Frankreich steht, wie viele andere Länder, vor der Herausforderung einer alternden Bevölkerung und der damit einhergehenden Zunahme von Demenzerkrankungen, insbesondere Alzheimer. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Zahlen und Fakten zu Alzheimer in Frankreich, die politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Krankheit und innovative Ansätze in der Pflege und Betreuung von Betroffenen.
Aktuelle Lage und Prognosen
Offiziellen Schätzungen zufolge leiden in Frankreich zwischen 850.000 und 1,2 Millionen Menschen an Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen. Ein Bericht des französischen Parlaments prognostiziert einen Anstieg dieser Zahl auf 1,3 Millionen im Jahr 2020 und sogar 2,1 Millionen im Jahr 2040. Diese Entwicklung stellt eine erhebliche Belastung für das Gesundheitssystem und die Gesellschaft dar.
Einwanderung und Demenz
In Frankreich leben 1.440.400 Menschen mit Migrationshintergrund im Alter von 65 Jahren und älter. Schätzungsweise 99.400 dieser Menschen weisen eine Form von Demenz auf. Berechnungen zeigen, dass die am stärksten betroffenen Migrantengruppen wahrscheinlich aus Algerien (ca. 27.300), Italien (ca. 12.800), Marokko (ca. 9.500), Spanien (ca. 8.900) und Portugal stammen.
Politische Maßnahmen und Strategien
Die französische Regierung hat verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Herausforderungen im Zusammenhang mit Alzheimer und anderen neurodegenerativen Erkrankungen zu bewältigen.
Nationaler Plan für "Alzheimer und verwandte Krankheiten" (2008-2012)
Im Jahr 2008 wurde der "Nationalen Plan für "Alzheimer und verwandte Krankheiten" 2008-2012" veröffentlicht. Dieser Plan umfasste drei Hauptbereiche:
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- Verbesserung der Lebensqualität für Patienten und Pfleger
- Wissensaufbau für gezielte Maßnahmen
- Mobilisierung zur Bewältigung des sozialen Problems
Plan für neurodegenerative Erkrankungen (2014-2019)
Im Jahr 2014 folgte der "Plan für neurodegenerative Erkrankungen 2014 - 2019". Dieses Dokument konzentrierte sich auf folgende Aspekte:
- Förderung einer qualitativ hochwertigen Diagnose
- Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Versorgung
- Anpassung der Ausbildung von Fachkräften zur Verbesserung der Qualität der Reaktion auf die Erkrankten
- Erleichterung des Lebens mit der Krankheit in einer inklusiven Gesellschaft
- Unterstützung von Pflegekräften
- Milderung der wirtschaftlichen Folgen der Krankheit
- Stärkung der Forschung
Interessanterweise thematisieren beide Dokumente die Migration nicht explizit, obwohl ein erheblicher Teil der Betroffenen einen Migrationshintergrund hat.
Leitlinien und Empfehlungen
Auf nationaler Ebene existieren verschiedene Leitlinien und Empfehlungen für die Versorgung von Menschen mit Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen. Dazu gehören:
- Ein Leitfaden für die Pflege bei Alzheimer oder einer verwandten Erkrankung, der Empfehlungen für die Begleitung eines Patienten zu einer fachlichen Beratung, die Erhaltung des Umfelds des Patienten, die Unterstützung der Pflegeperson, den Umgang mit chronischen Verhaltensstörungen und die Pflege bis zum Lebensende enthält.
- Ein Dokument, das sich mit den Themen Diagnose und Patientenbetreuung, Lebensqualität von Patienten und Bewohnern sowie der Entwicklung von Forschung befasst.
- Ein Dokument, das sich auf Aktivitäten im Zusammenhang mit dem therapeutischen Konzept für unbegleitete Personen und einer spezifischen internen professionellen Organisation konzentriert.
- Ein Dokument, das sich mit der Umsetzung eines Wohnprojekts, der Organisation der Ankunft der Bewohner sowie der Aufnahme und Betreuung von Bewohnern, die in verstärkten Wohnungen untergebracht sind, beschäftigt.
