Veränderter Geruchssinn als frühes Warnsignal für Alzheimer

Alzheimer, eine neurodegenerative Erkrankung, manifestiert sich typischerweise durch Symptome wie Gedächtnisverlust, Sprachprobleme und Orientierungsschwierigkeiten. Neueste Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass Veränderungen im Geruchssinn Jahre vor dem Auftreten dieser klassischen Symptome ein frühes Warnsignal für Alzheimer sein können. Diese Erkenntnis eröffnet neue Möglichkeiten für eine frühzeitige Diagnose und Intervention.

Der Geruchssinn als Frühindikator

Eine veränderte Wahrnehmung von Gerüchen kann ein frühes Warnsignal für Alzheimer sein. Die Krankheit beginnt oft unbemerkt in Bereichen des Gehirns, die unsere Sinne steuern, bevor sie das Gedächtniszentrum beeinträchtigt. Studien, wie die in Nature Communications veröffentlichte, zeigen, dass besonders der Geruchssinn betroffen ist. Betroffene bemerken, dass Düfte flacher wirken, lange bevor erste Gedächtnislücken auftreten.

Normalerweise verstärken feine Nervenbahnen im Gehirn Geruchssignale, damit Düfte klar und intensiv wahrgenommen werden. Doch bei Alzheimer werden diese Bahnen früh beschädigt. Abwehrzellen bauen sie ab, noch bevor andere Hirnregionen betroffen sind. Das führt dazu, dass Gerüche schwächer oder verfälscht wahrgenommen werden.

Der Geruchssinn könnte somit ein Fenster in die Frühphase von Alzheimer sein. Wenn Kaffee, Parfüm oder Essen plötzlich weniger intensiv riechen, kann das ein Hinweis sein. Ärzte nutzen solche Beobachtungen inzwischen, um erste Demenzanzeichen frühzeitig einzuordnen. Der Geruch allein liefert zwar keine Diagnose, doch er ergänzt das Bild möglicher Symptome.

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jede Riechstörung auf Alzheimer hindeutet. Auch Infekte, Allergien oder Post-COVID können den Geruch beeinträchtigen. Entscheidend ist die Dauer. Wer über Wochen oder Monate hinweg eine deutliche Veränderung bemerkt, sollte das ärztlich prüfen lassen. Nur so lässt sich unterscheiden, ob es harmlose Ursachen sind oder ein erstes Warnsignal für Demenz.

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Neurowissenschaftliche Erkenntnisse

Forschende des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) haben neue Einblicke in die Rolle des Geruchssinns bei Alzheimer gewonnen. Ihre Untersuchungen zeigen, dass die Immunantwort des Gehirns eine wichtige Rolle spielt, da sie offenbar Nervenfasern angreift, die für die Geruchswahrnehmung von Bedeutung sind.

Die Forschenden fanden heraus, dass Immunzellen des Gehirns, sogenannte Mikroglia, Verbindungen zwischen dem Riechkolben und dem Locus Coeruleus entfernen. Der Riechkolben analysiert sensorische Informationen der Geruchsrezeptoren in der Nase, während der Locus Coeruleus diese Verarbeitungsprozesse beeinflusst. Veränderungen an den Nervenfasern, die diese beiden Regionen verbinden, signalisieren den Mikroglia, dass die betroffenen Fasern defekt oder überflüssig sind.

Konkret fanden die Forschenden Hinweise auf eine veränderte Zusammensetzung der Membranen der betroffenen Nervenfasern. Die Fettsäure Phosphatidylserin, die normalerweise auf der Innenseite der Membran von Nervenzellen vorkommt, war nach außen gewandert. Dies wird von Mikroglia als "Fress-mich-Signal" erkannt, was zur Entfernung der Nervenfasern führt.

Genetische Faktoren und Geruchssinn

Eine Studie der Universität Leipzig mit 21.000 Teilnehmenden hat gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Risiko für die Alzheimer-Krankheit und der Fähigkeit, Gerüche zu erkennen, gibt. Die Studie identifizierte zehn genetische Regionen, die mit der Fähigkeit, bestimmte Gerüche zu erkennen, zusammenhängen. Drei dieser Regionen zeigten geschlechtsspezifische Effekte.

