Was tun nach einem Schlaganfall: Rehabilitation für ein selbstständiges Leben

Ein Schlaganfall ist ein einschneidendes Ereignis, das das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen grundlegend verändern kann. In Deutschland erleiden täglich rund 550 Menschen einen Schlaganfall, was ihn zur häufigsten Ursache für Behinderungen bei Erwachsenen macht. Umso wichtiger ist eine frühzeitige und umfassende Rehabilitation, um verlorene Fähigkeiten wiederzuerlangen und den Alltag möglichst selbstständig bewältigen zu können.

Schlaganfall: Ursachen, Diagnose und Akutbehandlung

Bei einem Schlaganfall, auch Apoplex oder Hirninsult genannt, wird ein Teil des Gehirns nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt. Ursache ist meist ein verstopftes Gefäß durch ein Blutgerinnsel (ischämischer Schlaganfall) oder eine Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall). In beiden Fällen kommt es zu einem plötzlichen Ausfall von Hirnfunktionen.

Schnelles Handeln ist entscheidend: Je eher ein Schlaganfall erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Chancen, dauerhafte Schäden zu minimieren.

Diagnose: Die Diagnose erfolgt in der Regel mittels bildgebender Verfahren wie Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT). Diese Untersuchungen ermöglichen es, die Ursache und das Ausmaß des Schlaganfalls festzustellen.

Akutbehandlung: Ziel der Akutbehandlung ist es, die Schäden im Gehirn so gering wie möglich zu halten. Bei einem ischämischen Schlaganfall kann versucht werden, das Blutgerinnsel durch eine Thrombolyse (medikamentöse Auflösung) oder eine Thrombektomie (kathetergestützte Entfernung) zu beseitigen. Bei einer Hirnblutung kann in manchen Fällen eine Operation erforderlich sein.

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Die Bedeutung der Rehabilitation nach einem Schlaganfall

Nach der Akutbehandlung beginnt die Phase der Rehabilitation. Sie spielt eine entscheidende Rolle, um Betroffenen zu helfen, ihren Alltag möglichst selbstständig zu gestalten und ihre Lebensqualität zu verbessern.

Ziele der Rehabilitation:

  • Wiederherstellung von verlorengegangenen Funktionen
  • Erlernen von Kompensationsstrategien für bleibende Einschränkungen
  • Verbesserung der Alltagskompetenz
  • Psychische Stabilisierung und Krankheitsverarbeitung
  • Vermeidung eines erneuten Schlaganfalls (Sekundärprävention)

Evgeniya Balabanova-Hristova, Chefärztin der MEDICLIN Klinik am Rennsteig, betont: "In der MEDICLIN Klinik am Rennsteig helfen wir unseren Schlaganfallpatient:innen dabei, Fähigkeiten und verlorengegangene Funktionen wiederzuerlangen. Jeder Schlaganfall ist anders."

Phasen der neurologischen Rehabilitation

Die neurologische Rehabilitation ist ein strukturierter Prozess, der in verschiedene Phasen unterteilt ist, um den individuellen Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden.

  • Phase B (Frührehabilitation): Diese Phase findet im Akutkrankenhaus statt und richtet sich an Patienten, die noch intensivmedizinische Betreuung benötigen. Ziel ist es, die Patienten zu stabilisieren und mit ersten rehabilitativen Maßnahmen zu beginnen. Prof. Lars Kellert vom LMU-Klinikum und Dr. Herzog erklären, dass die Frühreha in spezialisierten Einrichtungen wie der Schön Klinik in München-Schwabing stattfindet.

  • Phase C: Diese Phase richtet sich an Patienten, die nicht mehr intensivmedizinisch betreut werden müssen, aber noch erhebliche Beeinträchtigungen aufweisen. Die Rehabilitation findet in einer spezialisierten Rehaklinik statt. Hier liegt der Fokus auf der Wiederherstellung von Funktionen und der Verbesserung der Selbstständigkeit.

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  • Phase D: Diese Phase dient der weiteren Stabilisierung und Integration in den Alltag. Die Rehabilitation kann stationär, teilstationär oder ambulant erfolgen.

Kellert: "Patient*innen, die nach einem Schlaganfall nur ein Kribbeln in einer Hand haben, bekommen zum Beispiel weder Phase C noch D, sondern eine Anschlussheilbehandlung, die wahlweise stationär oder ambulant erfolgen kann. Wer „nur“ nicht mehr laufen kann, bekommt in der Regel eine Phase-C-Reha. Nur wer sich gar nicht mehr selbstständig versorgen kann, also zusätzlich z.B. eine schwere Schluckstörung, eine schwere Störung der Aufmerksamkeit oder des Schlaf-Wach-Rhythmus hat, bekommt eine Frühreha der Phase B."

Inhalte und Therapiemöglichkeiten der Schlaganfall-Rehabilitation

Die Schlaganfall-Rehabilitation umfasst ein breites Spektrum an Therapieangeboten, die individuell auf die Bedürfnisse und Beeinträchtigungen des Patienten abgestimmt werden.

