Alzheimer, Autofahren und Unfallrisiko im Alter: Eine umfassende Betrachtung

Mit zunehmendem Alter lassen Reaktionsfähigkeit, Beweglichkeit sowie Hör- und Sehvermögen nach. Auch Krankheiten können dazu führen, dass Autofahrer nicht mehr so sicher unterwegs sind wie früher. Dies wirft die Frage auf, wie die Sicherheit älterer Autofahrer und anderer Verkehrsteilnehmer gewährleistet werden kann. Dieser Artikel beleuchtet die Thematik umfassend, von der aktuellen Rechtslage in Deutschland über Risikofaktoren bis hin zu möglichen Lösungsansätzen.

Aktuelle Rechtslage in Deutschland

In Deutschland gibt es keine allgemeine Fahrtauglichkeitsprüfung für Senioren und keine Pflicht, den Führerschein ab einem gewissen Alter oder aufgrund einer Erkrankung abzugeben. Das Straßenverkehrsgesetz (StVG) besagt in § 2 Absatz 4, dass geeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen ist, wer die notwendigen körperlichen und geistigen Anforderungen erfüllt und nicht erheblich oder nicht wiederholt gegen verkehrsrechtliche Vorschriften oder gegen Strafgesetze verstoßen hat. Die Verantwortung liegt also zunächst beim Einzelnen.

Führerscheinentzug und ärztliches Fahrverbot

Der Führerschein kann im Alter entzogen werden, wenn ein Unfall verursacht wird und die zuständige Behörde ein ärztliches Gutachten zur Überprüfung der Fahrtauglichkeit in Auftrag gibt. Ärzte können aufgrund der Krankengeschichte ihres Patienten ein ärztliches Fahrverbot aussprechen, dies ist jedoch lediglich eine Empfehlung. Generell gilt, dass jeder, der am Straßenverkehr teilnehmen will, selbst sicherstellen muss, dass er dazu in der Lage ist und niemanden gefährdet.

Risikofaktoren im Alter

Statistiken zeigen, dass Senioren, genau wie junge Autofahrer, überdurchschnittlich viele Unfälle verursachen. Wenn Senioren Unfälle bauen, sind sie in 75 Prozent der Fälle auch die Verursacher. Es gibt unterschiedliche Gründe dafür:

  • Verlangsamte Reaktionen: Das Erfassen von unübersichtlichen Situationen gestaltet sich häufig besonders schwierig und lässt ältere Fahrer zum Teil schnell in Panik geraten, was nicht selten zu schweren Verkehrsunfällen führt.
  • Eingeschränkte Wahrnehmung: Viele Rentner hören oder sehen schlechter, ihre Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistung nimmt ab, sie reagieren langsamer und sind zudem in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt.
  • Krankheiten: Alterskrankheiten wie beginnende Demenz, Grauer Star, Diabetes oder auch Medikamente schränken die Fahrtüchtigkeit oftmals ein. Es gibt eine ganze Reihe von Krankheiten, die sich bei Senioren auf die Fahrtauglichkeit auswirken und so das Autofahren im Alter erschweren oder gar unmöglich machen können. Dazu zählen beispielsweise Herzrhythmusstörungen, Linsentrübung (Grauer Star), Schlaganfälle, Diabetes, zu hoher Blutdruck (Hypertonie), Parkinson, erhöhter Augeninnendruck (Glaukom), Herzinsuffizienz, Demenz und Koronare Herzkrankheit (KHK).
  • Medikamente: Manche Arzneimittel rufen Schwindelgefühle hervor, machen müde oder beeinflussen die Wahrnehmung sowie das Reaktionsvermögen. Medikamente, die Rentner beim Autofahren mit Vorsicht genießen sollten, sind unter anderem Insulin, Psychopharmaka, Antihypertensiva (gegen hohen Blutdruck), diverse Augentropfen, Antidiabetika, Hypnotika und Sedativa (Schlaf- und Beruhigungsmittel), Analgetika (gegen Schmerzen), Mittel gegen Muskelverspannungen und Parkinson-Medikamente.

Es ist wichtig zu betonen, dass Senior nicht gleich Senior ist. Viele ältere Fahrer sind auch im hohen Alter noch sehr fit und gesund, und viele Jüngere sind es dagegen nicht oder nicht immer.

