Jeder zweite Deutsche hat Angst, an Alzheimer zu erkranken. Das zeigt unter anderem eine Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der DAK. Besonders groß ist die Angst vor dem Vergessen, weil es noch kein Medikament gibt, das die Krankheit heilt. Fest steht jedoch: Je früher Ärzte Alzheimer diagnostizieren, desto besser lässt sich der Gedächtnisschwund zumindest bremsen.
Einführung
Schlaf ist wichtig für die Gesundheit unseres Gehirns. Forscher fanden nun einen Zusammenhang zwischen Schlafgewohnheiten und der Entstehung von Alzheimer. Demnach können Schlafstörungen ein frühes Anzeichen für die Krankheit sein - oder eine mögliche Ursache. Ausreichender Schlaf ist eine Bedingung für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit. Im Schlaf erholt sich der Körper, verarbeitet Erlebnisse und stärkt sein Immunsystem. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Schlafstörungen und der Entwicklung einer Demenz. Einige Studien legen dies nahe.
Der zirkadiane Rhythmus und seine Bedeutung
Unser Körper folgt einem natürlichen 24-Stunden-Takt, dem sogenannten zirkadianen Rhythmus. Dieser innere Taktgeber steuert weit mehr als nur unseren Schlaf. Der Prozess wird vom Gehirn gesteuert, wobei Lichteinwirkung eine zentrale Rolle spielt. Menschen hingegen, bei denen der zirkadiane Rhythmus schwächer ausgeprägt ist, reagieren empfindlicher auf äußere Einflüsse. Forscher um Wendy Wang vom UT Southwestern Medical Center in Dallas wollten wissen, ob sich Muster in der inneren Uhr objektiv messen lassen. Alle Teilnehmer litten zu Studienbeginn nicht an Demenz. 24 Prozent waren schwarz, 76 Prozent weiß. Diese Geräte trugen die Probanden durchschnittlich zwölf Tage lang. Anschließend beobachteten die Wissenschaftler die Teilnehmer rund drei Jahre lang. Die Forscher analysierten verschiedene Messgrößen: Die relative Amplitude zeigt die Rhythmusstärke, also den Unterschied zwischen höchster und geringster Aktivität. Die Fragmentierung misst, wie bruchstückhaft der Rhythmus verläuft. Die Forscher teilten die Studienteilnehmer nach ihrer relativen Amplitude in drei Gruppen ein. In der Gruppe mit niedriger Rhythmusstärke entwickelten 106 von 727 Personen eine Demenz. Wer schlecht schläft, muss nicht in Panik verfallen. "Veränderungen im zirkadianen Rhythmus treten mit zunehmendem Alter auf", erklärt Wendy Wang. Eine spätere Aktivitätsspitze könnte bedeuten, dass eine Diskrepanz zwischen innerer Uhr und Umwelthinweisen besteht. Die Forscher stellten verschiedene Hypothesen auf, wie zirkadiane Störungen und Demenz zusammenhängen könnten. Auch der Schlaf selbst könnte beeinträchtigt werden. "Zukünftige Studien sollten die potenzielle Rolle von Interventionen […] untersuchen", sagt Wang. Die Studie hat wichtige Einschränkungen. Den Forschern lagen keine Informationen zu Schlafstörungen wie Schlafapnoe vor. Auch fehlten Daten zu Demenz-Subtypen.
Schlaf, Gedächtnis und Amyloid-Plaques
Schlaf und Gedächtnis hängen eng zusammen: Besonders im Tiefschlaf kommt es zur Verstärkung gelernter Inhalte durch Wiederholung. Dabei werden Informationen vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis übertragen. Damit verstärkt der Tiefschlaf die Gedächtnisbildung. Untersuchungen zeigen aber, dass fast 40 Prozent der Alzheimer-Patienten an einer Störung des Tiefschlafs leiden. Diese kann allerdings nur im Schlaflabor festgestellt werden, da sich diese Form der Schlafstörung nicht durch Aufwachen oder unruhiges Schlafverhalten bemerkbar macht.
