Migräne und Übelkeit sind belastende Beschwerden, die oft gemeinsam auftreten und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Die Akupunktur, eine traditionelle chinesische Behandlungsmethode, erfreut sich zunehmender Beliebtheit als alternative und ergänzende Therapie bei diesen Leiden. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung der Akupunktur bei Migräne und Übelkeit, ihre Wirkungsweise, wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Aspekte.
Was ist Akupunktur?
Akupunktur ist ein Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Sie basiert auf dem Konzept des Qi, der Lebensenergie, die durch Meridiane oder Energiebahnen im Körper fließt. Ein Ungleichgewicht oder Stau dieser Energie kann zu Krankheiten und Beschwerden führen. Durch das gezielte Setzen von feinen Nadeln in spezifische Akupunkturpunkte entlang dieser Meridiane sollen Blockaden gelöst und der Energiefluss harmonisiert werden. In der traditionellen chinesischen Medizin existieren knapp 400 Akupunkturpunkte, bei einer Sitzung werden in der Regel bis zu 20 Nadeln gesetzt. Eine Sitzung dauert etwa zwischen 20 und 40 Minuten.
Akupunktur bei Migräne: Wie funktioniert es?
Bei Migräne werden Akupunkturpunkte stimuliert, um die Meridiane zu aktivieren und Blockaden zu lösen. Die Akupunkturpunkte sind in Ihrem Körper mit Meridianen verbunden. Das sind laut TCM Leitbahnen, die durch Ihren Körper laufen. Durch sie fließt laut der traditionell chinesischen Medizin die Lebensenergie, die auch Qi genannt wird. Bei der Akupunktur werden die Meridiane stimuliert und Blockaden gelöst.
Die genaue Wirkungsweise der Akupunktur bei Migräne ist noch nicht vollständig geklärt, aber es gibt verschiedene Theorien:
- Entspannung der Muskulatur: Nadelreize können Verspannungen lösen, die Migräne begünstigen.
- Schmerzhemmung: Akupunktur beeinflusst die Ausschüttung von Endorphinen, die als körpereigene Schmerzmittel wirken. Auf biochemischer Ebene wird angenommen, dass Akupunktur die Ausschüttung von Endorphinen, den körpereigenen Schmerzmitteln, stimuliert.
- Durchblutungsförderung: Sie verbessert die Durchblutung im Kopfbereich und wirkt Gefäßerweiterungen entgegen, die häufig Migräne auslösen.
- Beeinflussung des Nervensystems: Akupunktur kann das vegetative Nervensystem beeinflussen und so Stress reduzieren, der ein häufiger Auslöser von Migräne ist.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Akupunktur bei Migräne
Der medizinische Nutzen der Akupunktur, insbesondere im Kontext von Kopfschmerzen, wurde in den letzten Jahrzehnten intensiv erforscht. Laut europäischen Studien wirkt Akupunktur aber bei circa 50 Prozent der betroffenen Patientinnen und Patienten. Die Experten des IGeL-Monitors bewerten die Behandlung zur Prophylaxe von Migräne-Attacken durch Akupunktur als tendenziell positiv. Allerdings zeigen Studien auch, dass es sich bei Akupunktur eventuell um einen Placebo-Effekt handelt. Bei diesen Studien wurden Behandlungen an unwirksamen Punkten statt Akupunkturpunkten durchgeführt. Und die Patientinnen und Patienten berichteten dennoch von einem lindernden Effekt. Ganz gleich, ob Placebo oder Einfluss auf die Energieströme: Studien haben gezeigt, dass Akupunktur im Vergleich zu bewährten medikamentösen Behandlungen eine ähnliche Linderung von Migräneschmerzen bietet.
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Eine groß angelegte Studie, die im „Journal of the American Medical Association“ veröffentlicht wurde, zeigte, dass Akupunktur eine signifikant wirksame Ergänzung zur Standardbehandlung mit Schmerzmitteln und prophylaktischen Medikamenten war. Eine andere Studie, die im „British Medical Journal“ erschien, verglich echte Akupunktur mit Scheinakupunktur, bei der Nadeln an nicht-spezifisch-therapeutischen Punkten gesetzt wurden.
