Die Frage, ob Menschen mit Epilepsie als Krankenschwester oder in anderen Pflegeberufen arbeiten können, ist komplex und vielschichtig. Sie berührt medizinische, rechtliche und persönliche Aspekte. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen von Betroffenen, die Herausforderungen, denen sie begegnen, und die Perspektiven, die sich ihnen eröffnen. Ziel ist es, eine umfassende und differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Thema zu ermöglichen.
Epilepsie: Eine neurologische Erkrankung
Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen. Ungefähr 1% der deutschen Bevölkerung ist betroffen, und ca. 5-10% aller Menschen erleiden zumindest einmalig im Leben einen epileptischen Anfall. Ein einzelner epileptischer Anfall ist jedoch noch keine Epilepsie. Erst wenn mindestens zwei unprovozierte Anfälle auftreten, spricht man von Epilepsie. Bei einem epileptischen Anfall entladen sich viele Nervenzellen gleichzeitig und reizen entweder einzelne Hirnregionen oder beide Gehirnhälften. Dieser ungewohnte Impuls führt zum Anfall. Die Ausprägungen von Epilepsie sind vielfältig, von schwachen Auswirkungen (Petit Mal) bis zu starken Auswirkungen (Grand Mal, Status Epilepticus).
Erfahrungen von Menschen mit Epilepsie im Pflegeberuf
Die Erfahrungen von Menschen mit Epilepsie im Pflegeberuf sind unterschiedlich. Einige Betroffene können ihren Beruf problemlos ausüben, während andere mit Herausforderungen konfrontiert sind.
Maria-Theresia Jungbauer, eine Gesundheits- und Krankenpflegerin, erhielt die Diagnose Epilepsie vor fünf Jahren. Seitdem ist sie medikamentös eingestellt und hat keinen Anfall mehr gehabt. Sie macht Früh- und Spätdienst, aber keine Nachtdienste. Für diese Rücksichtnahme der Kollegen ist sie sehr dankbar. Seit Anfang 2024 macht sie eine Ausbildung zur Epilepsie-Fach-Assistentin (EFA). Mit dieser Qualifikation ist sie auf der Station erste Ansprechpartnerin für die Epilepsie-Patienten und auch für die Kollegen, an die sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen gerne weitergibt.
Andere Betroffene berichten von Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden oder den Beruf nach der Ausbildung auszuüben. Eine Krankenschwester mit Epilepsie sagte, dass es schwierig sei, eine Stelle zu bekommen, da sie nie alleine arbeiten dürfe. Eine andere Person berichtete, dass ihre Freundin zwar die Ausbildung geschafft habe, aber danach nicht mehr in dem Beruf arbeiten konnte, da die Krampfanfälle durch Stress und unregelmäßige Arbeitszeiten häufiger wurden.
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Einige Betroffene haben positive Erfahrungen in der Pflege für Menschen mit geistiger Behinderung gemacht. Dort war die Epilepsie kein Problem, und sie mussten kein Gutachten vom Arzt vorlegen.
Rechtliche und medizinische Aspekte
Die Eignung für den Pflegeberuf hängt von der individuellen Krampfneigung ab. Stress und Schichtdienst können Krampfanfälle provozieren. Daher ist es wichtig, dass die Epilepsie medikamentös gut eingestellt ist und dass die Arbeitsbedingungen angepasst werden.
Es gibt keine Berufe, die bei der Diagnose Epilepsie generell ungeeignet sind. Allerdings müssen die individuellen Risiken und Einschränkungen berücksichtigt werden. Wichtig ist, wie hoch das Anfallsrisiko noch ist und welche Anfälle auftreten. Treten die Anfälle plötzlich auf, oder gibt es Vorboten? Sind Anfälle während der Arbeitszeit wahrscheinlich?
Eine Eigengefährdung besteht z.B. bei der Gefahr, durch Anfälle mit gesundheitsschädlichen elektrischen Spannungen, infektiösen oder toxischen Stoffen in Berührung zu kommen. Fremdgefährdung ist z.B. gegeben bei anfallsbedingter Unterbrechung der Aufsicht von Minderjährigen bzw. Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen im Bereich sozialpflegerischer oder pädagogischer Berufe.
Menschen mit Epilepsie müssen ihrem Arbeitgeber die Diagnose Epilepsie nur mitteilen, wenn es die Arbeit erheblich beeinflusst. Betroffene müssen die Epilepsie in diesen Fällen selbst ansprechen, nicht nur, wenn der Arbeitgeber es erfragt.
