Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der viele Menschen betroffen sind. Eine klinische Studie zeigt, dass sich Akupunktur durchaus in der Migräneprophylaxe einsetzen lässt. Viele Betroffene suchen nach alternativen oder ergänzenden Behandlungsmethoden, um die Häufigkeit und Intensität ihrer Migräneattacken zu reduzieren. Die Akupunktur, eine traditionelle chinesische Behandlungsmethode (TCM), hat sich als eine vielversprechende Option erwiesen. Dieser Artikel beleuchtet die Wirksamkeit von Akupunktur bei Migräne, insbesondere bei episodischer Migräne ohne Aura, basierend auf aktuellen Studien und Erkenntnissen.
Akupunktur als vielversprechende Behandlungsoption
Migränepatienten mit häufigen Kopfschmerzattacken sollten eine medikamentöse Prophylaxe erhalten. In der Realität nehmen allerdings etwa neun von zehn Betroffenen keine entsprechenden Pharmaka ein - sei es aufgrund von Kontraindikationen oder weil die Präparate nicht wirken. In diesen Fällen stelle die Akupunktur eine vielversprechende Behandlungsoption dar, schreiben Dr. Shabei Xu von der Abteilung für Neurologie am Tongji Hospital in Wuhan und Kollegen.
Klinische Studien zur Akupunktur bei Migräne
Studie von Xu et al. (2020)
Im Rahmen einer an sieben chinesischen Kliniken durchgeführten Studie nahmen 60 Patienten, die an einer episodischen Migräne ohne Aura litten, über einen Zeitraum von acht Wochen an 20 Akupunktursitzungen teil. Weitere 60 Patienten erhielten die gleiche Anzahl von Schein-Akupunkturen (mit nicht-penetrierenden Nadeln) und 30 Patienten bekamen lediglich die übliche Routinebetreuung. Alle Teilnehmer waren hinsichtlich einer Akupunktur therapienaiv und wurden zusätzlich angehalten, während der 20-wöchigen Studiendauer weder Analgetika zu nehmen noch anderweitige Therapien zu beginnen.
Im Vergleich zur Scheinakupunktur sowie zur Standardbetreuung führte die Akupunktur bereits nach 13 Wochen zu im Durchschnitt etwa ein bis zwei Migränetagen weniger im Monat. Die monatliche Attackenzahl lag nach 17 Wochen im Mittel um ein bzw. zwei Episoden niedriger. Schwere unerwünschte Nebenwirkungen traten nicht auf. Angesichts der Ergebnisse empfehlen die Autoren, Migränepatienten als Alternative eine Akupunktur anzubieten. Ferner fordern sie die Aufnahme der Prophylaxe-Option in die Leitlinien. Es bleibt allerdings zu klären, wie lange die Effekte über die 20 Wochen hinaus anhalten.
Studie von Zhao et al. (2017)
Mithilfe der Elektroakupunktur über vier Wochen gelingt es bei Patienten mit Migräne ohne Aura, die Häufigkeit der Attacken langanhaltend zu senken. Zusätzlich wird die Migränedauer verkürzt. Dies geht aus einer randomisierten Studie aus China hervor (Zhao et al. JAMA Intern Med 2017 Feb 20). Insgesamt 242 Patienten mit Migräne ohne Aura im Alter zwischen 18 und 65 Jahren nahmen an der Studie teil. Die Akupunktur erfolgte innerhalb von vier Wochen an jeweils fünf Tagen pro Woche. Hierfür verwendeten die Mediziner das HANS®-System des Han-Instituts in Nanjing. Die Stimulationsfrequenz betrug 2/100 Hz. Pro Sitzung wurden vier Akupunkturpunkte stimuliert. Dazu gehörten immer die zwei Punkte GB20 (im Nacken auf der Haargrenze in Höhe des Ohrläppchens) und GB8 (oberhalb des äußeren Ohres). Zur Auswahl standen zudem die Punkte SJ5, GB34, BL60, SI3, LI4, ST44, LR3 und GB40. In der Kontrollgruppe wurden Punkte gewählt, die nicht als klassische Akupunkturpunkte gelten.
