Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der weltweit etwa 2,5 Millionen Menschen betroffen sind. Eines der häufigsten und beeinträchtigendsten Symptome ist die Fatigue, von der bis zu 97 Prozent der MS-Patienten berichten. Die Fatigue wirkt sich stark negativ auf die Lebensqualität der Betroffenen aus. Neben medikamentösen Therapieansätzen, die oft mit Nebenwirkungen verbunden sind und deren Wirksamkeit nicht immer ausreichend belegt ist, gibt es auch nicht-medikamentöse Ansätze wie Bewegungstherapien, kognitive Verhaltenstherapie und Akupunktur. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Vorteile von Akupressur und Akupunktur bei der Behandlung von MS-Symptomen, insbesondere Fatigue, basierend auf aktuellen Studienergebnissen.
Fatigue bei Multipler Sklerose
Fatigue ist ein lähmendes Symptom, das von MS-Patienten häufig berichtet wird. Es handelt sich um eine anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung, die sich durch Ruhe nicht bessert und die körperliche, geistige und soziale Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen kann. Die Ursachen von Fatigue bei MS sind komplex und nicht vollständig geklärt, können aber mit Entzündungen, neurologischen Schäden, Schlafstörungen, Depressionen und Medikamentennebenwirkungen zusammenhängen.
Akupunktur und Akupressur: Grundlagen und Anwendung
Akupunktur und Akupressur sind traditionelle chinesische Therapieverfahren, die auf der Vorstellung basieren, dass der Körper von Energiebahnen, den sogenannten Meridianen, durchzogen ist. Entlang dieser Meridiane liegen spezifische Akupunkturpunkte, die durch Stimulation mit Nadeln (Akupunktur) oder manuellem Druck (Akupressur) beeinflusst werden können. Ziel ist es, den Energiefluss im Körper zu harmonisieren und Blockaden zu lösen, um so die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren.
Bei der Akupunktur werden feine Nadeln in ausgewählte Akupunkturpunkte gestochen, während bei der Akupressur die Punkte mit den Fingern, Händen oder speziellen Hilfsmitteln massiert werden. Beide Methoden werden in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) eingesetzt, um eine Vielzahl von Beschwerden zu behandeln, darunter Schmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen und eben auch Fatigue.
Akupunktur in Deutschland
Akupunktur hat in Deutschland eine wachsende Akzeptanz gefunden. Sie wird von Ärzten, Heilpraktikern und Hebammen praktiziert. Nach einer Publikation aus dem Jahr 2002 praktizierten zwischen 30.000 und 40.000 Ärzte Akupunktur. Im Jahr 2018 hatten 14.648 Ärzte eine Zusatzbezeichnung für Akupunktur. Die meisten Akupunkturärzte werden von verschiedenen Akupunkturgesellschaften ausgebildet, wobei einige ihre Ausbildung teilweise oder vollständig in China erhalten. Um die Zusatzbezeichnung Akupunktur zu erlangen, ist eine 200-stündige Weiterbildung erforderlich.
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Seit 1996 wird Akupunktur von privaten Krankenversicherungen erstattet, insbesondere im Rahmen der Schmerztherapie. Seit 2005 ist sie bei chronischen Knie- und Rückenschmerzen im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung enthalten.
Studien zur Akupunktur bei MS-Fatigue
Mehrere Studien haben die Wirksamkeit von Akupunktur bei der Behandlung von Fatigue bei MS-Patienten untersucht. Eine randomisierte, kontrollierte Studie mit 83 MS-Patienten zeigte, dass eine 12-wöchige Akupunkturbehandlung zusätzlich zur Standardversorgung zu einer signifikanten Reduktion der Fatigue führte, gemessen anhand der Fatigue Severity Scale (FSS). In der Akupunktur-Gruppe berichteten 70 Prozent der Patienten über eine deutliche oder zumindest geringfügige Besserung ihrer Fatigue. Es wurden keine schweren unerwünschten Ereignisse berichtet. Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass Akupunktur eine wirksame und sichere Therapieoption zur Reduktion von Fatigue bei MS-Patienten sein kann.
Eine weitere Studie untersuchte die Auswirkungen von Selbst-Akupressur auf Fatigue bei MS-Patienten. Die Patienten in der Experimentalgruppe wendeten Akupressur unter Verwendung der drei Akupunkturpunkte Di 4 (HeGu, Dickdarm 4), Mi 6 (San Yin Jiao, Milz 6) und Ma 36 (Zu San Li, Magen 36) an. Die Ergebnisse zeigten, dass sich in der vierten Woche eine signifikante Abnahme der mittleren Fatigue-Ausprägung in der Akupressur-Gruppe im Vergleich zu den beiden anderen Gruppen zeigte. Die Autoren schlussfolgerten, dass Selbst-Akupressur der genannten Punkte eine wirksame Methode sein könnte, um Fatigue-Beschwerden auch von Patienten mit MS zu reduzieren.