Während des Tiefschlafs wird auch der Flüssigkeitsaustausch im Gehirn verstärkt, um schädliche Stoffwechselprodukte zu entsorgen. Dazu zählen auch spezielle Eiweiß-Ablagerungen, sogenannte Amyloid-Plaques. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Demenz. In Versuchen konnte gezeigt werden, dass sich bei Schlafentzug oder längerem Schlafmangel verstärkt Amyloid-Ablagerungen bilden. Bei natürlichem, erholsamem Schlaf werden diese wieder abgebaut. Ist der Schlaf dagegen gestört, bleibt der Abbau aus und das Eiweiß kann sich im Gehirn ablagern. Dadurch steigt das Risiko für Demenz. Auch Unterbrechungen des Schlafes gingen in einer aktuellen Studie mit einem 1,5 fach erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Demenz einher. „Das sind deutliche Hinweise auf die wichtige Bedeutung des Schlafs für die Entstehung und fortschreitende Entwicklung einer Demenz“, meint Dr. med. Dr. Frohnhofen fasst den aktuellen Forschungsstand zusammen: „Menschen mit Demenz zeigen schon in leichten und mittleren Krankheitsstadien spezifische Veränderungen des Schlafes. Diese treten bereits sehr früh im Krankheitsverlauf auf, noch bevor eine Demenz erkennbar ist, und gehen mit der Ablagerung von Amyloid im Gehirn schon vor dem Krankheitsausbruch ein. Diese können ein Biomarker für eine sich später entwickelnde Demenz sein.“ Um dies abschließend zu klären, sollen der Zusammenhang zwischen Schlaf und Demenz in weitere Studien untersuchten werden. Auch angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung einer Demenz müsse die Schlafmedizin dringend in die Versorgung Demenzkranker eingebunden werden, fordert Dr. Der Zusammenhang von Schlaf und Demenz ist deshalb eines der zentralen Themen bei der 23. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin vom 3. bis 5.
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Beta-Amyloid-Plaques und Schlafstörungen
Dr. Dr. Marc Aurel Busche von der Technischen Universität München konnte nun erstmals nachweisen, dass die für Alzheimer charakteristischen Beta-Amyloid-Plaques bei Menschen mit beginnender Alzheimer-Krankheit direkt für Schlafstörungen verantwortlich sind, denn die Proteinablagerungen aus Beta-Amyloid stören die Aktivität der Nervenzellen massiv. Die Forschung von Dr. Busche wird mit unserem Kurt Kaufmann-Preis in Höhe von 10.000 Euro unterstützt.In einem weiteren Versuch gelang es Dr. Busche, die Aktivität der Nervenzellen während des Schlafs zumindest bei Mäusen zu normalisieren. Hierfür setzte der Forscher einen so genannten Beta-Sekretase-Hemmer ein. Dabei handelt es sich um einen Wirkstoff, der die Bildung von Beta-Amyloid-Plaques verhindern kann. Damit wurden auch die Gedächtnisdefizite der Mäuse geringer.
Im nächsten Schritt wird nun getestet, ob eine frühzeitige Behandlung mit einem Beta-Sekretase-Hemmer auch bei Alzheimer-Patienten wirksam sein könnte. Die Forschungsergebnisse von Dr. Busche leisten einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der Ursachen von Schlafstörungen im frühen Verlauf der Alzheimer-Krankheit. Dies ist von enormer Relevanz für die Therapie aber auch für die Frühdiagnostik der Erkrankung.„Ich möchte mit meiner Forschung erreichen, dass wir die Zusammenhänge zwischen fehlerhaften Gehirnprozessen und den Symptomen der Alzheimer-Krankheit, wie beispielsweise Gedächtnisstörungen, besser verstehen“, sagt Dr.
Studienergebnisse und Beobachtungen
Doch wie erkennen Betroffene und Angehörige eine beginnende Demenz? Typische Symptome sind Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit. Aber auch Schlafstörungen können ein Anzeichen sein. Diese These stärken nun Forscher der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore. Die Wissenschaftler untersuchten 101 Probanden im Alter von über 60 Jahren.
Die Studienteilnehmer dokumentierten über einen Zeitraum von sechs Jahren ihre eigene Schlafqualität. Zudem untersuchten die Forscher die Gehirne der Probanden auf Anhäufungen amyloider Plaques - das Hauptmerkmal für Alzheimer. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis: Wer nachts schlecht schläft und tagsüber müde ist, hat ein erhöhtes Risiko, an Alzheimer zu erkranken.