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Weitere Studienergebnisse und Expertenmeinungen
Eine chinesische Studie (Xu S et al.), die Ende März im „The BMJ“, einem renommierten britischen Fachjournal, publiziert wurde, zeigte eine sehr hohe Wirksamkeit der Akupunktur in der Prophylaxe von Migräneanfällen. Die randomisierte, kontrollierte Studie wurde in sieben Krankenhäusern in China zwischen 2016 und 2018 durchgeführt. Verglichen wurden Standardbehandlung vs. Akupunktur vs. „Scheinakupunktur“ (jeweils 20 Sitzungen à 30 Minuten über einen Zeitraum von acht Wochen zusätzlich zur Standardbehandlung). Bei der letzteren wurden die Patienten nur scheinbar akupunktiert, die Hautschicht wurde nicht durchstochen, allerdings fühlte es sich für die Behandelten so an.
„Es handelte sich hier um eine besonders ausgefeilte Methode der Scheinakupunktur, die Patienten konnten nicht zwischen den Verfahren unterscheiden“, kommentiert Prof. Hans-Christoph Diener, Essen, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Auch PD Dr. Charly Gaul von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), lobt diesen Ansatz: „Dies ist eine innovative Methode und nach Aussage der Autoren gelang die Verblindung. Das Ergebnis wirft allerdings Fragen auf.
Von den insgesamt 150 Patienten hatten 60 die Akupunktur, 60 die Scheinakupunktur und 30 die Standardbehandlung erhalten (die aus einer Lebensstilberatung bestand und keine medikamentöse Therapie beinhaltete). Beide Akupunkturverfahren zeigten einen signifikanten Nutzen im Vergleich zur Standardtherapie. Es kam zu einem Rückgang von 3,9 Migränetagen unter Akupunktur (im Vergleich zu Baseline 5,8 Migränetagen), 2,2 Tagen unter Scheinakupunktur (im Vergleich zu 6,3) und 1,4 Tagen (im Vergleich zu 5,8) unter Standardbehandlung in den Wochen 17-20, was einen signifikanten Nutzen der Akupunkturverfahren belegt.
Sekundär wurde erhoben, wie hoch der Anteil der Patienten war, die eine 50-prozentige Reduktion der Migränetage oder -anfälle in den Wochen 17-20 erreichten. „Diese hohen Zahlen machen stutzig, auch weil sich das Ergebnis mit keiner bisherigen Studie deckt. In der großen Cochrane-Analyse zur Akupunktur bei Migräne aus dem Jahr 2016 (Line K et al.) gibt es beispielsweise keine einzige Arbeit, in der mehr als die Hälfte der Patienten eine 50-Prozent-Responderrate aufweisen. In der aktuellen Studie lag hingegen ein signifikant unterschiedlicher Behandlungseffekt vor - und das, obwohl die Verblindung bestens funktioniert habe, ein möglicher Placeboeffekt also in beiden Gruppen gleichermaßen zum Tragen gekommen sein müsse, sagte Diener weiter.
Beide Experten sehen durch diese Studie noch keine ausreichend valide Datenbasis, um die Akupunktur in die Standardtherapie aufzunehmen und damit zu einer Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen zu machen. „Notwendig wäre dafür ohnehin eine große randomisierte Studie im europäischen Setting“, so Gaul. Hinzu komme, dass sich auch die Frage nach der Praktikabilität stelle - schließlich würden die Patienten innerhalb von acht Wochen 20-mal akupunktiert.
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Die Grundlagen der Akupunktur
Was ist Akupunktur?
