Die Alzheimer-Krankheit (AD) hat sich in über einem Jahrhundert von einem Randphänomen zu einem globalen Gesundheitsproblem entwickelt. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte der Alzheimer-Krankheit, den alarmierenden Anstieg der Fallzahlen und die neuesten Statistiken, die die wachsende Belastung für Einzelpersonen, Familien und Gesundheitssysteme weltweit verdeutlichen.
Die historische Entwicklung der Alzheimer-Krankheit
Die Geschichte der Alzheimer-Krankheit begann im Jahr 1901 mit der Aufnahme von Auguste Deter in die "Anstalt für Irre und Epileptische" in Frankfurt am Main. Dr. Alois Alzheimer, ein Psychiater, dokumentierte ihren Fall und erkannte, dass ihre Symptome - Gedächtnisverlust und Wahnvorstellungen - nicht auf eine typische Altersdemenz zurückzuführen waren, da sie erst 51 Jahre alt war.
Alois Alzheimer und die erste Beschreibung der Krankheit
Alois Alzheimer beschrieb die Krankheit im Jahr 1907 basierend auf dem Fall von Auguste Deter. Im Jahr 1910 wurde sie erstmals unter dem Namen "Alzheimer'sche Krankheit" erwähnt. Bis 1906 verfolgte Alzheimer aus der Ferne ihren Zustand, der sich zunehmend verschlechterte. Als er Deters Gehirn nach ihrem Tod im Mikroskop untersuchte, fand er zugrunde gegangene Nervenzellen mit Bündeln faseriger Strukturen - den Neurofibrillen - sowie Ablagerungen außerhalb der Zellen, so genannte senile Plaques.
Frühe Forschung und die Identifizierung von Amyloid-Plaques
Bis in die 1970er Jahre blieben die Mechanismen der Alzheimer-Krankheit weitgehend unbekannt. In den 1980er Jahren gelang jedoch ein Durchbruch: 1984 veröffentlichten George Glenner und Caine Wong von der University of California in San Diego Ergebnisse, wonach ein Peptid namens Beta-Amyloid Hauptbestandteil der Plaques ist - der erste Hauptverdächtige für die Auslösung des Nervenzell-Schadens.
Die Tau-Hypothese und das Zusammenspiel von Amyloid und Tau
1986 publizierten Inge Grundke-Iqbal und Kollegen vom staatlichen New Yorker Institut für Grundlagenforschung zu Entwicklungsstörungen (OPWDD) eine sehr interessante Arbeit. Nach ihren Erkenntnissen ist ein mit bestimmten Zellskelett-Proteinen, den Mikrotubuli, verbundenes Protein namens „Tau“ Bestandteil der Neurofibrillen, der fädigen Strukturen innerhalb der Zellen. Mit Tau erscheint der zweite Hauptverdächtige. Laut Eckhard und Eva-Maria Mandelkow vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Bonn spielt Tau im gesunden Körper eine wichtige Rolle: „Es stabilisiert die Mikrotubuli, die in Nervenzellen besonders wichtig für Transportvorgänge sind. Das gemeinsame Auftreten von Plaques und Neurofibrillen ist charakteristisch für die Alzheimer-Krankheit.
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Der Anstieg der Alzheimer-Fallzahlen: Eine globale Herausforderung
Die Alzheimer-Krankheit hat sich von einem seltenen Leiden zu einem globalen Gesundheitsproblem entwickelt. Schätzungen zufolge leben weltweit mehr als 57 Millionen Menschen mit Demenz, wobei jährlich etwa 10 Millionen neue Fälle hinzukommen. Die Alzheimer-Krankheit ist mit rund 60 bis 70 Prozent aller Fälle die häufigste Demenzform.
Demografischer Wandel und die Zunahme älterer Menschen
Der demografische Wandel, insbesondere der steigende Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung, trägt maßgeblich zum Anstieg der Alzheimer-Fallzahlen bei. Das Alzheimer-Risiko steigt mit dem Alter: Mehr als die Hälfte der daran Verstorbenen ist 85 Jahre und älter.
Globale Prävalenz und regionale Unterschiede
Die Prävalenz von Demenz variiert in den Weltregionen. Während im Jahr 2010 etwas mehr als die Hälfte aller Menschen mit Demenz in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen lebten, prognostiziert die ADI bis 2030 einen Anstieg auf 63,4 Prozent und bis 2050 auf 70,5 Prozent. In den nächsten 20 Jahren wird ADI einen Anstieg der Anzahl der Menschen mit Demenz in Europa um 40 Prozent, in Nordamerika um 63 Prozent, im südlichen Lateinamerika um 77 Prozent und in Industrieländern im asiatischen Pazifik um 89 Prozent ansteigen wird. Im Vergleich dazu erwartet ADI, dass der prozentuale Anstieg in Ostasien 117 Prozent, in Südasien 107 Prozent, im restlichen Lateinamerika 134 bis 146 Prozent und in Nordafrika und dem Mittleren Osten 125 Prozent betragen wird.
Prognosen für die Zukunft
Sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingt, wird sich die Zahl der Erkrankten bis zum Jahr 2050 auf etwa 3 Millionen erhöhen. Dies entspricht einem Anstieg der Krankenzahl um 40.000 pro Jahr bzw. mehr als 100 zusätzliche Krankheitsfälle an jedem einzelnen Tag im Verlauf der nächsten vier Jahrzehnte.
