Migräne ist mehr als nur "Kopfschmerzen". Viele Betroffene hören Sätze wie "Stell dich nicht so an, es sind doch nur Kopfschmerzen!" Ursula Kirste, Wirtschaftsingenieurin, wurde 1978 selbst Migränepatientin. Nach einer erfolgreichen Behandlung mit russischer Akupunktur im Jahr 1986 erlebte sie eine Verbesserung. Als 1992 die ersten Migränemedikamente auf den Markt kamen, kehrte ihre Migräne zurück, gefolgt von Krankenhausaufenthalten, Therapien und Depressionen. Im Jahr 2011 beteiligte sich Ursula Kirste an der Gründung der Selbsthilfegruppe Migräne Halle.
Was ist Migräne?
Ein Migräneanfall unterscheidet sich von gewöhnlichen Kopfschmerzen. Der Schmerz tritt plötzlich auf, ist oft sehr stark und konzentriert sich meist auf eine Kopfseite. Etwa 80 bis 85 Prozent der Betroffenen leiden unter Migräne ohne Aura. Die genauen Ursachen sind wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Verwandte ersten Grades von Patienten mit klassischer Migräne haben ein 3,8 Prozent höheres Risiko, selbst zu erkranken.
Ursachen und Auslöser von Migräne
Die Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig erforscht. Eine genetische Veranlagung und der Serotoninspiegel scheinen eine Rolle zu spielen. Auslöser können Stress, ein gestörter Schlafrhythmus oder hormonelle Schwankungen sein. Auch Wetterlagen, insbesondere schnelle Veränderungen des Luftdrucks und der Temperatur, können Migräneattacken auslösen. Bei Frauen können die Einnahme der Anti-Babypille, die Pillenpause oder eine Schwangerschaft Migräne begünstigen. Ein weiteres Phänomen ist die Wochenend-Migräne, die durch den Übergang von Stress zu Entspannung entsteht.
Bekannte Ursachen und Auslöser sind:
- Zu wenig Trinken
- Zu viel Alkohol
- Akute Infekte (Grippe oder Meningitis)
- Chronische Entzündungen
- Zu viel Nikotin
- Zu wenig Schlaf
- Zu viel Lärm
- Schlechte Luft
- Hormonschwankungen
- Nasennebenhöhlenentzündungen (Sinusitis)
- Chronisches HWS-, BWS-, LWS-Syndrom
- Falsche Ernährung
- Überlastung
- Stress
- Bluthochdruck
- Emotionale Dysregulationen
- Augenfehlfunktionen
- Kiefergelenksdysfunktionen
Symptome von Migräne
Migräne-Symptome sind vielfältig und unspezifisch. Die klassische Migräne zeichnet sich durch massive, einseitige Kopfschmerzen mit pulsierendem Charakter aus. Oft tritt im Vorfeld eine Aura auf. Die Kopfschmerzen nehmen im Verlauf des Anfalls zu und werden von Übelkeit und Lichtempfindlichkeit begleitet.
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Weitere Symptome können sein:
- Aura ohne Kopfschmerzen: Sehstörungen wie Lichtblitze, Flackerlinien und Schatten, Kribbeln auf der Haut oder in den Gliedmaßen, Schwindel, Sprachstörungen, Lähmungserscheinungen.
- Augen-Migräne: Flimmerskotom (kranzartiges Flimmern, Funken, Flackern, Einschränkung des Gesichtsfelds vom Rand zur Mitte).
- Übelkeit: Häufig begleitet eine Migräneattacke Übelkeit, die bis zum Erbrechen führen kann.
Phasen eines Migräneanfalls
Ein Migräneanfall verläuft üblicherweise in vier Phasen (bei Migräne ohne Aura in drei Phasen):
- Vorbotenphase: Müdigkeit, häufiges Gähnen, Heißhungerattacken, Darmbeschwerden, Verstopfungen, erhöhte Licht- und Lärmempfindlichkeit.
- Auraphase: Fehlerhafte Sinneswahrnehmungen im Bereich des Sehens (Verlust des räumlichen Sehens, Zick-Zack-Linien im Bild, unscharfe Konturen, zusätzliche Strukturen oder fehlende Bildteile, eingeschränktes Gesichtsfeld).
- Kopfschmerzphase: Einseitige, starke Kopfschmerzen im Bereich der Stirn und Schläfe, oft ist ein Auge betroffen, pochende oder pulsierende Schmerzen, Übelkeit, Brechreiz, Licht- und Geruchsempfindlichkeit, Appetitlosigkeit.
- Rückbildungsphase: Müdigkeit, Abgespanntheit, Appetitlosigkeit und Übelkeit können noch bis zu 24 Stunden bestehen bleiben.
Migräneformen
Die Migräne kann in unterschiedlichen Formen auftreten:
- Migräne mit und ohne Aura: Die klassischen Formen. Bei der Migräne ohne Aura steht der einseitige, pulsierende Kopfschmerz im Mittelpunkt. Bei einer Migräne mit Aura kommt es kurz vor dem Schmerz zu Sichteinschränkungen.
- Chronische Migräne: Tritt an mehr als 15 Tagen im Monat über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten auf.
- Retinale Migräne: Während des Migräneanfalls kommt es zu einseitigen Sehstörungen, die nicht den neurologischen Störungen einer Aura entsprechen. Es kann vorübergehend zur Blindheit auf einem Auge kommen.
- Hormonelle Migräne: Tritt kurz vor dem Einsetzen oder während der Periode auf.
- Triptan-induzierte Migräne: Durch die häufige Einnahme von Triptanen kann es zu einem Gewöhnungseffekt kommen, der wiederum neuerliche Kopfschmerzen und Migräneattacken auslösen kann.