Damit bestätigen die Wissenschaftler das Ergebnis anderer Studien, die bereits eine Verbindung zwischen Schlafstörungen und Demenz hergestellt haben. Kanadische Forscher entdeckten beispielsweise, dass eine Störung während der REM-Schlafphase auf Krankheiten hindeuten kann, die teilweise erst 15 Jahre später auftreten - unter anderem auf Demenz.
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Schlechter Schlaf, wiederholtes Aufwachen in der Nacht und das Bedürfnis, tagsüber ein Nickerchen zu machen, könnten erste Anzeichen von Alzheimer sein. Der Schaden, der den Alzheimer-Gedächtnisverlust verursacht, kann schon 15 bis 20 Jahre anfangen, bevor überhaupt Symptome der Krankheit festgestellt werden können. Andere Studien haben gezeigt, dass es eine Verbindung zwischen schlechtem Schlaf und Alzheimer und Demenz gibt. Die Erkenntnisse legen auch nahe, dass es das Gehirn schützen könnte, Schlafstörungen früh zu behandeln. Für die Studie untersuchten die Forscher den Schlaf von 189 kognitiv gesunden Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 66 Jahren. Die meisten Versuchsteilnehmer hatten einen relativ gesunden Schlaf und 139 von ihnen hatten keinerlei Anzeichen von Amyloid-Ablagerungen. „Die Menschen in dieser Studie litten nicht an Schlafmangel,“ sagte der Leiter der Studie, Erik Musiek in einer Pressemitteilung. „Aber ihr Schlaf neigte dazu, bruchstückhaft zu sein. Andere Forschungsprojekte in dem Bereich haben gezeigt, dass Menschen, die über schlechten Schlaf klagen, mehr Alzheimer-Anzeichen aufweisen. Das heißt natürlich nicht, dass man von einer schlecht durchschlafenen Nacht gleich Alzheimer bekommt. Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass jede Störung des Schlafs zu Veränderungen im Gehirn führt, sowohl für Mäuse als auch für Menschen. Bekannt ist jedoch auch, dass es Menschen mit diesen Anlagerungen schwerfällt, den reinigenden Tiefschlaf zu erreichen. Forschende verstehen die molekularen Mechanismen immer noch nicht komplett, die Alzheimer verursachen.
Schlaf als Entgiftungsprozess des Gehirns
Wie sich Schlaf auf unser Gehirn auswirkt, untersuchten Wissenschaftler der University of Rochester bereits 2013 an Mäusen. Sie stellten fest: Schlaf entgiftet das Gehirn. Der sogenannte interstitielle Raum zwischen den Gehirnzellen weitet sich über Nacht und wird zu einem Entsorgungssystem für Abfallstoffe. So werden giftige Stoffwechselprodukte aus dem Gehirn geleitet.
Das könnte erklären, wieso schlechter Schlaf Demenz fördert. Wer dauerhaft schlecht schläft, sollte sich ärztlich untersuchen lassen.
