Es gibt immer wiederkehrende Warnungen vor neuen Technologien, die von einigen als Bedrohung und Quelle der Verdummung angesehen werden. Ob Radio, Fernsehen, Computer oder Smartphones - stets wird vor den negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft gewarnt, wenn der Medienkonsum nicht eingeschränkt wird. Diese Haltung mag übertrieben sein, doch Studien, die negative Effekte auf das menschliche Wohlbefinden aufzeigen, sollten ernst genommen werden.
Eine aktuelle Langzeitstudie aus England hat nun die Auswirkungen von hohem Fernsehkonsum auf ältere Menschen untersucht. Die Ergebnisse geben Anlass zur Sorge und werfen die Frage auf, ob Fernseher in Pflegeheimen häufiger ausgeschaltet bleiben sollten.
Studienergebnisse: Macht Fernsehen ältere Menschen "dümmer"?
Die Studie untersuchte über einen Zeitraum von sechs Jahren den Gesundheits- und Geisteszustand von 3590 Personen über 50 Jahren. Dabei zeigte sich, dass diejenigen, die mehr als 3,5 Stunden täglich fernsahen, in kognitiven Tests schlechter abschnitten als Personen mit geringerem TV-Konsum.
Es wurde nachgewiesen, dass hoher Fernsehkonsum einen starken Einfluss auf das sprachliche Arbeitsgedächtnis hat. Der Effekt war dosisabhängig: Je mehr ferngesehen wurde, desto schlechter konnten die Menschen im Langzeitverlauf Wörter und Sätze verarbeiten. Im Versuch sollten sich die Menschen unter anderem Listen mit Wörtern merken, die später abgefragt wurden. Den Vielsehern gelang dies nach sechs Jahren schlechter.
Die Forscher konnten Störeffekte wie mangelnde soziale Kontakte, sozioökonomisch schlechtere Bedingungen oder ungesunde Ernährung herausrechnen. Es war das Fernsehen selbst, das sich negativ auswirkte.
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Die "TV-Demenz": Eine reversible Form der kognitiven Einschränkung?
Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass übermäßiger Fernsehkonsum zu einer Art "TV-Demenz" führen kann. Im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz, bei der sich schädliche Proteine im Gehirn ablagern und den Stoffwechsel der Nervenzellen zerstören, ist die TV-Demenz vermutlich reversibel.
Fernsehgucken ist eine rein passive Tätigkeit, bei der das Gehirn zahlreiche Inhalte aufnimmt, ohne sie weiter zu verarbeiten. Wer stundenlang nur Serien guckt, fordert die Verschaltung der Sprachzentren im Gehirn nicht. Man kommt praktisch überhaupt nicht in die Verlegenheit, selbst Sätze zu formulieren.
Die gute Nachricht ist, dass sich die Sprachverarbeitungsstörungen vermutlich durch gezieltes Training der Sprachzentren wieder beheben lassen. Gespräche, Lesen und Schreiben können helfen, das sprachliche Arbeitsgedächtnis wieder zu aktivieren.
Fernsehkonsum und Alzheimer-Demenz: Gibt es einen Zusammenhang?
Einige Forscher vermuten, dass Fernsehkonsum auch die irreversible Alzheimer-Demenz fördern könnte. Diese These ist jedoch umstritten. Bei Alzheimer-Patienten kommt es nicht nur zum Verlust des verbalen Gedächtnisses, sondern auch zu Ausfällen in vielen anderen kognitiven Bereichen.
Auswirkungen auf Kinder: Konzentrationsstörungen und soziale Auffälligkeiten
Studien haben gezeigt, dass übermäßiges Fernsehen auch Kinder beeinflusst, jedoch anders als Erwachsene. Kinder entwickeln eher Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen. Manche werden auffällig im Sozialverhalten und schneiden in der Schule schlechter ab, vor allem in Mathematik.
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Dies liegt wahrscheinlich daran, dass in entsprechenden Familien oft andere Formen der Kommunikation zu kurz kommen und die betroffenen Kinder zu wenig mit anderen Kindern spielen.
Soziale Medien: Fluch oder Segen für das Gehirn?
Die neuesten Warnungen von Psychologen und Hirnforschern richten sich auf die sozialen Medien. Ob diese schlecht für das Gehirn sind, lässt sich nicht pauschal beantworten.
