Die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Form der Demenz, ist eine degenerative Erkrankung des Gehirns, die durch fortschreitenden Verlust von Gedächtnis, Urteilsvermögen und Funktionsfähigkeit gekennzeichnet ist. Obwohl die meisten Fälle von Alzheimer sporadisch auftreten und erst im höheren Alter beginnen, gibt es eine seltenere, genetisch bedingte Form, die als familiäre Alzheimer-Krankheit (FAD) bezeichnet wird. Dieser Artikel beleuchtet die genetischen Aspekte der Alzheimer-Krankheit, insbesondere die Mutationen, die mit FAD in Verbindung stehen, und die Bedeutung von Gentests in diesem Zusammenhang.
Familiäre Alzheimer-Krankheit (FAD)
Die familiäre Alzheimer-Krankheit (FAD) macht nur etwa 5 % aller Alzheimerfälle aus. Im Gegensatz zu anderen Formen der Alzheimer-Demenz handelt es sich bei der FAD um eine monogen erbliche Krankheit, bei der eine Mutation in einem Gen krankheitsauslösend ist (autosomal-dominanter Erbgang). Klinisch ist die FAD von anderen Formen der Alzheimer Demenz nicht zu unterscheiden. Allerdings manifestiert sie sich in der Regel früher, weshalb sie zu der Gruppe der early-onset Alzheimer’s diseases (EOAD) zählt. Von einer EOAD spricht man bei einem Manifestationsalter der dementiellen Symptomatik vor dem 60. Lebensjahr.
Ein Verdacht auf eine autosomal-dominant vererbte Form der Alzheimer-Krankheit liegt vor, wenn die Betroffenen zu Erkrankungsbeginn nicht älter als 60 Jahre sind und wenn es in der Familie weitere Erkrankungsfälle gibt oder gab, die auch im Alter von 60 Jahren oder darunter begannen.
Ursachen und Vererbung
Die FAD ist abhängig von der genetischen Vererbung und entsteht, wenn gewisse Veränderungen im genetischen Material, sogenannte Genmutationen, von den Eltern auf die Kinder „autosomal dominant“ übertragen werden. Vereinfacht gesagt bedeutet dies, dass die Genmutation geschlechtsunabhängig ist (autosomal) und es ausreicht, die Genmutation von nur einem Elternteil vererbt zu bekommen, damit es seine „Wirkung“ zeigt (dominant). Liegt bei Vater oder Mutter eine Mutation dieser Gene vor, erben die Kinder das mutierte Gen mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent. Und wer es erbt, wird erkranken. Meist sind Familienmitglieder mehrerer Generationen betroffen.
Identifizierte Gene und Mutationen
Bislang konnten 3 Gene für die FAD identifiziert werden:
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- APP (Amyloid Precursor Protein) auf Chromosom 21q21: Mutationen im Gen APP (Amyloid beta (A4) Precursor Protein) auf Chromosom 21q21.2 verursachen ca. 10-15 % aller familiären Alzheimer-Demenzen. Bei Menschen mit Down-Syndrom (Trisomie 21) kommt das 21. Chromosom nicht nur zweimal, sondern dreimal vor. Deshalb tragen Menschen mit Down-Syndrom eine zusätzliche Kopie des Amyloid-Vorläufer-Protein (APP) in sich, wodurch vermehrt Beta-Amyloid-Ablagerungen entstehen. Bei fast allen Erwachsenen mit Down-Syndrom treten etwa ab dem 40. Lebensjahr Symptome der Alzheimer-Krankheit auf.
- PSEN1 (Presenilin 1) auf Chromosom 14q24: Pathogene Varianten des PSEN1-Gens sind die häufigste Ursache für die früh einsetzende Alzheimer-Krankheit und machen bis zu 80% der Fälle aus. Mutationen im Gen für Präsenilin1 oder für Präsenilin 2. Diese drei Gene sind bislang die einzigen bekannten, bei denen Einzelmutationen Alzheimer auslösen könnten.
- PSEN2 (Presenilin 2) auf Chromosom 1q42: In 15% der Familien mit AD liegt die Mutation in APP und in nur 4% in PSEN2.
