Alzheimer-Forschung im Saarland: Aktuelle Entwicklungen und Initiativen

Die Alzheimer-Krankheit ist eine der häufigsten Ursachen für Demenz weltweit und betrifft Millionen von Menschen. Sie äußert sich durch Gedächtnisverlust, Orientierungslosigkeit, Sprachstörungen und zunehmende Verwirrung. Da die Krankheit, bei der Nervenzellen im Gehirn absterben, bisher nicht heilbar ist, kommt der Forschung eine entscheidende Bedeutung zu. Im Saarland gibt es verschiedene Forschungsansätze und Initiativen, die sich mit der Entstehung, Prävention und Behandlung von Alzheimer beschäftigen.

Molekulargenetische Forschung an der Universität des Saarlandes

Ein Schwerpunkt der Forschungsaktivitäten der neuropsychiatrischen Arbeitsgruppe von Prof. Riemenschneider an der Universität des Saarlandes liegt im Bereich der molekulargenetischen Analyse von psychischen Störungen, insbesondere Demenzerkrankungen. Hierbei werden an Patientenkohorten oder gezielt an familiären Erbgängen die genetischen Ursachen für die Ätiologie der Alzheimer Erkrankung oder der Frontotemporalen Demenz erforscht. Andererseits wird aber auch nach biologischen Markern gesucht, die eine frühe Diagnose oder bessere Charakterisierung der Erkrankungen ermöglichen.

Basierend auf einer großen Datenbank klinischer Proben hat die Gruppe bereits zur Identifizierung und Validierung zahlreicher genetischer Risikofaktoren für Demenz beigetragen. Neben verschiedenen Genotypisierungsmethoden, welche die effiziente und kostengünstige Umsetzung von genomweiten oder lokalisierteren genetischen und epigenetischen Studien erlauben, werden in explorativen Studien Expressionsmuster von RNA- oder Proteinmarkern analysiert. Darüber hinaus werden auch epigenetische Effekte wie z.B. DNA-Modifikationen untersucht, die den Verlauf der Erkrankungen beeinflussen könnten.

Zudem interessiert sich die Arbeitsgruppe für die Grundlagenforschung zu pharmakogenetischen Fragestellungen.

Kupfer-Therapie-Studie in Homburg/Saar

Die Ergebnisse der Grundlagenforschung von Privatdozent Dr. Thomas Bayer, Uni-Kliniken Homburg/Saar und Professor Dr. Gerd Multhaup, Berlin, führten zu einer Kupfer-Therapiestudie, die jetzt begonnen hat. Diese Studie untersucht, ob sich mit Kupfer gegen Alzheimer vorbeugen oder die Krankheit im frühen Stadium aufhalten lässt. Die Forschungsprojekte von Dr. Bayer und Prof. Multhaup wurden von der Alzheimer Forschung Initiative e.V. unterstützt.

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Im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung mit Pressegespräch und Laborbesichtigung wurden die Hintergründe und Ziele der Studie vorgestellt. Dr. Bayer erläuterte, wie die Grundlagenforschung die Voraussetzung zum neuen Therapieansatz lieferte, während Dr. Holger Keßler die Durchführung der Kupfer-Studie und die daran geknüpften Erwartungen vorstellte.

Zusammenhang zwischen Fettstoffwechsel und Alzheimer

Eine Studie der Alzheimerforscher Marcus Grimm und Tobias Hartmann am Campus Rheinland der SRH Hochschule für Gesundheit in Leverkusen und der Universität des Saarlandes hat eine Wechselwirkung im Fettstoffwechsel des Körpers aufgezeigt, die eine wichtige Rolle bei der Erkrankung spielen könnte. Die Forscher fanden heraus, dass die Produktion des Eiweißes Beta-Amyloid die Menge von bestimmten Fetten, vor allem der sogenannten Sulfatide, beeinflusst und auch umgekehrt: dass die Menge an Sulfatiden wiederum die Menge dieses Eiweißes beeinflusst - eine folgenreiche Wechselwirkung: Der Sulfatid-Spiegel ist im Gehirn von Alzheimer-Patientinnen und -Patienten verringert und das Beta-Amyloid erhöht.

„Unsere Studie zeigt eine bisher unbekannte physiologische Funktion der Verarbeitung des Amyloid-Vorläuferproteins, des sogenannten APP, die eine wesentliche Rolle bei der Regulation des Fettstoffwechsels, insbesondere der Sulfatide im Gehirn, spielt. Sulfatide sind spezielle Fette, welche sowohl über die Nahrung aufgenommen als auch vom Körper selbst hergestellt werden können“, erläutert Marcus Grimm.

Besonders interessant ist der Einfluss, den vor diesem Hintergrund die Ernährung und auch der Lebensstil bei der Erkrankung hat. „Faktoren wie Rauchen können die Sulfatidspiegel negativ beeinflussen, während eine ausreichende Versorgung mit Vitamin K oder der Verzehr mancher Meeresfrüchte sich positiv auswirken können. Diese Erkenntnisse eröffnen potenzielle Ansatzpunkte für präventive und therapeutische Strategien im Kampf gegen die Alzheimer-Krankheit“, sagt der Professor für Demenzprävention Tobias Hartmann.

Die Forschungsergebnisse wurden in der Fachzeitschrift 'Cell Chemical Biology' veröffentlicht.