Die Akupunktur ist ein circa 4.000 Jahre altes Verfahren aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), welches bei verschiedenen Beschwerden eingesetzt wird. Das Grundprinzip beruht auf der Vorstellung, dass sich durch das Einstechen der winzigen Nadeln der gestörte Energiefluss im Körper normalisiert. Bei der klassischen chinesischen Akupunktur zur Vorbeugung von Migräne werden Nadeln aus Stahl, Silber oder Gold auf bestimmte Linien (Jing luo) gesetzt, durch welche die Lebensenergie fließt.
Der Akupunkteur sticht die Nadeln senkrecht oder schräg ein - anschließend kann er diese drehen, senken oder anderweitig stimulieren. Viele Personen mit Migräne nehmen während der Kopfschmerz-Attacken wiederholt Medikamente ein. Die Hoffnung besteht bei der Akupunktur darin, dass Migräne oder andere Kopfschmerzen weniger häufig auftreten und die Schmerzintensität sinkt. Dadurch müssen im Idealfall auch weniger Arzneien eingenommen werden. Laut Experten ist genau das möglich.
Varianten der Akupunktur
Der Akupunkteur kann die Methode auch etwas abwandeln:
- Wärme: Mithilfe eines chinesischen Heilkrauts, das zu einer Zigarre gepresst wurde, wird die Akupunkturnadel erwärmt.
- Strom: Der Therapeut verbindet die eingestochene Akupunturnadel mit einem Stimulationsgerät und reizt mit geringer Stromstärke.
- Druck: Als Ergänzung oder Unterstützung bieten viele Akupunkteure auch eine Massage der Akupunkturpunkte an, um die Energie zum Fließen zu bringen.
Neben der traditionell chinesischen Akupunktur gibt es bei Migräne und anderen Kopfschmerzen auch die sogenannte Sham-Akupunktur (Scheinakupunktur). Bei dieser Methode werden die Nadeln nicht direkt auf die klassischen Akupunkturpunkte gesetzt und auch nicht so tief in die Haut gestochen. Stattdessen platziert der Therapeut die Nadeln an anderen Stellen.
Was gilt es im Vorfeld einer Akupunkturbehandlung zu beachten?
Bevor du einen Akupunkteur aufsuchst, solltest du folgende Dinge klären:
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- Diagnose: Du hast die Bestätigung, dass du an Migräne oder Spannungskopfschmerzen leidest, von einem Arzt erhalten. Das ist wichtig, denn wenn du beispielsweise Cluster-Kopfschmerzen hast, kann eine Akupunktur sogar auslösend wirken.
- Innere Haltung: Am besten ist es, du glaubst an die Effekte einer Akupunktur. Wenn du hingegen der Meinung bist, dass es sowieso nichts bringt, wird sich eventuell kein Erfolg einstellen.
- Experten finden: Bei der Akupunktur kann viel falsch gemacht werden. Such dir daher einen Fachmann, der sich mit TCM nachweislich auskennt, also eine Weiterbildung oder ein Diplom vorweisen kann. Für dich als Laie ist es schwer nachvollziehbar, ob du wirklich richtig akupunktiert wirst.
Akupunkturpunkte bei Migräne
Welche Akupunkturpunkte bei Migräne gewählt werden, ist unterschiedlich. Der Therapeut macht sich im Idealfall erst einmal ein genaues Bild der Erkrankung. Er prüft dabei, an welchen Energiebahnen seines Patienten er Blockaden erkennen kann und setzt dementsprechend die Nadeln an verschiedene Punkte. Häufig sind beispielsweise die Gallen- oder Leberleitbahnen betroffen.
In der TCM gibt es sogenannte Funktionskreise, die verschiedenen Organen zugeordnet sind und den Körper teilweise oder ganz durchziehen. Die Stimulation durch die Nadeln soll den Körper in einen harmonischen Zustand versetzen - chinesische Gelehrte sprechen vom inneren Gleichgewicht Ying und Yang. Gestaute Energie wird wieder ins Fließen gebracht, was Überschüsse und Mängel ausgleicht.