Aktuelle Therapieansätze und Forschungsperspektiven
Große Hoffnungen und ebenso große Enttäuschungen - so fasst Jessen die letzten 20 Jahre der Alzheimerforschung zusammen. Kürzlich wurde ein Wirkstoff zumindest in den USA zugelassen. Zu Beginn konzentrierte sich die Suche nach einem Wirkstoff für eine Alzheimertherapie vor allem darauf, die Amyloid-Last im Gehirn zu mindern. "Und zwar mit der Gabe von Antikörpern oder einer Impfung", sagt Jessen. Hier konnten Forschende auch tatsächlich kleine Erfolge erzielen. So gelang es in Studien, Amyloid im Gehirn zu reduzieren. Nur: Der erhoffte Effekt auf den Krankheitsverlauf blieb aus. Die Amyloid-Last war geringer, aber die Symptome schritten ähnlich schnell fort. "Die Wirkung ist also viel schwächer als erhofft", sagt Jessen. "Man dachte eigentlich, wenn man Amyloid abräumt, hat man die Erkrankung gestoppt." Könnte es daran liegen, dass man die richtige Dosis noch nicht gefunden hat? Oder diese Wirkstoffe zu spät gibt? Ein kleiner, aber höchst umstrittener Erfolg: Die US-Zulassungsbehörde FDA hat kürzlich den Wirkstoff Aducanumab des US-Unternehmens Biogen zugelassen, ein Antikörper, der sich ebenfalls gegen das Beta-Amyloid-Eiweiß richtet. Denn eigentlich mussten die Studien zu Aducanumab abgebrochen werden, das Mittel konnte den geistigen Verfall nicht stoppen. Der vermeintliche Nutzen ist allerdings umstritten, ebenso wie die Zulassung. So bezweifeln Wissenschaftler:innen, dass sich eine kognitive Verbesserung tatsächlich im Alltag der Patient:innen zeigt. Etwa jede:r dritte Patient:in entwickelt den Daten zufolge Gehirnschwellungen. Die verliefen zwar meist symptomlos, können aber auch gefährlich werden. Wird das Medikament verabreicht, muss daher das Gehirn mit bildgebenden Verfahren beobachtet werden, auch das kostet. Die FDA hat bei der Zulassung daher gefordert, dass Biogen die klinische Wirksamkeit von Aducanumab in einer weiteren Studie nachweisen muss. Gelingt das nicht, kann das Medikament wieder vom Markt genommen werden. Mittlerweile hat die FDA sogar eine unabhängige Untersuchungskommission aufgefordert, ihre eigene Entscheidung zu überprüfen. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat den Antrag auf Zulassung von Aducanumab zur Behandlung von Alzheimerdemenz in der EU im Dezember 2021 abgelehnt. Die Wirksamkeit sei nicht nachgewiesen, schwere Nebenwirkungen möglich. Auch Beta-Sekretase-Hemmer, die die Produktion von Beta-Amyloid im Gehirn reduzieren sollen, brachten in Studien bislang nicht den erhofften Erfolg. Im Moment laufen Therapiestudien, die sich gegen die Ansammlung von Tau richten. "Bis wir da robuste Ergebnisse haben, dauert es aber sicher noch ein paar Jahre", sagt Jessen. Dass sich mit einer einzigen Substanz eine so komplexe Erkrankung wie Alzheimer zum Stillstand bringen lässt, ist wahrscheinlich ohnehin eine unrealistische Annahme. Die Suche nach einem oder mehreren Medikamenten, die Alzheimer stoppen, wird also noch dauern. Was es allerdings schon seit etwa 20 Jahren gibt: Medikamente, die die Symptome einer Demenz zeitweilig verbessern können. "Antidementiva haben einen schlechten Ruf", sagt Thyrian. "Dabei gibt es ein gutes Zeitfenster für die Anwendung. In Deutschland sind zur Behandlung der leichten bis mittelschweren Demenz drei Arzneistoffe (Donepezil, Rivastigmin und Galantamin) zugelassen, die den bei Demenz vermindert vorkommenden Botenstoff Acetylcholin erhöhen. "So werden die gesunden Anteile des Gehirns stimuliert. Bei manchen Patienten kommt es zu einer leichten Verbesserung, bei den meisten stabilisieren sich Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung zumindest für einen Zeitraum von drei bis zwölf Monaten", sagt Jessen. Für die Behandlung der mittelschweren bis schweren Demenz ist der Wirkstoff Memantin erhältlich. Er soll verhindern, dass das Zuviel des Botenstoffes Glutamat das Gehirn schädigt. Wobei umstritten ist, ob es alltagpraktische Fähigkeiten wirklich verbessert. Bei leichter Demenz ist er nicht sinnvoll, bei der mittelschweren bis schweren ist auch eine Kombination mit den anderen Mitteln