Die Alzheimer-Krankheit, eine der größten medizinischen Herausforderungen unserer Zeit, narrt die Forscher seit Jahrzehnten. Trotz intensiver Bemühungen gibt es bis heute keine wirksamen Medikamente, keine effektive Therapie und erst recht keine Chance auf Heilung. Die ständigen Misserfolge und Rückschläge führen zunehmend zu Zweifeln an der molekularen Alzheimerforschung, die seit 25 Jahren als der einzige Schlüssel zum Erfolg gilt.
Die Unerfüllten Versprechen der Molekularen Forschung
Die Alzheimer-Krankheit, die durch fortschreitenden Verlust der Nervenzellen gekennzeichnet ist, führt bei den Betroffenen zu Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit. Medikamente wie Donepezil oder Galantamin können zwar bei manchen Patienten das Absterben der Neuronen etwas hinauszögern, aber keine Arznei kann verhindern, dass die Krankheit immer weitere Teile des Gehirns zerstört. Die Patienten erfahren weder eine bessere Lebensqualität noch eine längere Lebensdauer.
Die Hoffnungen der Hersteller ruhen nun auf neuen, noch nicht auf dem Markt befindlichen Medikamenten, die beispielsweise die Ansammlung des Proteins Amyloid beta im Gehirn oder die chemische Veränderung des Tau-Proteins verhindern sollen. Ein anderer Ansatz zielt darauf ab, direkt das Wachstum von Nervenzellen zu fördern. Doch die Erfahrungen der vergangenen 25 Jahre lassen an diesen Hoffnungen zweifeln.
Skepsis und Kritik an der Fokussierung auf Moleküle
Psychiater Alexander Kurz von der TU München kritisiert, dass die Industrie den Eindruck erweckt, das Problem könne allein durch die passenden Medikamente gelöst werden. Er betont, dass "nur Pillen nicht helfen" und dass grundlegende Fragen unbeantwortet bleiben: Warum wird das Altern des Gehirns als Krankheit definiert, nur weil es nicht der "Normalität" des Jungseins entspricht?
Diese Sichtweise hat laut Psychiater Whitehouse zu einer Trennung zwischen normal funktionierenden Menschen und Dementen geführt - und zu "einer Gesellschaft, die Menschen mit Gedächtnisproblemen geringschätzig oder gar verachtend begegnet".
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Ebenso wenig werden neue Medikamente die Frage beantworten, wie eine würdevolle Pflege und Betreuung umgesetzt und finanziert werden kann oder ob Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen bereits als dement gelten und damit "Opfer der Versorgung" werden, wie es laut Kurz heutigen Patienten widerfährt.
Die Vernachlässigung gesellschaftlicher Aspekte
Angesichts der ungelösten Probleme drängt sich der Verdacht auf, dass sich die Alzheimerforschung möglicherweise deshalb jahrzehntelang auf Moleküle und Zellkulturen konzentriert hat, weil diese trotz aller technischen Schwierigkeiten leichter zu handhaben sind als die Sorgen und Ängste einer alternden Gesellschaft. Wer diese ernst nimmt, muss Fragen stellen, die auch viele Forscher gerne umgehen. Zum Beispiel, ob neue Alzheimer-Medikamente auch für Betroffene sinnvoll sind, die bereits unter schwerer Demenz leiden.
"Ist es angebracht, die Zeit zu verlängern, die diese Patienten mit einer erheblichen Behinderung und in Abhängigkeit anderer Menschen verbringen?", fragt Kurz. "Man kann sagen, das ist eine individuelle Entscheidung. Es ist aber wegen der hohen Kosten auch eine gesellschaftliche."
Der Boom der Früherkennung und seine Schattenseiten
In zahlreichen Veröffentlichungen über Alzheimer jubeln Forscher beinahe wöchentlich über neue Tests, die in der Lage sein sollen, Alzheimer schon Jahre vor den ersten Symptomen zu diagnostizieren. Für die Früherkennungsindustrie bedeutet die Angst der Menschen eine lukrative Verdienstmöglichkeit.
Eine aktuelle Umfrage der Harvard Medical School und der Organisation "Alzheimer Europe" zeigt, dass sich etwa zwei Drittel der gesunden Befragten auf Alzheimer testen lassen würden, ehe sie Symptome spüren. Allerdings glaubt ein ebenso großer Anteil fälschlicherweise, dass es wirksame Medikamente gegen die Demenz gibt.
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Befürworter der Früherkennung argumentieren, Menschen mit einer positiven Prognose bliebe genügend Zeit zu entscheiden, wie und von wem sie später versorgt werden wollen. Doch die Tests bieten nicht die erhoffte Sicherheit. In Studien liegen Ärzte immer wieder falsch, wenn sie allein aufgrund der Testergebnisse entscheiden sollen, ob ein Mensch bereits unter Alzheimer leidet.
