Alzheimer bei AIDS-Patienten: Eine zunehmende Herausforderung

Einführung

Die HIV-Infektion hat sich dank der modernen antiretroviralen Therapie (cART) von einer oft tödlichen Krankheit zu einer chronischen, behandelbaren Erkrankung gewandelt. Trotz dieser Fortschritte bleiben neurologische Komplikationen wie die HIV-assoziierte neurokognitive Störung (HAND) ein relevantes Problem. HAND, einschließlich der HIV-Demenz, beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich und stellt Ärzte und Betroffene vor wachsende Herausforderungen.

Was der Aids-Erreger im Gehirn anrichtet

HIV-assoziierte Demenz (HIV-Demenz) ist eine Form der Demenz, die bei Menschen mit HIV-Infektion auftreten kann. Fast 50 Prozent der Patienten haben im fortgeschrittenen Alter Einschränkungen der Hirnleistung, wobei sich in etwa fünf Prozent der Fälle eine voll ausgeprägte Demenz entwickelt.

Subkortikale Demenz

Die HIV-Demenz, eine sogenannte subkortikale Demenz, unterscheidet sich von der besser bekannten Altersdemenz. Die Patienten leiden unter Gedächtnisstörungen und Veränderungen des Gemüts, die sich häufig in einem enthemmten Verhalten äußert. Auch die Koordination von Bewegungen ist gestört. Aber die Einschränkungen der kognitiven Funktionen, also von Lernen, Erinnern, Entscheiden und Planen, unterscheiden sich stark. Der Mechanismus der Hirnschädigung ist bisher noch nicht vollends geklärt. Hirnforscher vermuten, dass die Infektion von Nervengewebszellen zur Demenz führt. Sowohl der Prozess der Virusvermehrung als auch die Reaktionen des Immunsystems darauf können vermutlich das Hirngewebe schädigen.

HIV-Subtypen und Demenzrisiko

Wissenschaftler haben einen HIV-Subtyp identifiziert, bei dem Demenzen wesentlich häufiger auftreten als bei anderen Subtypen. Ein Team um Ned Sacktor, Neurologieprofessor an der Johns-Hopkins-Universität, untersuchte 60 HIV-Patienten einer Klinik in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Es zeigte sich, dass 89 Prozent der Subtyp-D-Infizierten eine Demenz entwickelten, während es bei Patienten des Subtyps A dagegen nur 24 Prozent waren. Wissenschaftler vermuten allerdings, dass der D-Subtyp eine stärkere Entzündungsreaktion und damit einen größeren Schaden im Gehirn anrichtet.

Ursachen und Mechanismen der HIV-assoziierten Demenz

Die Ursachen für HAND sind vielfältig und komplex. Das HI-Virus dringt bei allen Infizierten im Zuge der Primärinfektion wahrscheinlich hämatogen in infizierten Monozyten und Lymphozyten sowie transependymal aus dem Ventrikelliquor ins Hirnparenchym ein. Dies bedingt, dass meist gering entzündliche Liquorveränderungen bei praktisch allen Infizierten schon in den asymptomatischen Stadien gefunden werden. Die schon früh und hauptsächlich betroffenen Hirnregionen sind die Basalganglien und die frontale weiße Substanz. Das Virus wird nicht bzw. nur inkonstant in den eigentlichen funktionellen Elementen des ZNS (den Neuronen, der Oligo- und Astroglia) gefunden, sondern deutlich überwiegend in den immunkompetenten Zellen wie der perivasku…

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Entzündungen und neuronale Schädigung

In Zellkulturen wurde untersucht, ob HIV-infizierte Monozyten Mikrogliazellen im Gehirn aktivieren und diese daraufhin reaktive Sauerstoffmetaboliten oder Zytokine freisetzen. Gelangt virale RNA in Monozyten, aktivieren sie Mikrogliazellen, die wiederum Substanzen freisetzen, die die Zelltodrate von Neuronen im Vergleich zu Kontrollen verdoppeln.

Auswirkungen auf die Neurogenese

Das HI-Virus greift das Gehirn gleich doppelt an: Es tötet nicht nur Neurone, sondern verhindert auch die Neubildung von Nervenzellen im Gehirn. Das Ergebnis ist die bei Aids-Patienten verbreitete HIV-assoziierte Demenz. Das HI-Virus aktiviert über sein Protein gp120 den p38-MAPK-Weg und stoppt somit den Zellzyklus. Es verhindert die Bildung neuer Nervenzellen.

Symptome und Diagnose

Typische Klagen der Betroffenen in den früheren Stadien sind sowohl Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen als auch Störungen der Exekutivfunktionen. Bei Krankheitsprogress treten psychomotorische Verlangsamung mit depressiven und anderen affektiven Symptomen (Reizbarkeit, Affektlabilität) sowie milde und oft subklinische motorische Zeichen hinzu. Eine Vigilanzstörung ist mit der Diagnose HAND nicht vereinbar. Eindeutige Herd- oder Seitenzeichen bzw. ein Meningismus gehören nicht zum Bild von HAND. Psychotische Symptome alleine begründen die Diagnose der HAND nicht.