Akupunktur bei weiteren MS-Symptomen
Neben Fatigue kann Akupunktur auch bei anderen MS-Symptomen wie Spastik, Sensibilitätsstörungen und kognitiven Problemen eingesetzt werden. Dr. Ulrich März, ein Experte für TCM, erklärt, dass die Spastik bei MS durch Akupunktur definitiv gebessert werden kann, wobei der Erfolg der Behandlung von der Ausprägung der MS abhängt. Sensibilitätsstörungen sprechen laut Dr. März nur teilweise auf Akupunktur an, da der Erfolg der Behandlung davon abhängt, ob die zugehörigen Gehirn- oder Rückenmarksregionen noch auf den Nadelreiz ansprechen. In Bezug auf kognitive Probleme betont Dr. März, dass Akupunktur und Qigong eine positive Wirkung auf das Gehirn, die Kognition und die Stimmung haben können, wobei schwere Defizite im Bereich der Kognition jedoch schwer zu beheben sind.
Karpaltunnelsyndrom
Eine Studie in Brain (2017; doi: 10.1093/brain/awx015) zeigte, dass eine echte Akupunktur bei Patienten mit Karpaltunnelsyndrom die Verarbeitung von Nervenimpulsen im somatosensorischen Cortex des Gehirns verändert. Das Karpaltunnelsyndrom, das durch eine Druckschädigung in der Handwurzel Missempfindungen und Schmerzen im Ausbreitungsgebiet des Nervus medianus auslöst, gehört zu den neuropathischen Schmerzen, die objektiv untersucht werden können. In der Studie wurden 80 Patienten mit Karpaltunnelsyndrom auf drei Gruppen randomisiert. Bei der ersten Gruppe wurde an der erkrankten Hand eine echte Elektroakupunktur durchgeführt. In der zweiten Gruppe wurde eine Schein-Akupunktur durchgeführt, bei der die Nadel nur auf die Haut drückt, aber nicht eigestochen und auch nicht elektrisch gereizt wird. In der dritten Gruppe wurde die echte Akupunktur am Knöchel und Ferse des gegenüber liegenden Beines durchgeführt. Nach Abschluss von 16 Behandlungen über acht Wochen berichteten die Teilnehmer in allen drei Gruppen über eine Verbesserung der Symptome. Schmerzen und Taubheitsgefühl hatten offenbar nachgelassen. Die Nervenleitung verbesserte sich allerdings nur in den beiden Gruppen, die eine echte Akupunktur erhalten hatten. Auch die Hirnveränderungen - gemessen wurde die fraktionale Anisotropie, die Aussagen über die Integrität von Nervenfasern erlaubt - traten nur bei der echten Akupunktur auf.
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Die Rolle der TCM bei der Behandlung von MS
Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) betrachtet jeden MS-Fall individuell und berücksichtigt die spezifische Symptomlage des Patienten. Laut Dr. März ist bei MS-Patienten immer der sogenannte "Funktionskreis Niere" beteiligt, der in der TCM eine wichtige Rolle für die Neurologie und das Gehirn spielt. Die TCM zielt darauf ab, durch die Nadelung Reize zu setzen, die es dem Organismus ermöglichen, mit einer Reizantwort zu reagieren und so die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren.
Qigong als unterstützende Therapie
Qigong ist eine weitere Therapieform der TCM, die bei MS-Patienten positive Auswirkungen haben kann. Qigong ist eine Art Gymnastik, die sowohl bei Gesunden als auch bei Kranken eine positive Wirkung auf den Organismus hat. Sie sollte täglich und mit möglichst minimaler Kraftanstrengung durchgeführt werden. Bewegung ist überhaupt immer gut.
Auswahl eines qualifizierten TCM-Therapeuten
Für MS-Patienten, die Akupunktur oder TCM in Erwägung ziehen, ist es wichtig, einen qualifizierten Therapeuten mit Erfahrung in der Behandlung von MS zu finden. Dr. März betont, dass es von Vorteil ist, wenn sich der Therapeut mit der Behandlung von MS auskennt, da es sich um eine schwierige und komplexe Krankheit handelt.
Kostenübernahme
Die Kosten für Akupunktur werden in Deutschland nicht immer von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Pro Sitzung können in der Regel etwa 46 Euro anfallen, basierend auf der privatärztlichen Gebührenordnung. Es ist ratsam, sich vor Beginn der Behandlung bei der Krankenkasse über die Kostenübernahme zu informieren.
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