Einführung
Der 11. Kongress der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz (DAlzG) fand vom 29. September bis 1. Oktober 2022 in Mülheim an der Ruhr statt. Unter dem Motto „Demenz: Neue Wege wagen?!“ versammelten sich Menschen mit Demenz, Angehörige sowie haupt- und ehrenamtlich Engagierte aus Pflege, Betreuung und Therapie, um sich auszutauschen und neue Perspektiven zu entwickeln. Der Kongress bot eine Plattform für Diskussionen über innovative Ansätze in der Demenzversorgung und die Herausforderungen, mit denen Menschen mit Demenz und ihre Familien konfrontiert sind.
Hintergrund und Zielsetzung
Monika Kaus, die 1. Vorsitzende der DAlzG, betonte in ihrem Grußwort die Notwendigkeit, trotz der gestiegenen öffentlichen Aufmerksamkeit für das Thema Demenz weitere Entwicklungen anzustoßen und eine umfassende Versorgung einzufordern. Sie wies darauf hin, dass Menschen mit Demenz und ihre Familien nach wie vor Ausgrenzung erleben und ihre individuellen Bedürfnisse zu wenig Berücksichtigung finden. Zudem müsse die Versorgung, insbesondere in ländlichen Regionen, gleichermaßen gesichert werden. Angesichts des Pflegenotstands sei es wichtig, Altbewährtes umzusetzen und innovative Wege zu beschreiten.
Der Kongress sollte ursprünglich im Oktober 2020 stattfinden, musste aber aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden. Er bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich über aktuelle Entwicklungen in der Demenzforschung, -versorgung und -politik zu informieren und sich mit anderen Akteuren zu vernetzen.
Programm und Schwerpunkte
Das dreitägige Programm umfasste 24 Symposien, sechs Workshops und eine Vielzahl von Vorträgen und Diskussionsrunden. Dabei wurde ein breites Themenspektrum behandelt, das von der Unterstützung und Vernetzung im ländlichen Raum über Partizipationsmöglichkeiten an Forschungsvorhaben bis hin zu demenzsensiblen Religionsgemeinden reichte. Auch seltene Demenzerkrankungen, Strategien in Bund und Ländern sowie die Begleitung im Akutkrankenhaus wurden thematisiert.
Eröffnung und Keynotes
Der Kongress wurde mit einem Statement von Lilo Klotz, einer an Lewy-Body-Demenz erkrankten Frau, eröffnet. Sie sprach zusammen mit anderen an Demenz erkrankten Menschen über ihr Leben mit der Erkrankung und forderte mehr Teilhabe und Inklusion.
Lesen Sie auch: Informationen für Alzheimer-Patienten und Angehörige
In den anschließenden Keynotes referierten Prof. Dr. Alexander Kurz (München) zum Thema „Risikominderung: Wissen, Hoffen, Handeln!“ und Swen Staack (Norderstedt) über seine persönlichen Erfahrungen als „Salto Mortale - vom Experten zum pflegenden Angehörigen“.
Symposien und Workshops
Die Symposien boten den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich vertieft mit verschiedenen Aspekten der Demenz auseinanderzusetzen. So gab es beispielsweise Vorträge über Trauma und Selbsterhaltung, die Reduktion von Medikamenten und den Einsatz neuer Medien zur Herstellung von Öffentlichkeit. Eine junge Krankenpflegerin trug eindrucksvoll Gedichte über Demenz und ihren Beruf vor.
In den Workshops konnten die Teilnehmenden praktische Kompetenzen erwerben und neue Methoden kennenlernen.
Preisverleihungen und Ehrungen
Am dritten Kongresstag wurde im Anschluss an den Vortrag von Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey „Pflege in Zeiten des langen Lebens: neue Wege wagen?!“ erstmalig ein Engagierten-Preis verliehen. Darüber hinaus vergab die DAlzG ihre mit 400.000 Euro dotierte Forschungsförderung 2022 sowie weitere 350.000 Euro für die Grundlagenforschung, die von der Förderstiftung Dierichs zur Verfügung gestellt werden.