Neuropsychologische Testung

Die neuropsychologische Testung ist am besten geeignet, die kognitiven Defizite quantitativ zu erfassen, ist aber zeit- und personalaufwendig. Geeignete Tests inkl. der speziell für HAND entwickelten HIV-Demenz-Skala sind in der Tab. 2 aufgeführt. Für die HIV-Demenz-Skala existieren alters- und bildungsbezogene Normwerte, die die Sensitivität und Spezifität deutlich erhöhen.

Bildgebende Verfahren

Die wichtigste Aufgabe der bildgebenden Methoden ist der Ausschluss anderer Hirnkrankheiten (Tab. 3). In der Magnetresonanztomographie (MRT) sollten folgende Sequenzen als Mindestprogramm durchgeführt werden: DWI, T2, TIRM bzw. FLAIR axial und sagittal, T1 mit Gadolinium. HAND geht oft mit Echoanhebungen in T2-gewichteten Sequenzen in der tiefen weißen Substanz und den Basalganglien einher; allerdings sind diese Veränderungen keinesfalls spezifisch. Die sog. U-Fasern werden dabei im Unterschied zur progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) ausgespart. Es findet sich schon früh eine innere und äußere, nichtfokale Atrophie. Raumforderungen und fokale Kontrastmittel(KM)-Anreicherung sind mit der Diagnose HAND nicht vereinbar.

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Liquoruntersuchungen

Die Bedeutung der Liquoruntersuchungen liegt in der Abgrenzung zu opportunistischen Infektionen und dem ZNS (Zentralnervensystem) -Lymphom (Tab. 3). Unspezifische, mit einer chronischen Entzündung zu vereinbarende Befunde (lymphomonozytäre Pleozytose bis 50 Zellen/μl, Erhöhung des Gesamteiweißes, autochthone Immunglobulin-G[IgG]-Synthese, oligoklonale Banden) finden sich schon bei asymptomatischer HIV-Infektion.

Differentialdiagnose

Durch das zunehmende Lebensalter der HIV-Infizierten wird die Abgrenzung der HIV-induzierten Leukenzephalopathie von der subkortikalen arteriosklerotischen Enzephalopathie (SAE) immer wichtiger. Da die Inzidenz depressiver Störungen bei HIV-Infizierten wesentlich erhöht ist und sich die Symptome von Depression und HAND überschneiden, ist in der Differenzialdiagnose von HAND die psychiatrische Untersuchung zur Frage einer kognitiven Störung im Rahmen einer depressiven Störung (sog.

Therapie und Prävention

Obwohl das Virus bereits seit über 25 Jahren bekannt ist, konnte bisher noch keine Therapie gefunden werden, die die HIV-Infektion heilt. Eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität und der Lebenserwartung bringt allerdings die moderne Medikamententherapie. Durch die wirksameren Medikamente ist auch die HIV-Demenz in den Industrienationen deutlich seltener geworden.

Antiretrovirale Therapie (cART)

Die moderne antiretrovirale Therapie der HIV-1-Infektion führt zur Wiederherstellung der immunologischen Kompetenz und damit zum verminderten Auftreten opportunistischer Infektionen.

Neurologische Komplikationen

Als wirksam haben sich auch Ausdauertraining und Gedächtnistraining erwiesen - Betroffene können also etwas tun. Wichtig sind dafür regelmäßige Untersuchungen bei HIV-Positiven, auch mit kognitiven Testverfahren. So können erste kognitive Störungen frühzeitig festgestellt werden. Betroffene sollten sich alle ein bis zwei Jahre neurokognitiven Tests unterziehen, so schlägt es die Europäische HIV-Therapie-Richtlinien vor.

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HIV-Medikamente könnten auch vor Alzheimer schützen

Bestimmte Medikamente gegen HIV und Hepatitis B könnten das Alzheimer-Risiko deutlich senken. Die Entdeckung betrifft eine weitverbreitete Wirkstoffgruppe, sogenannte NRTIs - nukleosidische Reverse-Transkriptase-Hemmer. Sie verhindern diese überaktive Immunreaktion. Je länger die Betroffenen die Medikamente einnahmen, desto geringer war ihr Risiko, an Alzheimer zu erkranken.

Prävention

„Die Deutsche Hirnstiftung möchte daher an die HIV-Prävention erinnern, die durchaus in Vergessenheit gerät“, erklärt Prof. Dr. Frank Erbguth, Präsident der Deutschen Hirnstiftung, die Betroffene persönlich berät. „Gegen HIV gibt es keine Impfung, Safer Sex ist nach wie vor der einzige Schutz gegen eine Krankheit, die zwar kontrollierbarer geworden ist, letztlich aber zu massiven Einschränkungen der Lebensqualität und einer hohen neurologischen Krankheitslast führt."

Leben mit HIV und Demenz: Die Geschichte von Frank Schröter

Frank Schröter ist HIV-positiv und dement. Er nimmt seine Demenz zwar bewusst wahr, aber über den konkreten Verlauf der Krankheit kann er nichts sagen. "Na ja, mein Gehirn, das ist kaputt", sagt er. So schwer es für Schröter auch ist, mit seiner Krankheit zu leben - er redet darüber: "Es kann jeden treffen."

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