Umstrittene Entscheidung zur Kostenerstattung von Alzheimer-Medikamenten
Im August wurde in Frankreich die Entscheidung getroffen, die Kosten für Alzheimer-Medikamente nicht mehr zu erstatten. Gesundheitsministerin Agnès Buzyn begründete dies damit, dass der Schaden der Medikamente höher eingeschätzt werde als der Nutzen. Bislang wurden 15 Prozent der Kosten für die betroffenen Medikamente erstattet. Die eingesparten Mittel sollen künftig für die Betreuung und Versorgung von Alzheimer-Patienten verwendet werden.
Diese Maßnahme stieß auf Kritik von Gesundheitsorganisationen, insbesondere der französischen Alzheimer-Vereinigung, die sie als "unbegründet und gefährlich" bezeichnete.
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Innovative Pflegekonzepte: Das "Village Landais Alzheimer"
Ein besonders innovativer Ansatz in der Betreuung von Menschen mit Alzheimer ist das "Village Landais Alzheimer" in Dax, Südwestfrankreich. Dieses einzigartige Pflegekonzept bietet 120 Bewohnern eine sichere, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Umgebung, die ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglicht.
Das Konzept des Alzheimer-Dorfes
Das Alzheimer-Dorf ist als eine Art Miniaturstadt konzipiert, in der die Bewohner ihren Alltag so normal wie möglich gestalten können. Es gibt einen Supermarkt, einen Friseursalon, Restaurants und ein Auditorium. Grünflächen, ein Gemüsegarten, eine kleine Farm und Entspannungszonen rund um einen Teich laden zum Verweilen ein.
Integration von Freiwilligen und wissenschaftliche Begleitung
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Integration von Freiwilligen, die die rund 120 Fachkräfte unterstützen. Das Projekt wird vom französischen Gesundheitsforschungsinstitut INSERM wissenschaftlich begleitet. Es untersucht die gesundheitlichen und sozialen Auswirkungen sowie die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Konzepts.
Internationale Beachtung
Seit der Eröffnung im Jahr 2020 hat das "Village Landais Alzheimer" großes internationales Interesse geweckt. Experten besuchen es, um zu prüfen, ob das Modell auf andere Länder übertragbar ist.
Architektur und Gestaltung
NORD Architects (Kopenhagen) realisierten das Alzheimer-Wohndorf (Alzheimer Village) mit der beachtlichen Größe von 10.700 Quadratmetern Bruttogrundfläche. Die Planung erfolgte in einer Arge mit Champagnat & Gregoire Architects (Saint Martin d'Oney). Ziel war es, Pflege, medizinische Behandlung und Wohnen mit Aspekten der Sicherheit und einer lebenswerten Gestaltung in Einklang zu bringen. Durch die weitläufige Struktur der Anlage entsteht ein dörflicher Charakter.
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Die Architektinnen gliederten das Alzheimer-Dorf in fünf Höfe. Am Eingang des Geländes sind die öffentlichen Nutzungen versammelt, etwa medizinische Einrichtungen und Gastronomie. Weiter hinten auf dem Gelände befinden sich vier Wohnhöfe. Jedes der eingeschossigen Gebäude beherbergt eine Clusterwohnung für bis zu acht Personen. Vom Innenhof her betritt man die Eineheiten über die Gemeinschaftsräume, wozu jeweils Küche, Wohnzimmer und Speiseraum zählen. Die Architektinnen setzten auf eine Mischung aus Beton, Holz und Glas. Insbesondere die öffentlichen Bereiche sind offen gestaltet. Die Holzverkleidungen im vorderen Hof lassen an typische Dorfhäuser denken.
Die Bedeutung der Forschung
Die Ausweitung der Forschung und die Verbesserung der Früherkennung sind entscheidend, um die Symptome von Alzheimer besser behandeln zu können. Dies betont auch ein Bericht des französischen Parlaments.