Kinder und Jugendliche, die nur noch über soziale Medien kommunizieren, haben ein höheres Risiko für Störungen im Sozialverhalten. Der direkte Kontakt mit anderen Menschen ist für das sich entwickelnde Gehirn sehr wichtig. Im Gegensatz dazu können soziale Medien für ältere Erwachsene aber durchaus auch hilfreich sein.
Fernsehen bei Demenz: Was ist zu beachten?
Für Menschen mit Demenz oder Alzheimer kann herkömmliches Fernsehen schnell zur Belastung werden: zu viele Reize, zu schnelle Bilder, zu komplexe Inhalte. Was für viele Menschen entspannend ist, kann sich für Menschen mit Demenz negativ auswirken.
Das Gehirn verarbeitet Informationen langsamer, filtert Reize weniger effektiv und verliert schneller den Überblick. Herkömmliches Fernsehen ist aber oft laut, schnell, sprunghaft. Realität und Fiktion verschwimmen: Manche Betroffene sprechen mit dem Fernseher oder reagieren körperlich auf das Gesehene, weil sie glauben, es geschehe wirklich.
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Tipps für den Umgang mit Fernsehen bei Demenz:
- Beruhigende Bildsprache, Ton und Inhalt: Filme und Sendungen sollten sich an den Interessen und Erfahrungen der Betroffenen orientieren.
- Filme aus dem Alltag: Alltagsbilder, die mit dem eigenen Leben und Erleben zu tun haben, bringen die Möglichkeit mit, dass sich die Menschen erinnern oder emotional angesprochen werden.
- Musiksendungen mit bekannten Liedern: Volksmusik, Schlager oder Operetten können Erinnerungen wecken.
- Alte Spielfilme oder Serien aus früheren Jahrzehnten: Geschichten aus der Jugend oder dem jungen Erwachsenenalter schaffen Vertrautheit.
- Filme ohne Werbung oder abrupte Themenwechsel: Kontinuität und Ruhe sind entscheidend.
- Routinen: Wenn die Filme täglich zur gleichen Zeit gezeigt werden, gibt dies Orientierung.
- Kurze Einheiten: 15 bis 30 Minuten reichen oft aus.
- Gemeinsam schauen und reagieren: Ob zu Hause oder im Pflegeheim - Fernsehen wirkt besser, wenn jemand dabei ist, der Reaktionen wahrnimmt, Fragen beantwortet und für Ruhe sorgt.
Es gibt zunehmend Programme, die auf Menschen mit Demenz abgestimmt sind - mit ruhigen Bildern, vertrauten Themen und klarer Struktur. Speziell für demenziell veränderte Menschen entwickelte Inhalte sind sicherer. In der Regel sind öffentlich-rechtliche Sender wie ARD oder ZDF geeigneter als private.
Achten Sie auf Unruhe, Ängste, Wegsehen oder Reizbarkeit.
Weitere Forschungsergebnisse zum Thema
Eine Studie des Northern California Institute for Research and Education hat gezeigt, dass hoher Fernsehkonsum mit einem geringeren Gesamthirnvolumen, geringem Volumen der grauen Substanz und einem reduzierten Volumen im Frontalhirn einhergeht. Selbst wenn die körperliche Aktivität und das Bildungsniveau berücksichtigt wurden, ließ sich ein negativer Effekt des Fernsehens nachweisen.
Die Forscher um Dr. Tina Hoang wiesen auf eine geringere kognitive Reserve bei Personen mit hohem Fernsehkonsum hin, bedingt durch ihren sedentären Lebensstil.
Transkranielle Pulsstimulation (TPS): Eine neue Hoffnung für Alzheimer-Patienten?
In der Sendung „Gesundheit!“ des Bayerischen Rundfunks wurde die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) vorgestellt. Dieses innovative Verfahren könnte für viele Alzheimer-Patienten eine neue Hoffnung sein.
Die TPS ist eine neue Methode zur Behandlung von Alzheimer, bei der mit Stoßwellen das Gehirn stimuliert wird. Studien haben gezeigt, dass die TPS die Gedächtnisleistung und die Lebensfreude von Alzheimer-Patienten verbessern kann.