Junges Blut in der Alzheimer-Forschung: Ein zweischneidiges Schwert?

Die Suche nach dem Jungbrunnen ist ein uraltes Thema, das in Sagen und Legenden immer wieder aufgegriffen wird. Die Idee, dass junges Blut verjüngende Eigenschaften besitzt, hat in den letzten Jahren in der Alzheimer-Forschung für Aufsehen gesorgt. Studien an Mäusen haben gezeigt, dass Blutplasma jüngerer Tiere bei älteren Tieren zur Verbesserung des Gedächtnisses beitragen kann. Ob diese Erkenntnisse auch auf den Menschen übertragbar sind, ist jedoch noch unklar. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Forschungsergebnisse zu diesem Thema, die potenziellen Risiken und Chancen sowie ethische Aspekte.

Verträglichkeit von jungem Blut bei Alzheimerpatienten

Ein wichtiger erster Schritt bei der Erforschung des Potenzials von jungem Blut als Therapie gegen Alzheimer ist die Untersuchung der Sicherheit und Verträglichkeit. Eine randomisierte klinische Studie an der Stanford University untersuchte, ob die Infusion von Blutplasma junger Spender für Alzheimerpatienten sicher ist.

Studiendesign und Ergebnisse

In dieser Doppelblindstudie wurden Patienten in einer Behandlungsphase mit Blutplasma und in einer zweiten Phase mit einem Placebo behandelt. Die Infusionen erfolgten einmal wöchentlich über vier Wochen, gefolgt von einer sechswöchigen Auswaschphase. Weder Ärzte noch Patienten wussten, welche Substanz in welcher Phase verabreicht wurde. Zusätzlich zu diesem Crossover-Design gab es eine offene Behandlungsphase, in der alle Patienten Blutplasma erhielten.

An der Studie nahmen 18 Patienten mit milder bis moderater Alzheimererkrankung im Alter von 50 bis 90 Jahren teil. Die Ergebnisse zeigten, dass die Behandlung mit jungem Blutplasma im Allgemeinen gut vertragen wurde. Es gab keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse, die mit der Behandlung in Verbindung standen. Zwei Patienten brachen die Behandlung aufgrund anderer medizinischer Probleme ab. Die beobachteten unerwünschten Effekte waren meist mild bis moderat und traten in der Plasma- und Placebogruppe ähnlich häufig auf. Zu den häufigsten Effekten zählten Bluthochdruck, Schwindel, Sinus-Bradykardie, Kopfschmerzen und Sinus-Tachykardie.

Implikationen für die weitere Forschung

Die Studie zeigte, dass eine wöchentliche Infusionsbehandlung mit Blutplasma junger Spender über einen Zeitraum von vier Wochen von Patienten mit milder bis moderater Alzheimererkrankung gut vertragen wird. Diese Erkenntnis ermöglicht nun größere Studien mit Placebovergleich, um zu untersuchen, ob sich diese Behandlung auch positiv auf die Denkleistung der Patienten auswirkt.

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Übertragbarkeit von Alzheimer durch fehlgefaltete Proteine?

Neben der Forschung zum verjüngenden Potenzial von jungem Blut gibt es auch Bedenken hinsichtlich der möglichen Übertragbarkeit von Alzheimer. Studien deuten darauf hin, dass Alzheimer in seltenen Fällen übertragbar sein könnte, wenn fehlgefaltete Amyloid-Proteine direkt in das Gehirn oder Blut von Empfängern gelangen.

Historische Fälle von iatrogener Alzheimer-Erkrankung

In Großbritannien wurden fünf Fälle von ungewöhnlich früh einsetzender Alzheimer-Demenz bei Patienten identifiziert, die als Kind eine spezielle, heute verbotene medizinische Therapie erhalten hatten. Ihnen wurden menschliche Wachstumshormone verabreicht, die aus Toten gewonnen wurden und wahrscheinlich mit krankhaft fehlgefalteten Amyloid-Beta-Proteinen verunreinigt waren.

Dieser Verdacht ist nicht neu. Wissenschaftler vermuten schon länger, dass Alzheimer in bestimmten Aspekten einer Prionenerkrankung wie der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) ähneln könnte. Bei Prionenerkrankungen übertragen fehlgefaltete Proteine ihre Fehlfaltung auf andere, noch korrekt geformte Proteine und wirken dadurch wie infektiöse Erreger.