- Hemiplegische Migräne: Geht mit zusätzlichen motorischen Störungen und Störungen des Gleichgewichts einher. Auch Bewusstseinsstörungen können auftreten.
- Basilarismigräne: Tritt vorwiegend bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf und kann mit und ohne Aura entstehen. Klassische Symptome sind neben den Kopfschmerzen auch Tinnitus, Doppelbildsehen, Bewusstseinsstörungen, Schwindelgefühle und Sprachstörungen.
Diagnose von Migräne
Eine sichere Migräne-Diagnose kann nur von einem Arzt gestellt werden. Es gibt jedoch einige Fragen, die man sich selbst beantworten kann, um erste Hinweise zu erhalten:
- Ist der Kopfschmerz einseitig?
- Sind die Kopfschmerzen pulsierend?
- Sind die Kopfschmerzen sehr stark?
- Verstärken sich die Kopfschmerzen durch Anstrengung?
- Leiden Sie unter Übelkeit?
- Leiden Sie unter Licht- und Lärmempfindlichkeit?
- Halten die Kopfschmerzen über mehrere Stunden oder Tage an?
Akupunktur als Therapieoption bei Migräne
Die Cochrane Collaboration, ein weltweites Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten, hat 22 Studien mit 4400 Patienten zur Akupunktur bei Migräne ausgewertet. Das Ergebnis: Bei jedem zweiten mit Akupunktur behandelten Patienten halbierte sich die Häufigkeit der Anfälle. Auch die Zahl der Kopfschmerztage sowie die Schmerzintensität war nach mindestens acht Wochen Akupunktur deutlich niedriger. Elf Akupunktursitzungen wirken genauso gut wie Betablocker oder Antiepileptika, die der Patient über sechs Monate täglich einnehmen muss.
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Eine weitere Analyse von elf Studien mit 2300 Patienten mit Spannungskopfschmerzen zeigte, dass die Kombination Akupunktur plus Medikamente einer rein medikamentösen Therapie deutlich überlegen ist: Zu einer Reduktion der Kopfschmerztage um mindestens die Hälfte kam es bei 47 Prozent der Patienten mit Akupunktur, aber nur bei 16 Prozent mit alleiniger Schmerzmitteltherapie.
Akupressur als Selbsthilfe bei Migräne
Akupressur ist eine Heilkunst, die ihre Wurzeln in der fernöstlichen Medizin hat. Durch Druck auf bestimmte Punkte des Körpers sollen Energieflüsse harmonisiert und Heilungsprozesse gefördert werden. Akupressur kann zur Schmerzlinderung, bei Übelkeit oder Schlafstörungen eingesetzt werden. Die AOK Sachsen-Anhalt übernimmt die Kosten für Akupunktur bei bestimmten Diagnosen.
Einige Akupressur-Punkte, die bei Migräne helfen können:
- Punkt für Kopfschmerzen/Migräne: Am unteren Hinterkopf, wo der Schädelknochen endet.
- Punkt zwischen Daumen und Zeigefinger: Auf dem Handrücken in der Wulst zwischen Zeigefinger und Daumen.
- Punkt für Übelkeit: Auf der Innenseite des linken Handgelenks, etwa 2-Fingerbreit oberhalb der Stelle des Pulses.
Es gibt verschiedene Hilfsmittel, die die Akupressur-Anwendung erleichtern und effektiver gestalten können, wie z.B. Akupressur-Matten, Igelbälle oder Massageknäufe.
Weitere Therapieansätze und Tipps zur Selbsthilfe
Neben Akupunktur und Akupressur gibt es weitere Möglichkeiten, Migräne zu behandeln und die Häufigkeit und Intensität der Anfälle zu reduzieren:
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- Medikamentöse Therapie: Akuttherapie mit Schmerzmitteln (z.B. Triptanen) und Prophylaxe mit Medikamenten (z.B. Betablockern, Antiepileptika, CGRP-Antikörpern).
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung und das Vermeiden von Trigger-Nahrungsmitteln können helfen, Migräneanfälle zu reduzieren.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und Migräne vorzubeugen.
- Schlafhygiene: Ein regelmäßiger Schlafrhythmus und ausreichend Schlaf sind wichtig für die Vorbeugung von Migräne.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann helfen, Stress abzubauen und die allgemeine Gesundheit zu verbessern.
- Schmerztagebuch: Führen Sie ein Schmerztagebuch, um Ihre persönlichen Trigger und Auslöser herauszufinden.
Weitere Tipps:
- Atemtechniken (z.B. vegetative Atmung)
- Minzöl auf Stirn und Gesicht
- Akupressur
- Identifizieren und vermeiden Sie Auslöser (Alkohol, Nikotin, bestimmte Nahrungsmittel, schlechter Schlaf, Hormonschwankungen, Stress)
- Vermeiden Sie Erschöpfungszustände (regelmäßige Pausen, Dehnungseinheiten, ausreichend Wasser)
- Identifizieren Sie emotionale Trigger (Wut, Ärger, Trauer, Einsamkeit) und entwickeln Sie Strategien, um besser darauf zu reagieren.
Aktuelle Forschung und Studien
Wissenschaftler des Dänischen Kopfschmerzzentrums, der Neurologie der Universität Kopenhagen und der Universitätsaugenklinik Magdeburg haben herausgefunden, dass verschiedene Aura-Symptome unterschiedliche Funktionsveränderungen im Gehirn widerspiegeln. Mithilfe von fMRT untersuchten sie Patienten während Aura-Attacken und stellten fest, dass Patienten mit visuellen Aura-Symptomen wie Gesichtsfeldausfällen erniedrigte Antworten der Sehrinde hatten, während Patienten, die Lichtblitze und Flimmern wahrnahmen, vergrößerte Antworten hatten.
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