Juckreiz verstehen: Von der Entstehung im Gehirn bis zu therapeutischen Ansätzen

Juckreiz, medizinisch als Pruritus bezeichnet, ist ein weit verbreitetes und oft quälendes Symptom. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Mechanismen der Juckreizentstehung im Gehirn, die verschiedenen Ursachen und die daraus resultierenden therapeutischen Möglichkeiten.

Die Evolution des Kratzens

Kratzen ist ein tief verwurzeltes, natürliches Verhalten, das als Schutzmechanismus begann. Es diente dazu, potenziell gefährliche Reize wie Parasiten oder Fremdkörper von der Haut zu entfernen.

Die Kehrseite des Kratzens

Obwohl Kratzen kurzfristig Linderung verschafft, hat es seinen Preis. Es kann negative Emotionen wie Schuldgefühle, Wut oder Frustration auslösen, besonders bei chronischen Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder Prurigo, wo es den Heilungsprozess behindert.

Die Neurowissenschaft des Juckreizes

Juckreizempfinden und Kratzen sind eng mit dem Gehirn verbunden.

Die Signalübertragung

Das Juckreizsignal wird über Hautnerven zum Rückenmark und von dort zum Gehirn geleitet, wo es wahrgenommen wird. Gleichzeitig werden Gehirnareale aktiviert, die für die Planung und Einleitung von Bewegungen zuständig sind, was die Kratzantwort auslöst.

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Belohnungssystem

Nach dem Kratzen werden im Gehirn Areale aktiviert, die Angst reduzieren und Belohnungsempfinden verstärken.

Chronischer Juckreiz und das Gehirn

Wenn Juckreiz chronisch wird (länger als sechs Wochen anhält), entsteht eine gestörte Beziehung zwischen Jucken und Kratzen. Chronischer Juckreiz führt zu einer Überaktivierung motorischer Gehirnareale, während Kratzen die Belohnungsareale im Gehirn überaktiviert.

Antrainiertes Kratzverhalten

Aus lerntheoretischer Sicht kann Kratzen "antrainiert" werden. Die Reduktion des Juckreizes und das Belohnungsgefühl nach dem Kratzen wirken als "positive Verstärkung". Die kurzzeitige Linderung des Juckens wirkt als "negative Verstärkung". Beide Mechanismen führen zu einem häufigeren Auftreten des Verhaltens und zur Entwicklung eines "automatisierten Kratzverhaltens".

Die Folgen des Kratzens

Das Kratzen schädigt Haut und Hautnerven, was zu einer Beeinträchtigung der Hautschutzbarriere und einer erhöhten Nervenempfindlichkeit führt. Dies kann dazu führen, dass ein Reiz, der normalerweise Juckreiz auslöst, bei Patienten mit chronischem Juckreiz als stärker empfunden wird (Hyperknesis). Darüber hinaus können Reize, die normalerweise keinen Juckreiz auslösen, dennoch Juckreiz verursachen.

Entzündungsreaktionen

Kratzen verstärkt Entzündungsreaktionen in der Haut. Durch die geschädigte Hautbarriere können Schadstoffe, Allergene und Keime leichter eindringen und Entzündungen verstärken sowie Kontaktallergien auslösen.

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Weitere Komplikationen

Kratzen kann zu blutigen Kratzläsionen führen, die krustig abheilen und Narben hinterlassen. Es kann auch Hauterkrankungen verschlimmern, wie Ekzeme bei Neurodermitis oder entzündliche Knoten bei chronischer Prurigo.

Psychische Belastung

Kratzen ist eine psychische Belastung, da nach dem Kratzen nicht nur die Haut schmerzt, sondern auch Selbstvorwürfe und Vorwürfe aus dem Umfeld hinzukommen. Ermahnungen, nicht zu kratzen, erhöhen den Kratzdruck. Das Kratzen selbst und die sichtbaren Kratzläsionen sind oft mit Scham und Stigmatisierung verbunden.

Pruritus: Ein vielschichtiges Symptom

Pruritus ist ein komplexes Symptom mit unterschiedlichen pathophysiologischen Mechanismen.

Ursachen und Auslöser

Die Ursachen reichen von lokalen Hautbarrierestörungen bis zu systemischen Erkrankungen und neurologischen Störungen. Entzündungszellen, neurogene Faktoren und pruritogene Substanzen spielen eine zentrale Rolle.