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Demenz und Fahrtauglichkeit

Auch Menschen mit Demenz sind nicht automatisch fahruntauglich. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V. haben Studien und praktische Fahrtests gezeigt, dass bei beginnender Demenz die Fahreignung oft noch in hohem Maße gegeben ist. Umso weiter die Krankheit voranschreitet, umso mehr sind Betroffene beeinträchtigt, zum Beispiel in der Wahrnehmung, der Orientierung und der Konzentration. Demenz führt zwangsläufig irgendwann dazu, dass Betroffene nicht mehr sicher am Straßenverkehr teilnehmen können.

Warnsignale und Selbstreflexion

Es existieren diverse Warnsignale, bei denen Sie überlegen sollten, auf das Autofahren im Alter zu verzichten. Auch wenn Sie nicht an einer Krankheit leiden, die Ihre Fahrtauglichkeit beeinträchtigt, schleichen sich mit dem Alter häufig dennoch gewisse Defizite ein, die sich negativ auf Ihre Fahrweise auswirken können. Oft ist es allerdings nicht der alte Autofahrer selbst, dem bestimmte Mängel an seiner Fahrweise auffallen. Vielmehr werden Senioren in der Regel von ihrem Beifahrer oder anderen Mitfahrern darauf hingewiesen.

Dass Sie sich langsam aber sicher darauf einstellen sollten, auf das Autofahren im Alter zu verzichten, lässt sich unter anderem anhand der folgenden Anzeichen ausmachen:

  • Obwohl Sie auf einer Strecke unterwegs sind, die Ihnen bestens bekannt ist, fühlen Sie sich nicht sicher.
  • Es ist Ihnen nicht mehr möglich, sich dem Verkehrsfluss anzupassen (Sie fahren zu schnell und halten den vorgeschriebenen Abstand nicht ein oder Sie fahren auffallend langsam und unsicher).
  • Sie scheinen keine Notiz vom Gegenverkehr oder den anderen Verkehrsteilnehmern zu nehmen und legen keine vorausschauende Fahrweise mehr an den Tag.
  • Sie benötigen beim Autofahren im Alter länger, um Ampeln oder Verkehrsschilder wahrzunehmen.
  • Sie haben beim Parken, Wenden oder Abbiegen motorische sowie koordinative Probleme (vor allem mit dem Schulterblick).
  • Sie bremsen sehr häufig.
  • Sie können Ihr Fahrzeug nicht mehr zuverlässig in der Spur halten und ignorieren beim Überholen oder Abbiegen die Kontrolle des toten Winkels.
  • Sie bemerken das Vorliegen einer komplexen Situation zu spät und sind dann überfordert oder verfallen in Panik.
  • Es befinden sich immer mehr Kratzer an Ihrem Fahrzeug.

Möglichkeiten zur Überprüfung der Fahrtauglichkeit

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die eigene Fahrtauglichkeit im Alter zu überprüfen:

  • Hausarzt: Ein Besuch beim Hausarzt ist ein erster Schritt. Bei der Fahrtauglichkeitsuntersuchung wird der allgemeine Gesundheitszustand überprüft sowie ein Blutbild und ein EKG erstellt. Gegebenenfalls werden Sie für einen Hör- und Sehtest zum Ohren- bzw. Augenarzt überwiesen.
  • Online-Tests: Eine erste Einschätzung zu Ihrer Fahrtauglichkeit erhalten Sie auch über Online-Tests des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) oder der Alzheimer Forschung Initiative e. V.
  • Fahrtauglichkeitsprüfung: Der Ablauf der Fahrtauglichkeitsprüfung ist bei jedem Anbieter unterschiedlich. Meistens besteht der Check aus einer Begutachtung durch einen Verkehrsmediziner, einer psychologischen Begutachtung und einem praktischen Teil, bei dem das Fahrverhalten bewertet wird. Anbieter sind beispielsweise der ACE, der ADAC, ausgewählte Fahrschulen sowie der TÜV.
  • Fahr-Fitness-Check: Der ADAC bietet regelmäßig Fahr-Fitness-Checks (auch speziell für Senioren) an. So ein Test dauert 90 Minuten und kostet für Nicht-Mitglieder 79 Euro (Mitglieder zahlen 59 Euro).