möglich. Begleiterkrankungen wie Depressionen können mit geeigneten Antidepressiva behandelt werden. Das gilt auch für Schlafstörungen. Benzodiazepine sollten allerdings vermieden werden - sie verschlechtern die kognitive Leistung, erhöhen die Sturzgefahr und machen abhängig. Antipsychotika sollten, wenn überhaupt, nur wenige Wochen eingesetzt werden - sie erhöhen das Sterblichkeitsrisiko und können ebenfalls dazu beitragen, dass Patient:innen schneller abbauen. Generell gilt: Bevor gegen die Begleiterscheinungen Medikamente gegeben werden, sollte erst einmal geschaut werden, ob psychosoziale Interventionen helfen. Ein beliebtes Präparat ist auch Ginko. Hier sind die Daten nicht ganz klar, es gibt aber zumindest Hinweise, dass es sich bei leichter bis mittelschwerer Demenz in hoher Dosierung positiv auf die Kognition auswirken kann. Doch Vorsicht: Vermutlich kann es mit anderen Medikamenten wie Gerinnungshemmern wechselwirken. Die Einnahme sollte daher mit einem Arzt oder einer Ärztin besprochen werden. Angehörigenarbeit und nicht medikamentöse, psychosoziale Interventionen sind ein tragender Pfeiler in der Alzheimertherapie. "Insbesondere in der frühen Phase ist es sinnvoll, kognitive Stimulation anzubieten", sagt Jessen. Auch Verfahren, die die Erinnerung wecken, sind geeignet, genauso wie Ergotherapie für alltagspraktische Übungen und körperliche Aktivität. Passivität, sozialer Rückzug und wenig Input beschleunigen den Abbau. Hier brauche es viel Aufklärung, damit es Betroffenen einfacher gemacht wird, an alltäglichen Dingen weiter teilzuhaben, so Thyrian. "Ganz wichtig ist, dass die Angehörigen mitgenommen werden", so Jessen. "Die Angehörigenarbeit trägt wesentlich zur Lebensqualität der Betroffenen bei." Wie gehe ich mit einer Person mit Demenz um? Auf was stelle ich mich ein? Bei solchen Fragen brauchen pflegende Angehörige Hilfe und Information. "Wenn die Demenz fortschreitet, geht es stark darum, die Lebensqualität aufrechtzuerhalten und Angst, Aggressivität und Unruhe zu vermeiden", sagt Jessen. Wichtig ist es, die Umwelt und die Kommunikation an die Bedürfnisse der Erkrankten anzupassen - das verringert belastendes Verhalten oft deutlich, ohne Medikamente. So kann es etwa sinnvoll sein, an den Räumen Schilder wie "Küche", "Bad" et cetera. Demenzkranke nehmen die Umwelt mitunter auch anders wahr, sie ängstigen sich vielleicht vor Schatten oder verwirrenden Tapetenmustern - helle, freundliche Räume können hier entspannen, genauso wie ein strukturierter Tagesablauf. In der Kommunikation kann es hilfreich sein, weniger an unverrückbaren Wahrheiten festzuhalten, sondern sich in die Ängste und Sorgen der Betroffenen einzufühlen. Hier kann es sinnvoll sein, auf die Ängste einzugehen und Verständnis zu zeigen, statt vehement an die Vernunft zu appellieren. Verständnisvolle, beruhigende Worte können helfen und den Stress lindern. Mit Biografiearbeit oder dem Spielen von vertrauter Musik lässt sich oft noch viel erreichen. Auch eine Aromatherapie kann beruhigen. So lange wie möglich sollte Demenzkranken auch etwas zugetraut werden, Angehörige sollten sie kleine Aufgaben erledigen lassen. Da es wahrscheinlich noch lange keine Antialzheimerpille geben wird, gewinnen solche nicht medikamentösen Behandlungsansätze an Bedeutung.
Langzeitstudie bestätigt Zusammenhang
London - Ein erholsamer Schlaf ist nicht nur wichtig, um am nächsten Tag bei vollen Kräften zu sein, ausreichender Schlaf könnte langfristig auch vor kognitiven Schäden schützen und helfen, im Alter einer Demenz vorzubeugen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Langzeitstudie in Nature Communications.
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Die Funktionen des Schlafs, in dem die Menschen etwa 1/3 ihres Lebens verbringen, sind erst ansatzweise erforscht. Eine Aufgabe könnte darin bestehen, das Gehirn, das Organ mit dem höchsten Energieverbrauch im ganzen Körper, von Schadstoffen wie Beta-Amyloid zu befreien, deren Ablagerungen den Boden für degenerative Erkrankungen wie den Morbus Alzheimer bilden, der häufigsten Ursache von Demenzerkrankungen im Alter.