Aktuelle Statistiken und ihre Bedeutung
Die aktuellen Statistiken zur Alzheimer-Krankheit zeichnen ein besorgniserregendes Bild. Sie verdeutlichen nicht nur die wachsende Zahl der Betroffenen, sondern auch die steigenden Kosten für Gesundheitswesen und Gesellschaft.
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Prävalenz in den Vereinigten Staaten
In den Vereinigten Staaten leben schätzungsweise 6,9 Millionen ältere Erwachsene mit Morbus Alzheimer (AD), und weitere 200.000 Menschen unter 65 Jahren haben AD mit früherem Beginn, wie neue Daten zeigen. Die Autoren der Studie sagen jedoch voraus, dass sich die Zahl der über 65-Jährigen mit Alzheimer bis 2050 fast verdoppeln wird.
Anstieg der Sterblichkeit
Eine Analyse der Daten aus den Totenscheinen zeigt, dass die Zahl der Todesfälle durch Alzheimer zwischen 2000 und 2021 um 141 % gestiegen ist, während die Zahl der Todesfälle durch Herzkrankheiten um 2,1 % zurückgegangen ist. Von den 70-Jährigen werden 61 % der Menschen mit Alzheimer voraussichtlich vor dem 80. Lebensjahr sterben, gegenüber 30 % der Menschen ohne Alzheimer.
Wirtschaftliche Belastung
Die Kosten für die Gesundheits- und Langzeitpflege von Menschen mit Alzheimer sind erheblich. Für 2024 wird ein Gesamtbetrag von 360 Milliarden Dollar prognostiziert, was einem Anstieg von 15 Milliarden Dollar gegenüber 2023 entspricht. Diese Zahl beinhaltet nicht die unbezahlte Pflege durch Familienangehörige und Freunde, die in dem Bericht mit fast 350 Milliarden Dollar beziffert wird.
Mangel an Fachkräften
Es besteht ein Mangel an Ärzten, insbesondere an geriatrischen Ärzten, speziell ausgebildeten Hausärzten oder Internisten, die Demenzerkrankungen untersuchen, erkennen und diagnostizieren können. In dem Bericht werden 20 US-Bundesstaaten als "Demenz-Neurologie-Wüsten" bezeichnet, was bedeutet, dass dort im Jahr 2025 voraussichtlich weniger als 10 Neurologen auf 10.000 Demenzkranke kommen werden.
Situation in Deutschland
Die Zahl der Todesfälle aufgrund von Alzheimer hat sich binnen 20 Jahren fast verdoppelt. Im Jahr 2023 starben in Deutschland rund 10.100 Menschen an der unheilbaren Demenzerkrankung, im Jahr 2003 waren es noch rund 5.100 Menschen. Das teilt das Statistische Bundesamt anlässlich des Welt-Alzheimertages mit. Die Zahlen stiegen um 96 Prozent. Rund 19.000 Patientinnen und Patienten wurden im Jahr 2022 wegen Alzheimer in Kliniken stationär behandelt - die Zahl stieg um 61 Prozent im Vergleich zum Jahr 2002.
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Herausforderungen und Lösungsansätze
Die steigende Prävalenz der Alzheimer-Krankheit stellt das Gesundheitswesen und die Gesellschaft vor große Herausforderungen. Es bedarf umfassender Strategien, um die Versorgung der Betroffenen zu verbessern und die Belastung für Familien und das Gesundheitssystem zu reduzieren.
Frühe Diagnose und Intervention
Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, um den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und den Betroffenen eine bessere Lebensqualität zu ermöglichen. Da die neuen Therapien das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit aber nur dann verlangsamen, wenn sie früh im Krankheitsprozess verschrieben werden, muss die Diagnose unbedingt frühzeitig gestellt werden. Aktuell stehen bei der Alzheimer-Diagnostik Biomarker in der Rückenmarksflüssigkeit an erster Stelle, alternativ kann auch eine Bildgebungsuntersuchung erfolgen.
Forschung und Entwicklung neuer Therapien
Die Forschung spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung neuer Therapien und Präventionsstrategien. Mit neueren Wirkstoffen wird heute versucht, die Alzheimer-Ablagerungen ganz zu verhindern. Das funktioniert tatsächlich - im Tierversuch.
Unterstützung für Betroffene und Angehörige
Die Unterstützung von Menschen mit Demenz und ihren Familien ist von entscheidender Bedeutung. Navigationsprogramme für die Demenzversorgung haben gezeigt, dass sie für Menschen mit Demenz und ihre Betreuer von großem Nutzen sein können. Solche Dienste können auch dazu beitragen, den Stress bei der Pflege von Demenzkranken zu verringern, wobei die Koordination der Versorgung zu den größten Stressfaktoren zählt, so der Bericht.
Prävention und gesunder Lebensstil
Ein gesunder Lebensstil kann dazu beitragen, das Risiko für Alzheimer-Krankheit zu reduzieren. Eine gute Prävention sieht laut Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Rechts der Isar, München, unter anderem so aus: „Sehr wichtig ist es, das Gehirn anzuregen. Nicht mit stupidem Gehirnjogging, sondern mit allem, was den Menschen erfreut.“