Schlafstörungen bei Alzheimer-Patienten: Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsansätze

Schlafstörungen sind ein häufiges und belastendes Problem für Menschen mit Demenz, insbesondere bei Alzheimer-Patienten, und deren Angehörige. Nächtliches Umherwandern, Verwirrtheit und andere Verhaltensweisen können den Schlaf aller Beteiligten erheblich stören und die Lebensqualität mindern. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Schlafstörungen bei Alzheimer, die Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre Angehörigen sowie verschiedene Behandlungsansätze.

Die Verbindung zwischen Schlaf und Demenz

Zahlreiche Studien haben Schlafstörungen mit Demenzerkrankungen in Verbindung gebracht. Es wurde beobachtet, dass Alzheimer-Patienten oft wenig schlafen und ältere Menschen mit Schlafmangel häufig verminderte kognitive Leistungen zeigen. Schlafstörungen könnten ein frühes Zeichen von Alzheimer sein oder sogar eine Ursache der Demenz.

Schlafstörungen als frühes Warnzeichen oder Risikofaktor

Eine Langzeitstudie in Neurology (2017) deutet darauf hin, dass Schlafstörungen ein frühes Warnzeichen für Alzheimer sein könnten. Teilnehmer ohne kognitive Einschränkungen, die über Schlafstörungen klagten, zeigten erhöhte Biomarker für Alzheimer. Dies deutet darauf hin, dass Schlafstörungen möglicherweise die Folge erster Hirnveränderungen sind.

Umgekehrt ist es auch denkbar, dass Schlafstörungen die Entstehung von Alzheimer begünstigen. Während des Schlafs erweitern sich die Räume zwischen den Nervenzellen im Gehirn, wodurch Giftstoffe ausgeschwemmt werden können. Eine Störung dieser nächtlichen Selbstreinigung könnte erklären, warum Menschen mit Schlafstörungen häufiger an Demenz erkranken.

Die Rolle des zirkadianen Rhythmus

Eine Störung der inneren Uhr, des sogenannten zirkadianen Rhythmus, könnte ebenfalls eine Rolle spielen. Dieser 24-Stunden-Zyklus steuert nicht nur den Schlaf-Wach-Rhythmus, sondern auch zahlreiche physiologische Abläufe bis hin zu den Zellfunktionen. Ein Forscherteam vom Rensselaer Polytechnic Institute in New York fand Hinweise darauf, dass Schlafstörungen und alzheimertypische Hirnveränderungen über die inneren Taktgeber zusammenspielen und sich so gegenseitig verstärken könnten.

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Mikroglia und Amyloid-Beta

Eine Schlüsselrolle spielen dabei Immunzellen, die Mikroglia. Diese Fresszellen sind auf das Gehirn spezialisiert und beseitigen dort unter anderem fehlerhafte Proteine wie Amyloid-Beta. Wird Amyloid-Beta nicht ausreichend beseitigt, bildet es im Gehirn Plaques, die für Alzheimer typisch sind.

Die Forscher zeigten im Labor, dass die Mikroglia einem Tagesrhythmus folgen, der die Aufräumarbeiten im Gehirn in regelmäßigen Wellen anstößt. Ist der Schlaf gestört, gerät auch die Uhr der Immunzellen aus dem Takt und die Säuberungsroutine verliert ihr Gleichgewicht. Bilden sich dann Amyloid-Beta-Plaques, könnten diese die Gehirnzellen schädigen, welche die zirkadiane Uhr steuern, was zu einer weiteren Anhäufung von Amyloid-Beta führen würde.

Tiefschlaf und die Reinigung des Gehirns

Tiefschlaf fungiert als eine Art „Reinigungsmechanismus“ für das Gehirn. Während des Tiefschlafs werden schädliche Substanzen wie Amyloid-beta und Tau aus dem zentralen Nervensystem entfernt. Eine Studie verglich die Tiefschlafdauer von Menschen im Frühstadium der Alzheimer-Krankheit mit einer gesunden Kontrollgruppe. Die Ergebnisse zeigten, dass verkürzte Tiefschlafphasen mit einer stärkeren Ablagerung von Amyloid-beta und Tau im Gehirn einhergehen. Personen mit Alzheimer wiesen kürzere Tiefschlafphasen und eine höhere Häufigkeit von nächtlichem Erwachen auf.