Wichtige Therapiebereiche sind:

  • Physiotherapie (Krankengymnastik): Ziel ist es, die Kontrolle über die Gliedmaßen wiederzuerlangen, die Beweglichkeit zu verbessern und die Muskelkraft zu stärken.
  • Ergotherapie: Hier werden alltagsnahe Fähigkeiten trainiert, wie z.B. Anziehen, Essen, Körperpflege und Haushaltstätigkeiten. Ziel ist es, die Selbstständigkeit im Alltag zu erhöhen.
  • Logopädie: Bei Sprach- und Schluckstörungen unterstützt die Logopädie dabei, die Kommunikationsfähigkeit und die Nahrungsaufnahme zu verbessern.
  • Neuropsychologie: Diese Therapieform hilft bei Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Aufmerksamkeitsdefiziten und anderen kognitiven Beeinträchtigungen.
  • Psychosoziale Unterstützung: Viele Schlaganfallpatienten leiden unter psychischen Problemen wie Depressionen, Angstzuständen oder Gefühlen der Ohnmacht. Psychologische und pädagogische Angebote helfen bei der Krankheitsverarbeitung und der seelischen Stabilisierung.

Zusätzlich können folgende Angebote in der Rehabilitation enthalten sein:

  • Ernährungsberatung
  • Sozialberatung
  • Hilfsmittelversorgung
  • Angehörigenberatung

Die Rolle der interdisziplinären Zusammenarbeit

Eine erfolgreiche Schlaganfall-Rehabilitation setzt eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachkräfte voraus. Ärzte, Therapeuten, Pflegekräfte, Psychologen und Sozialarbeiter arbeiten Hand in Hand, um den Patienten bestmöglich zu unterstützen.

Kellert: "Das LMU-Klinikum hat für seine Schlaganfallpatientinnen mit zahlreichen Rehakliniken in München und Umland eine enge Zusammenarbeit. Wichtig dabei sind gegenseitiges Vertrauen, gewachsene Strukturen und räumliche Nähe. Wir möchten wissen, dass unsere Patientinnen in der Reha gut aufgehoben sind."

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Herzog: "Bei uns gibt es einen standardisierten Anmeldeprozess. In der Regel bekommen die Kolleginnen und Kollegen der Akutversorgung noch am gleichen Tag eine Rückmeldung. Bei den schwerer betroffenen Patient*innen gibt es zusätzlich einen ärztlichen Eins-zu-Eins-Austausch, um die Übergabe sicherer zu machen."

Herausforderungen und Lösungsansätze in der Schlaganfall-Versorgung

Trotz der vielfältigen Rehabilitationsmöglichkeiten gibt es in Deutschland noch Verbesserungspotenzial in der Schlaganfall-Versorgung.

Engpässe bei Reha-Plätzen: Insbesondere in der Frührehabilitation (Phase B) und bei Phase-C- und -D-Betten besteht ein Mangel an Kapazitäten. Dies führt dazu, dass Patienten nicht immer zeitnah in die richtige Rehaphase verlegt werden können.

Herzog: "In ganz Deutschland gibt es ca. 5.000 Frühreha-Betten für die Phase B… Wir gehen aber davon aus, dass es in ganz Deutschland ca. 15.000 Phase-C- oder -D-Betten gibt. Das klingt nach einer großen Zahl, ist aber de facto viel zu wenig."

Bürokratische Hürden: Die Beantragung von Reha-Maßnahmen, insbesondere für Phase-C- und -D-Patienten, ist oft mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden, der den Verlegungsprozess verzögert.

Verbesserung der intersektoralen Versorgung: Der Informationsfluss und die Kommunikationskanäle zwischen den verschiedenen Versorgungsbereichen (Akutklinik, Rehaklinik, Hausarzt, etc.) sind noch nicht optimal.

Lösungsansätze:

  • Ausbau der Reha-Kapazitäten, insbesondere im Bereich der Frührehabilitation
  • Vereinfachung der Antragsverfahren für Reha-Maßnahmen
  • Verbesserung der Zusammenarbeit und des Informationsaustauschs zwischen den verschiedenen Versorgungsbereichen durch Digitalisierung
  • Bessere Vergütung für die Versorgung von Phase-C- und -D-Patienten

Leben nach dem Schlaganfall: Tipps und Unterstützung

Ein Schlaganfall verändert das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen nachhaltig. Es ist wichtig, sich realistische Ziele zu setzen, Geduld zu haben und sich professionelle Unterstützung zu suchen.

Wichtige Aspekte für ein selbstständiges Leben nach dem Schlaganfall:

  • Gesunde Lebensführung: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, der Verzicht auf Nikotin und eine gute Einstellung von Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker sind entscheidend, um einen erneuten Schlaganfall zu vermeiden.
  • Hilfsmittel: Nutzen Sie Hilfsmittel, die Ihnen den Alltag erleichtern.
  • Soziale Kontakte: Pflegen Sie soziale Kontakte und nehmen Sie an Aktivitäten teil, die Ihnen Freude bereiten.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ist eine gute Anlaufstelle, um Kontakt zu Selbsthilfegruppen aufzunehmen.
  • Psychologische Unterstützung: Scheuen Sie sich nicht, professionelle psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Sie unter psychischen Problemen leiden.
  • Anpassung des Wohnumfelds: Gegebenenfalls muss das Wohnumfeld an die neuen Bedürfnisse angepasst werden.
  • Unterstützung im Alltag: Nehmen Sie Unterstützung von Angehörigen, Freunden oder professionellen Pflegediensten in Anspruch.

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