Wichtig: Die Nadeln sollten während der Anwendung nicht stören, sodass der Patient voll entspannen kann. Probier einfach aus, ob die Akupunktur dir gut tut.
Vor- und Nachteile der Akupunktur im Vergleich zu Medikamenten
Akupunktur kann eine wirksame Möglichkeit sein, Migräne vorzubeugen. Vorteil ist, dass du nicht mit Nebenwirkungen zu rechnen brauchst. Wenn die Behandlung nicht anschlägt, kannst du einfach etwas anderes probieren.
Der Nachteil der Akupunktur besteht darin, dass sie nicht bei jedem Patienten anschlägt. Zudem bezweifeln einige Experten, dass sie wirklich einen Effekt hat. Beispielsweise unterstellen sie den Studien, dass die Teilnehmer schon im Vorfeld von der Methode überzeugt waren und daher eine vorurteilsfreie Bewertung kaum möglich war. Ein weiteres Manko der Akupunktur: Im Akutfall, also während einer Migräne-Attacke, kann sie nicht helfen.
Eine medikamentöse Prophylaxe birgt hingegen immer das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen, da Patienten über einen längeren Zeitraum Arzneimittel einnehmen müssen. Auch kann sie bei manchen wirkungslos bleiben.
Kosten und Dauer der Akupunktur bei Migräne
Akupunktur gegen Migräne oder spannungsbedingte Kopfschmerzen wird derzeit nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Dies liegt unter anderem daran, dass die Wirksamkeit der Akupunktur gegenüber einer Nichtbehandlung zwar nachgewiesen, gegenüber einer Scheinakupunktur jedoch nicht bestätigt ist. Personen mit Migräne müssen die Kosten je Sitzung von 30 bis 70 Euro also in der Regel selbst bezahlen.
Bei der Akupunktur der Migräne wird üblicherweise zwei Mal pro Woche für 20 bis 30 Minuten therapiert. Im Durchschnitt stellen sich die ersten Erfolge nach circa sieben bis acht Sitzungen ein.
Sollten nach einem Behandlungszyklus kaum Verbesserungen eingetreten sein, kann ein weiterer Zyklus folgen. Bei erfolgreicher Akupunktur empfehlen Therapeuten, nach einigen Monaten mit wenigen Sitzungen aufzufrischen.
Weitere Aspekte der Migränebehandlung
Ursachen und Auslöser von Migräne
Eine Migräne-Attacke kann viele verschiedene Ursachen haben. Zum Beispiel einen ungesunden Lebensstil und unausgewogene Ernährungsgewohnheiten. Aber auch eine angeborene Überempfindlichkeit oder hohe Stressanfälligkeit können mögliche Auslöser sein. Diese Gründe solltest du beachten und gegebenenfalls mit deinem Arzt oder deiner Ärztin abklären, bevor du eine Therapie beginnst.
Andere Behandlungsansätze
Eine Alternative zur medikamentösen Behandlung bei Migräne ist die Migräne-Spritze mit CGRP-Antikörpern. CGRP ist die Abkürzung für Calcitonin Gene-Related Peptide. Dabei handelt es sich um einen Eiweißstoff, der aus Nervenzellen freigesetzt wird. Während einer Migräne-Attacke sind die CGRP-Werte erhöht. Die Migräne-Spritze wirkt gegen CGRP und kann somit Linderung schaffen. Die Migräne-Spritze ist keine Krankenkassenleistung.
Wird die Migräne durch Verspannungen in den Muskeln im Gesicht, Nacken oder in den Schultern verursacht, kann Botox helfen. Der Stoff dockt dabei an die Nervenenden der Muskeln an. Somit wird die Reizübertragung zwischen Muskeln und Nerven blockiert. Die Muskelaktivität wird vermindert. Dies kann zu einer Linderung der Beschwerden führen.