Migräne und Spannungskopfschmerzen sind weit verbreitete Leiden, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Die Akupunktur, eine traditionelle chinesische Behandlungsmethode, hat sich als vielversprechende Option zur Linderung dieser Beschwerden erwiesen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zur Akupunktur bei Migräne und Spannungskopfschmerzen, ihre Wirkungsweise, Anwendung und Bewertung im Gesundheitssystem.
Akupunktur als Alternative zur Standardtherapie
Die Akupunktur steht in ihrer Wirksamkeit gegen Spannungskopfschmerz und Migräne der schulmedizinischen Standardtherapie in nichts nach. Dies ist ein zentrales Ergebnis der gerac (German Acupuncture Trials)-Kopfschmerz-Studie, an der u.a. das Klinikum der Ruhr-Universität Bochum beteiligt war. Bei der Studie mit 1.369 chronisch schmerzkranken Patienten wurde ein signifikanter Rückgang von Migräne und Spannungskopfschmerzen festgestellt. Die Akupunktur-Patienten waren zudem durchweg zufriedener als die mit Medikamenten behandelten Schmerzkranken.
Die sechswöchige Akupunktur-Therapie mit 10 bis 15 Sitzungen wurde mit der sechsmonatigen Einnahme von Migränemitteln oder Medikamenten gegen Spannungskopfschmerzen verglichen. Die Patienten konnten mit der chinesischen Akupunktur die Anzahl ihrer Tage mit Schmerzen um durchschnittlich zwei Drittel reduzieren. Von den Migränekranken fühlten sich 74 Prozent der Akupunktur-Patienten erfolgreich behandelt, bei der medikamentösen Therapie waren es 62 Prozent. Die Zahl der Migränetage ging messbar zurück. Die Studie dient dazu, zu entscheiden, ob Akupunktur in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen wird.
Anwendungsbereiche der Akupunktur bei Kopfschmerzen
Akupunktur kann die Häufigkeit und Intensität von Kopfschmerzen oft reduzieren. Akupunktur wird in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zur Behandlung von primären Kopfschmerzen, insbesondere für Migräne sowie Spannungskopfschmerzen empfohlen. Akupunktur kann aber auch bei anderen Kopfschmerzformen eingesetzt werden, die beispielsweise durch Nasennebenhöhlenentzündungen oder einen Übergebrauch von Schmerzmitteln verursacht werden.
Studien zeigen, dass primäre Kopfschmerzen, die mit Akupunktur behandelt werden, seltener auftreten, die Episoden kürzer anhalten und weniger intensiv verlaufen. Da Akupunktur immer den ganzen Menschen behandelt, können sich auch weitere positive Effekte einstellen: Die Verdauung wird angeregt, man schläft wieder besser oder fühlt sich insgesamt ausgeglichener.
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Durchführung und Dauer der Behandlung
Es wird empfohlen, die Behandlung von einem Arzt oder einer Ärztin mit der Zusatzbezeichnung Akupunktur durchführen zu lassen. Diese wird von der Ärztekammer an Fachärztinnen und -ärzte vergeben, die eine entsprechende Qualifikation mit insgesamt 200 Stunden erfolgreich absolviert haben.
Ein Behandlungszyklus umfasst in der Regel zehn einstündige Sitzungen, die in einem Zeitraum von drei bis vier Monaten durchgeführt werden. Die Wirkung der Akupunktur ist in Studien noch bis zu zwölf Monate nach Abschluss der Behandlung nachweisbar. Um die Verbesserung der Beschwerden aufrechtzuerhalten, kommen manche Patientinnen und Patienten nach Behandlungsende weiterhin im Abstand von etwa drei Monaten zur Akupunktur.