Mutationen in diesen Genen führen zu einer erhöhten Produktion von Beta-Amyloid-Fragmenten, die zu Amyloid-Aggregaten verklumpen und Amyloid-Plaques bilden, wie sie in Amyloid-Plaques gefunden werden. Mutationen im Gen für APP erleichtern offenbar diesen Prozess. Die Gene für Präsenilin1 und Präsenilin2 produzieren Teile des Gamma-Sekretase-Enzymkomplexes, Mutationen in diesen Genen verändern die Aktivität der Sekretase und damit die Verarbeitung von APP.
APOE-Gen
Eine Genvariante für das Apolipoprotein E, das ApoE4-Allel, bedingt ein Fünftel aller Alzheimer-Erkrankungen, allerdings erhöht es lediglich das Erkrankungsrisiko. So sind etwa 60 Prozent aller Alzheimerkranken ApoE4-Träger, aber auch etwa 20 Prozent der gesund bleibenden Altersgenossen.
Patienten mit einer Alzheimer-Demenz im höheren Lebensalter weisen gegenüber der Allgemeinbevölkerung vermehrt den Genotyp E4 entweder homozygot (E4/E4) oder heterozygot (E3/E4) auf.
Gentests bei Alzheimer
Viele Menschen machen sich Sorgen, an Alzheimer zu erkranken - insbesondere, wenn bereits Verwandte erkrankt sind oder es waren. Alzheimer kann in seltenen Fällen vererbt werden und ein Gentest kann Auskunft über das eigene Risiko geben.
Wann ist ein Gentest sinnvoll?
Ein Gentest auf Alzheimer kann sinnvoll sein:
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- Bei Personen unter 65 Jahren mit Symptomen einer Alzheimer-Erkrankung.
- Bei direkten Angehörigen von erkrankten Personen, bei denen die Mutation eines der Alzheimer-Gene (APP, PSEN1, PSEN2) nachgewiesen wurde.
- Wenn in einer Familie Alzheimer aufgetreten ist und die Erkrankten noch relativ jung waren (unter 60 Jahren), besteht ein höheres Risiko, dass in der Familie die familiäre Alzheimer-Krankheit (FAD) vererbt wird.
Durchführung und Kosten
Der Test wird in humangenetischen Testzentren oder in einer humangenetischen Sprechstunde anhand einer Blutprobe durchgeführt. Die Kosten für einen Alzheimer-Gentest werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. In Deutschland sind Selbsttests zu Hause aufgrund des Gendiagnostikgesetzes nicht möglich. Das Gesetz schreibt vor, dass vor dem Test ein Beratungsgespräch stattfinden muss und auch das Ergebnis nur von einer Humangenetikerin oder einem Humangenetiker mitgeteilt werden darf.
Interpretation der Ergebnisse
Ein Gentest bei familiärer Alzheimer-Demenz zeigt mit hoher Sicherheit, ob eine Person erkranken wird. Ein Test auf das ApoE4-Gen dagegen weist nur auf ein erhöhtes Risiko für die häufige, nicht vererbte Form der Alzheimer-Krankheit hin - eine sichere Vorhersage ist damit nicht möglich. Sind die Kriterien für einen Verdacht auf familiären Alzheimer erfüllt, lasse sich mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent bei diesen Patienten eine Mutation in einem der drei bekannten Alzheimergene nachweisen: im Gen für das Amyloid-Precursor-Protein (APP), für Präsenilin1 oder für Präsenilin 2.
Ethische Aspekte und Beratung
Die Entscheidung für oder gegen einen Gentest ist nicht einfach. Deshalb gehört eine ausführliche humangenetische Beratung immer dazu. Sie hilft, die Chancen und Belastungen eines Tests realistisch einzuschätzen - für die getestete Person und die Familie. Denn auch wenn ein Gentest helfen kann, Ängste zu lindern, kann ein positives Ergebnis äußerst belastend sein. Eine fundierte Beratung hilft dabei, alle Aspekte dieser schwierigen Entscheidung zu durchdenken.
Andere Demenzformen und genetische Faktoren
Demenzielle Veränderungen haben sehr viele unterschiedliche Ursachen. Es gibt viele Demenzformen. Oft liegen auch Mischformen vor. Dies erschwert die Diagnose und Behandlung.