Schlafstörungen und Informationsspeicherung

Forscher der Technischen Universität München (TUM) haben gezeigt, wie sich die krankmachenden Veränderungen im Gehirn bei Alzheimer auf die Vorgänge der Informationsspeicherung im Schlaf auswirken. Langsame Schlafwellen, sogenannte slow oscillations, dienen dazu, Gelerntes zu verfestigen und Erinnerungen in den Langzeitspeicher zu verschieben. Bei Alzheimer ist dieser Kohärenz-Prozess gestört. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass die für Alzheimer typischen β-Amyloid Plaques Störungen bei den langsamen Schlafwellen auslösen.

Ursachen von Schlafstörungen bei Alzheimer

Veränderungen im Gehirn, insbesondere im Hypothalamus, stören den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Die innere Uhr „verstellt sich“, was dazu führt, dass Betroffene nachts unruhig und tagsüber müde sind. Ablagerungen von Lewy-Körperchen können ebenfalls die Schlafregulation im Gehirn stören, was zu fragmentiertem, unruhigem Schlaf mit lebhaften Träumen und nächtlicher Verwirrtheit führt.

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Weitere Ursachen können sein:

  • Zirkadiane Störung: Der Biorhythmus ist gestört, die Schlafphasen verteilen sich unregelmäßig über 24 Stunden.
  • REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD): Betroffene zeigen unkontrollierte Bewegungen wie Treten, Schlagen oder Rufen während der Traumphase.
  • Weitere körperliche Erkrankungen oder Medikamente: Diese können den Schlaf zusätzlich beeinträchtigen.
  • Demenzform: Muster von Schlafstörungen je nach Demenzform dar, zum Beispiel u.a. Demenzen im Zusammenhang mit der Parkinsonschen Krankheit.

REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD)

Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD) ist durch das teilweise Vorhandensein von Muskelaktivität während des REM-Schlafs gekennzeichnet. Normalerweise ist im REM-Schlaf jegliche Muskelaktivität blockiert, wodurch wir sozusagen gelähmt sind, während wir träumen. Bei RBD kann der Traum teilweise in Aktionen umgesetzt werden. Da die Trauminhalte meist einen aggressiven Charakter haben, bewegen sich die Patienten zum Teil heftig, wehren sich im Traum, schreien, schlagen um sich oder versuchen zu fliehen.

Diagnose und Risiken

Um eine Diagnose zu stellen, werden in der Regel spezielle Fragebögen verwendet und die Krankengeschichte einbezogen. Bei Verdacht auf RBD wird eine Schlafuntersuchung im Schlaflabor unter Videokontrolle vereinbart (Polysomnographie mit Video-Aufzeichnung).

Wenn die RBD isoliert auftritt, haben die Betroffenen ein Risiko von bis zu 80 Prozent, innerhalb von 10-15 Jahren an einer neurodegenerativen Erkrankung wie der Parkinson-Krankheit oder der Lewy-Körper-Demenz zu erkranken. Wer an einer RBD leidet, darüber hinaus eine Riechstörung hat und merkt, dass er vergesslicher wird oder sich nicht mehr so gut orientieren kann wie früher, sollte sich ärztlichen Rat holen.

Behandlung

Bisher existiert noch kein Medikament, das für die Behandlung der REM-Schlaf-Verhaltensstörung zugelassen ist.

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Auswirkungen von Schlafstörungen

Schlafstörungen mindern die Lebensqualität der Betroffenen und führen zu körperlicher und seelischer Erschöpfung. Sie können auch zu folgenden Problemen führen:

  • Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten: Schlafmangel kann die Gedächtnisbildung und andere kognitive Funktionen beeinträchtigen.
  • Erhöhtes Sturzrisiko: Nächtliches Umherwandern und Verwirrtheit können das Sturzrisiko erhöhen.
  • Belastung der Angehörigen: Die Pflege von Menschen mit Demenz und Schlafstörungen ist sehr anstrengend und kann zu gesundheitlichen Problemen bei den Angehörigen führen.