Alternativen zum Autofahren

Wer sich dazu entschließt, im Alter auf das Autofahren zu verzichten, kann seinen Führerschein bei der zuständigen Fahrerlaubnisbehörde freiwillig abgeben. Dort müssen Sie eine Verzichtserklärung unterschreiben und erhalten eine Bestätigung darüber, dass Sie freiwillig auf Ihren Führerschein verzichten. Immer mehr Städte und Gemeinden bieten Alternativen an, wenn das Autofahren für Senioren keine Option mehr ist und diese daher beschlossen haben, sich freiwillig von ihrem Führerschein zu trennen. Diese bestehen beispielsweise aus einem kostenlosen Jahresticket oder vergünstigten Monatskarten für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, sodass Sie als Rentner nicht Ihre gesamte Mobilität einbüßen.

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Diskussion um verpflichtende Tests

Die Frage, ob verpflichtende Fahrtauglichkeitstests für ältere Autofahrer eingeführt werden sollten, ist umstritten. Die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins (DAV) fordert gesetzlich verbindliche Gesundheitstests für Autofahrer ab dem 75. Lebensjahr. Andere Fachleute wehren sich gegen starre Altersgrenzen und warnen, dass vorgeschriebene Gesundheitschecks für nur eine bestimmte Altersgruppe in der Bevölkerung diskriminierend sein könnten.

Argumente für verpflichtende Tests:

  • Statistische Zahlen zeigen, dass Fahrer über 75 Jahre überproportional häufig Verursacher von Verkehrsunfällen sind.
  • Alterskrankheiten wie beginnende Demenz, Grauer Star, Diabetes oder auch Medikamente schränken die Fahrtüchtigkeit oftmals ein.
  • Viele Menschen bemerken ihre eigenen Defizite nicht.

Argumente gegen verpflichtende Tests:

  • Die meisten älteren Autofahrer können ihre Fahrtüchtigkeit gut einschätzen. Sie verzichten von sich aus nach und nach auf Nachtfahrten und längere Touren.
  • Statistisch betrachtet steigt die Gefahr für einen tödlichen Verkehrsunfall nicht erst im hohen Alter, sondern schon ab 55 Jahren kontinuierlich an.
  • Die meisten älteren Autofahrer können ihre Fahrtüchtigkeit gut einschätzen. Sie verzichten von sich aus nach und nach auf Nachtfahrten und längere Touren.
  • Verpflichtende Tests könnten zu einer "Falsch-negativ-Quote" führen und arme Rentner überproportional benachteiligen.

Alternative Modelle

Ein alternatives Modell ist eine verpflichtende Rückmeldefahrt, bei der der Rentner beispielsweise 45 Minuten von einem Profi begleitet und beurteilt wird. Die Seniorinnen und Senioren sollten dabei über ihre Fahrtüchtigkeit aufgeklärt werden und müssten im nächsten Schritt aufgrund der Bewertung selbst entscheiden, ob sie den Führerschein abgeben wollen oder nicht. Diese Rückmeldefahrt dürfe nicht an den Verlust der Fahrerlaubnis gekoppelt sein, da dies, schon wegen großer Nervosität, zu vielen Falschurteilen führen würde.

Ein weiteres Modell, das beim Verkehrsgerichtstag in Goslar debattiert wird, ist eine Meldepflicht für Ärztinnen und Ärzte von fahrungeeigneten Menschen. Viele Verbände, darunter auch der ADAC, sind gegen eine solche Meldepflicht, die die ärztliche Schweigepflicht aufbrechen würde. Sie fürchten einen Vertrauensverlust zwischen Arzt und Patient.

Technische Assistenzsysteme

Seit längerer Zeit arbeitet die Autoindustrie an Modellen zum automatisierten Fahren und stattet bereits einige ihrer Wagenserien mit technischen Assistenzsystemen aus. Diese könnten vielleicht ausgleichen, was manch Auto fahrender Rentner körperlich oder geistig nicht mehr schafft.

Unfallversicherung für Senioren

Es gibt Unfallversicherungen, die spezielle Leistungen für Rentner bereitstellen. Gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil verunglücken Menschen ab 65 Jahren seltener bei Verkehrsunfällen als jüngere. Sie sind jedoch überproportional häufig in schwere Verkehrsunfälle verwickelt. Die private Unfallversicherung für Rentner zahlt in der Regel finanzielle Leistungen bei einem Unfall aus. Neben diesen finanziellen Leistungen können Senioren bei einem Unfall auch Rehaleistungen und Hilfeleistungen beim Versicherer abrufen.

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