Warnsignale und Kontraindikationen
Bei Kopfschmerzen gibt es Warnsignale, sogenannte „red flags“. Wenn etwa neuartige sehr starke Kopfschmerzen auftreten oder sich chronische Schmerzen verändern, kann das auf eine potenziell ernsthafte oder lebensbedrohliche Ursache hinweisen. Dies sollte unbedingt zunächst abgeklärt werden. Von einer Akupunktur ohne vorherige konventionelle Diagnostik wird abgeraten.
Nutzen und Schaden der Akupunktur zur Migräneprophylaxe
Der IGeL-Monitor hat erneut den Nutzen und Schaden der „Akupunktur zur Vorbeugung von Migräneanfällen“ und der „Akupunktur zur Vorbeugung von Spannungskopfschmerzen“ untersucht und kommt zu dem gleichen Ergebnis wie bei der ersten Untersuchung dieser beiden Selbstzahlerleistungen (IGeL). Studien geben Hinweise, dass Akupunktur helfen kann, Migräneanfällen vorzubeugen und/oder deren Intensität abzuschwächen. Das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors bewertet diese IGeL deshalb mit „tendenziell positiv“.
Der Nutzen und Schaden von Akupunktur zur Migräneprophylaxe wurde in den Studien mit einer vorbeugenden Medikamentengabe, einer Scheinakupunktur oder keiner vorbeugenden Behandlung verglichen. Im Vergleich mit der vorbeugenden Medikamentengabe sind die Ergebnisse der Akupunktur gleichwertig (z.B. bei der Anzahl von Migräneanfällen) und zum Teil besser (z. B. bei der Stärke der Kopfschmerzen). Zudem berichteten Patientinnen und Patienten von weniger Nebenwirkungen bei der Behandlung mit einer Akupunktur verglichen mit einer medikamentösen Behandlung. Verglichen mit der Scheinakupunktur zeigt die Akupunktur in den Studienergebnissen keine Unterschiede.
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Zur Vorbeugung von Spannungskopfschmerzen geben die Ergebnisse der Studien keinen Hinweis auf einen Nutzen der Akupunktur. Zum Vergleich der Akupunktur mit keiner vorbeugenden Behandlung gibt es nur unzureichende Daten und keine Ergebnisse über einen längeren Zeitraum. Gegenüber einer Scheinakupunktur fehlen Hinweise auf einen Vorteil der Akupunktur.
Akupunktur im Vergleich zu anderen Behandlungsansätzen
In medizinischen Leitlinien werden verschiedene Maßnahmen empfohlen, um Migräneanfällen vorzubeugen. Das können vorbeugende Medikamente sein, aber auch nicht-medikamentöse Verfahren wie Entspannungstechniken, Biofeedback, Verhaltenstherapie und Ausdauersport.
Die Akupunktur ist in der Gebührenordnung für Ärztinnen und Ärzte (GOÄ) gelistet. Danach kostet eine Akupunktur-Sitzung je nach Dauer der Behandlung 11,66 Euro oder 20,40 Euro im einfachen Satz. Zur Vorbeugung von Migräne ist Akupunktur eine Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL).
Anhand der Studienergebnisse ließ sich für die Akupunktur der Hinweis auf einen Nutzen erkennen. Die Akupunktur zeigte Vorteile gegenüber keiner vorbeugenden Behandlung. Verglichen mit vorbeugenden Medikamenten kam die Akupunktur zu gleichwertigen und zum Teil zu besseren Ergebnissen. Hinweise darauf, dass von der Akupunktur das Risiko eines Schadens ausgeht, gab es nicht. Im Vergleich zur vorbeugenden Medikamentengabe wurden sogar weniger Nebenwirkungen beobachtet.