Der Grund für diese Fehleinschätzung liegt darin, dass etwa ein Drittel aller alten Menschen, egal ob gesund oder dement, die demenztypischen Veränderungen im Hirn aufweist. Doch nicht jeder Mensch mit Verklumpungen wird tatsächlich krank. Aus den Ablagerungen im Gehirn lässt sich daher kaum eine Aussage darüber ableiten, ob jemand an Alzheimer erkrankt ist - und erst recht keine verlässliche Prognose, ob es dazu jemals kommen wird.
Angenommen, ein 40-Jähriger mit Kindern und Zukunftsplänen erfährt, dass er in 20 Jahren wahrscheinlich an Alzheimer erkranken wird - wer hilft ihm dann, mit seiner Angst zurechtzukommen? Ärzte sind auch in diesem Fall hilflos, denn kein Medikament kann verhindern, dass die Krankheit ausbricht. "Man strebt zwar die Früherkennung an, denkt aber nicht darüber nach, welchen Platz Personen mit einer positiven Diagnose in unserer Gesellschaft erhalten sollen", sagt Psychiater Kurz.
Die Schwierigkeiten der Prävention
Wenn sich Alzheimer schon nicht heilen und kaum behandeln lässt - kann man dann wenigstens effektiv vorbeugen? Unermüdlich betonen Ärzte, wie wichtig Alzheimer-Prävention sei - und verschweigen meist, dass auch das Wissen über die richtige Vorbeugung äußerst mager ist.
Wie man der Krankheit entgegenwirken kann, weiß niemand - auch wenn Studien scheinbar zu sicheren Erkenntnissen führen. So schreiben zwar Forscher um Deborah Barnes von der University of California in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Lancet Neurology, dass sich die Hälfte aller Alzheimer-Fälle sieben Risikofaktoren zuordnen ließe, darunter Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes. Kanadischen Medizinern zufolge sollen Haut- und Verdauungsbeschwerden das Risiko ebenfalls erhöhen.
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Wer genau hinschaut, erkennt jedoch, dass auch diese Erkenntnisse nicht weiterhelfen. "Für keinen der Faktoren wurde eine ursächliche Beziehung speziell zu Alzheimer gefunden", sagt Laura Fratiglioni vom Stockholmer Karolinska-Institut über die jüngsten Ergebnisse ihrer Kollegen. Auch beim Thema Prävention müssen Forscher und Ärzte also vor der mysteriösen Krankheit Alzheimer kapitulieren.
"Wie wir das Hirn widerstandsfähiger gegen Degeneration machen können, wissen wir nicht genau", sagt Kurz. "Das Einzige, was wir konkret machen können, ist, zusätzliche Schäden wie Herz-Kreislauf-Leiden zu verhindern." Ebenso unklar ist, wer überhaupt Prävention betreiben soll.
Forschungsskandale und ihre Auswirkungen
Ein Forschungsskandal überschattet die internationale Alzheimer-Konferenz in San Diego. Ein französischer Forscher soll über Jahre Ergebnisse manipuliert haben, so der Vorwurf. Doch welchen Einfluss hatte seine Arbeit auf die Alzheimer-Forschung?
Am 21. Juli erschien ein Bericht im Fachmagazin "Science", der die Ergebnisse monatelanger Detektivarbeit des Neurowissenschaftlers und Arztes Matthew Schrag zusammenfasst. Dieser war bei Untersuchungen anderer Studien, die im Verdacht standen, gefälscht zu sein, auf Unregelmäßigkeiten in den Veröffentlichungen seines Kollegen Sylvain Lesné gestoßen. Dieser soll Fotos, die seine Forschungsergebnisse dokumentieren, manipuliert haben. Das Magazin "Science" ließ zwei weitere Expertinnen die Bilder überprüfen, die Matthew Schrags Verdacht bestätigten und sogar noch weitere Unregelmäßigkeiten fanden.
Das Brisante: Sylvain Lesné hat einige vielzitierte Fachartikel veröffentlicht. Besonders ein Paper 2006 im Magazin "Nature" galt als wegweisend: Es wurde mehr als 2.300-mal zitiert. In dieser Veröffentlichung zeigte Sylvain Lesné, dass ein bestimmtes Eiweißmolekül im Gehirn von Mäusen zu Gedächtnisverlust führte. Doch sollten sich die Manipulationsvorwürfe gegenüber dem Forscher bestätigen, stellt sich die Frage, ob dieses Eiweißmolekül überhaupt existiert.
Der Neurobiologe Christian Behl arbeitet an der Universität Mainz und beschäftigt sich schon länger kritisch mit dem Arbeitsgebiet. Er sieht in den letzten Jahren Fortschritte bei der Überprüfung von Abbildungen in Papern auf Manipulationen. Zwar nahm die Forschung an löslichen Formen des Amyloid-Eiweißes in den vergangenen Jahren stark zu. Doch das spezifische Molekül aus dem umstrittenen "Nature"-Paper von 2006 hat aber tatsächlich vor allem nur Sylvain Lesnés eigenes Forschungsteam untersucht.
