Die Trigeminusneuralgie ist eine Erkrankung, die von unerträglichen Gesichtsschmerzen gekennzeichnet ist. Betroffene beschreiben die Schmerzen oft als stechend, blitzartig oder elektrisierend und ordnen sie auf einer Schmerzskala von eins bis zehn oft mit einer „zwölf oder mehr“ ein. In der Medizin wird der Begriff „Neuralgie“ verwendet, um Nervenschmerzen zu beschreiben. Die Schmerzattacken treten meist ohne Vorwarnung auf und betreffen in der Regel nur eine Gesichtshälfte.
Was ist Trigeminusneuralgie?
Die Trigeminusneuralgie ist eine Erkrankung des fünften Hirnnerven, des Nervus trigeminus, der für die Gefühlsempfindung im Gesicht verantwortlich ist. Typisch für diese Erkrankung sind plötzlich einschießende, stechende oder elektrische Schmerzen, die meist nur eine Gesichtshälfte betreffen. Diese Schmerzattacken dauern nur wenige Sekunden, können aber sehr heftig sein und sich über den Tag hinweg wiederholen. Zwischen den Anfällen besteht oft völlige Schmerzfreiheit. Die Erkrankung tritt häufiger bei Menschen über 50 Jahren auf, wobei Frauen etwas häufiger betroffen sind als Männer. Jüngere Patienten können ebenfalls erkranken, insbesondere wenn eine andere neurologische Erkrankung wie Multiple Sklerose vorliegt.
Ursachen und Diagnose
Die Ursache für die Schmerzattacken ist oft unklar. Allerdings haben viele Patienten im Gehirn einen direkten Kontakt einer Arterie mit dem dort entspringenden Trigeminusnerv. „Dadurch werden wahrscheinlich Kurzschlüsse im Nerv verursacht, die zu sehr starken Schmerzen führen“, sagt Karsten Geletneky, Direktor der Klinik für Neurochirurgie am Klinikum Darmstadt. Interessanterweise muss dieser Kontakt aber nicht zwingend Schmerzen verursachen. „Rund ein Viertel aller Menschen haben diesen Kontakt. Aber nur bei einem kleinen Teil macht er sich als Trigeminusneuralgie bemerkbar“, sagt Prof. Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums und Oberärztin der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen.
Die Diagnose einer Trigeminusneuralgie kann schwierig sein, da es keine eindeutigen Laborwerte gibt, die die Erkrankung sicher anzeigen können. Oftmals erfolgt die Diagnose daher nach dem Ausschlussverfahren. Der erste Gang führt die Patientinnen und Patienten daher häufig zum Zahnarzt, um Zahn- oder Kieferprobleme auszuschließen. Die nächste Station ist dann der Neurologe oder die Neurologin. Mittels weiterführender Untersuchungen und Bildgebung wie MRT gilt es nun, eventuelle andere Ursachen wie einen Tumor oder Multiple Sklerose auszuschließen. Ein ziemlich sicheres Anzeichen dafür ist, wenn die Schmerzen von außen durch Berührung oder durch Essen oder Trinken entstehen.
Bei den meisten Patienten wird der Nerv durch ein kleines Blutgefäß gedrückt, das im Bereich des Hirnstamms verläuft. Dieser dauerhafte Druck schädigt die schützende Hülle der Nervenfaser, sodass elektrische Signale überempfindlich werden und Schmerzattacken ausgelöst werden. In anderen Fällen sind Entzündungen, Tumoren oder Nervenerkrankungen die Ursache. Wenn keine Ursache gefunden wird, spricht man von einer idiopathischen Trigeminusneuralgie.
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Der Schmerz wird als blitzartig, stechend oder brennend beschrieben. Er tritt meist im Wangen- oder Kieferbereich auf, manchmal auch im Auge oder an der Stirn. Schon leichte Reize wie Berührung, Zähneputzen, Sprechen, Essen oder Wind können eine Attacke auslösen. Viele Betroffene entwickeln Angst vor diesen Auslösern und vermeiden bestimmte Tätigkeiten, was zu einer starken Einschränkung der Lebensqualität führen kann.
Die Ärztin oder der Arzt erkennt die Trigeminusneuralgie meist anhand der typischen Schmerzbeschreibung. Eine gründliche neurologische Untersuchung und eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopfes sind wichtig, um andere Ursachen wie Tumoren, Gefäßmissbildungen oder Entzündungen auszuschließen. In manchen Fällen wird eine spezielle Gefäßdarstellung (MRT-Angiographie) durchgeführt, um den Kontakt zwischen Gefäß und Nerv zu erkennen.