Die Rolle der Patientenvertretung
Der Gemeinsame Bundesausschuss hat am 16.01.2025 den Antrag der Patientenvertretung auf Bewertung der Methode „Akupunktur zur Prophylaxe bei Migräne“ angenommen und ein Beratungsverfahren eingeleitet. Auf Basis dieser Erkenntnisse hat die Patientenvertretung einen Antrag auf Bewertung dieser Methode formuliert und begrüßt das damit angestoßene Beratungsverfahren ausdrücklich. „Die Bewertung der Akupunktur durch den G-BA ist ein bedeutender Schritt, um Migränepatientinnen und -patienten eine weitere therapeutische Möglichkeit zu bieten“, betont Patientenvertreterin Veronika Bäcker von der MigräneLiga e. V. Deutschland. Die Kombination aus Wirksamkeit und Verträglichkeit macht Akupunktur zu einer weiteren möglichen Option, zum Beispiel für Patientinnen und Patienten, die Medikamente nicht vertragen oder für die medikamentöse Therapien kontraindiziert sind.
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Akupunktur: Eine Behandlung aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)
Die klassische Körperakupunktur ist eine Behandlung aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), bei der feine Nadeln in bestimmte Stellen des Körpers gestochen werden. Nach traditioneller Vorstellung soll die Behandlung Blockaden in sogenannten Leitbahnen (Meridiane) lösen und so Störungen des Energieflusses (Qi) beheben.
Seit 2007 ist die klassische Körperakupunktur mit Nadeln in zwei Fällen Kassenleistung: bei chronischen Rückenschmerzen der Lendenwirbelsäule und bei chronischen Schmerzen aufgrund einer Kniegelenksarthrose, die jeweils mindestens sechs Monate bestehen. Zur Vorbeugung von Migräne ist Akupunktur eine individuelle Gesundheitsleistung.
Bei der klassischen Körperakupunktur werden feine Nadeln entlang sogenannter Leitbahnen (Meridiane) in die Haut gestochen. Nach traditioneller Vorstellung wird davon ausgegangen, dass durch die Leitbahnen Lebensenergie (Qi) fließt. Ist der Energiefluss gestört, sollen Krankheiten und Schmerzen auftreten können. Die Akupunktur soll Blockaden in den Leitbahnen lösen und so Störungen des Energieflusses beheben. In der traditionellen chinesischen Medizin existieren knapp 400 Akupunkturpunkte, bei einer Sitzung werden in der Regel bis zu 20 Nadeln gesetzt. Eine Sitzung dauert etwa zwischen 20 und 40 Minuten. Bei den Kassenleistungen - also Akupunktur bei „chronischen Schmerzen in der Lendenwirbelsäule“ und bei „chronischen Schmerzen in mindestens einem Kniegelenk“ - sind in der Regel bis zu zehn Sitzungen innerhalb von maximal sechs Wochen vorgesehen.
Internationale Empfehlungen
Eine deutsche Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (in Zusammenarbeit mit der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft) weist auf widersprüchliche Ergebnisse aus Studien zur Wirksamkeit der Akupunktur verglichen mit einer Scheinakupunktur hin. Insgesamt wird die Wirksamkeit einer Akupunktur als „moderat“ eingestuft. Eine Leitlinie stammt von der britischen Gesundheitsbehörde National Institute for Health and Care Excellence ( NICE ). Sie sagt, dass Akupunktur zur Vorbeugung von Migräne in Betracht gezogen werden kann, wenn Medikamente nicht wirken oder die Einnahme von Medikamenten nicht geeignet oder von den Patientinnen oder Patienten nicht gewünscht ist.
Studienergebnisse im Detail
Um zu beantworten, ob eine vorbeugende Behandlung mit klassischer Körperakupunktur bei Patientinnen und Patienten mit wiederkehrender Migräne einen Nutzen hat oder ob Schäden auftreten können, suchte das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors in unterschiedlichen Datenbanken nach relevanten Studien und systematischen Übersichtsarbeiten . Es wurden mehrere Übersichtsarbeiten und zusätzlich vier Einzelstudien gefunden, bei denen eine Akupunktur entweder mit einer vorbeugenden Medikamentengabe, einer Scheinakupunktur oder keiner vorbeugenden Behandlung verglichen wurde. Bei der Scheinakupunktur werden die Nadeln an „falsche“ Stellen oder nicht tief genug gesetzt. In die Bewertung eingeflossen sind die Ergebnisse einer Übersichtsarbeit , die die meisten für unsere Fragestellung relevanten Studien (21 Studien) enthielt, sowie drei der zusätzlich gefundenen Einzelstudien, insgesamt haben wir also die Ergebnisse von 24 Einzelstudien berücksichtigt.