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Bedeutung von Gedächtnisambulanzen

Gedächtnisambulanzen sind auf die Diagnostik von Gedächtnisproblemen spezialisiert. Ärztinnen, Ärzte und andere Fachkräfte untersuchen dort, welche Ursachen den Gedächtnisproblemen zugrunde liegen und ob eine Demenzerkrankung wie Alzheimer vorliegt. In Deutschland gibt es rund 160 dieser Einrichtungen, die auch als Memory Kliniken oder Gedächtnissprechstunden bezeichnet werden. Die Überweisung erfolgt durch die Hausärztin oder den Hausarzt.

Mit den neuen Alzheimer-Medikamenten kommt den Gedächtnisambulanzen eine zusätzliche Rolle zu: Erste Zentren koordinieren bereits die notwendigen Schritte für eine mögliche Behandlung mit Leqembi oder Kisunla und begleiten die erforderlichen Untersuchungen.

Demenzplan Saarland

Das Saarland hat einen Strategieplan zum Umgang mit der zunehmenden Zahl von Demenzkranken vorgelegt. Er wurde unter Leitung von Sabine Kirchen-Peters vom Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft (iso) von zahlreichen Akteuren im Land entwickelt. Die Rahmen des Demenzplanes recherchierten Zahlen zeigen, dass das Saarland überproportional von der Demenz betroffen ist: Eine nach Altersgruppen differenzierte Form der Berechnung ergab für das Saarland im Jahr 2014 eine Zahl von 20.964 Demenzkranken in der Altersgruppe der insgesamt 224.977 Menschen über 65 Jahre. Das bedeutet, dass 9,3 Prozent der Saarländer ab 65 Jahren an einer Demenz leiden - ein Wert, der über dem Bundesdurchschnitt mit rund 8,8 Prozent (für das Jahr 2012) liegt.

Der Plan umfasst 29 Maßnahmen in vier Handlungsfeldern: „Enttabuisierung der Demenz und soziale Teilhabe“, „Beratung und Unterstützung von Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen“, „Optimierung von Pflege und Versorgung“ und „Forschung und Transfer“. Zu den Maßnahmen gehört zum Beispiel die Entwicklung eines Curriculums „Erste-Hilfe-Kurs Demenz“ für Berufsgruppen, die nicht hauptberuflich mit Demenzkranken zu tun haben.

Reτain-Studie: Prävention von Alzheimer

Die Reτain-Studie untersucht, ob ein Prüfpräparat sicher, verträglich und wirksam bei der Verzögerung des Auftretens von Symptomen der Alzheimer-Krankheit bei Personen mit erhöhtem Risiko ist. Teilnehmer*innen an der Reτain-Studie können über Tests möglicherweise mehr über ihr Risiko für eine Entwicklung der Alzheimer-Krankheit erfahren.

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Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten mit gleich hoher Wahrscheinlichkeit das Prüfpräparat oder ein Placebo (eine Substanz, die aussieht wie das Prüfpräparat, aber keine Wirkstoffe enthält). Sowohl Prüfpräparat als auch Placebo werden als Injektion in den Arm gespritzt. Die Studie dauert bis zu 4 Jahre und umfasst bis zu 23 Termine am Prüfzentrum sowie 5 Telefongespräche.

Wenn auf Sie oder Ihren Angehörigen/Ihre Angehörige folgende Aussagen zutreffen, ist eine Teilnahme an der Reτain-Studie eventuell möglich:

  • 55 bis 75 Jahre alt
  • Gedächtnis, Stimmung, Denkvermögen und Verhaltensmuster sind unauffällig
  • Es ist eine zuverlässige Person als Studienpartnerin verfügbar, die bereit ist, einige Studientermine mit dem/der Teilnehmerin wahrzunehmen (geeignet sind Verwandte, Partnerinnen oder Freundinnen ab 18 Jahren, die wöchentlich Kontakt zum/zur Teilnehmer*in haben)

Ihre Eignung wird mithilfe von Tests ermittelt. Wenn Sie an der Teilnahme interessiert sind, werden der Prüfarzt bzw. die Prüfärztin und das Studienpersonal die zusätzlichen Studienkriterien mit Ihnen durchgehen.

Klinische Bioinformatik am HIPS

Die Abteilung für Klinische Bioinformatik befasst sich damit, molekulare Informationen mit Hilfe von computergestützten Methoden wie dem Maschinellen Lernen, der Künstlichen Intelligenz oder anderer Algorithmen zu analysieren. Ein Fokus der Forschung liegt auf den regulatorischen Mechanismen nicht-kodierender RNAs und der Auswirkung verschiedener Einflussfaktoren auf das räumlich und zeitlich aufgelöste Einzelzell-Transkriptom. Ausgehend von der Erfahrung im Modellieren regulatorischer Einflüsse wird auch die Interaktion zwischen Bakterien und Menschen untersucht. Hierbei wird der Austausch von Information und Material zwischen kommensalen und pathogenen Bakterien sowie deren Wirt betrachtet. Ziel ist es, neue Naturstoffproduzenten sowie Naturstoffe zu finden, welche als Grundlage für die Entwicklung neuer Wirkstoffe dienen können.

Im IMAGINE-Projekt werden von Patienten (unter anderem mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Diabetes, Adipositas, Parkinson, Lungentumoren und andere) verschiedene Proben (Auge, Mund, Darm, Haut) gesammelt, mittels Shotgun-Sequenzierung sequenziert und am Computer mit Hilfe von Maschinellem Lernen analysiert. Aus bisher 3.000 Patientenproben können Rückschlüsse über kommensale und pathogene Bakterien gezogen und mögliche neue Naturstoffe gefunden werden. Diese werden in den entsprechenden Gruppen des HIPS daraufhin untersucht, ob sie sich als neue Medikamente eignen.

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