Man unterscheidet zwischen einer „klassischen“ und einer „sekundären“ Form der Trigeminusneuralgie. Bei der klassischen Trigeminusneuralgie liegt eine Gefäßschlinge vor, die den Nerv berührt. Die sekundäre Form entsteht durch andere Erkrankungen, etwa eine Multiple Sklerose oder einen Tumor. Wenn trotz moderner Bildgebung keine Ursache gefunden wird, spricht man von einer idiopathischen Form.
Konventionelle Behandlungsmethoden
Der Griff zum Schmerzmittel ist bei einer Trigeminusneuralgie quasi unausweichlich. Zum Einsatz kommen Antiepileptika, also Medikamente gegen epileptische Anfälle. „Es gilt, eine Nervenfunktion mit Medikamenten so zu stabilisieren, dass die unerwünschten Impulse unterdrückt werden“, erklärt Geletneky. Problematisch ist allerdings, dass die gängigen Mittel zwar durchaus wirken, aber recht starke Nebenwirkungen haben können. Schwindel zum Beispiel, worunter gerade ältere Patienten leiden.
Zunächst erfolgt die Behandlung mit Medikamenten, die die Erregbarkeit des Nervs senken. Am besten wirken spezielle Nervenschutzmittel, sogenannte Antikonvulsiva. Das Standardmedikament ist Carbamazepin. Alternativ kann Oxcarbazepin eingesetzt werden, das häufig besser vertragen wird. Wenn diese Mittel nicht ausreichend helfen, werden andere Präparate wie Gabapentin, Pregabalin oder Baclofen ausprobiert. Wichtig ist, dass die Medikamente regelmäßig eingenommen und die Dosis unter ärztlicher Kontrolle langsam angepasst wird. Leberwerte und Natriumspiegel im Blut sollten regelmäßig überprüft werden. Bei guter Wirksamkeit lässt sich die Trigeminusneuralgie so meist gut kontrollieren.
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Wenn die Schmerzen trotz medikamentöser Therapie bestehen bleiben oder die Nebenwirkungen zu stark sind, stehen verschiedene Eingriffe zur Verfügung. Bei der mikrovaskulären Dekompression wird das Gefäß, das den Nerv einengt, operativ vorsichtig verlagert. Diese Methode erzielt bei den meisten Patienten eine langfristige Schmerzfreiheit.
Für Patienten, die keine Operation wünschen oder nicht operiert werden können, gibt es minimalinvasive Verfahren. Dazu zählen die gezielte Verödung einzelner Nervenfasern mit Hitze oder Glycerin sowie die Gamma-Knife-Radiochirurgie, bei der der Nerv punktgenau bestrahlt wird. Diese Eingriffe werden in spezialisierten Zentren durchgeführt.
Weitere physische Möglichkeiten sind die Thermokoagulation, bei der die Schmerzfasern mit einer Sonde verödet werden. Und es gibt das sogenannte Gamma Knife bzw. Cyber Knife. Bei diesen Verfahren werden hochdosierte Röntgenstrahlen auf das Schmerzareal gerichtet. Die Ergebnisse sind durchaus positiv. Bei etlichen Patienten kehrt der Schmerz jedoch nach einiger Zeit zurück. Weiterer Nachteil: Diese Verfahren können nur sehr begrenzt wiederholt werden.
Neben den genannten Verfahren gibt es aber auch neue Ansätze: Im Klinikum Darmstadt arbeitet man mit sogenannter „Neuromodulation“, wobei Nerven mit Elektroden stimuliert werden. Die Elektroden sind mit einem Schmerzschrittmacher-Implantat verbunden und geben einen leichten Strom ab, der die Schmerzimpulse des Trigeminusnervs übertönt, so Karsten Geletneky.
Eine weitere, relativ neue Option sind laut Holle-Lee Botox-Spritzen, wie man sie aus der Schönheitsmedizin kennt. Sie legen den Nerv still, müssen aber regelmäßig wiederholt werden.
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Die Hoffnung auf neue Medikamente dürfte dagegen nicht schnell erfüllt werden. Dagny Holle-Lee erklärt, warum: „Studien zu neuen Arzneimitteln erweisen sich oft als schwierig, denn zum einen müsste die bisherige Medikation eingestellt werden, um die Wirksamkeit neuer Mittel zu überprüfen. Zum anderen müsste es auch eine Placebogruppe geben.