Zahlreiche wissenschaftliche Studien geben Hinweise, dass durch Akupunktur die Anzahl der Migräneattacken, die Dauer und die Intensität reduziert werden kann. Sie ist ebenso effektiv wie die medikamentöse Standardtherapie. Im Gegensatz zur vorbeugenden Medikamentengabe ist Akupunktur jedoch nebenwirkungsarm. Der IGeL-Monitor hat erneut den Nutzen und Schaden der „Akupunktur zur Vorbeugung von Migräneanfällen“ untersucht und kommt zu dem gleichen Ergebnis wie bei der ersten Untersuchung dieser beiden Selbstzahlerleistungen (IGeL) im Jahr 2012: Studien geben Hinweise, dass Akupunktur helfen kann, Migräneanfällen vorzubeugen und/oder deren Intensität abzuschwächen. Das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors bewertet diese IGeL deshalb mit „tendenziell positiv“.
Der Nutzen und Schaden von Akupunktur zur Migräneprophylaxe wurde in den Studien mit einer vorbeugenden Medikamentengabe, einer Scheinakupunktur oder keiner vorbeugenden Behandlung verglichen. Im Vergleich mit der vorbeugenden Medikamentengabe sind die Ergebnisse der Akupunktur gleichwertig (z.B. bei der Anzahl von Migräneanfällen) und zum Teil besser (z. B. bei der Stärke der Kopfschmerzen). Zudem berichteten Patientinnen und Patienten von weniger Nebenwirkungen bei der Behandlung mit einer Akupunktur verglichen mit einer medikamentösen Behandlung.
Verglichen mit der Scheinakupunktur zeigt die Akupunktur in den Studienergebnissen keine Unterschiede. Anhand der Studienergebnisse ließ sich für die Akupunktur der Hinweis auf einen Nutzen erkennen. Die Akupunktur zeigte Vorteile gegenüber keiner vorbeugenden Behandlung. Verglichen mit vorbeugenden Medikamenten kam die Akupunktur zu gleichwertigen und zum Teil zu besseren Ergebnissen. Hinweise darauf, dass von der Akupunktur das Risiko eines Schadens ausgeht, gab es nicht. Im Vergleich zur vorbeugenden Medikamentengabe wurden sogar weniger Nebenwirkungen beobachtet.
Es ist wichtig zu beachten, dass die wissenschaftliche Forschung zur Akupunktur umstritten ist und es geteilte Meinungen darüber gibt, wie gut sie funktioniert. Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei der Behandlung bestimmter Erkrankungen und Symptome wirksam sein kann.
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Akupunktur als begleitende Therapie
Ja, Akupunktur kann oft als ergänzende Therapie zu anderen Migränebehandlungen wie Medikamenten eingesetzt werden.
Akupunktur bei Übelkeit
Übelkeit ist ein häufiges Begleitsymptom von Migräne. Akupunktur kann auch hier Linderung verschaffen, indem sie bestimmte Akupunkturpunkte stimuliert, die mit dem Magen-Darm-Trakt und dem Nervensystem in Verbindung stehen.
Der Akupunkturpunkt Perikard 6 (P6)
Ein besonders wichtiger Akupunkturpunkt bei Übelkeit ist der Perikard 6 (P6), auch bekannt als Nei Guan. Dieser Punkt befindet sich an der Innenseite des Handgelenks, zwischen den Beugesehnen, drei Querfinger vom Handgelenk Richtung Ellenbogen. Die Stimulation dieses Punktes, beispielsweise durch Akupressur oder Akupunktur, kann Übelkeit reduzieren.
In einer Studie wurde die Wirksamkeit eines Akupressurbandes zur Linderung von Übelkeit bei Migränepatienten untersucht. Die Patienten trugen das Band am P6-Punkt und berichteten über eine signifikante Linderung der Übelkeit an. Die Verbesserung trat durchschnittlich nach 28,7 Minuten auf. Vierzig Patienten würden das Akupressurband erneut einsetzen.
