Die Vorstellung, Blut als Verjüngungsmittel zu nutzen, erinnert an düstere Legenden und fragwürdige Beauty-Trends. Prominente wie Kim Kardashian haben mit dem "Vampire Facelift" für Aufsehen gesorgt, einer Behandlung, bei der Eigenblutplasma zur Hautstraffung eingesetzt wird. Doch jenseits solcher Anwendungen rückt Blut nun in den Fokus wissenschaftlicher Forschung zur Bekämpfung des Alterungsprozesses, insbesondere im Hinblick auf Demenzerkrankungen wie Alzheimer.
Die Forschung: Junges Blut verjüngt Gehirne von Mäusen
Verschiedene Forscherteams haben erfolgreich das Blut jüngerer Artgenossen eingesetzt, um Hirn- und Muskelfunktionen bei älteren Mäusen zu verbessern. Diese Studien, durchgeführt von Forschern wie Tony Wyss-Coray von der Universität Stanford und Saul Villeda von der University of California in San Francisco, nutzen zwei Methoden: die Injektion von Blutplasma junger Mäuse in ältere Tiere und die sogenannte "Parabiose", bei der die Kreislaufsysteme junger und alter Mäuse chirurgisch verbunden werden.
Die Ergebnisse sind vielversprechend. So konnten die Forscher zeigen, dass sich "mindestens einige Verfallserscheinungen des Gehirns wieder rückgängig gemacht werden können". Konkret wurde festgestellt, dass sich die Neuronen besser vernetzten und die Konzentration von Molekülen, die bei Lernprozessen eine Rolle spielen, zunahm. Junges Blut kann den Altersverschleiß am Hippocampus umkehren, einer Hirnregion, die für Lernen und Gedächtnis von entscheidender Bedeutung ist. Diese Verknüpfungen im Gehirn werden bei Demenzkranken abgebaut.
Auch im Labor des Neurowissenschaftlers Lee Rubin an der Harvard Universität wurden ähnliche Ergebnisse erzielt. Durch die Koppelung des Blutkreislaufs junger und alter Mäuse konnten die älteren Tiere in der für den Geruchssinn zuständigen Hirnregion neue Neuronenverbindungen knüpfen und somit wieder feinere Nuancen erschnuppern. Rubins Team kommt zu dem Schluss: "Unabhängig vom Alter des Gehirns ist junges Blut in der Lage, das gealterte Gehirn zu verjüngen."
GDF11: Die Schlüsselkomponente im Blut?
Die entscheidende Frage ist, welcher Stoff im Blut für diese verjüngende Wirkung verantwortlich ist. Ein Protein namens Growth Differentiation Factor 11 (GDF11) steht im Verdacht, eine Schlüsselrolle zu spielen. Die Harvard-Wissenschaftlerin Amy Wagers hat in einer Studie festgestellt, dass GDF11 die Durchblutung verbessert und die Fitness älterer Mäuse erhöht.
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Übertragung auf den Menschen: Klinische Studien und erste Ergebnisse
Die spannende Frage ist nun, ob und in welcher Weise sich die Forschungsergebnisse auf den Menschen übertragen lassen. Rubin und Wagers planen, den Effekt von GDF11 in den nächsten Jahren an Menschen zu untersuchen. Tony Wyss-Coray hat sogar bereits ein Unternehmen gegründet, das sich den therapeutischen Möglichkeiten von jungem Blut beim Menschen widmet.
Eine kleine, eng begrenzte Studie der Stanford-Universität hat bereits erste Ergebnisse bei Alzheimer-Patienten gezeigt. Die Studie untersuchte, ob eine Infusion mit jungem Blutplasma für Alzheimerpatienten verträglich ist.
Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass die Patienten die Infusionen gut vertragen. "Sehr überraschend sehen wir zwei Funktionen, die sich verbessert haben. In Englisch würde ich sagen "executive function", das ist so Anwesenheit, Präsenz, dass man Familienmitglieder erkennt oder Witze erzählt, und die andere war "activities of daily living", so allgemeine Sachen wie ein Hemd zu anziehen oder Socken anziehen oder ein Frühstück vorbereiten und solche Sachen." Die Firma verkauft diese Ergebnisse noch nicht als Durchbruch, dazu ist die Zahl der Patienten zu klein. Aber sie sieht sich bestätigt und will daran gehen, wirkliche Produkte zu entwickeln.
Herausforderungen und weitere Forschung
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es noch viele offene Fragen und Herausforderungen. So ist beispielsweise noch unklar, welcher Bestandteil im Blut der jungen Mäuse genau für den positiven Effekt verantwortlich ist. Zudem muss in größeren Studien mit Placebovergleich ermittelt werden, ob sich die Behandlung tatsächlich auf die Denkleistung von Alzheimer-Patienten positiv auswirkt.
Wie komplex das Thema ist, zeigt auch die Analyse der Proteine im Blut. Forscher haben Unterschiede im Blut von Erwachsenen zwischen 18 und 70 Jahren untersucht und dabei 200 Proteine gefunden, die mit dem Alter seltener werden, und 400, deren Konzentration sich erhöht. Die Bedeutung dieser Veränderungen ist jedoch noch weitgehend unklar. "Wir denken, das ganze Blutsystem ist wie das Internet des Körpers. Das ist ein System, was Zehntausende und noch mehr Signale herumschickt in dem Körper. Und die können positiv sein, die können negativ sein, die können Ursache sein, die können auch Ergebnisse sein, also das Verständnis davon ist immer noch in frühen Jahren."
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Aktuelle Forschungsprojekte in Deutschland
Auch in Deutschland wird intensiv an der Alzheimer-Krankheit geforscht. Dr. Hermann Clemens Altmeppen vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) leitet ein Forschungsprojekt, das sich mit den Ursachen der Krankheit und möglichen Therapieansätzen beschäftigt.
Im Fokus seiner Forschung steht das Enzym ADAM10, das das Prionprotein (PrP) von den Nervenzellen freisetzt. Das freigesetzte Prionprotein (sPrP) ist wahrscheinlich in der Lage, die giftigen Amyloid-Oligomere unschädlich zu machen und könnte zudem als Biomarker dienen. Das Ziel des Forschungsprojekts ist es, die Freisetzung von sPrP durch ADAM10 so zu stimulieren, dass deutlich mehr Beta-Amyloid im Gehirn unschädlich gemacht wird.
Dr. Altmeppen und sein Team haben kürzlich Moleküle entdeckt, die aufgrund der Bindung an PrP dessen Freisetzung fördern und möglicherweise für einen neuen Therapieansatz in Frage kämen. Mit Zellkulturen, Alzheimer-Mausmodellen und mit menschlichen Gewebeproben werden diese Moleküle weiter erforscht. Zudem wird untersucht, ob sich sPrP als diagnostischer Biomarker für die Alzheimer-Krankheit eignet.
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