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Herausforderungen im Arbeitsalltag
Menschen mit Epilepsie im Pflegeberuf können mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert sein:
- Stress und Schichtdienst: Der Pflegeberuf ist oft mit hohem Stress und unregelmäßigen Arbeitszeiten verbunden. Dies kann Krampfanfälle provozieren.
- Verantwortung: Pflegekräfte tragen eine hohe Verantwortung für das Wohl ihrer Patienten. Ein Anfall während der Arbeitszeit kann die Patienten gefährden.
- Akzeptanz: Nicht alle Kollegen und Vorgesetzten haben Verständnis für die Situation von Menschen mit Epilepsie.
- Arbeitsplatzanpassung: Es kann notwendig sein, den Arbeitsplatz anzupassen, um die Sicherheit der Betroffenen und der Patienten zu gewährleisten. Dies kann z.B. den Verzicht auf Nachtdienste oder die Zuteilung zu bestimmten Aufgaben umfassen.
Unterstützungsmöglichkeiten und Hilfen
Es gibt verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten und Hilfen für Menschen mit Epilepsie im Pflegeberuf:
- Medikamentöse Einstellung: Eine gute medikamentöse Einstellung ist die wichtigste Voraussetzung für die Ausübung des Pflegeberufs.
- Beratung: Epilepsieberatungsstellen bieten Betroffenen und ihren Angehörigen Beratung und Unterstützung.
- Schwerbehindertenausweis: Ein Schwerbehindertenausweis kann den Zugang zu bestimmten Leistungen und Hilfen erleichtern.
- Arbeitsplatzanpassung: Der Arbeitgeber ist verpflichtet, den Arbeitsplatz so anzupassen, dass die Betroffenen ihren Beruf ausüben können.
- Arbeitsassistenz: In bestimmten Fällen kann eine Arbeitsassistenz helfen, die krankheitsbedingten Einschränkungen zu kompensieren.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein.
Berufliche Alternativen
Wenn die Ausübung des Pflegeberufs aufgrund der Epilepsie nicht möglich ist, gibt es verschiedene berufliche Alternativen:
- Arzthelfer/in: Arzthelfer/innen arbeiten in Arztpraxen und unterstützen die Ärzte bei der Behandlung der Patienten.
- Tätigkeiten in der Patientenverwaltung: Bianca Gehr, die aufgrund ihrer Epilepsie ihren Beruf als Krankenschwester aufgeben musste, arbeitet jetzt in der Patientenverwaltung.
- Studium der Pflegewissenschaften: Ein Studium der Pflegewissenschaften kann zu einer Tätigkeit als Pflegedienstleitung oder in anderen leitenden Positionen führen.
- Arbeit in einem Altenheim: Einige Betroffene haben positive Erfahrungen mit der Arbeit in einem Altenheim gemacht.
- Mobile Krankenpflege: Obwohl hier die Gefahr des Alleinseins besteht, könnte dies eine Option sein, wenn die Anfälle gut kontrolliert sind.
Petition für ein Epilepsie-Register
Bianca Gehr kämpft dafür, dass es in Zukunft ein Epilepsie-Register gibt. Für Krebs, Diabetes und eine Reihe von anderen Erkrankungen gibt es bereits Register. Für Epilepsie nicht. Obwohl aktuell etwa 660.000 Menschen in Deutschland an Epilepsie erkrankt sind und die Zahl weiter zunimmt. Ein solches Register könnte dazu beitragen, die Therapie für Epilepsiepatienten zu verbessern und die Forschung voranzutreiben.
Umgang mit Anfällen im Arbeitsumfeld
Es ist wichtig, dass Kollegen und Vorgesetzte wissen, wie sie sich im Falle eines Anfalls verhalten sollen. Einige praktische Tipps:
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- Gegenstände aus dem Weg schaffen, die eine Gefahr im Anfall darstellen könnten.
- Eine kleine Unterlage unter dem Kopf ist gut, um Verletzungen zu vermeiden.
- Den Betroffenen krampfen lassen. Keine Versuche, ihn in Seitenlage zu bringen oder ins Bett zu legen.
- Wenn der Betroffene auf einem Stuhl sitzt und einen starken Krampfanfall hat, ihn lieber zu Boden gleiten lassen, anstatt ihn dort krampfhaft festzuhalten.
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