Behandlungsansätze bei Schlafstörungen

Um Schlafstörungen bei Demenz zu behandeln, ist es wichtig, auf die jeweiligen Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen und passende Behandlungskonzepte zu entwickeln. Neben organischen Ursachen spielen auch Umwelteinflüsse und der Tagesablauf eine Rolle.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

Nicht-medikamentöse Maßnahmen stehen im Vordergrund. Dazu gehören:

  • Regelmäßiger Tagesablauf: Feste Zeiten für Mahlzeiten, Aktivitäten und Schlafenszeiten helfen, den Tag-Nacht-Rhythmus zu stabilisieren.
  • Tageslicht und Lichttherapie: Helles Tageslicht am Morgen hilft dem Gehirn, sich zeitlich zu orientieren. Im Winter kann eine Tageslichtlampe helfen.
  • Bewegung: Regelmäßige Bewegung, am besten draußen, baut Spannungen ab und macht abends müde.
  • Vermeidung von Schlaf am Tag: Ein Mittagsschlaf sollte 30 Minuten nicht überschreiten, da er sonst den Nachtschlaf erschwert.
  • Optimierung der Schlafumgebung: Das Schlafzimmer sollte ruhig, dunkel und kühl sein (16 bis 20 Grad). Nachtlichter mit Bewegungsmeldern helfen, sich bei Dunkelheit zu orientieren, ohne durch grelles Licht aufgeweckt zu werden. Manche Menschen kommen mit einer Gewichtsdecke besser zur Ruhe.
  • Ruhiger Ausklang des Tages: Laute Fernsehsendungen, hektische Gespräche oder zu helles Licht sollten vermieden werden. Stattdessen helfen feste Routinen dabei, Sicherheit zu geben. Ein Tee, leise Musik, eine kleine Geschichte oder einfach gemeinsames Zähneputzen können Signale dafür sein, dass jetzt die Nacht beginnt.
  • Soziale Aktivität: Aktivitäten, die den Geist und den Körper anregen, können helfen, den Schlaf-Wach-Rhythmus zu regulieren.

Medikamentöse Therapie

In schweren Fällen oder bei starkem Leidensdruck kann eine ärztlich begleitete Therapie mit Schlafmitteln notwendig sein. Allerdings ist hier große Vorsicht geboten, da Schlafmittel Risiken wie Stürze oder zusätzliche Verwirrtheit mit sich bringen können. Medikamente zur Beruhigung sollten nur gezielt und nach Rücksprache mit einem Arzt eingesetzt werden.

Interventionen in Pflegeheimen

Eine Studie des Instituts für Pflegewissenschaft der Universität zu Köln hat gezeigt, dass vorhandene Schlafprobleme von Menschen mit Demenz in Pflegeheimen durch eine komplexe nicht-pharmakologische Intervention reduziert werden können. Das Interventionsprogramm umfasst eine Analyse des Schlafmilieus in jeder Einrichtung, die Einführung sogenannter Schlafbeauftragter sowie Schulungs- und Informationsmaterial. In Workshops konnten die Pflegenden Fälle besprechen und ein zu ihren Einrichtungen passendes Konzept zur Schlafförderung entwickeln.

Präventive Maßnahmen

Da Schlafstörungen möglicherweise ein Risikofaktor für Alzheimer sind, könnten Maßnahmen zur Verbesserung des Schlafs präventiv wirken. Dazu gehören:

  • Stärkung des zirkadianen Rhythmus: Intensives Tageslicht am Morgen, regelmäßige Schlafenszeiten und körperliche Aktivität können helfen, die innere Uhr zu synchronisieren.
  • Behandlung von Schlafstörungen: Schlafapnoe und andere Schlafstörungen sollten diagnostiziert und behandelt werden.
  • Therapien, welche die Aktivität der Mikroglia gezielt ankurbeln, könnten künftig eine lohnende Option der Alzheimerforschung sein

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