Die Alzheimer-Krankheit, eine der häufigsten Ursachen für Demenz, betrifft Millionen von Menschen weltweit. Angesichts der steigenden Zahl von Betroffenen intensivieren Forscher ihre Bemühungen, innovative Therapieansätze zu entwickeln, darunter auch Impfstoffe. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Entwicklungen in der Alzheimer-Impfstoffforschung, neue Medikamente und präventive Maßnahmen, die das Potenzial haben, den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen oder das Risiko zu verringern.
Aktuelle Forschung zu Alzheimer-Impfstoffen
Aducanumab: Ein erster Hoffnungsschimmer
Ärzte und Forscher des Instituts für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) des LMU Klinikums, in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in München, waren an den klinischen Studien mit Aducanumab beteiligt. Aducanumab ist ein Wirkstoff, der an Amyloid-Plaques bindet, Protein-Klumpen, die sich bei Alzheimer im Gehirn ansammeln und Nervenzellen beschädigen. Durch die Bindung an diese Plaques stimuliert Aducanumab eine Immunantwort, die den Abbau der Ablagerungen fördert.
Die Firma Biogen testete Aducanumab in zwei Phase-3-Studien (Emerge und Engage). Obwohl beide Studien nach einer Zwischenauswertung vorzeitig gestoppt und zunächst als Fehlschlag eingestuft wurden, ergab eine erneute und erweiterte Analyse der Daten, dass der Antikörper in hohen Dosen den kognitiven Rückgang bei Alzheimer-Patienten im Frühstadium verringern kann. Biogen beantragte daraufhin bei den amerikanischen Zulassungsbehörden die Zulassung des Wirkstoffs.
Dr. Katharina Bürger, Oberärztin der Gedächtnisambulanz am ISD, betont, dass die Ergebnisse der Studien noch nicht abschließend beurteilt werden können. Prof. Michael Ewers, Leiter der Alzheimer Bildgebungsforschung am ISD, ergänzt, dass der Wirkstoff nur bei einem bestimmten Patientenkreis - in hoher Dosis und im leichten Krankheitsstadium - Effekte zeigt und die Anwendung im Alltag aufgrund von Nebenwirkungen kompliziert sein kann.
Lecanemab: Ein Meilenstein in der Alzheimer-Therapie
Ein weiterer vielversprechender Ansatz ist der Wirkstoff Lecanemab, der in den USA unter dem Handelsnamen Leqembi zugelassen wurde und seit Anfang September auch in Deutschland verfügbar ist. Lecanemab ist ein Antikörper, der an Beta-Amyloid bindet, instabile Eiweißstücke, die sich im Gehirn von Alzheimer-Patienten zu sogenannten Protofibrillen zusammenlagern. Diese Protofibrillen gelten als besonders schädlich für die Nervenzellen. Durch die Bindung von Lecanemab an Beta-Amyloid können die entstehenden Komplexe von den Immunzellen aufgenommen und abgebaut werden.
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Der Neurologe Thorsten Bartsch bezeichnet Lecanemab als einen "Meilenstein", da erstmals direkt in den Krankheitsprozess eingegriffen werden kann. Allerdings kommt das Medikament nur für etwa zehn Prozent der von Alzheimer Betroffenen infrage, nämlich solche in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung. Zudem kann Lecanemab den Krankheitsprozess nicht stoppen, sondern nur bremsen.
Die europäische Zulassungsbehörde war zunächst zögerlich, da die Therapie Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen und Mikroblutungen haben kann. Alzheimer-Patienten mit zwei Kopien des sogenannten ApoE4-Gens sind wegen ihres erhöhten Risikos für diese Komplikationen grundsätzlich von einer Behandlung ausgeschlossen. Die Therapie mit Lecanemab erfordert alle zwei Wochen eine Infusion und regelmäßige MRT-Untersuchungen, um mögliche Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen.
Weitere Forschungsansätze
Neben Aducanumab und Lecanemab gibt es weitere vielversprechende Forschungsansätze in der Alzheimer-Impfstoffforschung. Dazu gehören:
- Impfstoffe, die auf andere Amyloid-Formen abzielen: Einige Impfstoffe zielen nicht nur auf Amyloid-Plaques ab, sondern auch auf andere Formen von Amyloid, wie z.B. Amyloid-Oligomere, die als noch schädlicher gelten.
- Impfstoffe, die auf Tau-Proteine abzielen: Tau-Proteine sind ein weiterer wichtiger Bestandteil der Alzheimer-Krankheit. Sie bilden im Gehirn von Alzheimer-Patienten sogenannte "Tangles", die ebenfalls Nervenzellen schädigen.
- Impfstoffe, die das Immunsystem stimulieren: Einige Impfstoffe zielen darauf ab, das Immunsystem so zu stimulieren, dass es die schädlichen Amyloid- und Tau-Proteine selbst abbauen kann.