Ergänzende Behandlungsmöglichkeiten und Yoga
Begleitend zur medizinischen Therapie können Physiotherapie und Entspannungsverfahren helfen, muskuläre Verspannungen und Stress zu reduzieren. Psychologische Schmerzbewältigungsstrategien unterstützen den Umgang mit der Angst vor Schmerzattacken. Bei chronischen Schmerzen kann auch eine kognitive Verhaltenstherapie hilfreich sein. Einige Patienten profitieren von unterstützenden Methoden wie Akupunktur, wobei die wissenschaftliche Evidenz begrenzt ist. Homöopathische Mittel haben keinen nachgewiesenen Nutzen.
Im Bereich der Naturheilkunde und Komplementärmedizin gibt es einige Verfahren, die sich sowohl in der ärztlichen Erfahrung als auch in wissenschaftlichen Studien als wirksam oder vielversprechend erwiesen haben. Dazu gehören:
- Lokale Behandlung mit Spanischem Pfeffer bzw. Capsaicin
- Lidocain Pflaster (5 %)
- Akupunktur
- Traditionelle Chinesische Medizin: Kräuter- und Ernährungstherapie
- Infusionstherapie mit a-Liponsäure
- Elektrotherapie mit TENS
- Lymphdrainage, Bindegewebsmassage und andere manuelle Verfahren
- Laserakupunktur
- Einreibungen mit Aconitöl und weiteren, ätherischen Ölen wie Nelkenöl, Rosmarinöl, Minzöl
- Blutegeltherapie: Diese hat sich vor allem beim Herpes zoster und der Post-Zoster-Neuralgie bewährt.
Yoga kann ebenfalls eine wertvolle Ergänzung zur konventionellen Behandlung der Trigeminusneuralgie darstellen. Yoga ist ein multimodaler und interdisziplinärer Ansatz zur Therapie komplexer Fälle. Das bedeutet, dass nicht allein eine medizinisch-körperliche Behandlung mit Medikamenten, Infusionen und Schmerzblockaden durchgeführt wird. Vielmehr spricht die Behandlung das gesamte Schmerzerleben der Betroffenen an. Hierzu gehören neben der körperlichen Schmerzerfahrung auch die psychische Verarbeitung des Schmerzes. Eingesetzt werden nicht nur klassische Instrumente wie die medikamentöse Therapie oder etwa eine Blockade der Nerven, die das Schmerzsignal übermitteln. Manuelle Therapie, Sport im Bewegungsbad, Krankengymnastik, Yoga, Klangschalentherapie, Akupunktur oder auch Elemente der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ergänzen das Angebot. Psychologische Einzelgespräche oder Gruppentherapie können die Therapie je nach Bedarf sinnvoll ergänzen.
Yoga kann helfen, das Nervensystem zu beruhigen und Stress abzubauen, was wiederum die Häufigkeit und Intensität der Schmerzattacken reduzieren kann. Entspannungstechniken wie Atemübungen (Pranayama) und Meditation sind besonders hilfreich. Es ist wichtig, bekannte Auslöser zu vermeiden, etwa starke Kälte, Luftzug oder Druck auf bestimmte Gesichtspartien. Eine regelmäßige Medikamenteneinnahme und ärztliche Kontrolle helfen, Rückfälle zu verhindern.
Was kann ich selbst tun?
Wichtig ist, bekannte Auslöser zu vermeiden, etwa starke Kälte, Luftzug oder Druck auf bestimmte Gesichtspartien. Eine regelmäßige Medikamenteneinnahme und ärztliche Kontrolle helfen, Rückfälle zu verhindern. Entspannungstechniken wie Atemübungen oder Yoga können das Nervensystem beruhigen. Bei psychischer Belastung oder Angst vor Attacken sollte frühzeitig psychologische Unterstützung in Anspruch genommen werden.
Neue und experimentelle Therapien
In Studien werden derzeit moderne Behandlungsansätze untersucht. Dazu gehören Injektionen mit Botulinumtoxin A in die betroffene Gesichtshälfte, die in einigen Fällen Schmerzen deutlich reduzieren können. Auch Medikamente aus der Gruppe der CGRP-Antagonisten werden erforscht. In spezialisierten Zentren kommen bei sehr schweren Verläufen in Einzelfällen Ketamin-Infusionen zum Einsatz.
Prognose
Die meisten Patienten sprechen gut auf die Behandlung an. Bei konsequenter Therapie lassen sich die Schmerzen in der Regel deutlich lindern oder vollständig ausschalten. Rückfälle können auftreten, lassen sich jedoch meist wieder gut kontrollieren. Eine individuell abgestimmte Behandlung und regelmäßige Betreuung sind der Schlüssel zu einer guten Lebensqualität.
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