Für diese Hypothese spricht die vor 10 Jahren gemachte Entdeckung, nach der der Liquor cerebrospinalis, der in den Hirnventrikeln gebildet wird, vor seiner Resorption in den Hirnhäuten regelmäßig das Gehirn „spült“. Dies erfolgt über ein „glymphatisches“ System, das in den nächtlichen Stunden den Zwischenraum zwischen den Nervenzellen vergrößert und die Reinigungsarbeiten am Gehirn ermöglicht.
Im letzten Jahr berichteten französische Forscher, dass Patienten mit obstruktivem Schlafapnoesyndrom, einer häufigen Schlafstörung, häufiger als andere Menschen Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn haben, auch wenn sie keine kognitiven Störungen aufweisen.
Diese Störungen könnten sich erst nach vielen Jahren bemerkbar machen. Hirnforscher vermuten seit längerem, dass sich ein Morbus Alzheimer über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten entwickelt, was sich inzwischen mit der Positronen-Emissions-Tomografie verfolgen lässt.
Eine andere Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen Schlafstörungen und Demenzen zu untersuchen, besteht in der Beobachtung von größeren Menschengruppen über einen längeren Zeitraum. Eine solche Kohorte bilden 7.959 britische Staatsangestellte, die in der Whitehall-II-Studie seit Mitte der 1980er-Jahre regelmäßig befragt und auch medizinisch untersucht werden. In den Jahren 2012 bis 2013 wurden 4.267 Teilnehmer gebeten, über 9 Tage einen Akzelerometer zu tragen, der ihre Körperbewegungen aufzeichnete. Damit ließen sich die Angaben in den Fragebögen objektivieren.
Séverine Sabia vom University College London und Mitarbeiter haben die Antworten in den Fragebögen und die Daten aus den Akzelerometern mit den späteren Demenzdiagnosen in Verbindung gesetzt. Eine Stärke der Studie ist, dass zwischen den Befragungen und dem Beginn der Demenzen teilweise mehr als 25 Jahre lagen, eine für Beobachtungsstudien ungewöhnlich lange Nachbeobachtungszeit. Außerdem wurden die Teilnehmer nicht nur 1 Mal, sondern über die Jahre immer wieder befragt, so dass wechselnde Schlafgewohnheiten berücksichtigt werden konnten.
Die Teilnehmer waren zu Beginn der Studie zwischen 35 und 55 Jahre alt. Inzwischen haben sie ein Alter von 63 bis 86 Jahren erreicht. In dieser Zeit wurde bei 521 Teilnehmern eine Demenz diagnostiziert. Die Angestellten, die im Alter von 50 Jahren eine Schlafdauer von weniger als 6 Stunden angegeben hatten, waren zu 22 % häufiger erkrankt.
Sabia ermittelt eine Hazard Ratio von 1,22, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,01 bis 1,48 signifikant war. Angestellte, die im Alter von 60 Jahren weniger als 6 Stunden in der Nacht schliefen, waren zu 37 % häufiger erkrankt (Hazard Ratio 1,37; 1,10 bis 1,72). Im Alter von 70 Jahren erhöhte der Kurzschlaf das Risiko um 24 % (Hazard Ratio 1,24; 0,98 bis 1,57).
Am höchsten war das Risiko bei den Angestellten, die zu allen Terminen einen kurzen Schlaf angegeben hatten (Hazard Ratio 1,30; 1,00 bis 1,69). Die Auswertung der Akzelerometerdaten bestätigten den Zusammenhang: Die Hazard Ratio betrug 1,63 (1,04 bis 2,57).
Eine weitere Stärke der Studie besteht darin, dass durch die ausführlichen Interviews einige andere konkurrierende Faktoren berücksichtigt werden konnten, die das Demenzrisiko beeinflussen könnten wie Rauchen, Alkoholkonsum, körperliche Aktivität, Body-Mass-Index, Verzehr Obst- und Gemüsekonsum, Bildungsniveau, Familienstand und Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Durch die lange Beobachtungszeit lässt sich weitgehend ausschließen, dass die Schlafstörungen ein Frühsymptom der späteren Demenzen waren (was in epidemiologischen Studien zu einer reversen Kausalität führt).
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