Eine Akupunktur zur Vorbeugung von Migräne wäre nützlich, wenn sie zu weniger Migräneanfällen, zu einer Linderung der Beschwerden oder zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen würde.
Die Studien kamen zu folgenden Ergebnissen: Verglichen mit einer vorbeugenden Medikamentengabe waren die Ergebnisse der Akupunktur hinsichtlich „Häufigkeit von Kopfschmerzen“, „Anzahl an Migräneanfällen“, „Anzahl an Tagen mit Migräne“ und „Einnahme zusätzlicher Schmerzmittel“ gleichwertig. In Bezug auf „Stärke der Kopfschmerzen“ und „Ansprechen auf die Behandlung“ war die Akupunktur besser als eine vorbeugende Medikamentengabe. Bei dem Vergleich der Akupunktur mit einer Scheinakupunktur wurden fast keine Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen gefunden. Lediglich in Bezug auf „Ansprechen auf die Behandlung“ zeigten sich Vorteile der Akupunktur gegenüber einer Scheinakupunktur. Grund dafür können Placebo-Effekt e sein. Im Vergleich zu keiner vorbeugenden Behandlung schnitt die Akupunktur bei fast allen Endpunkten besser ab.
Eine methodische Schwäche der Studien zum Vergleich der Akupunktur mit einer vorbeugenden Medikamentengabe sowie zum Vergleich mit keiner vorbeugenden Behandlung ist vor allem, dass die Studienteilnehmenden nicht „verblindet“ werden konnten. Das heißt, sowohl die Behandelnden als auch die Patientinnen und Patienten wussten, in welcher Studiengruppe sie waren und welche Behandlung durchgeführt wurde. Dies kann zu Verzerrungen der Ergebnisse führen, beispielsweise dadurch, dass eine positive Erwartungshaltung gegenüber der Akupunktur Ergebnisse wie Stärke der Kopfschmerzen oder die Häufigkeit von Migräneanfällen beeinflusst. Diese Gefahr besteht vor allem deshalb, weil es sich um subjektive Ergebnisse handelt, die von den Patientinnen und Patienten selbst beichtet wurden. In der Gesamtschau lässt sich aufgrund der Studienergebnisse ein Hinweis auf einen Nutzen der Akupunktur ableiten.
Eine Akupunktur zur Vorbeugung von Migräne wäre schädlich, wenn durch die Behandlung Nebenwirkungen auftreten würden oder die Lebensqualität beeinträchtigt würde. Hier liefern die Studien folgende Ergebnisse: Verglichen mit einer medikamentösen Migräne-Vorbeugung berichteten die Patientinnen und Patienten, die mit Akupunktur behandelt wurden, von weniger Nebenwirkungen ; und es brachen weniger Personen aufgrund von Nebenwirkungen die Behandlung ab. Dies bedeutet, dass die Akupunktur gegenüber der vorbeugenden medikamentösen Behandlung einen Vorteil gezeigt hat. Keine Unterschiede wurden in Bezug auf schwere Nebenwirkungen oder Komplikationen gefunden. Diese traten allerdings insgesamt sehr selten auf. Bei dem Vergleich der Akupunktur mit einer Scheinakupunktur oder keiner vorbeugenden Behandlung zeigten sich keine Unterschiede hinsichtlich des Auftretens von Nebenwirkungen und Komplikationen. Insgesamt sehen wir keine Hinweise auf einen Schaden der Akupunktur.
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