Alzheimer und Demenz im Fokus: Dokumentationen, Forschung und die Kraft des Singens

Demenz und insbesondere die Alzheimer-Krankheit sind komplexe und vielschichtige Themen, die zunehmend in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken. Dokumentationen, wissenschaftliche Studien und innovative Therapieansätze tragen dazu bei, das Verständnis für diese Erkrankungen zu vertiefen und neue Wege der Unterstützung und Behandlung zu finden. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte von Alzheimer und Demenz, von persönlichen Schicksalen über vielversprechende Forschungsansätze bis hin zu kreativen Therapieformen wie dem Singen im Chor.

Persönliche Einblicke: Dokumentationen über das Leben mit Demenz

Dokumentationen bieten einen intimen und bewegenden Einblick in das Leben von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen. Sie zeigen die Herausforderungen, aber auch die Stärke und den Mut, mit denen Betroffene ihrem Schicksal begegnen.

Terry Pratchett: Leben mit Alzheimer

Die zweiteilige Dokumentation "Terry Pratchett - Leben mit Alzheimer" aus dem Jahr 2009 begleitet den berühmten Fantasy-Autor Terry Pratchett auf seinem Weg mit der Alzheimer-Krankheit. Statt sich zurückzuziehen, wählt Pratchett die Flucht nach vorne und setzt sich öffentlich für die Verbesserung der Heilungschancen von Demenz ein. Die Dokumentation zeigt seinen aufopferungsvollen Einsatz und seinen Kampf gegen das Vergessen von wertvollen Erinnerungen. Er beschreibt die stetige Verschlechterung seines Zustands als ‚das Gefühl, einen Trottel im Kopf zu haben, der Gedanken auslöscht und Wörter von der Zunge klaut‘. Doch diesem „Trottel in seinem Kopf“ will er sich nicht kampflos ausliefern. In Begleitung seines Assistenten reist Pratchett zu den neuesten Forschungszentren. Bei allen Bemühungen der Fachleute ist und bleibt die gehirnzellenvernichtende Krankheit aber bislang unbesiegbar. Am Ende ist es ein Kampf gegen sich selbst und gegen das Vergessen von wunderschönen Erinnerungen wie der Nacht, in der seine Tochter geboren wurde. Es ist aber auch ein Kampf für die Fortsetzung seiner beliebten Fantasie-Geschichten.

"Er muss einer der Jüngsten gewesen sein" - Der Fall Andre Yarham

Ein besonders berührendes Beispiel ist der Fall von Andre Yarham, der im Alter von nur 24 Jahren an Demenz starb. Bei dem Briten war kurz vor seinem 23. Geburtstag eine frontotemporale Demenz infolge einer Proteinmutation diagnostiziert worden. Seine Mutter Samantha Fairbairn macht die Leidensgeschichte nun öffentlich und spricht über die „grausamste“ aller Krankheiten. Im November 2022 bemerkte Fairbairn erste Verhaltensänderungen bei ihrem Sohn. Untersuchungen zeigten eine ungewöhnliche Schrumpfung von Yarhams Gehirn. Nach der MRT-Untersuchung sprach ein Neurologe von einem „Gehirn eines 70-Jährigen“. Trotz des Fortschreitens der Krankheit blieb ein Teil von Yarhams Wesen lange erhalten: „Eines hat die Krankheit bis ganz zum Schluss nicht genommen: seine Persönlichkeit, seinen Humor, sein Lachen und sein Lächeln“, betonte seine Mutter. Nur einen Monat vor seinem Tod verlor er die Fähigkeit zu sprechen und gab nur noch Laute von sich. „Man konnte ihn aber noch lachen hören“, so Fairbairn. Mit ihrer öffentlichen Schilderung wolle sie auch aufklären: „Die Menschen müssen wissen, dass Demenz kein Alter kennt“, sagte Fairbairn. „Er muss einer der Jüngsten gewesen sein.“

Hoffnung durch Forschung: Neue Ansätze in der Demenzbehandlung

Jahrzehntelang galt Demenz als unheilbar - doch das könnte sich bald ändern. Britische Forscher:innen sprechen erstmals von realistischen Chancen auf eine Heilung, vielleicht schon in zehn Jahren. Bisher gibt es noch kein Heilmittel gegen Demenz. Der Krankheitsverlauf lässt sich zwar verlangsamen, nicht aber stoppen. Hoffnung ist aber in Sicht. Wissenschaftler:innen der Universität Edinburgh erklärten gegenüber der "BBC", dass es in Zukunft möglich sein sollte, noch weiter zu gehen - das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit zu stoppen, ihren Ausbruch zu verhindern und, über einen längeren Zeitraum, Menschen zu heilen, die bereits erste Symptome entwickeln.

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Ein veränderter Blickwinkel

In der "BBC"-Sendung "Today" erklärten Wissenschaftler:innen, dass die Krankheit nicht mehr einfach als unvermeidlicher Teil des Alterns betrachtet wird, sondern als ein Zustand, der letztendlich behandelt, verhindert und möglicherweise geheilt werden kann. Medizinerin Clare Durrant erklärte in dem Beitrag: "Die uns derzeit vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf hin, dass es sich um eine Krankheit handelt, und wir wissen aus der Vergangenheit, dass Krankheiten heilbar sind."

Fortschritte in der Forschung

Durrant konnte bereits die Gehirne verstorbener Alzheimer-Patient:innen untersuchen und beobachten, wie Synapsen bei einer Alzheimer-Erkrankung beschädigt werden. Das Interesse an einer Demenzheilung ist so enorm, dass es mittlerweile deutlich mehr Fördermittel gebe, sagt sie. Das erleichtere die Forschung ungemein. Neue Behandlungsformen entstehen, die Auswahl an Medikamenten wächst.