Dennoch: Die Forschung rund um das Amyloid-Eiweiß muss nun Erfolge liefern, sonst gerät die sogenannte Amyloid-Kaskaden-Hypothese als Erklärung für die Entstehung der Alzheimer-Erkrankung endgültig ins Wanken.
Ein weiterer Fälschungsskandal betrifft den Hirnforscher Eliezer Masliah, dem vorgeworfen wird, Aufnahmen von Hirngewebe und Western Blots gefälscht zu haben. Die Fälschungen betreffen zentrale Bereiche der Forschung zu den verklumpten Proteinen im Gehirn bei Alzheimer sowie zum alpha-Synuclein-Protein, das eine Schlüsselrolle bei Parkinson spielt.
Diese Fälle erschüttern die Glaubwürdigkeit der Neurowissenschaften und zeigen, dass es in einem stark umkämpften Feld mit hohem Erfolgsdruck zu Fehlverhalten kommen kann.
Alternative Therapieansätze und die Rolle von Tierversuchen
Trotz der Rückschläge in der Amyloid-Forschung werden verschiedene neue Therapieansätze verfolgt. Ein relativ neues Angriffsziel ist das Tau-Protein, das im Zellinneren Bestandteil der Mikrotubuli ist. Die Substanz Leuko-Methylthioninium verhindert die Ablagerung von Tau-Fibrillen - erste vielversprechende Studienergebnisse liegen bereits vor.
Andere Phase-III-Studien untersuchen sogenannte „small molecules“, die schützend in Stoffwechselprozesse der Gehirnzellen eingreifen sollen, indem sie Kinasen hemmen oder bestimmte Rezeptoren blockieren. Weiter werden sogenannte Autophagie-Enhancer, das heißt Substanzen wie zum Beispiel das Spermidin, die das körpereigene Abräumen von „Zellschrott“ ankurbeln sollen, in Phase-IIb-Studien an Patienten in sehr frühen Stadien der Alzheimer-Krankheit untersucht.
Auch Alzheimer-Impfstoffe wurden nun, nachdem vor einigen Jahren Studien wegen Nebenwirkungen abgebrochen werden mussten, erfolgreich weiterentwickelt und befinden sich in der klinischen Prüfung.
Viele Grundlagen der heutigen Alzheimer-Forschung stammen aus Tierversuchen. So auch die Entwicklung der Antikörper gegen die Plaque-Ablagerungen. Prof. Haass betont jedoch, dass die Alzheimermodelle in der Maus nur die Amyloid-Plaque-Pathologie nachbilden - nicht aber die anderen Merkmale der Kaskade bis hin zum dramatischen Nervenzellverlust, der dann für den Gedächtnisschwund verantwortlich ist.
Auch der Alzheimer-Forscher Bart de Strooper von der Universität Leuven in Belgien und dem Francis Crick Institute in England kennt die Diskussionen über Tierversuche in der Alzheimerforschung. Er betont, dass Tierversuche entscheidend für die Entwicklung der Gamma-Sekretase-Hemmer waren, die aufgrund von Nebenwirkungen beim Menschen nicht eingesetzt werden konnten.
Neue Methoden und die Bedeutung von Big Data
In den vergangenen Jahren hat sich die Alzheimer-Forschung stark entwickelt. Standen früher vor allem die Prozesse der Entstehung der Proteinverklumpungen (Amyloid-Plaques) im Vordergrund, fokussieren sich viele Forschende heute auch auf die (Entzündungs-)Reaktion der Gehirnzellen auf die Verklumpungen sowie die Mechanismen bei ihrem Abbau.
In der Alzheimerforschung gibt es heute viele neue Methoden, die ganz ohne Tiere auskommen. Sie sind ein wichtiger Baustein, um Tierversuche zu ergänzen und zu verringern - aber noch kein vollständiger Ersatz.
Prof. Haass vom DZNE in München sagt, die Forschung habe sich durch die Möglichkeiten der Computertechnologie auf der einen Seite und neuer Methoden in der Zell- und Molekularbiologie in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Dazu gehörten etwa Einzelzellsequenzanalysen (single-cell sequencing), mit der man sich jede einzelne Zelle statt im Durchschnitt ganz genau anschaut, oder die sogenannten „Omics“-Technologien, also die Gesamtheit von Gen-, Protein, oder Stoffwechsel-Daten von Patientinnen und Patienten, Probandinnen und Probanden, Versuchstieren oder Zellmodellen.
Immer mehr Daten würden gesammelt, ausgewertet und miteinander verknüpft. „In meinem Labor wird mittlerweile immer häufiger mit der Tastatur statt mit der Pipette gearbeitet. Ein großer Teil unserer Forschungsgelder geht jetzt für Rechenkapazitäten drauf“, erklärt Haass.