Forschungsergebnisse zu Amyloid-Beta-Übertragung

Wissenschaftler haben in den letzten Jahren mehrere Indizien dafür gefunden, dass die fehlgefalteten Amyloid-Proteine von Alzheimer-Erkrankten ihre Fehlfaltung ähnlich wie Prionen auf gesunde Proteine übertragen können. So erkrankten Mäuse an Alzheimer, nachdem sie mit Amyloid-Beta-Plaques verunreinigte Injektionen direkt ins Gehirn erhalten hatten. Eine weitere Studie fand Hinweise darauf, dass einige Menschen Alzheimer bekamen, nachdem sie im Rahmen von Gehirnoperationen mit fehlgefalteten Proteinen kontaminierte Hirnhäute eingepflanzt bekommen hatten.

Bereits 2015 kam der Verdacht auf, dass eine Prionen-ähnliche Übertragung bei Alzheimer auch über das Blut erfolgen könnte. Anhaltspunkt dafür waren Beobachtungen bei Patienten, die als Kinder wegen Kleinwüchsigkeit menschliche, aus dem Gewebe von Toten gewonnene Wachstumshormone erhalten hatten. Einige Chargen waren mit Prionen der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit kontaminiert und verursachten zahlreiche Fälle dieser unheilbaren, tödlichen neurodegenerativen Erkrankung. Bei der Untersuchung der Gehirne einiger dieser an CJK gestorbenen Patienten entdeckten Forschende bereits in jungen Jahren die für Alzheimer typischen Amyloid-Plaques.

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Implikationen für medizinische Verfahren

Die hier untersuchte Form der Übertragung ist heute nicht mehr möglich, da Wachstumshormone synthetisch hergestellt werden und die Gewinnung aus der Hypophyse von Toten seit 1985 weltweit verboten ist. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass Alzheimer im Rahmen von Alltagsaktivitäten oder normaler medizinischer Pflege übertragen werden kann. Dennoch mahnen die Erkenntnisse zur Vorsicht und zur Einhaltung strenger Sicherheitsvorkehrungen bei medizinischen Eingriffen, die das Risiko einer Übertragung von fehlgefalteten Proteinen bergen könnten.

Verjüngende Effekte von jungem Blut: Tierexperimentelle Studien

Die Idee, dass junges Blut verjüngende Effekte haben könnte, basiert auf Studien an Tieren, insbesondere an Mäusen. Diese Studien haben gezeigt, dass junges Blut die kognitiven Fähigkeiten älterer Mäuse verbessern und altersbedingte Veränderungen im Gehirn rückgängig machen kann.

Studien an transgenen Mäusen mit Alzheimer-Mutation

Forscher um Jinte Middeldorp von der Stanford University untersuchten die Auswirkungen von jungem Blut auf transgene Mäuse mit einem mutierten menschlichen Gen für das Amyloid-Vorläufer-Protein (APP), das mit der Alzheimer-Krankheit in Verbindung steht. Sie stellten fest, dass die Infusion von Plasma junger Tiere die kognitive Leistung der Mäuse verbesserte.

Ähnliche Effekte erzielten die Forscher, wenn sie älteren Mäusen mit der Alzheimer-Mutation zweimal wöchentlich Plasma von jungen Tieren verabreichten. Dies hatte offenbar Folgen für die kognitiven Fähigkeiten. Plasma junger Tiere, so schlossen die Forscher, scheint die kognitive Leistung von Mäusen mit einer Alzheimer-ähnlichen Erkrankung zu verbessern.

Mögliche Mechanismen der Verjüngung

Die Mechanismen, die für die verjüngenden Effekte von jungem Blut verantwortlich sind, sind noch nicht vollständig verstanden. Es wird vermutet, dass im Blutplasma junger Tiere Faktoren enthalten sind, die wie eine Verjüngungskur wirken. Diese Faktoren könnten DNA-Schäden reduzieren, Entzündungen im Gehirn hemmen und die Neubildung von Nervenzellen fördern.

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Eine vielversprechende Substanz, die in diesem Zusammenhang untersucht wird, ist der Growth Differentiation Factor 11 (GDF11). Studien haben gezeigt, dass GDF11 die Durchblutung verbessert und die Fitness von älteren Mäusen erhöht.