Die Kraft der Musik: Singen als Therapie für Menschen mit Demenz

Musik und insbesondere das Singen können eine positive Wirkung auf Menschen mit Demenz haben. Melodien und Liedtexte können Erinnerungen wachrufen und ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Eine neue ZDF-Produktion, "Der Demenz-Chor", geht dieser Frage nach.

"Der Demenz-Chor": Ein Chorprojekt für Menschen mit Demenz

"Der Demenz-Chor" ist die deutsche Adaption des BBC-Formats "Our Dementia Choir". In der Sendung gründen Demenzkranke einen Chor und singen gemeinsam. Dabei, sowie bei den Proben und einem großen Abschlusskonzert, werden sie mit der Kamera begleitet. Die Sendung will sich auch der wissenschaftlichen Frage nähern, inwieweit sich Musik und Gesang auf die Situation der Demenzkranken auswirken. Annette Frier übernimmt die Moderation des Formats im ZDF. "Das Thema Demenz schlummert gesellschaftlich immer noch oft in einer Tabuzone - Singen ist eine sinnstiftende, gemeinschaftliche Möglichkeit, dieser aktiv zu trotzen", sagt Frier. ZDF-Showchef Oliver Heidemann ergänzt: "Das Thema Demenz ist ebenso aktuell, wie es wichtig ist. Es begegnet uns in der gesellschaftlichen Debatte fast täglich, sei es in den Medien oder aber ganz persönlich im Alltag."

Wissenschaftliche Untermauerung der positiven Effekte

Für die ZDF-Doku hat die Goethe-Universität Frankfurt mit ihrem Arbeitsbereich Altersmedizin eigens eine Pilot-Studie aufgesetzt, um die positiven Effekte des Singens in Gemeinschaft erstmals im deutschsprachigen Raum auch wissenschaftlich zu untermauern. Fragebögen nach jeder Chorprobe, laufende Pulsmessung und Speichelproben zur Bestimmung des Stresshormons Cortisol ergaben im Ergebnis eine maximale Steigerung des subjektiven Wohlbefindens bei den Chorsängerinnen und -sängern. Die Studie soll auch publiziert werden. Ähnlich positiv beschreiben die Wissenschaftler die Auswirkungen auf die Angehörigen, die der Frankfurter Demenzforscher Johannes Pantel als „größten und wichtigsten Pflegedienst der Nation“ bezeichnet.

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"Unvergesslich": Ein berührendes TV-Ereignis

Mit dem Vierteiler „Unvergesslich. Unser Chor für Menschen mit Demenz“ nähert sich das ZDF auf doppelt ungewöhnliche Art einem heiklen Thema. Der Sender und Moderatorin Annette Frier werden bei der Begleitung eines Chorprojekts für Demenzerkrankte über ein Vierteljahr hinweg zu Mitveranstaltern, Frier sogar buchstäblich zur Mitsängerin. Es liegt an der Schauspielerin mit ihrer entwaffnenden Fröhlichkeit und Zugewandtheit in ihren Gesprächen mit den Beteiligten, aber auch an deren Offenheit und - nicht zuletzt - an einer sensiblen Kameraführung, dass die jeweils 45-minütigen Folgen dieses von dem BBC-Format „Our Dementia Choir“ übernommenen Dokutainments zu einem berührenden, aber weder rührseligen noch aufdringlichen TV-Ereignis werden. Unter der Leitung des früheren Wise-Guys-Sängers Eddi Hüneke übt der Chor den Udo-Jürgens-Schlager „Immer wieder geht die Sonne auf“ ein, in Folge 1 unterstützt von Singer-Songwriter Max Mutzke, dem deutschen Eurovision-Teilnehmer 2004. Als zweites steht „Über den Wolken“, der Evergreen von Reinhard Mey, auf Hünekes Probenplan. Das Ansingen gegen „alle Ängste, alle Sorgen“ läuft als Hoffnungsbotschaft eher unterschwellig, an die Zuhörer gerichtet mit. Für das Chorensemble erweisen Texte und Melodien sich schon rein technisch als Herausforderung. Aber die Männer und Frauen von 62 bis 93 sind sicht- und hörbar begeistert bei der Sache - immer mit dem krönenden Ziel eines öffentlichen Auftritts.

Lifestyle-Optimierung und die Grenzen des Biohackings

Auch im Bereich der Lifestyle-Optimierung und des Biohackings gibt es Überlegungen zum Thema Demenz. Chris Hemsworth, bekannt als Donnergott Thor, setzt sich in der Dokumentarserie "Limitless" mit den Grenzen von Körper, Geist und Lebenszeit auseinander. In einer Episode wird er mit einem genetisch bedingten, erhöhten Risiko, an Alzheimer zu erkranken, konfrontiert. "Dieses Warnzeichen war ein weiterer Ansporn, auf mich aufzupassen", erklärte er im Gespräch mit der BBC.

Gesundheit ohne Selbstoptimierungswahn

Hemsworth begegnet dem Trend des Biohackings, der auf die Maximierung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit abzielt, mit Skepsis. "Sie wollen ein längeres und besseres Leben führen, aber zu welchem Preis? Man kann seine genaue Routine haben, aber es hat keinen Sinn, das alles zu tun, wenn man zu Hause isoliert und einsam ist", gibt er zu bedenken. Für ihn ist klar: Gesundheit und Wohlbefinden sind wichtig - aber nicht um den Preis von Lebensfreude. "Ich werde meine Energie in Gesundheit und Wellness stecken, aber ich möchte auch das Leben genießen."

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