Fallbeispiel: Akupunktur bei chronischer Migräne mit Übelkeit
Ein konkretes Beispiel für die erfolgreiche Anwendung von Akupunktur bei Migräne und Übelkeit ist der Fall von Frau Dr. W., einer 35-jährigen Kieferchirurgin, die seit ihrem 20. Lebensjahr unter Migräne litt. In den letzten Jahren hatten die Schmerzen jedoch häufiger und stärker eingesetzt. Als sie in Behandlung kam, litt sie unter Migräneanfällen dreimal pro Woche, begleitet von Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und Sehschwäche.
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Die Diagnose der westlichen Medizin ergab Triggerpunkte auf dem Supraspinatus Muskel und unter dem Nervus occipitalis major und minor. Die chinesische Medizin indizierte Shao Yang Kopfschmerz (im Schläfenbereich) infolge von Leber-Yang-Fülle mit Leber-Blut-Schwäche.
In der Therapie wurden Fernpunkte am Fuß, an der Wade, am Unterarm eingesetzt, um die energetische Blockade zu eliminieren. Für die Lokalpunkte am Kopf wurden sehr feine Nadeln benutzt, die beim Einstich keine Schmerzen verursachten.
Nach der dritten Behandlung verspürte Frau Dr. W. zwar eine Migräneattacke aufkommen, aber zu ihrer Überraschung entwickelte diese nicht den vollen Umfang. Die frühen Symptome traten ohne die üblichen Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen und starkem Kopfschmerz auf. Nach acht Behandlungen war sie völlig symptomfrei, das erste Mal seit Jahren. Um sicher zu gehen, absolvierte sie noch zehn Sitzungen. Nach zwei Jahren absolvierte die Patientin vier Behandlungen, um die Therapie aufzufrischen.
Axomera-Therapie (ehem. NSM-Therapie)
Die Axomera-Therapie (ehem. NSM-Therapie) ist eine neuartige Therapie, die aus der Erfahrung mit der Akupunktur und neuen Erkenntnissen der elektrischen Zellphysiologie entstanden ist. Sie wird oft in Kombination mit der Akupunktur eingesetzt und zeigt bei vielen Schmerzerkrankungen erstaunliche Effekte. Für den Patienten ähnelt die Axomera-Therapie einer Akupunktur, sie ist jedoch technisch völlig anders und medizinisch aufwendiger und dauert 30 Minuten.
Akupressur als Alternative für zu Hause
Anders als Akupunktur kannst du Akupressur recht einfach selbst durchführen. Die größte Wirkung erzielst du, wenn du die richtigen Punkte ansprichst. Am besten nutzt du dafür eine Anleitung mit Bild. Es gibt für diesen Zweck eine ganze Reihe empfehlenswerter Bücher und YouTube-Videos.
Übungen für verschiedene Beschwerden
- Gegen Übelkeit: Suche den Punkt auf der Innenseite deines linken Handgelenks, zwei Finger breit oberhalb der Stelle, wo du den Puls findest, und klopfe dann mit deinem rechten Mittelfinger leicht auf diese Stelle. Nach einer Minute wechselst du die Seite.
- Kopfschmerzen: Kopfschmerzen auf der linken Seite kannst du durch eine Akupressur des linken Handrückens lindern und umgekehrt. Den Punkt findest du, indem du den Daumen der einen Hand zwischen dem kleinen und dem Ringfinger der anderen Hand ansetzt und von dort aus bis zum Handgelenk fährst. An der Stelle, wo man gewöhnlich eine Armbanduhr trägt, ist ein Knöchel. Kurz davor befindet sich eine kleine Vertiefung - presse deinen Daumen fest auf diese Stelle.
- Besser einschlafen: Massiere den Punkt zwischen deinen Augenbrauen mit dem rechten Mittelfinger mindestens fünf Minuten lang sanft nach unten.
- Wieder munter werden: Hierfür legst du den linken Daumen auf die Innenseite des rechten Handgelenks - und zwar auf die Stelle, an der du den Puls spürst. Drücke zwei- bis dreimal nicht zu fest auf diesen Punkt. Das regt Herz und Kreislauf an.