Kritik an der Forschung

Die Forschung zu jungem Blut und seinen verjüngenden Effekten ist nicht unumstritten. Einige Wissenschaftler bemängeln, dass die Ergebnisse an Tieren nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragbar sind. Zudem sind die Mechanismen, die für die beobachteten Effekte verantwortlich sind, noch nicht vollständig geklärt.

Geschäftemacherei mit der Hoffnung auf ewige Jugend?

Die vielversprechenden Forschungsergebnisse zu jungem Blut haben auch findige Unternehmen auf den Plan gerufen, die versuchen, mit dem Traum vom ewigen Jungsein Geschäfte zu machen. So bietet beispielsweise das US-Start-up "Ambrosia" Injektionen mit jungem Plasma an, die jedoch mit einem Preis von mehreren tausend Dollar pro Behandlung sehr teuer sind.

Ethische Bedenken und Warnungen

Die Geschäftspraktiken von Unternehmen wie "Ambrosia" sind umstritten. Kritiker bemängeln, dass die Wirksamkeit der Behandlungen nicht ausreichend belegt ist und dass die hohen Kosten die Behandlungen für viele Menschen unerschwinglich machen. Die Food & Drug Administration (FDA) der USA hat sogar ausdrücklich vor den Methoden von "Ambrosia" gewarnt.

Es gibt auch ethische Bedenken hinsichtlich der Gewinnung von jungem Blut. Die Spender müssen jung und gesund sein, und es besteht die Gefahr, dass sie für die Spende ausgebeutet werden. Zudem ist die Verfügbarkeit von jungem Blut begrenzt, was zu einer Ungleichverteilung der Behandlungsmöglichkeiten führen könnte.

Die Suche nach dem Jungbrunnen-Elixier

Trotz der Bedenken und Risiken ist die Forschung zu jungem Blut ein vielversprechendes Feld für die Entwicklung neuer Therapien gegen altersbedingte Erkrankungen wie Alzheimer. Ziel ist es, die spezifischen Faktoren im jungen Blut zu identifizieren, die für die verjüngenden Effekte verantwortlich sind, und diese Faktoren in Medikamente umzuwandeln.

Die Firma Alkahest, die von Tony Wyss-Coray gegründet wurde, arbeitet beispielsweise daran, die Tausenden von Komponenten im Blutplasma zu analysieren und diejenigen herauszufiltern, die tatsächlich für eine verjüngende Wirkung verantwortlich sein könnten. Durch Versuch und Irrtum will man das Jungbrunnen-Elixier immer weiter einkreisen.

Perspektiven für die Zukunft

Die Forschung zu jungem Blut in der Alzheimer-Forschung steht noch am Anfang. Es gibt noch viele offene Fragen, die beantwortet werden müssen. Dennoch sind die bisherigen Ergebnisse vielversprechend und geben Anlass zur Hoffnung auf neue Therapien gegen Alzheimer und andere altersbedingte Erkrankungen.

Klinische Studien am Menschen

In den nächsten Jahren werden klinische Studien am Menschen durchgeführt, um die Wirksamkeit von Behandlungen mit jungem Blut oder spezifischen Faktoren aus jungem Blut zu untersuchen. Diese Studien werden zeigen, ob die Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen übertragbar sind und ob die Behandlungen sicher und wirksam sind.

Entwicklung von Medikamenten

Langfristiges Ziel ist es, Medikamente zu entwickeln, die die verjüngenden Effekte von jungem Blut nachahmen, ohne dass Bluttransfusionen erforderlich sind. Diese Medikamente könnten dazu beitragen, den Alterungsprozess zu verlangsamen, altersbedingte Erkrankungen zu verhindern und die Lebensqualität älterer Menschen zu verbessern.

Ethische und gesellschaftliche Implikationen

Die Entwicklung von Therapien, die den Alterungsprozess verlangsamen oder aufhalten können, wirft auch ethische und gesellschaftliche Fragen auf. Wie wird sich eine längere Lebensdauer auf die Gesellschaft auswirken? Wie wird die Verteilung von Ressourcen und Chancen geregelt? Wie wird mit den möglichen Ungleichheiten umgegangen, die durch den Zugang zu solchen Therapien entstehen könnten?

Es ist wichtig, diese Fragen frühzeitig zu diskutieren und ethische Rahmenbedingungen zu schaffen, um sicherzustellen, dass die Entwicklung und Anwendung von Anti-Aging-Therapien im Einklang mit den Werten und Zielen einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft stehen.

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