildert werden.

Chemotherapie

Eine Chemotherapie alleine, ohne Operation und Strahlentherapie, zeigt bei den meisten Gehirntumoren eine nur geringe Wirkung. Jedoch kann eine Chemotherapie bei kombiniertem Einsatz mit der Strahlentherapie die Wirkung der Strahlentherapie verbessern. Die Chemotherapie kann nach Ende der Bestrahlung bei nachgewiesener Wirksamkeit fortgesetzt werden, um die bis dahin erreichte Wirkung (Symptomkontrolle, Größenstabilisierung oder Größenreduktion) aufrecht zu erhalten und weiter zu verbessern.

Seit kurzem stehen zur Chemotherapie von Gehirntumoren neuere gutverträgliche Substanzen zur Verfügung, für die eine Wirksamkeit bei verschiedenen Tumoren des Gehirns gezeigt werden konnte und für andere Tumoren im Weiteren noch gezeigt werden muss. Da aufgrund neuer Erkenntnisse die Wirksamkeit vieler bekannter und neuentwickelter Substanzen in der Therapie der Gehirntumoren untersucht werden, ist es grundsätzlich für Patienten mit einem Gehirntumor ratsam, diese tumorspezifischen Therapien von spezialisierten Ärzten an "Therapiezentren" und falls möglich innerhalb "klinischer Studien" durchführen zu lassen.

Tumortherapiefelder-Methode (TTF)

Rund drei bis vier Monate Lebenszeit können Betroffene mit der relativ neuen Tumortherapiefelder-Methode (TTF, auch Tumor Treating Fields oder TTFields genannt) gewinnen, was in Studien gezeigt werden konnte: Elektroden am Kopf schicken elektromagnetische Energie an den Tumor. Die Maßnahme ist sehr anstrengend für den Patienten: Er muss einen Rucksack mit der Technik tragen, denn die Stimulation muss dauerhaft erfolgen.

Neue Medikamente

Hoffnung macht der Onkologe für neue Medikamente, die „vor allem auf spezielle molekulare Muster der Tumoren ausgerichtet sind und schätzungsweise in den nächsten zwei bis fünf Jahren auf den Markt kommen werden“.

Forschung und Ausblick

Wissenschaftler arbeiten kontinuierlich an neuen Therapieansätzen, um die Behandlung von Hirntumoren zu verbessern. Ein Forschungsprojekt des Universitätsklinikums Heidelberg untersucht beispielsweise, warum einige Meningeome aggressiver wachsen als andere. Ziel ist es, verbesserte Methoden zur Prognose eines solchen Tumors zu entwickeln und neue Therapiemöglichkeiten zu schaffen.

Forscher*innen der Dresdner Hochschulmedizin und des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) wollen die biologischen Zelleigenschaften des Glioblastoms so verändern, dass sie empfindlicher für die Therapie werden. Sie untersuchen beispielsweise die Rolle der extrazellulären Matrix und des Oberflächenproteins Integrin α2.

Bedeutung der Angehörigen

Eine wichtige Rolle in der Delir-Therapie spielen die Angehörigen. Mit ihrer Anwesenheit, mit ruhigen Gesprächen, Vorlesen und einfachen Spielen tragen sie ein Stück vertraute Sicherheit ins Krankenzimmer. Auch für sie hat die Arbeitsgruppe nun eine Informations- und Aufklärungsbroschüre zum Thema verfasst. Häufige Besuche halten Patienten geistig auf Trab.

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