Häufige Ursachen für Juckreiz

  • Hauterkrankungen: Hauterkrankungen stellen die Hauptursache von Juckreiz dar. In den meisten Fällen lassen sich diese bereits anhand von Hautveränderungen entdecken und feststellen.
  • Medikamente: Medikamente können ebenfalls Juckreiz auslösen.
  • Infektionen: Infektionen können Juckreiz verursachen.
  • Stoffwechselerkrankungen: Stoffwechselerkrankungen können Juckreiz auslösen.
  • Neurologische Erkrankungen: Neurologische Erkrankungen können Juckreiz auslösen.
  • Psychiatrische Erkrankungen: Psychiatrische Erkrankungen können Juckreiz auslösen.

Weitere Auslöser

Tagtäglich ist unsere Haut den unterschiedlichsten Faktoren ausgesetzt, die sie reizen und beeinflussen.

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Pathophysiologische Mechanismen

Eine gestörte Hautbarriere führt zu vermehrtem Wasserverlust und verminderter Feuchtigkeitsspeicherung in der Epidermis. Dies geschieht z. B. im Alter (Pruritus senilis) durch reduzierte Lipidproduktion (Sebostase). Der Signalweg des Pruritus verläuft über spezialisierte C-Fasern und wird über das Rückenmark zum Gehirn geleitet, wo er als Juckreiz interpretiert wird.

Spezifische Formen des Pruritus

  • Nicht-histaminvermittelter Pruritus: Diese Form des Pruritus ist z. B. bei chronisch-urämischem Pruritus (Juckreiz bei Nierenerkrankungen) von Bedeutung.
  • Psychisch bedingter Juckreiz: Stress, Depressionen oder Angstzustände spielen eine zentrale Rolle.
  • Multifaktorielle Auslöser: Hierzu gehören z. B. Medikamente.

Systemische Erkrankungen und Pruritus

Verschiedene systemische Erkrankungen können mit Pruritus einhergehen:

  • Aquagener Pruritus (AP): Flächig auftretender stechender Juckreiz in engem Zusammenhang mit der Befeuchtung betroffener Hautstellen durch Wasser. Häufigste Ursache ist die Polycythaemia vera (PV).
  • Chronischer brachioradialer Pruritus (BRP): Neuropathischer Juckreiz.
  • Paraneoplastischer Pruritus: Z. B. bei Lymphomen, Polycythaemia vera.
  • Exanthematische Viruserkrankungen: Z. B. HIV-Infektion.
  • Cholestase (Gallenstau): Cholestatischer Pruritus bei Lebererkrankungen.
  • Leukämien (Blutkrebs): Z. B. Lymphome.
  • Mastozytose: Kutane und systemische Formen.
  • Pseudoallergien: Z. B. wg. Aminopenicilline.
  • Nicht selektive Betablocker: Z. B. Opiate bzw.
  • Nephrogener Pruritus: Bei dialysepflichtigen Personen.
  • Schilddrüsenfunktionsstörungen: Hypo- bzw. Hyperthyreose.

Diagnostik und Therapie des chronischen Pruritus

Die Entstehung des chronischen Pruritus (CP) ist noch nicht vollständig verstanden. Es werden komplexe Mechanismen untersucht, an denen verschiedene Klassen von Neuronen, Immunzellen und Epithelzellen beteiligt sind.

Diagnostischer Ansatz

Um der Ursache für den Juckreiz auf den Grund zu gehen, muss in erster Linie zwischen akutem und chronischem Juckreiz unterschieden werden. Bei einem chronischen Juckreiz, der über längere Zeit anhält, ist dies meist ein Warnsignal für ein grundlegendes Problem bzw. eine ernstzunehmende Erkrankung.

Anamnese und körperliche Untersuchung

In einem ausführlichen Gespräch wird die Anamnese, also der Gesundheitszustand, ausführlich erfragt. Hier stehen mögliche Auslöser, die genaue Lokalisation am Körper und der bisherige Verlauf im Vordergrund. Nach dem ausführlichen Anamnesegespräch steht die körperliche Untersuchung im Mittelpunkt. Hier wird allgemein der körperliche Gesundheitszustand festgestellt. Falls vorhanden, werden hier außerdem sichtbare Veränderungen der Haut lokalisiert und bestimmt.

Weitere Untersuchungen

Beim chronischen Juckreiz kommen häufig noch weitere Untersuchungen hinzu, wie z. B. Blutuntersuchungen, Allergietests oder Hautbiopsien.

Therapieansätze

Nach Feststellung der Ursache des Juckreizes, gilt es, diesen effektiv zu lindern. Ist er ein Symptom, so steht vorrangig die Behandlung der entsprechenden Krankheit im Fokus. Es kann vorkommen, dass der Juckreiz sich zu einem eigenen Symptom entwickelt, das auch nach erfolgreicher Behandlung der Grunderkrankung weiterhin auftritt. Zudem gibt es Fälle, in denen keine Ursache für den chronischen Pruritus gefunden werden kann. Sind mehrere Faktoren an der Entstehung des Juckreizes beteiligt, müssen all diese im Rahmen der Behandlung berücksichtigt werden. Das bedeutet, dass etwaige Juckreiz-Trigger gemieden werden sollten.