Die Studie konnte zeigen, dass Geruchsverlust auch ein Frühindikator für neurodegenerative Erkrankungen sein kann. Wer also an Alzheimer erkrankt ist, hat damit ein erhöhtes Risiko, dass der Geruchssinn (im Krankheitsverlauf) abnimmt.

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Frühe Diagnose und Therapie

Eine rechtzeitige Erkennung von Alzheimer anhand des Geruchssinns könnte künftig mehr sein als ein Warnsignal. Seit kurzem gibt es erste Medikamente, die gezielt Amyloid-beta im Gehirn angreifen. Diese Antikörper-Therapien scheinen besonders dann wirksam zu sein, wenn die Behandlung ganz am Anfang der Erkrankung beginnt - noch bevor größere Gedächtnisprobleme auftreten.

Wenn Betroffene durch auffällige Riechstörungen früher zur Diagnose gelangen, ließe sich eine Therapie möglicherweise deutlich früher starten - mit entsprechend höherer Wahrscheinlichkeit, dass die Medikamente anschlagen. Damit eröffnen frühe Symptome wie der Verlust des Geruchssinns nicht nur neue Einblicke in die Krankheit, sondern auch Chancen für eine wirksamere Behandlung.

Riechtraining als Therapieansatz

Die enge Verbindung zwischen dem Geruchssinn und dem limbischen System, das für Emotionen und Gedächtnis zuständig ist, eröffnet neue therapeutische Möglichkeiten. Einige Mediziner hoffen, Depressionen durch gezieltes "Riechtraining" abmildern zu können.

Es hat sich gezeigt, dass Gerüche Ängste mildern und Sorgen vertreiben können. Eine Studie mit depressiven Patienten verlief jedoch ernüchternd: Den Betroffenen ging es nach der Behandlung nicht besser als der Kontrollgruppe. Es ist noch viel Forschungsarbeit nötig, bis man genau weiß, wie Geruchsvermögen und Depression zusammenhängen.

Die Bedeutung der olfaktorischen Stimulation

Studien haben gezeigt, dass eine lebenslange olfaktorische Stimulation eine heilsame Wirkung auf das Gehirn haben könnte. Eine gezielte Duftstimulation könnte die Neubildung von Neuronen, die sogenannte Neurogenese, anstoßen.

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In einer australischen Studie ließ ein tägliches 30-minütiges Duftbad bei Mäusen innerhalb von drei Monaten neue Nervenzellen sprießen. Das galt sowohl für den Riechkolben als auch für den Hippocampus, der zentral für Lernen und Gedächtnis ist. Entscheidend für die Neurogenese war, dass sich die Düfte abwechselten - eine Duftmischung hatte keinen entsprechenden Effekt.

Eine Gruppe kanadischer Forschender fand heraus, dass sich bei angehenden Sommeliers aufgrund des intensiven Riechtrainings nicht nur der Riechkolben verstärkt hatte, sondern auch die Dicke des sogenannten entorhinalen Kortex zugenommen hatte. Der entorhinale Kortex spielt eine zentrale Rolle bei der Gedächtnisbildung.

Fazit

Veränderungen im Geruchssinn können ein frühes Warnsignal für Alzheimer sein, das Jahre vor dem Auftreten klassischer Symptome auftritt. Neurowissenschaftliche Forschung hat Einblicke in die Mechanismen gewonnen, die diesen Zusammenhang erklären, und genetische Studien haben gezeigt, dass es eine Verbindung zwischen dem Risiko für Alzheimer und der Fähigkeit, Gerüche zu erkennen, gibt. Eine frühzeitige Diagnose und Intervention, möglicherweise unterstützt durch Riechtraining und neue Medikamente, könnten den Verlauf der Krankheit verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern. Es ist wichtig, anhaltende Veränderungen im Geruchssinn ärztlich abklären zu lassen, um mögliche erste Demenzanzeichen rechtzeitig einzuordnen.

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