Die Epilepsie, eine der häufigsten chronischen Erkrankungen des Nervensystems, ist seit der Antike bekannt. Der Begriff selbst stammt aus dem Griechischen und bedeutet "packen, jemand heftig ergreifen". Im Laufe der Geschichte wurde die Epilepsie mit vielen unterschiedlichen Namen belegt, die oft die damaligen Vorstellungen über Ursachen und Bedeutung der Krankheit widerspiegelten. Dieser Artikel beleuchtet die alten Bezeichnungen für Epilepsie, ihre historischen Hintergründe, die moderne Sichtweise auf die Erkrankung und die aktuellen Behandlungsmöglichkeiten.
Historische Bezeichnungen und ihre Bedeutung
Die Epilepsie hat im Laufe der Geschichte viele Namen erhalten, die die vorherrschenden Ansichten über ihre Ursachen und ihren Stellenwert in den jeweiligen Epochen widerspiegeln.
- "Hiera nosos" (Heilige Krankheit): Diese Bezeichnung wurde von den Griechen verwendet und deutet darauf hin, dass man die Epilepsie als von den Göttern gesandte Krankheit ansah.
- "Morbus lunaticus" (Mondsucht): Die Römer glaubten, dass die Epilepsie durch den Einfluss des Mondes verursacht wurde.
- "Dämonische Krankheit": Im europäischen Mittelalter wurde die Epilepsie oft als Werk von Dämonen oder als Besessenheit angesehen.
- Veitstanz: Eine weitere alte Bezeichnung für Epilepsie.
Diese Namen verdeutlichen, dass die Epilepsie lange Zeit mit Aberglauben und übernatürlichen Kräften in Verbindung gebracht wurde. Sie rief Angst, Entsetzen und Abscheu hervor, insbesondere der sogenannte "Grand mal"-Anfall.
Die moderne Sichtweise auf Epilepsie
Heute wissen wir, dass Epilepsie eine neurologische Erkrankung ist, die durch eine vorübergehende Funktionsstörung des Gehirns verursacht wird. Diese Funktionsstörung äußert sich in epileptischen Anfällen, die verschiedene Formen annehmen können.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist gekennzeichnet durch wiederholte epileptische Anfälle, die unprovoziert auftreten. Ein einzelner Anfall wird als "Gelegenheitsanfall" bezeichnet. Etwa 5-10% aller Menschen erleben einmal im Leben einen solchen Anfall, der beispielsweise durch akute Vergiftungen, Hirnverletzungen oder Stoffwechselstörungen ausgelöst werden kann. Von Epilepsie spricht man jedoch erst, wenn mindestens zwei unprovozierte Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden auftreten oder wenn ein erhöhtes Rückfallrisiko besteht.
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Ursachen von Epilepsie
Die Ursachen für Epilepsie können vielfältig sein:
- Hirnverletzungen durch Unfälle oder Tumore
- Schädigungen durch Alkohol
- Hirnentzündungen
- Hirnblutungen
- Sauerstoffmangel während der Geburt
- Fehlbildungen in der Hirnentwicklung
- Durchblutungsstörungen (z.B. Schlaganfall)
- genetische Faktoren
Arten von epileptischen Anfällen
Epileptische Anfälle können sehr unterschiedlich aussehen. Man unterscheidet zwischen fokalen und generalisierten Anfällen.
- Fokale Anfälle: Entstehen in einem umschriebenen Ort im Gehirn. Die Symptome hängen davon ab, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist. Fokale Anfälle können mit oder ohne Bewusstseinsverlust auftreten.
- Generalisierte Anfälle: Umfassen von Anfang an beide Gehirnhälften. Es gibt verschiedene Arten von generalisierten Anfällen, wie z.B. Absencen (kurze Bewusstseinspausen) oder tonisch-klonische Anfälle (früher Grand mal genannt).
Beispiele für Anfallsformen:
- Bilateral tonisch-klonischer Anfall (Grand mal): Plötzliche Verkrampfung aller Gliedmaßen, Bewusstlosigkeit, Aussetzen der Atmung, rhythmische Zuckungen am ganzen Körper.
- Nicht bewusst erlebte Anfälle: Eingeschränkte oder aufgehobene Reaktionsfähigkeit, automatische Bewegungen oder Verhaltensweisen.
- Absencen: Plötzliches Innehalten, keine Reaktion auf Ansprache.