Das Abschlussprogramm wurde musikalisch von Sarah Straub und Konstantin Wecker umrahmt.
Lesen Sie auch: Kinder-Alzheimer: Ein umfassender Überblick
Hüttenwochenenden für Menschen mit FTD und ihre Angehörigen
Ein besonderes Highlight des Kongresses war der Vortrag über die Hüttenwochenenden für Menschen mit Frontotemporaler Demenz (FTD) und ihre Angehörigen. Ehrenamtliche berichteten über die Gestaltung dieser Freizeitwochenenden, die ohne therapeutische Wirkung, aber mit viel Zuspruch und Anerkennung durchgeführt werden. Das Projekt stieß auf großes Interesse und ermutigte andere Regionen, ähnliche Angebote zu schaffen.
Grußworte und Schirmherrschaft
Die Schirmherrschaft über den Kongress hatten Lisa Paus, MdB, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, und Hendrik Wüst, MdL, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen.
Lisa Paus betonte in ihrer Videobotschaft, dass eine demenzfreundliche Gesellschaft eine Gesellschaft sei, in der Menschen mit Demenz überall dabei sind und Unterstützung erfahren. Sie sicherte zu, gemeinsam mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und allen Beteiligten den Weg zu gehen und im Rahmen der Nationalen Demenzstrategie dazu beizutragen, das Leben von Menschen mit Demenz und ihren Familien zu verbessern. Bis 2026 sollen über 160 Maßnahmen Schritt für Schritt umgesetzt werden.
Herausforderungen und Perspektiven
Der Kongress machte deutlich, dass die Demenzversorgung in Deutschland vor großen Herausforderungen steht. Dazu gehören der steigende Bedarf an Betreuungs- und Pflegeleistungen, der Fachkräftemangel in der Pflege und die unzureichende Unterstützung von Angehörigen.
Monika Kaus forderte die Politik auf, die Verantwortung des Staates für seine pflegebedürftigen Bürger und ihre Familien nicht zu vergessen und neue Wege zu wagen, insbesondere in Krisenzeiten.
Lesen Sie auch: Alzheimer und Demenz im Vergleich
Marc Buchholz, Oberbürgermeister der Stadt Mülheim an der Ruhr, betonte die Bedeutung des Zusammenwirkens verschiedener Institutionen des Gesundheitswesens, der Altenhilfe und bürgerschaftlicher Initiativen, um die Situation von Menschen mit Demenzerkrankungen zu verbessern. Er verwies auf den Runden Tisch Demenz in Mülheim, der bereits ein effektives Netzwerk zur Unterstützung der Betroffenen darstellt.
Erkenntnisse und Ergebnisse
Der Kongress bot eine Vielzahl von Erkenntnissen und Ergebnissen, die für die Weiterentwicklung der Demenzversorgung in Deutschland von Bedeutung sind. Dazu gehören:
- Die Notwendigkeit einer stärkeren Einbeziehung von Menschen mit Demenz in die Gestaltung von Versorgungsangeboten und politischen Entscheidungen.
- Die Bedeutung der Risikominderung durch einen gesunden Lebensstil und die Förderung kognitiver und sozialer Aktivitäten.
- Die Notwendigkeit einer besseren Unterstützung von Angehörigen, die oft an ihre Belastungsgrenze kommen.
- Die Bedeutung von innovativen Ansätzen in der Betreuung und Pflege, wie beispielsweise der Einsatz neuer Medien und die Schaffung demenzsensibler Umgebungen.
- Die Notwendigkeit einer besseren Vernetzung und Koordination der verschiedenen Akteure in der Demenzversorgung.
Die Bedeutung der Selbsthilfe
Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz spielt eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Menschen mit Demenz und ihren Familien. Sie bietet Beratung, Information und Unterstützung vor Ort und vertritt die Interessen der Betroffenen gegenüber der Politik.
Der Kongress in Mülheim unterstrich die Bedeutung der Selbsthilfe und ermutigte die Teilnehmenden, sich aktiv in die Gestaltung einer demenzfreundlichen Gesellschaft einzubringen.