Präventive Maßnahmen zur Reduzierung des Demenzrisikos
Unabhängig von neuen Antikörper-Medikamenten setzt die Forschung zunehmend auf Prävention durch eine Veränderung des Lebensstils. Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren für Demenz, die beeinflussbar sind:
- Behandlung von Begleiterkrankungen: Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck und ein erhöhter Cholesterinspiegel sollten behandelt werden.
- Soziale Teilhabe: Hörgeräte können die soziale Teilhabe fördern, was ein wichtiger Faktor ist, um die grauen Zellen fit zu halten.
- Impfungen: Die Impfung gegen Gürtelrose-Viren könnte das Demenzrisiko reduzieren.
Der Zusammenhang zwischen Virusinfektionen und Demenz
Jüngste Studien deuten darauf hin, dass Virusinfektionen, insbesondere solche, die das Nervensystem befallen, das Demenzrisiko erhöhen können. Eine große Analyse aus Wales zeigte, dass die Herpes-zoster-Impfung das Demenzrisiko deutlich senken und sogar das Fortschreiten bereits bestehender Demenz verlangsamen kann. Es wird vermutet, dass Viren entweder direkt ins Gehirn eindringen und dort die Nervenzellen schädigen oder das Immunsystem durch die Infektion so stark stimuliert wird, dass es überreagiert.
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Die Rolle der Gürtelrose-Impfung
Die Impfung gegen Gürtelrose (Herpes Zoster) wird zunehmend als präventive Maßnahme zur Reduzierung des Demenzrisikos betrachtet. Studien aus Wales, Australien und Kanada liefern Hinweise darauf, dass eine Impfung gegen Gürtelrose mit einem geringeren Risiko für Demenzerkrankungen verbunden sein könnte. In Wales beispielsweise zeigte sich bei tatsächlich geimpften Personen ein um etwa 20 Prozent geringeres Demenzrisiko.
Die Ständige Impfkommission (STIKO) verweist inzwischen ebenfalls auf Studien, die neben dem Schutz vor Gürtelrose weitere gesundheitliche Vorteile der Impfung nahelegen, darunter ein reduziertes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen.
Weitere Faktoren, die das Demenzrisiko beeinflussen
Medin und Amyloid-β
Forschende am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) haben entdeckt, dass sich in den Blutgefäßen des Gehirns von Alzheimer-Patienten zusammen mit dem Protein Amyloid-β auch das Protein Medin ablagert. Diese sogenannte Co-Aggregation verstärkt krankhafte Veränderungen der Blutgefäße. Medin könnte daher ein therapeutisches Ziel sein, um vaskuläre Schäden und kognitive Verschlechterungen zu verhindern.
COVID-19-Impfungen und Nebenwirkungen
Eine Studie des Universitätsklinikums Tübingen untersuchte die Nebenwirkungen von COVID-19-Impfungen. Die Ergebnisse zeigten, dass nach der ersten Impfung vor allem lokale Nebenwirkungen bei den mRNA-Impfstoffen BioNTech/Pfizer und Moderna auftraten, während systemische Nebenwirkungen bei dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca häufiger und schwerer waren. Nach der zweiten Dosis nahm jedoch die Häufigkeit systemischer Nebenwirkungen ab, wenn AstraZeneca verabreicht wurde.
Maskentragen und Emotionserkennung
Eine Studie der Tübinger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie untersuchte, wie sich das Tragen von Gesichtsmasken auf die Erkennung von Emotionen auswirkt. Die Studie zeigte, dass Maskentragen das Erkennen von Emotionen erschwert, wenngleich zuverlässige Rückschlüsse auf grundlegende emotionale Ausdrücke möglich bleiben.
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Herausforderungen und Ausblick
Die Alzheimer-Impfstoffforschung steht noch vor großen Herausforderungen. Es ist wichtig, die komplexen Mechanismen der Krankheit besser zu verstehen, um wirksame Impfstoffe und Therapien zu entwickeln. Zudem müssen die Nebenwirkungen der neuen Medikamente sorgfältig überwacht werden.
Trotz der Herausforderungen gibt es Grund zur Hoffnung. Die Fortschritte in der Alzheimer-Impfstoffforschung und die Entwicklung neuer Medikamente wie Lecanemab bieten die Möglichkeit, den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen und die Lebensqualität von Betroffenen zu verbessern. Präventive Maßnahmen, wie die Behandlung von Begleiterkrankungen, soziale Teilhabe und Impfungen, können dazu beitragen, das Demenzrisiko zu reduzieren.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Alzheimer-Impfstoffforschung in den kommenden Jahren entwickeln wird. Es ist jedoch zu erwarten, dass die Forschung weiterhin intensiviert wird und neue, innovative Therapieansätze entwickelt werden, die das Potenzial haben, die Alzheimer-Krankheit eines Tages zu besiegen.
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