- Myoklonische Anfälle: Kurze, unwillkürliche Muskelzuckungen.
- Atonische Anfälle: Plötzlicher Verlust des Muskeltonus, was zu Stürzen führen kann.
Diagnose von Epilepsie
Die Diagnose von Epilepsie basiert auf verschiedenen Faktoren:
- Anamnese: Erfassung des Anfallserlebens des Betroffenen und Fremdbeschreibung durch Angehörige oder Zeugen. Videoaufnahmen von Anfällen können sehr hilfreich sein.
- EEG (Elektroenzephalogramm): Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns, um "epilepsietypische Potenziale" zu finden.
- MRT (Magnetresonanztomogramm): Erstellung von Schichtbildern des Gehirns, um strukturelle Veränderungen wie Narben oder Tumore zu erkennen.
- Lumbalpunktion: Entnahme von Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, um Entzündungen als Ursache auszuschließen.
Es ist wichtig zu beachten, dass ein normales EEG oder MRT eine Epilepsie nicht ausschließt.
Behandlung von Epilepsie
Die wichtigste und häufigste Therapie ist die Behandlung mit Medikamenten, die das Gehirn vor epileptischer Aktivität abschirmen ("anfallssuppressive Medikation"). Ziel ist ein vollständiges Ausbleiben der Anfälle ohne nennenswerte Nebenwirkungen.
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Medikamentöse Therapie
- Antiepileptika: Diese Medikamente wirken direkt auf das Nervensystem und die Nervenzellen. Sie hemmen die Reizweiterleitung der Nerven und vermindern die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn. Die Behandlung erfolgt oft über Jahre, manchmal lebenslang.
- Wirkmechanismen: Blockierung epileptischer Impulse und Verhinderung der Ausbreitung epileptischer Aktivität.
Nicht-medikamentöse Therapieverfahren
- Epilepsiechirurgie: Wird empfohlen, wenn Medikamente keine Besserung bringen, der Anfallsursprung eine umschriebene Veränderung im Gehirn ist und die Entfernung dieses "Anfallherds" ohne größere Verletzung anderer wichtiger Hirnfunktionen möglich ist.
- Neurostimulation: Verfahren, bei denen Strukturen im Gehirn oder solche, die dorthin führen (wie der Vagus-Nerv), mit niedriger Stromstärke stimuliert werden. Beispiele sind die Vagusnervstimulation (VNS) und die Tiefe Hirnstimulation.
- Ketogene Diät: Eine sehr fettreiche Diät, die hauptsächlich bei jüngeren Kindern eingesetzt wird.
- Verhaltenstherapeutische Verfahren: Manche Menschen können lernen, ihre Anfälle mittels verhaltenstherapeutischer Verfahren zu unterbrechen.
- Anpassung von Tagesstruktur und Schlaf-Rhythmus: Regelmäßiger Schlaf und eine strukturierte Tagesroutine können helfen, Anfälle zu vermeiden.
- Vermeidung spezieller Auslösefaktoren: Manche Menschen haben spezifische Auslöser für ihre Anfälle, wie z.B. Flackerlicht oder Stress.
Epilepsiechirurgie im Detail
Die Epilepsiechirurgie ist eine etablierte Behandlungsmethode, die in spezialisierten Zentren durchgeführt wird. Im Rahmen einer stationären prächirurgischen Abklärung wird geprüft, ob die epileptischen Anfälle von einer bestimmten Stelle des Gehirns ausgehen und ob es möglich ist, diese operativ zu entfernen, ohne dass der Patient Störungen im Bereich von Gedächtnis, Kraft oder Sprache erleidet.
Ablauf:
- Prächirurgische Diagnostik: Umfassende Untersuchungen zur Lokalisation des Anfallsherds.
- Operation: Entfernung des Anfallsherds.
- Rehabilitation: Stationärer Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik mit Epilepsie-Schwerpunkt.
- Nachsorge: Regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen über mehrere Jahre.
- Medikamentenreduktion: Nach Absprache mit dem behandelnden Arzt kann versucht werden, die Medikamente abzusetzen, wenn keine weiteren Anfälle aufgetreten sind.
Neurostimulation im Detail
Die Neurostimulation umfasst verschiedene Verfahren, bei denen Strukturen im Gehirn oder Nerven, die zum Gehirn führen, mit schwachen elektrischen Impulsen stimuliert werden. Ziel ist es, die Anfallsfrequenz zu reduzieren.