Allgemeine Maßnahmen

  • Vermeidung hautaustrocknender Faktoren: Wie z. B. häufiges Waschen mit heißem Wasser.
  • Vermeidung von Hautkontakt mit irritierenden Stoffen oder Substanzen: Wie z. B. bestimmte Reinigungsmittel.
  • Vermeidung individueller Allergene: Wie z. B. bestimmte Nahrungsmittel.
  • Tragen von weicher, luftiger, nicht kratzender Kleidung aus Naturstoffen: Wie z. B. Baumwolle.

Medikamentöse Therapie

  • Präparate zur kurzfristigen Linderung des Juckreizes: Wie z. B. Juckreiz Creme/Lotionen/ Sprays mit Harnstoff (Urea), Menthol, Polidocanol, feuchte oder kühlende Umschläge.
  • Medikamente zur äußerlichen Anwendung: Bei entzündlichen Hautveränderungen kurzzeitig Kortikosteroide (Cortison) als Hautcreme gegen Juckreiz. Calcineurininhibitoren bieten eine gute Alternative und können Linderung verschaffen. Auch Menthol und/oder Polidocanol sowie Lidocain in Form von Creme bei juckender Haut können für die Behandlung angewendet werden.
  • Medikamente zur innerlichen Anwendung: Bei schweren Formen des chronischen Juckreizes können eine Behandlung mit UV-Strahlen oder Medikamente für die innerliche Anwendung in Erwägung gezogen werden.

Hautpflege

Um die juckende Haut mit ausreichend Feuchtigkeit zu versorgen und die Hautbarriere zu stärken, lohnt es sich, eine Hautpflege-Routine zu etablieren. Vor allem nach dem Duschen sollte die Haut mit einer reichhaltigen Creme oder Lotion versorgt werden, um die Feuchtigkeit in der Haut zu halten.

  • Harnstoff (Urea): Urea gehört zu den natürlichen Feuchtigkeitsfaktoren der Haut. Es hat die Fähigkeit, Wasser zu binden und es in die tieferen Hautschichten zu bringen. Somit unterstützt Urea dabei, den Feuchtigkeitshaushalt der Haut ins Gleichgewicht zu bringen.
  • Menthol: Menthol ist ein Bestandteil von Pfefferminzöl. Es hat kühlende und erfrischende Effekte. Auf der Haut wirkt es angenehm juckreizlindernd. Wenn es auf die Haut aufgetragen wird, dann löst es eine örtliche Betäubung aus.
  • Totes Meer Salz: Spendet viel Feuchtigkeit.

Neue Forschungsergebnisse

Eine Arbeitsgruppe vom Salk Institute for Biological Studies in Kalifornien fand heraus, dass bei Mäusen unterschiedliche Hirnbahnen den Juckreizreaktionen und chronischen Juckreizzuständen zugrunde liegen.

Der Juck-Kratz-Kreislauf

Chronisches Jucken führt zu ständigem Kratzen. Das (Auf-) Kratzen der Haut verursacht wiederum juckende, entzündliche Hautveränderungen und Jucken bei der Wundheilung, wodurch ein sogenannter Juck- Kratz-Teufelskreis entstehen kann.

Strategien zur Unterbrechung des Kreislaufs

  • Kratzen umleiten: Betroffene benutzen dazu kleine Kratzkissen, die Bettdecke oder das Sofa, um den Kratzreflex abzuarbeiten.
  • Haut kühlen und pflegen: Prinzipiell sollte versucht werden, die Haut bei Jucken zuerst mit kühlenden und lindernden Präparaten einzucremen statt zu kratzen.
  • Entspannungstechniken: Andere Patienten profitieren von autogenem Training oder Akupunktur.

Fazit

Kratzen ist Ausdruck eines realen Leidensdrucks - keine Willensschwäche. Es ist eine nachvollziehbare Reaktion auf ein starkes inneres Signal. Ziel sollte nicht sein, das Kratzen zu verbieten, sondern den Juckreiz wirksam zu behandeln. Machen Sie sich keine Vorwürfe. Und sagen Sie Ihren Mitmenschen, dass Sprüche wie „Hör auf zu Kratzen“ oder „Du sollst nicht kratzen“ tabu sind.

Die Rolle des Gehirns

Die Forschung hat gezeigt, dass der Parabrachiale Nukleus (PBN) eine zentrale Schaltstelle für den Juckreiz ist. Seine Aktivitäten können sowohl das akute als auch das chronische Kratzen steuern.

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