Frontotemporale Demenz (FTD)
Bei etwa 15 Prozent aller Demenzformen handelt es sich um eine Frontotemporale Demenz (FTD). Diese Demenzform ist auch als Picksche Krankheit bekannt. Das Institut für Humangenetik der Universität Bonn schätzt, dass etwas zehn bis 15 Prozent der FTD vererbbar sind. In diesen Fällen wird oft beobachtet, dass mehrere Mitglieder der Familie von der Erkrankung betroffen sind. Mutationen in 3 Genen liegen der Mehrzahl monogener FTD-Formen zugrunde: MAPT (Microtubule-Associated Protein Tau) auf Chromosom 17q21, GRN (Granulin) auf Chromosom 17q21 und C9orf72 (Chromosome 9 Open Reading Frame 72) auf Chromosom 9p21.
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Vaskuläre Demenz
Eine vaskuläre Demenz ist die Folge von Beschädigungen an Blutgefäßen im Gehirn. Ursächlich dafür ist in vielen Fällen ein Schlaganfall, Bluthochdruck oder andere Grunderkrankungen wie Diabetes und Herzerkrankungen. Es gibt eine genetische Mutation, die das Risiko für eine vaskuläre Demenz stark erhöht.
Lewy-Body-Demenz
Bislang sind keine Risikofaktoren für eine Lewy-Body-Demenz bekannt. In wenigen Familien wird die Lewy-Body-Demenz allerdings infolge von Veränderungen im Erbgut hervorgerufen.
Aktuelle Forschung und Therapieansätze
Die Alzheimer-Demenz kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht geheilt werden. Es gibt jedoch in der Demenz-Therapie Behandlungen, Medikamente und andere Maßnahmen, die die Symptome lindern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen sollen.
Medikamentöse Behandlungen
Im Jahr 2023 kam in den USA ein Bluttest zur Diagnosestellung von Alzheimer auf den Markt. Der Precivity AD-Bloodtest erfasst unter Berücksichtigung des Alters und einer genetischen Komponente das Verhältnis zweier Proteinvarianten von Amyloid-Beta. Der Bluttest gilt als sehr zuverlässig und übertrifft in seiner Genauigkeit Diagnosetechniken wie bildgebende Verfahren („Bilder vom Gehirn“), die die Krankheit oft erst spät erkennen.
Ja, Leqembi wurde in Deutschland am 15.04.2025 zur medikamentösen Behandlung von Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen und im Frühstadium der Alzheimer-Demenz zugelassen.
Impfstoffe und Wirkstoffe
In den letzten Jahren haben immer wieder Studien zu neuen Alzheimer-Impfstoffen Aufsehen erregt. Aktuell ist der Wirkstoff Protollin ein besonders vielversprechender Kandidat. Der Impfstoff, der über die Nase verabreicht wird, soll körpereigene Abwehrkräfte mobilisieren, um gegen Ablagerungen an Nervenzellen vorzugehen. Eine erste Humanstudie, das heißt Tests an Menschen, läuft seit 2021 in den USA.
Etwas weiter ist die Forschung beim Wirkstoff AADvac1. Dieser Wirkstoff greift bestimmte Proteine im Gehirn an und verhindert deren Verklumpung. So soll die Abnahme der geistigen Fähigkeiten verhindert werden. Zu diesem Wirkstoff gibt es bereits mehrere Studien, die die prinzipielle Wirksamkeit in Bezug auf die Proteine und deren Verklumpung belegen.
Bedeutung von Bewegung und Lebensstil
Bewegung ist ein wesentlicher Faktor, um das Risiko für eine Demenz zu verringern. Man kann damit sogar eine erblich bedingte Veranlagung ausgleichen.
Patientenverfügung
Eine Patientenverfügung stellt sicher, dass Ihre medizinischen Wünsche auch in unerwarteten Situationen respektiert werden und bewahrt so Ihre Selbstbestimmung. Sie greift in Situationen, in denen Sie aufgrund von Krankheit oder Verletzung nicht in der Lage sind, sie selbst auszudrücken. Dieses Dokument entlastet zudem Ihre Angehörigen von schwierigen Entscheidungen, vermeidet Missverständnisse und schützt vor unerwünschter Über- oder Unterbehandlung.