- Vagusnervstimulation (VNS): Der 10. Hirnnerv (Vagusnerv) wird im linken Halsbereich stimuliert. Dafür wird ein Pulsgenerator in eine Hauttasche unter dem linken Schlüsselbein eingesetzt.
- Transkutane Vagusnervstimulation (tVNS): Eine nicht-invasive Methode, bei der spezielle Nervenfasern über eine Ohrelektrode am Ohr durch sanfte elektrische Impulse aktiviert werden.
- Transkranielle Magnetstimulation (TMS): Hier erfolgt die Stimulation durch die Schädeldecke, um übererregte Hirnstrukturen zu erreichen.
- Tiefe Hirnstimulation (DBS): Elektroden werden in bestimmte Strukturen im Gehirn implantiert, meist auf beiden Seiten. Dieses Verfahren hat sich bei Bewegungsstörungen etabliert und kann auch bei Epilepsie die Anfallshäufigkeit reduzieren, insbesondere bei komplex-fokalen Anfällen und Temporallappenepilepsien.
Soziale Folgen von Epilepsie
Epilepsien haben nicht nur medizinische, sondern auch soziale Folgen. Viele Betroffene müssen sich beruflich neu orientieren oder ihre Aufgaben anpassen. Vorurteile gegenüber Menschen mit Epilepsie sind leider immer noch verbreitet.
Vorurteile und Stigmatisierung
Eine Umfrage aus dem Jahr 1996 zeigte, dass Epilepsie mit vielen Vorurteilen behaftet ist. Einige Menschen glaubten, dass es sich um eine Geisteskrankheit handelt oder lehnten den Umgang mit Betroffenen ab. Solche Vorurteile führen dazu, dass Menschen mit Epilepsie ihre Erkrankung verschweigen und sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen.
"Epilepsie braucht Offenheit"
Es gibt eine weltweite Kampagne unter dem Motto: "Epilepsie braucht Offenheit", um über die Krankheit aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Prominente Persönlichkeiten mit Epilepsie zeigen, dass ein normales Leben mit der Erkrankung möglich ist.
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Beratungsstellen und Schulungsprogramme
In den letzten Jahren sind Beratungsstellen für Menschen mit Epilepsie entstanden. Es gibt auch Schulungsprogramme für erwachsene Betroffene, Kinder mit Epilepsie und deren Eltern, die den Umgang mit der Erkrankung erleichtern und den Austausch fördern.
Altersepilepsie: Besonderheiten im höheren Lebensalter
Die Altersepilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im höheren Lebensalter. Sie unterscheidet sich in einigen Aspekten von der Epilepsie in jüngeren Jahren.
Symptome der Altersepilepsie
Epileptische Anfälle im Alter verlaufen oft leichter. Typische Anzeichen sind:
- Zuckungen einzelner Muskeln (z.B. Gesichtsmuskeln)
- Taubheitsgefühle
- Veränderter Geschmack auf der Zunge
- Bewusstseinsstörungen
- Akute Verwirrtheit
- Schwindelanfälle
Die Betroffenen sind nach einem Anfall häufig noch verwirrt, was länger anhalten kann als bei jüngeren Menschen.
Ursachen der Altersepilepsie
Mögliche Ursachen im Alter sind:
- Vernarbungen
- Durchblutungsstörungen (z.B. Schlaganfall)
- Tumore
- Demenz
- Schädel-Hirn-Traumen durch Unfälle
Therapie der Altersepilepsie
Die Altersepilepsie lässt sich häufig gut medikamentös behandeln. Voraussetzung ist eine umfassende Diagnostik, einschließlich EEG und bildgebender Verfahren.
Was tun bei einem epileptischen Anfall?
Es ist wichtig zu wissen, wie man sich bei einem epileptischen Anfall verhält:
- Ruhe bewahren: Überblick verschaffen und auf die Uhr schauen.
- Sicherheit gewährleisten: Gefährliche Gegenstände entfernen, Kissen oder Jacke unter den Kopf legen, enge Kleidung lockern.
- Dabeibleiben: Warten, bis der Anfall vorbei ist.
- Hilfe holen: Wenn der Anfall länger als 5 Minuten dauert oder sich der Betroffene verletzt hat.
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