Praktische Aspekte der Akupunkturbehandlung
Eine Akupunktursitzung beginnt typischerweise mit einer gründlichen Anamnese, bei der der Therapeut Fragen zum allgemeinen Gesundheitszustand, Lebensstil und spezifischen Symptomen stellt. Die Nadeln, die in der Akupunktur verwendet werden, sind sehr dünn und Sie werden diese in der Regel kaum spüren. Die Nadeln bleiben für 20 bis 30 Minuten im Körper. Die Häufigkeit und Anzahl der Behandlungen variieren je nach Beschwerdebild. In der Anfangsphase sind häufig 1-2 Sitzungen pro Woche empfehlenswert. Im Schnitt sind 15 Behandlungen notwendig. Mit fortschreitender Besserung kann die Frequenz reduziert werden. Es kann sein, dass Sie nach einer initialen Serie von Behandlungen regelmäßige Auffrischungssitzungen benötigen, um die Ergebnisse aufrecht zu erhalten.
Kosten und Krankenkassen
Laut Deutscher Ärztegesellschaft für Akupunktur kostet eine Akupunktur-Behandlung je nach Dauer circa 30 bis 70 Euro. Akupunktur ist eine Selbstzahlerleistung. Sie wird also nicht von gesetzlichen Krankenkassen übernommen, sondern muss aus eigener Tasche gezahlt werden. Einige gesetzliche Krankenkassen erkennen die Akupunktur als therapeutisch sinnvolle, alternative Behandlungsmethode an und beteiligen sich anteilig an den Kosten.
Weitere unterstützende Maßnahmen
Neben der Akupunktur gibt es noch weitere Maßnahmen, die bei Migräne und Übelkeit helfen können:
- Akupressur: Akupunktur kann in den beschwerdefreien Intervallen sehr gut zur Migräne-Vorbeugung eingesetzt werden.
- Entspannungstechniken: So können bei Migräne Akupressur, verschiedene Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training helfen, Spannungszustände im Körper zu lindern, die Migräne und andere Kopfschmerzen begünstigen können.
- Sportliche Betätigung: Eine regelmäßige sportliche Betätigung fördert Durchblutung und Stressabbau.
- Ausreichend Schlaf: Nicht zuletzt sorgt ausreichender und vor allem regelmäßiger Schlaf für die nötige Regeneration.
- Vermeidung von Triggerfaktoren: Wichtig ist es auch, die Triggerfaktoren zu kennen, die Migräne oder Spannungskopfschmerzen auslösen. Häufig sind es Schlafmangel, Stress, Verspannungen evtl.
- Mikronährstoffe: Auch eine ausreichende Versorgung mit lebensnotwendigen Mikronährstoffen kann vorbeugend wirken. Bei Migränepatienten hat sich herausgestellt, dass sie oft niedrige Werte von Vitamin B2, (Riboflavin), Coenzym Q10 und Magnesium haben, die sehr wichtig für den Energiestoffwechsel im Gehirn sind. Kapseln, die ausreichend hoch dosiert sind, haben sich in der Prophylaxe der Migräne als hilfreich erwiesen, sollten aber über längere Zeit eingenommen werden.
- Schmerzmittel: Insbesondere als Akuttherapie hat eine ärztlich begleitete Schmerzmedikation schon vielen Patienten Erleichterung verschafft. Verschiedene Wirkstoffgruppen stehen rezeptfrei zur Verfügung, wie z.B. Ibuprofen, Diclofenac, Acetylsalicylsäure und Paracetamol. Diese sind teilweise auch mit einander kombiniert, manche Präparate enthalten ergänzend Coffein. Bei Migräne ist zusätzlich die Einnahme von Triptanen eine Möglichkeit, wobei manche Wirkstoffe in geringer Menge auch ohne Rezept in der Apotheke erhältlich sind - wir beraten Sie gern.
- Mutterkraut: Neben Akupunktur hat sich die Heilpflanze Mutterkraut als natürliche Unterstützung zur Migräneprophylaxe bewährt. Der enthaltene Wirkstoff Parthenolid hilft, die Gefäßerweiterung im Gehirn zu hemmen, die oft Migräneanfälle auslöst. Studien zeigen, dass regelmäßige Einnahme von Mutterkraut die Anfallshäufigkeit deutlich reduzieren und gleichzeitig Begleitsymptome wie Übelkeit und Lichtempfindlichkeit lindern kann.
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